Ja, das mag ein solches Flammen sein

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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lilaloufan
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Ja, das mag ein solches Flammen sein

Beitrag von lilaloufan » 26. Feb 2016, 09:35

Ihr Lieben,
gestern Abend bin ich auf eine sehr berührende Weise auf ein Gedicht aufmerksam geworden, das ich euch hier vorstellen will, ohne es zunächst zu befragen oder gar zu interpretieren, zumal es aus sich selbst verstehbar ist.

Die Situation: Ich hatte gerade das zweite Terzett aus Bachs Motette BWV 227 (Text nach Röm. 8;10) gehört und mich dann mit Lilaloufantine vor den Kaminofen gesetzt, Rilkes Gedichte (und eines der hier genannten Bücher) neben mir. Die Buchenscheite loderten in farbwechselnden Flammen auf, und nach einer Stille griff ich zu dem kleinen fein geschnitzten ägyptischen Brieföffner aus Kamelknochen, mit dem ich manchmal wie die Lotteriefee eine („Zufalls-“?) Stelle in einem Buch aufsuche, um Lilaloufantine etwas vorzulesen.

Dies war der gestrige Fund (aus: „Aus dem Nachlass des Grafen C. W. – ein Gedichtkreis“); der wird uns in der vorösterlichen Zeit begleiten:
  • Was nun wieder aus den reinen Scheiten
    im Kamine leidenschaftlich flammt,
    das war Juli, war August vor Zeiten –,
    oh, wie war es innig ein-gestammt

    in das Holz, aus dem es lodernd bricht!
    Wär auch uns der Sommer eingeflößter,
    unser Sommer, wenn er als ein größter
    Tag entwölkte unser Angesicht.

    Auferstehung, nannten sie’s, vom Tode –
    Ja, das mag ein solches Flammen sein;
    denn der Tod war nie der Antipode
    dessen, was sich hier dem Schein

    dieser Sonne gab und ihn begehrte –.
    Das zum Troste reife Herz erkennts:
    Totsein ist: das in uns umgekehrte
    Brennen unsres Tempraments.
— — —

lilaloufan
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Holger
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Re: Ja, das mag ein solches Flammen sein

Beitrag von Holger » 29. Feb 2016, 14:46

Als Antwort auf Rilkes Verse möchte ich ein Gedicht beisteuern, das zwar nicht direkt an eine mögliche Metamorphose anknüpft, so wie Rilke es in seinem Werk als „umgekehrtes Brennen“ beschreibt/symbolisiert, jedoch findet auch dieses Gedicht seinen Sinn in der Unbestimmtheit unseres Daseins.

Des Menschen Leben

Wie sich das stumme Drehn der Erde
dem Sinn in uns so tief verschließt,
ist auch unsre Lebensfluss-Gebärde,
die fern und sicher durch das Weltall fließt.

Was wagt uns denn so formvollendet
und stellt uns anders vor das Leben? -
Anders als das Tier, das in sich wendet
Natur, den Himmel, in seinem Streben.

Ganz einsam, ohne bergend Schutz und Land
stehn wir, angerührt von soviel Schwere;
wohl gelegt, über einen Weltenrand,
wo Sterne, Welt (alles) in uns wäre.
"Denn wenn durch den Geist keine Natur wäre, dann wäre auch keine Schönheit und Kraft, sondern nur Schweigen ohne Vielfalt, ein unwandelbares Nichts - ohne Pracht und Schein..." H.J.

sedna
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Re: Ja, das mag ein solches Flammen sein

Beitrag von sedna » 6. Mär 2016, 18:27

Hier ein undatiertes Gedicht des jungen Rilke, gedruckt in: Jung-Deutschland und Jung-Elsass. 4. Jahrg. No. 9/10, 15. Mai 1896, S.78:

FLAMMEN

Lieber im Freien verrecken,
als sich im Winkel verstecken
lauernd und lugend!
Immer zum Licht, wer auch hohnlacht;
besser als eigne Ohnmacht
stempeln zur Tugend!

Ist nicht geheuer die Tugend!
Loderndes Feuer der Jugend
das laß ich gelten.
Wer will die Flammen verdammen?
Fiebernden Flammen entstammen
Werke und Welten.
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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