unsichtbar

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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stilz
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unsichtbar

Beitrag von stilz » 19. Mai 2016, 11:04

In der Neunten Duineser Elegie heißt es:
  • Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
    in uns erstehn? - Ist es dein Traum nicht,
    einmal unsichtbar zu sein? - Erde! unsichtbar!
    Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?
    Erde, du liebe, ich will. ...
Mich würde interessieren, wie Ihr den Rhythmus in diesen Zeilen empfindet.
Der Daktylus (Xxx) scheint mir das Versmaß zu bestimmen – aber nicht durchgehend.
Wie betont Ihr jeweils das Wort „unsichtbar“?

Herzlichen Gruß in die hoffentlich bald wieder hier zu versammelnde Runde,

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

sedna
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Re: unsichtbar

Beitrag von sedna » 23. Mai 2016, 21:59

Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung
ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.



Liebe stilz,

dann fang ich mal an, mit Dank an Dich für diese Frage, zu deren Beantwortung mehrere Fenster zu öffnen waren.

Den kurzen Aussschnitt isoliert betrachtend, höre ich zunächst ebenfalls Daktylisches, nicht eindeutig Elegisches heraus, lese ihn am ehesten vielleicht wie einen freirhythmischen Hymnus:
  • Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
    in uns erstehn? - Ist es dein Traum nicht,
    einmal unsichtbar zu sein? - Erde! unsichtbar!
    Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?
    Erde, du liebe, ich will. ...

Um eine Rilke-Elegie wissend, bin ich allerdings geneigt, weiter nach (ganzen, umgebrochenen oder Teilen von) Distichen zu suchen; diese werden ja zu Beginn des Abschnitts so aufgebaut, als sollte gar noch der Ursprung elegischen Klagens versgestalterisch zum Ausdruck kommen:
  • Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm............................offener Pentameter
    kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,.....................verknappter Hexameter
    wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling. Drum zeig............................offener Pentameter
    ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,............Hexameter
    als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick...............................Pentameter

Das bleibt ja nicht so, der Rhythmus wandelt sich und also nun wieder zum fraglichen Ausschnitt: Der Halbvers am Zitatende (Erde, du liebe, ich will.) läßt Spielraum ... es reizt hier, das ich zu heben, weg von der Trauungsformel ich will; andererseits höre ich ein hexametrisches Grundelement (Hemiepes) gleichwie einen Pentameter anklingen, so gewichtig, daß ich ihnen den Vorzug gebe. Der ganze Vers könnte im Verlauf dann wieder als rilke-typischer verknappter Hexameter durchgehen. Rückwärtig schauend ließe sich dann ein ebensolcher auch im vorangehenden "Frage-Vers" wahrnehmen ... was weiter überlegen läßt, die anderen Verse nun rhythmisch den elegischen Elementen anzugleichen, vorallem, wenn sie zeilenübergreifend fließen, so zum Beispiel: unsichtbar / in uns erstehn? Nein, nein, letztendlich lese ich lieber freirhythmisch, mit unterschiedlich kleinen Pausen am Zeilenende sowie zwischen den Mehrfachhebungen, das hat für mich mehr Überzeugungskraft.
Das erste, von Rilke hervorgehobene unsichtbar betone ich melodisch fallend, mit der Hauptbetonung auf un: X~x, während sich im schön akzentuierten Wechsel von Zeile 2 nach 3 bei anapästischem Versanfang zwei gleich stark betonte Silben und eine schwache ergeben: unsichtbar; das dritte unsichtbar wird zum Daktylus, durchaus auch als Ausdruck einer vollzogenen rhythmischen Verwandlung -- der Ton, welcher mir sowieso recht dithyrambisch vorkommt, erreicht hier eine Spitze in seinem enthusiastischen Klang.
So ist es mir ergangen. Vielleicht ergeht es mir morgen schon wieder anders? ... Wahrscheinlich wollte uns Rilke mittels solch offener Gestaltung von einer Bestätigungsnot klassischer Erwartungen endgültig befreien?

Gut, stilz, daß Du Deine Lesart erstmal zurückbehalten hast, jetzt findest Du mich aber ziemlich gespannt darauf!

Ergänzend zu Deiner Frage ein Zufallsfund (aus ursprünglich um Pindar kreisender Lektüre):
Es nützt nichts, die freien Rhythmen in eine antike Schablone zu pressen; das deutsche Ohr, wenigstens wie es jetzt ist, faßt
größere metrische Einheiten nur in ganz wenigen, eingebürgerten Formen wie dem Sonette auf, und schöne alte Strophen, wie sie
noch im Gesangbuche stehen (wie schön leucht' uns der Morgenstern) werden in ihrem Aufbau nicht gewürdigt, es sei denn in
der Musik. Unsere Dichtung ist in den Formen bettelarm geworden; einen epischen Vers haben wir überhaupt nicht, also
auch keine Erzählung in Versen; der Blancvers ist mit einem Stil verwachsen, der schon etwas klassizistisch anmutet, und die
Lyrik kann kaum etwas Neues erfinden, hält sich zumeist an ganz kleine, Heinesche, Vierzeiler. Da ist es mit Freuden zu
begrüßen, daß die neueste Zeit neue Wege sucht. Ich hoffe, sie kommt zum Ziele, aber noch ist der feste Stil nicht erreicht,
und ich fürchte, gerade die, welche Stil suchen und Stil besitzen wie Rilke, werden für diese Zeit des Verfalles zu aristokratisch sein.

Lebendig ist heute von den antiken Formen noch das Distichon für die Spruchdichtung in der ganzen Weite des
griechischen Epigramms; schon die Elegie ist es nicht, und Epen in Hexametern sind vollends undenkbar.


(In: "GRIECHISCHE VERSKUNST" von ULRICH V. WILAMOWITZ-MOELLENDORFF, Berlin, 1921)
Tja ... Da dieses Buch vor Vollendung der Elegien erschienen ist, frage ich mich natürlich, ob Rilke wohl von dieser =freundlichen Erwähnung= wußte; gefunden habe ich bislang nichts darüber, keinen Hinweis über eine Bekanntschaft zum Autor, auch keine Kommentare zu Rilkes Elegien und Sonetten an Orpheus, schade. Wäre spannend, wenn sich darüber doch noch etwas in Erfahrung bringen ließe.

Herzlich grüßend

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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Re: unsichtbar

Beitrag von sedna » 29. Mai 2016, 11:20

Ihr lieben Lesenden,
hier darf noch frei empfunden werden!
Auch als Sonntagsausflug allso wärmstens zu empfehlen, einmal mit Rilke die Erde zu befragen und ein paar Erfahrungen mitzuteilen ...
Na, Hauptsache, Ihr lebt.
Herzlich
sedna
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stilz
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Re: unsichtbar

Beitrag von stilz » 29. Mai 2016, 22:19

Liebe sedna,

danke für Deine Antwort (danke auch für die beiden ihr vorausgehenden Zeilen... ja. Diese Forums-Auferstehung entpuppt sich als eine schwierige Sache)!

Danke auch für Deinen Zufallsfund!
Wobei ich gestehe, daß mir noch nicht recht klar wird, was damit gemeint ist:
Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff hat geschrieben:ich fürchte, gerade die, welche Stil suchen und Stil besitzen wie Rilke, werden für diese Zeit des Verfalles zu aristokratisch sein.
- - -

Ja, ich habe meine Lesart zunächst bewußt zurückgehalten.
Auch in mir hat sich der Rhythmus dieser Zeilen im Laufe der Zeit gewandelt... nicht zuletzt deshalb, weil ich vor einigen Jahren »unsichtbar« von einem Vortragenden hörte, eine Betonung, die mir selbst wohl niemals eingefallen wäre.
Zunächst nahm ich daran Anstoß, es „störte“ mich.
Aber es hat mich auch sehr nachdenklich gemacht:
Betonen wir in einem solchen Wort die verneinende Vorsilbe, so legen wir das Gewicht der Aussage darauf, daß etwas verneint wird.
Heben wir aber die zweite Silbe hervor, so lenken wir die Aufmerksamkeit auf dasjenige, was wir verneinen.

Ich weiß natürlich, wie die Elegien entstanden sind... dennoch: wenn ich sie lese, so empfinde ich sie nicht als „diktiert“, sondern sie werden in mir zu Selbstgesprächen.
Und indem ich als Lesende in das sich sich selbst gegenüberstellende Ich der Elegien schlüpfe, werde ich Zeuge des allmählichen Verfertigens der Gedanken beim Reden: beim ersten Aussprechen des Wortes unsichtbar ist es noch das alltägliche Wort, und ich habe wenig Bewußtsein von der Tragweite dessen, was ich da ausspreche. Aber ich reagiere innerlich darauf, und das sprechende Ich reagiert nun auf diese Reaktion des sich selbst zuhörenden Ich (ähnlich wie Kleist auf seine Schwester).
Beim zweiten Mal wird mir das Ungeheure daran bewußt – und erst beim dritten Mal begreife ich wirklich, was ich da sage. Nun empfinde ich den „Auftrag“ der Erde, nun erst erkenne ich auch meinen eigenen Willen, nun wird mir bewußt:
  • Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.

sedna hat geschrieben:Um eine Rilke-Elegie wissend, bin ich allerdings geneigt, weiter nach (ganzen, umgebrochenen oder Teilen von) Distichen zu suchen; diese werden ja zu Beginn des Abschnitts so aufgebaut, als sollte gar noch der Ursprung elegischen Klagens versgestalterisch zum Ausdruck kommen:
Ja.
Und stimmt nicht gerade das (nämlich, daß hier der Ursprung elegischen Klagens versgestalterisch zum Ausdruck kommen könnte) gut zu dem allmählichen Bewußtwerden der Gedanken, während sie ausgesprochen werden – sowohl für mich als reproduzierende Lesende als auch schon für den das „Empfangene“ nachsprechenden Rilke?


Ich lese also derzeit so:

  • Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
    in uns erstehn? - Ist es dein Traum nicht,
    einmal unsichtbar zu sein? - Erde! un sicht bar!
    Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?
    Erde, du liebe, ich will. ...


Herzlich,
stilz
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Re: unsichtbar

Beitrag von sedna » 6. Jun 2016, 00:41

Liebe stilz,

herzlichen Dank für Deine eindrucksvolle Antwort und den Kleist-Aufsatz, den zu lesen ich wieder einmal als sehr gewinnbringend, nicht nur für die kleine Diskussion hier, empfunden habe! Die weitere, entdeckungsreiche Beschäftigung mit den Fragen hat mir so viel Freude bereitet, daß ich einige Mühe habe, die Gedanken wieder auf ein überschaubares Maß einzudampfen. Nun dürfte meine Art, Assoziationsfenster zu öffnen, hoffentlich noch im grünen Bereich liegen, beginne also gleich mal mit dem Unbequemen:
stilz hat geschrieben: Wobei ich gestehe, daß mir noch nicht recht klar wird, was damit gemeint ist:
Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff hat geschrieben:ich fürchte, gerade die, welche Stil suchen und Stil besitzen wie Rilke, werden für diese Zeit des Verfalles zu aristokratisch sein.
Klang auch für mich zunächst etwas kryptisch.
Der Kunsthistoriker Otto Grautoff (der auch über Rodin geschrieben hat) faßte den Verfallsprozeß in der Moderne wie folgt zusammen: Der gewaltigste Ausdruck der Formzertrümmerung ist der Weltkrieg. (In: Formzertrümmerung und Formaufbau in der bildenden Kunst, Berlin 1919)
Nach meinem Empfinden könnte Wilamowitz-Moellendorffs Meinung ausgehend von Strömungen der literarischen Moderne (Symbolismus, Impressionismus ...) auf die Formauflösung im Sinne der expressionistischen Kunst hinauslaufen, für deren extremste Ausformungen er Rilke wohl als zu gentlemanlike erachtete, also eher in stillem Leiden verschwiegen, als gar die Dinge schlußendlich zermahlend (Dada) – was Rilke, seinem Anspruch treu bleibend und seine Kunst von keiner Ideologie vereinnahmen lassend, über die als unproduktiv beklagten Kriegsjahre hinaus ja bewiesen hat, wie ich meine.
Scheint im ganzen von mir zitierten Passus nicht auch Sorge mitzuschwingen, besonders die jungen Künstler, wie auch mehr und mehr an Kulturgut verloren gehen sehen zu müssen? (Auch Verluste führten den zunächst kriegsbegeisterten Wilamowitz-Moellendorff zum Gesinnungswandel. Obendrein wurde der Adelsstand 1919 hinsichtlich seiner Sonderrechte "aufgelöst" ...) Als Altphilologe könnte er zudem ein feineres Gespür für einen von Gewaltbereitschaft durchzogenen Zeitgeist entwickelt haben – wodurch ihm auf diesen verlorenen ein weiterer Weltkrieg vor Augen gestanden haben mag ...

Wie in der Chronik zu lesen steht, ahnte Rilke Ähnliches, klagte in einem Brief an den durch den Münchner Arzt Dr. Erich Katzenstein vermittelten Freund und Jurist Dr. Johann Wilhelm Muehlon, nach der Begegnung in Bern und Lektüre seiner Aufzeichnungen „Die Verheerung Europas“ (Zürich, 1918):
Rilke an Wilhelm Muehlon am 19. August 1919 hat geschrieben: "... sie müßten jetzt erst recht wieder gelesen sein, denn obwohl sich schon alles, was Sie voraussehen und vorfürchten, erfüllt hat, bedarf – unbegreiflicherweise – der Deutsche immer noch genau der gleichen Warnungen; seine Aufbegehrlichkeit, seine Weltlosigkeit, seine Unselbständigkeit hat er nicht überwunden; ja, wo er sich auf sich selbst besinnt, kommt er, nach soviel Veränderungen, genau in der Schicht seiner alten Fehler zu sich und gefällt sich in ihnen nach wie vor."
Holla! "Rückfall zu den abgethanen Formen" habe ich bei Raddatz mal gelesen, fiel mir hierzu ein.
Worauf Muehlon dankend antwortete:
Muehlon an Rilke am 28. August 1919 hat geschrieben: "Als ich Sie sah, glaubte ich deutlich zu fühlen, daß nur die Liebe Sie am Leben erhalten hatte während des Pandämoniums der letzten Jahre ... Daß Ihnen mein Tagebuch, das ich seinerzeit mit großem Widerstreben veröffentlicht habe, etwas sein konnte, ist mir ein großer Trost. Es wurde in Deutschland gar nicht gelesen und hat deshalb seinen Zweck damals nicht erreicht."
Wieder etwas viel Exkurs ... hoffentlich das Zitat etwas erhellend und nicht völlig neben der Spur, Verzeihung, aber irgendwie mußte das sein und liefert immerhin interessante Stichwörter zur Überleitung: Weltkrieg – Formauflösung – Weltlosigkeit.
Rilke steht dennoch drüber ...
Rilke an Dr. Katzenstein am 15. November 1918 hat geschrieben:"... die Gewalt ist ein grobes Werkzeug und ein unübbares, darum bleibt auch der Geist hinter ihm zurück, der keine Gewaltsamkeit kennt, denn Gewalt des Geistes ist ein Sieg von unüberwindlicher Sanftmuth."
Bei ihm gerät die Kunst – trotz "Deformierung" – durch ihre eigentümliche Festlichkeit im Rühmen stets zur erneuernden Retterin aus den Trümmern, oder nicht?
stilz hat geschrieben: Auch in mir hat sich der Rhythmus dieser Zeilen im Laufe der Zeit gewandelt...
Betonen wir in einem solchen Wort die verneinende Vorsilbe, so legen wir das Gewicht der Aussage darauf, daß etwas verneint wird.
Heben wir aber die zweite Silbe hervor, so lenken wir die Aufmerksamkeit auf dasjenige, was wir verneinen.
Warum nicht? Entspräche das irgendwo gar einem französischen Akzent? Das Französische kennt ja eine "mobile" Betonung in einzelnen Wörtern, sie hängt von der Wortstellung im Satz ab. Im Englischen klar: invisible. Diese Betonung ist allerdings meiner derzeitigen Empfindung zu fern; noch legt sich ein Schwerpunkt bewußt auf die Verneinungen.
stilz hat geschrieben: Ich weiß natürlich, wie die Elegien entstanden sind... dennoch: wenn ich sie lese, so empfinde ich sie nicht als „diktiert“, sondern sie werden in mir zu Selbstgesprächen.
Und indem ich als Lesende in das sich sich selbst gegenüberstellende Ich der Elegien schlüpfe, werde ich Zeuge des allmählichen Verfertigens der Gedanken beim Reden: beim ersten Aussprechen des Wortes unsichtbar ist es noch das alltägliche Wort, und ich habe wenig Bewußtsein von der Tragweite dessen, was ich da ausspreche. Aber ich reagiere innerlich darauf, und das sprechende Ich reagiert nun auf diese Reaktion des sich selbst zuhörenden Ich (ähnlich wie Kleist auf seine Schwester).
Beim zweiten Mal wird mir das Ungeheure daran bewußt – und erst beim dritten Mal begreife ich wirklich, was ich da sage. Nun empfinde ich den „Auftrag“ der Erde, nun erst erkenne ich auch meinen eigenen Willen, nun wird mir bewußt:
  • Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.

Ja. Damit begründest Du recht anschaulich, weshalb ein schwerwiegendes Wort dreimal aufeinanderfolgen sollte: als ein Wieder-Holen ins Bewußtsein. Dazu mal der Beginn einer freirhythmischen Hymne von Klopstock, Frühlingsfeier:

  • Nicht in den Ozean der Welten alle
    Will ich mich stürzen! schweben nicht,
    Wo die ersten Erschaffnen, die Jubelchöre der Söhne des Lichts,
    Anbeten, tief anbeten! und in Entzückung vergehn!

    Nur um den Tropfen am Eimer,
    Um die Erde nur, will ich schweben, und anbeten!

stilz hat geschrieben:Und stimmt nicht gerade das (nämlich, daß hier der Ursprung elegischen Klagens versgestalterisch zum Ausdruck kommen könnte) gut zu dem allmählichen Bewußtwerden der Gedanken, während sie ausgesprochen werden – sowohl für mich als reproduzierende Lesende als auch schon für den das „Empfangene“ nachsprechenden Rilke?

Auch das kann ich nachvollziehen, und sieh an, auch bei Klopstock allmähliches Zuwenden und Bewußtwerden über dreifaches anbeten; ebenfalls ein Um-die-Erde-herum-sein-wollen des Subjekts; bei Rilke hingegen kein Schweben, Kreisen, sondern bildlich betrachtet wieder "umgestülpt" in einen Bewegungsausgleich. Kann sein, daß das zu gewagt verglichen ist.
stilz hat geschrieben:Ich lese also derzeit so:

  • Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
    in uns erstehn? - Ist es dein Traum nicht,
    einmal unsichtbar zu sein? - Erde! un sicht bar!
    Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?
    Erde, du liebe, ich will. ...
Ich so:

  • Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
    in uns erstehn? - Ist es dein Traum nicht,
    einmal unsichtbar zu sein? - Erde! unsichtbar!
    Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?
    Erde, du liebe, ich will. ...

Wie Deine Sprech- oder Sangesart im "Verwandlungsprozeß" mehr harmonisierend wirkt, so meine (hoffentlich ergänzend dazu) eher expressiv ... Insofern bin ich recht angetan von dieser Art "mehrstimmigem Chor": In mir schwingt die Sprache zuweilen in tänzerischen Elementen – rhythmisch ergeben sich dabei Sprünge, vorallem mit Schwungholen ins stehn und Schwungholen ins sein -- Ich meine, auf diese beiden "zentralen Begriffe" käme es Rilke hauptsächlich an, daher solche Zäsuren. Hier entsteht Zusammenklang im Innehalten, mir scheint, auch Raum für ein ursprüngliches Bedürfnis der (künstlerischen) Stimmen, sich zu erden.

So weit mal von meiner Seite.
Auf daß es hier schön spannend bleibt, herzlich grüßend

sedna
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Re: unsichtbar

Beitrag von sedna » 19. Jun 2016, 14:37

Noch ein kurzer Nachtrag @all

zum Exkurs -- vielleicht doch etwas zu weit ausgeholt von mir ... hätte es wohl gereicht, zu sagen, daß sich der von stilz zur Diskussion gestellte Ausschnitt aus der Neunten Elegie schon ganz gut dazu eignet, auf die zu Rilkes Zeit im Raume stehende Bewertung
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff hat geschrieben:
Lebendig ist heute von den antiken Formen noch das Distichon für die Spruchdichtung in der ganzen Weite des
griechischen Epigramms; schon die Elegie ist es nicht
auch heute noch zu antworten: Nö.
?
sedna
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