Form des "Lied des Blinden"

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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TobiasP
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Form des "Lied des Blinden"

Beitrag von TobiasP » 14. Jan 2014, 09:50

Ich beschäftige mich zur Zeit mit dem "Lied des Blinden" aus dem "Buch der Bilder". Bei den formalen Bestimmungen habe ich aber so meine Probleme und da es noch keine Diskussion zu dem Gedicht gibt, möchte ich hier den Beitrag eröffnen. Welcher Versfuß lässt sich hier erkennen? Wichtiger bei diesem Gedicht ist wahrscheinlich die Frage, ob eine bestimmte Versform (also Knittelvers etc.) zu erkennen ist? Immerhin heißt es ja auch Lied - vielleicht nutzt Rilke hier auch eine bestimmte Strophenform?
Die Folge von Hebungen und Senkungen erschient mir eher unregelmäßig. Die ersten 3 Verse würde ich wie folgt betonen:

ICH bin BLIND, ihr DRAU-ßen, das IST ein FLUCH,
ein WI-der-WIL-len, ein WI-der-SPRUCH,
et-was TÄG-lich SCHWE-res.

Trotz der Unregelmäßigkeiten, was Hebungen und Senkungen betrifft, macht der Rhythmus auf mich einen gerundeten Eindruck und hat etwas Marsch-artiges. Kann jemand die Form des Liedes fachlich einordnen?

stilz
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Re: Form des "Lied des Blinden"

Beitrag von stilz » 20. Jan 2014, 00:00

Lieber Tobias,

hier zunächst das Gedicht – wenn man es vor Augen hat, läßt sich's besser darüber sprechen:
  • Das Lied des Blinden

    Ich bin blind, ihr draußen, das ist ein Fluch,
    ein Widerwillen, ein Widerspruch,
    etwas täglich Schweres.
    Ich leg meine Hand auf den Arm der Frau,
    meine graue Hand auf ihr graues Grau,
    und sie führt mich durch lauter Leeres.

    . . Ihr rührt euch und rückt und bildet euch ein
    anders zu klingen als Stein auf Stein,
    aber ihr irrt euch: ich allein
    lebe und leide und lärme.
    In mir ist ein endloses Schrein
    und ich weiß nicht, schreit mir mein
    Herz oder meine Gedärme.

    Erkennt ihr die Lieder? Ihr sanget sie nicht
    nicht ganz in dieser Betonung.
    Euch kommt jeden Morgen das neue Licht
    warm in die offene Wohnung.
    Und ihr habt ein Gefühl von Gesicht zu Gesicht
    und das verleitet zur Schonung.
Dieses Gedicht ist Teil des Zyklus' „Die Stimmen. Neun Blätter mit einem Titelblatt.“ aus dem zweiten Teil des zweiten „Buches der Bilder“.

Hier auch noch das „Titelblatt“ - denn es scheint mir den Schlüssel zu enthalten für den Rhythmus des „Liedes des Blinden“:
  • Titelblatt

    Die Reichen und Glücklichen haben gut schweigen,
    niemand will wissen was sie sind.
    Aber die Dürftigen müssen sich zeigen,
    müssen sagen: ich bin blind
    oder: ich bin im Begriff es zu werden
    oder: es geht mir nicht gut auf Erden
    oder: ich habe ein krankes Kind
    oder: da bin ich zusammengefügt . . .

    . . Und vielleicht, daß das gar nicht genügt.

    Und weil alle sonst, wie an Dingen,
    an ihnen vorbeigehn, müssen sie singen.

    Und da hört man noch guten Gesang.

    Freilich die Menschen sind seltsam; sie hören
    lieber Kastraten in Knabenchören.

    Aber Gott selber kommt und bleibt lang
    wenn ihn diese Beschnittenen stören.
Diesem „Titelblatt“ folgen die Lieder des Bettlers, des Blinden, des Trinkers, des Selbstmörders, der Witwe, des Idioten, der Waise, des Zwerges und des Aussätzigen.

In diesen Liedern geht es also nicht um etwas „Schönes“, und auch nicht um etwas Regelmäßiges, das sich bequem und beruhigend irgendwo „einordnen“ läßt – sondern diese Sänger wollen Gott stören.
Dadurch erklärt sich für mich das „Aufbegehrende“ im Rhythmus dieses Liedes des Blinden - immer wieder finden sich Anapäste (von altgriechisch anapaiein, zurückschlagen, zurückprallen...). Aber auch sie erscheinen zu unregelmäßig, als daß man sich daran gewöhnen und in bewußtloses „Leiern“ geraten könnte (das überläßt der Blinde wohl lieber den Kastraten in den Knabenchören...). Man wird „gestört“, die Aufmerksamkeit wird immer von Neuem „geweckt“...

Und so fragt der Blinde die „draußen“:
  • Erkennt ihr die Lieder? Ihr sanget sie nicht
    nicht ganz in dieser Betonung.
Soweit meine Gedanken dazu.
Danke fürs Aufmerksammachen auf diesen Zyklus, den ich bisher nicht kannte!

Herzlichen Gruß,
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Rike
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Re: Form des "Lied des Blinden"

Beitrag von Rike » 11. Feb 2014, 14:10

Ich finde diesen Text wunderschön und auf differenzierte Weise berührend. Die Form hat mich an ein Sonett erinnert; aber es ist keins, das ist schon klar. Ich empfinde die Form als absolut stimmig zu dem harten, drückenden Gefühl, das er beschreibt. Und das kennen sicher auch andere Menschen, die als „anders“ gelten.

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