Ich sehne mich nach einer stillen Stelle...

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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József Liszka
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Ich sehne mich nach einer stillen Stelle...

Beitrag von József Liszka » 25. Dez 2014, 19:01

Es gibt ein wunderschönes Rilke-Gedicht, das jedoch (meines Wissens) nur in einer, noch in der ehemaligen DDR herausgebenen Sammlung zu finden ist (weder in der Internet, noch in für mich zugaenglichen Sammlungen kann ich es nicht finden). Ist es tatsaechlich ein Rilke-Gedicht? Wenn schon, dann warum fehlt aus den modernen Sammlungen?

Ich sehne mich nach einer stillen Stelle,
wo ich das Leben wieder lieben kann;
des Windes Leben und die Welt der Welle,
die hielt ich meine Hände in die Helle
des ersten Morgens wie der erste Mann.

Ich will ein Kloster gründen; denn die Zelle
ist ja der dunkle Anfang aller Dinge.
Ich will ein Kloster bauen für Geringe,
die sich nicht brüsten mit der neuen Zeit.
Mit dieser Zeit des Drängens und der Drähte,
mit dieser Zeit der rasenden Geräte,
mit dieser Zeit, die siedet, schäumt und schreit.
Ich will die Hand, die schlichte Dinge täte,
die gerne wieder getäte und säte,
zurückgewinnen für die Ewigkeit.

An alle diesem hat mein Herz nicht teil,
So fremd ist keinem seine Zeit gewesen;
so nicht zum Leid und nicht zum Heil.
Weil ich lesen will und weil
man mich stört
will ich allein sein.
Wem gehört
dieser Lärm?
Gott,
wem gehört diese Zeit?

(Rilke: Gedichte. Leipzig : Verlag Philipp Reclam jun. 1975).

Für jede Hilfe bedanke ich mich schon im Voraus
József Liszka

stilz
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Re: Ich sehne mich nach einer stillen Stelle...

Beitrag von stilz » 25. Dez 2014, 23:47

Lieber József,

ich war mir gleich sicher, daß es sich um einen echten Rilke handelt, in großer Nähe zum Stunden-Buch: das Versmaß spricht dafür, und auch die gebrauchten Worte – wer sonst würde ein Kloster bauen wollen »für Geringe«, die sich »nicht brüsten mit der Zeit« - - - ?
Aber in meiner Sammlung ist es auch nicht drin – und so versuchte ich mein Glück mit google.

In Irene Rübberdts Aufsatz Möglichkeiten von Zu-Flucht: Kosztolányi und Rilke auf S 101f fand ich es dann (aus dem Nachlaß, entstanden 1902), in der folgenden Gestalt:
  • Und immer wieder kommt die Welt und will,
    und kommt zu jedem, der sich ernst entzieht,
    will seine Kraft, die in die Tiefen flieht,
    und will sein Lied –

    . . . . . . . . . . . . . . . . . da wird er bang und still.

    Wo ist der Fürst, der mir das leere Haus
    am Rande seiner großen Gärten schenkt?
    Es giebt so viele sehr entlegne Häuser,
    die keiner hat, an welche keiner denkt.
    Ich fühle alle ihre stillen Tage
    wie viele leise rinnende Verluste,
    ich, der ich so im Lärme leben mußte,
    ich fühle ihre Einsamkeit und klage.

    Ich sehne mich nach einer stillen Stelle,
    wo ich das Leben wieder lieben kann;
    des Windes Leben und die Welt der Welle.
    Da hielt ich meine Hände in die Helle
    des ersten Morgens wie der erste Mann.

    Ich will ein Kloster gründen; denn die Zelle
    ist ja der dunkle Anfang aller Dinge.
    Ich will ein Kloster bauen für Geringe,
    die sich nicht brüsten mit der neuen Zeit.
    Mit dieser Zeit des Drängens und der Drähte,
    mit dieser Zeit der rasenden Geräte,
    mit dieser Zeit, die siedet, schäumt und schreit.
    Ich will die Hand, die schlichte Dinge täte,
    die gerne wieder gätete und säte
    zurückgewinnen für die Ewigkeit.

    An alle diesem hat mein Herz nicht teil.
    So fremd ist keinem seine Zeit gewesen;
    so nicht zum Leid und nicht zum Heil.
    Weil ich lesen will und weil
    man mich stört
    will ich allein sein.
    Wem gehört
    dieser Lärm?
    Gott,
    wem gehört diese Zeit?
Dazu noch der Hinweis (Fußnote 18, S 105), daß es im Dritten Band der „Sämtlichen Werke“, Frankfurt a. M., 1963, auf S 757-759 zu finden ist.

Bei der Zeile »die gerne wieder gätete und säte« frage ich mich allerdings, ob es sich nicht um einen Tippfehler handelt (Du hast statt »gätete« »getäte«, was auch keinen Sinn ergibt): sollte es wohl »jätete« heißen?


Vielen Dank fürs Aufmerksammachen!

Frohe Weihnachten

wünscht

stilz
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stilz
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Re: Ich sehne mich nach einer stillen Stelle...

Beitrag von stilz » 26. Dez 2014, 16:16

stilz hat geschrieben: Bei der Zeile »die gerne wieder gätete und säte« frage ich mich allerdings, ob es sich nicht um einen Tippfehler handelt […]: sollte es wohl »jätete« heißen?
Oh - der „Grimm“ (in dem Rilke ja gern las) kennt gäten, als »nebenform zu jäten« ...
:D
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Frankfip
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Ich sehne mich nach einer stillen Stelle

Beitrag von Frankfip » 6. Apr 2019, 19:24

Hallo Moni,

ich finde beide Sprüche sehr schön und vor allem auch sehr anspruchsvoll.
Ich mag so auch die Version als Lied sehr, sehr gerne.

Ich habe mir Deinen Spruch auch abgespeichert, weil er unbedingt in meine SprГјchesammlung muss ...

LG, Kristin
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stilz
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Re: Ich sehne mich nach einer stillen Stelle...

Beitrag von stilz » 6. Apr 2019, 21:37

Hallo Frankfip/Kristin,

Dein Kommentar hat sich wohl verflogen - welche Sprüche meinst Du, von welchem Lied sprichst Du?

fragt
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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