Rose

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

Moderatoren: Thilo, stilz

Nina

Rose

Beitrag von Nina » 28. Mär 2003, 08:05

Hallo, liebe Freunde!

Auf dem Friedhof des Bergdorfes Raron in der Schweiz steht auf Rilkes Grabstein die von ihm selbst ausgewählte Inschrift:

Rose,
oh reiner
Widerspruch,
Lust,
Niemandes
Schlaf
zu sein
unter soviel
Lidern.

Ich spuere einen Doppelsinn in diesen Worten. Wie kann man diese Inschrift interpretieren?

Gruss!
Nina

Marie
Beiträge: 308
Registriert: 9. Mär 2003, 21:27
Wohnort: rhld.-pfalz

Beitrag von Marie » 28. Mär 2003, 09:32

Hallo Nina,

ich habe diesen Grabspruch immer wieder in den letzten Jahren gelesen und er geht mir sehr nahe.
Die Interpretationen dazu, fand ich immer sehr unbefriedigend, weil sie den eigentlichen Doppelsinn für mein Empfinden nicht berücksichtigen.

Zum Offensichtlichen: „Rose, oh reiner Widerspruch...“ der erste Teil wird am ehesten klar, wenn du dir Gedichte Rilkes anschaust, die von Rosen handeln (In einer Rose steht..., Die Rosenschale, Das Rosen-Innere, Rose, du thronende... etc.)In den Interpretationen wird der Bezug zw. Rose und unio mystica hergestellt, was sicher zutreffend ist.

Meine persönlichen Gedanken dazu:
Rilke war von der Reinkarnation überzeugt (z. B. belegt in M. v. Thurn und Taxis, Erinnerungen an R.M.R.). Tod war für ihn Abschluss eines Kapitels, aber nicht des ganzen Buchs. Er hatte nicht alles in seinem Leben verwirklichen können, wonach er suchte. Die Melancholie in den Gedichten der letzten 4 Lebensjahre empfinde ich als Hinweis auf das Abfinden damit, dass seine Visionen (z. B. was die Liebe betrifft) in dieser Existenz nicht mehr erreichbar waren (besonders eindrucksvoll das Gedicht „Spaziergang“).

Vielleicht tippen sich jetzt einige, die das lesen an die Stirn, aber egal...
Ich halte es für möglich, dass R. eine Botschaft an sich selbst (in die Zukunft) geschrieben hat, um sich zu erinnern. Tod bedeutet Vergessen, aber es gibt auch eine unbewusste Kontinuität von Leben zu Leben. Oder der Spruch ist an eine andere Person gerichtet (der Begriff „Seelenschwester“ fiel bei ihm häufiger), aber in der gleichen Absicht.

Assoziationen:

Schlaf – Tod – mystischer Tod = spirituelles Erwachen
=> „Lust, Niemandes Schlaf zu sein“ ist der Wunsch nach Überwindung des Todes

Lider – Lieder (=Gedichte) – erwecken aus Schlaf
oder/und: Lider – Augenblicke – Zeit
=> nach so langer Zeit („unter soviel Lidern“) von den eigenen Liedern aufgeweckt werden


Viele Grüße

Nina

Rose

Beitrag von Nina » 31. Mär 2003, 13:20

Marie hat geschrieben:Hallo Nina,

ich habe diesen Grabspruch immer wieder in den letzten Jahren gelesen und er geht mir sehr nahe.
Die Interpretationen dazu, fand ich immer sehr unbefriedigend, weil sie den eigentlichen Doppelsinn für mein Empfinden nicht berücksichtigen.

Zum Offensichtlichen: „Rose, oh reiner Widerspruch...“ der erste Teil wird am ehesten klar, wenn du dir Gedichte Rilkes anschaust, die von Rosen handeln (In einer Rose steht..., Die Rosenschale, Das Rosen-Innere, Rose, du thronende... etc.)In den Interpretationen wird der Bezug zw. Rose und unio mystica hergestellt, was sicher zutreffend ist.

Meine persönlichen Gedanken dazu:
Rilke war von der Reinkarnation überzeugt (z. B. belegt in M. v. Thurn und Taxis, Erinnerungen an R.M.R.). Tod war für ihn Abschluss eines Kapitels, aber nicht des ganzen Buchs. Er hatte nicht alles in seinem Leben verwirklichen können, wonach er suchte. Die Melancholie in den Gedichten der letzten 4 Lebensjahre empfinde ich als Hinweis auf das Abfinden damit, dass seine Visionen (z. B. was die Liebe betrifft) in dieser Existenz nicht mehr erreichbar waren (besonders eindrucksvoll das Gedicht „Spaziergang“).

Vielleicht tippen sich jetzt einige, die das lesen an die Stirn, aber egal...
Ich halte es für möglich, dass R. eine Botschaft an sich selbst (in die Zukunft) geschrieben hat, um sich zu erinnern. Tod bedeutet Vergessen, aber es gibt auch eine unbewusste Kontinuität von Leben zu Leben. Oder der Spruch ist an eine andere Person gerichtet (der Begriff „Seelenschwester“ fiel bei ihm häufiger), aber in der gleichen Absicht.

Assoziationen:

Schlaf – Tod – mystischer Tod = spirituelles Erwachen
=> „Lust, Niemandes Schlaf zu sein“ ist der Wunsch nach Überwindung des Todes

Lider – Lieder (=Gedichte) – erwecken aus Schlaf
oder/und: Lider – Augenblicke – Zeit
=> nach so langer Zeit („unter soviel Lidern“) von den eigenen Liedern aufgeweckt werden

Viele Grüße
Hallo Marie,

besten Dank fuer die ausfuehrliche Erklaerung. Ich finde deine persönlichen Gedanken zu dieser Inschrift hoechst interessant und beeindruckend. Deine Assoziationen regen mich an zu vermuten, dass das Wort "reiner" auch "Rainer" bedeuten kann. Was meinst du?

Mit lieben Gruessen

Nina

Marie
Beiträge: 308
Registriert: 9. Mär 2003, 21:27
Wohnort: rhld.-pfalz

Beitrag von Marie » 1. Apr 2003, 15:56

Hallo Nina,

ja, das kann ich mir gut vorstellen. Vielleicht empfand sich Rilke oft auch selbst als der „reine Widerspruch“ zur Rose, die ja der Inbegriff für Schönheit und blühendes Leben ist. Ich glaube in den Briefen an Lou Andreas-Salomé ist oft die Rede von seinen seelischen Abgründen (s. auch den Roman „Die Aufzeichnungen des Malte...“), die aber andererseits auch sein schöpferischer Quell waren. Ich glaube, er suchte oft verzweifelt die Erfüllung, die er in der Einheit von Leben und Tod erahnte, indem er sich ihr von der Todesseite aus näherte.

Liebe Grüße

Nina

Rose

Beitrag von Nina » 4. Apr 2003, 09:10

Liebe Marie,

recht schoenen Dank fuer Ihre Erlaeuterungen, die mich tief bewegt haben. Sie fuehlen Rilke sehr fein und tief. Was die Beziehungen zwischen Rainer und der Rose anbetrifft, moechte ich folgendes hinzufuegen: Rilke war
ein großer Rosenfreund. Aber er liebte Rosen gluecklos, denn er erkrankte an akuter Leukämie, nachdem er sich in seinem Garten beim Rosenschneiden verletzt hatte. Es wird erzählt, daß es für ihn als großer Rosenfreund es ein tröstlicher Gedanke gewesen sei, daß sein Leiden von einem Rosendorn herrührte.

Mit herzlichen Gruessen

Nina

Nejka
Beiträge: 13
Registriert: 3. Apr 2003, 13:24

Rose

Beitrag von Nejka » 4. Apr 2003, 12:56

Hallo!

Nina, Marie, ich habe mit grossem Interesse eure Beiträge gelesen.

Was ich bemerkt habe ist, dass bei Rilke die Rose und das Sehen immer wieder auf diese oder jene Weise Hand in Hand gehen. Die Rose stellt in "Die Fensterrose" einen Bezug zum Göttlichen her; schon der Name bietet eine wunderbare Metapher: die Rose ist ein Fenster. (Und tatsächlich ist in (gotischen) Kirchen die Fensterrose ein besondere Art von Fenster, oft aus buntem Glas.) Und was ist ein Fenster? Das, wodurch man sieht, und wenn man durch-sieht, dann sieht man das Fenster doch nicht -- daher der "reine Widerspruch". Rosen scheinen auch kein Aussen zu haben, als hätten sie nur ein Inneres ("Das Roseninnere").
Was sehen wir, wenn wir sehen? Ist es denn doch nicht so, dass wir immer irgendwie das eigene Innere sehen, das heisst: das, was wir in der Welt [sehen], müssen wir zuerst in sich aufnehmen um es dann vor unser inneres Auge zu stellen -- und erst dann können wir es eigentlich sehen. Wir sind in dem, dass wir sehen; wir sind eine Art Fenster. Und das Fenster existiert und existiert nicht (der Buddhismus, z.B., hat hier den Begriff "die Tür").

Was die "Lust, Niemandes Schlaf zu sein" angeht, lässt sich das auch so verstehen: die Lust haben, niemandes Schlaf zu sein -- also die Lust, ausdrücklich etwas anderes zu sein als jemandes Schlaf. Alles andere sein wollen als der Schlaf. Vielleicht eine Art "Denk an mich!" Aber das ist insofern widersprüchlich, da man nicht sicher sein kann, ob das tatsächlich verwirklicht werden kann: man kann nicht verhüten, dass man jemandes Schlaf wird, man wird zumindest sein eigener Schlaf. Inwiefern ist das mit seinen inneren Abgründen verbunden, lässt sich nur vermuten.

Da die Inschrift so kurz ist, wäre es gut sie als Eines, als eine Einheit zu sehen (oder ist das nur eine abendländische Idee / Obsession). Dann müsste man den Zusammenhang zwischen dem Fenster und dem Schlaf finden. Die Opposition bietet sich von selber an: wenn das Fenster das Sehen -- und somit das Wachen ist, dann ist der Schlaf die Opposition dazu (reiner Widerspruch!). Man kann nicht immer wachen und man kann nicht immer schlafen.
Es scheint mir (ganz intuitiv vom Malte und den Gedichten her), dass Rilke beides mochte, den Schlaf und das Wachen; und dass unsere Entscheidung für das eine oder andere eigentlich ungültig ist, weil das Schlafen und Wachen eigentlich ausser unserer Kontrolle liegen -- sie sind Gegebenheiten unseres Seins.
Und ich glaube nicht, dass er mit der Inschrift diese Gegebenheit überwinden wollte: vielmehr stellt er den Widerspruch dar: er liegt da tot im Grab ("schlafend" (?!)) und wir lesen "Lust, Niemandes Schlaf zu sein". (Oder gar: Lust, nicht tot zu sein?)
Und das Dar-stellen, das Zeigen, das Das-Sagen scheint mir so wesentlich für Rilke im allgemeinen: seine Gedichte lassen sich ganz gut als Das-Gedichte lesen, als Gedichte, die nicht erklären oder erläutern (das kommt erst vom Leser), sondern Gedichte, die "Das!" sagen (das ist v.a. in den sogennaten "Ding-Gedichten" am deutlichsten).

Viele Grüsse,

Nejka

Marie
Beiträge: 308
Registriert: 9. Mär 2003, 21:27
Wohnort: rhld.-pfalz

Beitrag von Marie » 4. Apr 2003, 21:49

Hallo Nina und Nejka,

ich freue mich sehr über den Austausch und es ist spannend, dadurch immer wieder neue Impulse zu bekommen.

Zuerst zur Rosendorn-Geschichte. Wo steht das? Es spielt gar keine Rolle, ob sie tatsächlich stimmt, aber dass Rilke den Zusammenhang tröstlich gefunden hätte, halte ich für sehr nahe liegend. Sie hat einen tragisch – symbolischen Aspekt: Sowohl Rose als auch Blut sind Symbole für Leben und Liebe (etwas mit viel „Herzblut“ tun – ich glaube, anders konnte Rilke gar keine Gedichte schreiben!). Und trotzdem starb er an einer Blutzersetzungskrankheit! Man braucht gar nicht die Beziehung zwischen Seele und Körper, die die ganzheitliche Medizin herstellt, zu bemühen, um zu erahnen, wie viel Leid in einem Menschen noch wütet, wenn es im Stande ist, so überhand zu nehmen, dass es schließlich über ein solches Ausmaß an Liebe und Hingabe wie sie in Rilkes Werk zum Ausdruck kommt siegt! Wenn ich mir vorstelle, dass Rilke im tiefsten Innern sein „Ja“ dazu gegeben hat, durch sein Werk (besonders die Elegien) „auszubluten“, etwas im Äußeren zur Gestalt zu bringen, als Geschenk und Dank an die Welt zu ent-äußern und die Erfüllung der persönlichsten Sehnsüchte dafür zu opfern, dann empfinde ich nichts außer grenzenloser Bewunderung! (Es gibt sicher noch viele Menschen auf die das zutrifft – zählt einfach die Namen dazu, die euch einfallen – aber mir liegt Rilke nun mal am nächsten). Ich kann nur hoffen, dass die „Dinge“ nichts von dem vergessen, was Rilke für sie verwirklicht hat und ihrerseits ihre „Geschenke“ zur richtigen Zeit offenbaren!

Und jetzt zum Thema „Fensterrose“. Ich habe gerade ein Photo der Fensterrosette von Notre Dame vor mir liegen und versuche mir vorzustellen wie Rilke, der dieses Fenster selbstverständlich kannte, davor gesessen hatte und mit allen Sinnen versuchte wahrzunehmen, welche lebendige(!) Bedeutung ein Fenster hat, durch das man eben nicht hindurch schauen kann! Ich kann es leider nur mit analytischen Worten, gemischt mit etwas Phantasie beschreiben: Rilke war ein exzellenter Beobachter und glzg. ein Mensch, der die Begabung hatte, nicht sofort den Dingen die erlernte Bedeutung überzustülpen, sondern die eigene Verstandestätigkeit so „auszusitzen“, dass schließlich nur noch das reine Schauen übrig blieb („...den Blick, der.../dann versinkt und nichts mehr von sich weiß.“). Nur dann haben die geschauten Dinge eine Chance, das Herz des Betrachters, der sich im Betrachten verliert, zu ergreifen:

„So griffen einstmals aus dem Dunkelsein
der Kathedralen große Fensterrosen
ein Herz und rissen es in Gott hinein.“

Fensterrosetten entwickeln, ähnlich wie Spiralen und Labyrinthe, eine Lebendigkeit wenn man sie länger anschaut, das könnte er mit „wie von eines Wirbels Kreis ergriffen“ gemeint haben.
Durch ein solches Fenster soll man gar nicht durch schauen können! Man würde nur den kleinen Ausschnitt Welt außerhalb sehen. Das Fenster selbst steht für die ganze Welt in ihrer schillernden Vielfalt. Aber es bleibt unerreichbar, solange es nicht (da stimme ich mit dir völlig überein, Nejka) zum Spiegel wird und man das wundervolle eigene Innere dadurch wahrnimmt.

Abschließend noch zum Grabspruch: Ich glaube auch nicht, dass Rilke einen der Pole, egal ob man sie Leben - Tod oder Schlaf – Wachen nennt, überwinden wollte, was ich damit meinte, war die Synthese der Pole, stelle es dir als die Spitze eines Dreiecks vor, weder das Eine, noch das Andere und trotzdem beides enthaltend. In einer Meditation habe ich einmal erlebt wie grauenhaft sich das Yin –Yang – Symbol anfühlt, solange die Punkte fehlen! Es war ein Gefühl von unendlicher Nähe und genau so unendlicher Getrenntheit, weil es aus dieser Nähe heraus keinen Weg in die Einheit gab! Dann „sprangen“ die Punkte plötzlich über, ohne dass man etwas tun oder es sich auch nur „verdienen“ könnte und verwandelte sich in etwas ganz Unbeschreibliches, Neues. So, jetzt habe ich den „Kreis“ zur Fensterrosette wieder geschlossen!

Liebe Grüße

Benutzeravatar
Volker
Beiträge: 200
Registriert: 8. Mär 2003, 12:39
Wohnort: Freie Hansestadt Bremen

Reiner Widerspruch

Beitrag von Volker » 5. Apr 2003, 01:21

Hallo, habe eure Beiträge mit Interesse gelesen.

Die Zeilen haben wohl nicht nur einen Doppelsinn; für mich sind und bleiben sie ein Rätsel. Aber eine von vielen möglichen Erklärungen ergibt sich, wenn man beim Offenbaren, beim Anschaulichen bleibt:

Die Rose ist in sich schon widersprüchlich: einerseits zieht uns ihre Schönheit an (als ich vor Jahren in Raron am Grab stand, blühte sie voll und rot), andererseits wehrt sie uns mit ihren Dornen ab.

Die Lust, niemandes Schlaf zu sein, beziehe ich auf die Rose selbst, ihre Lust an ihrer eigenen, wachen Schönheit - unter so vielen Lidern (nicht Liedern), nämlich unter so vielen (Augen)lidern, weil ja die vielen Blütenblätter sich wie Augenlider um und über das Innere der Rose legen.

Zu einfach?
Nun ja, wie gesagt nur EINE von vielen möglichen Erklärungen.

V.

Marie
Beiträge: 308
Registriert: 9. Mär 2003, 21:27
Wohnort: rhld.-pfalz

Beitrag von Marie » 5. Apr 2003, 15:01

Hallo Volker,

nein, ich finde deine Interpretation nicht "zu einfach". Einfach schon, aber ohne das "zu"! Und Gott sei Dank gibt es immer auch jemanden, der die Schwärmer, wenn sie zu weit abheben, wieder auf den Teppich holt! Das meine ich jetzt wirklich ernst - ohne meine Empfindungen zu dem Grabspruch zu widerrufen - aber eigentlich hätte deine Variante als erstes da stehen sollen, weil das der logischste Einstieg für weitere Ausschweifungen gewesen wäre! Die "Lust" der "Dinge" (hier: der Rose) an sich selbst, ist durchaus ein Gedanke, der von Rilke kommen könnte; aber ich bin mir beim Grabspruch auch sicher, dass er es nicht nur so gemeint hat.

Viele Grüße[/code]

Nejka
Beiträge: 13
Registriert: 3. Apr 2003, 13:24

Kurz & bündig

Beitrag von Nejka » 6. Apr 2003, 10:09

Der gute alte Ludwig van Beethoven schrieb einmal an seinen Neffen: "Verwöhnt, wie du bist, würde es nicht schaden, der Einfachheit und Wahrheit dich endlich zu befleissigen."
Volker, danke für den Aufweckruf!

Nejka
Beiträge: 13
Registriert: 3. Apr 2003, 13:24

Noch was zu Blumen und Blüten

Beitrag von Nejka » 7. Apr 2003, 13:52

Noch was zu Blumen und Blüten:

Nämlich, Blüten sind eine Art Zwischenstufe: sie sind vor der Frucht da, sie bedingen die Entstehung der Frucht (und nachdem wieder ihre eigene Entstehung). Nun, das ist wohl klar, aber die Position der Blüte scheint mir doch ziemlich widersprüchlich (und zwar ganz wundersam widersprüchlich): Blüten sind Katalysatoren in dem Prozess der Entstehung der Frucht (leider habe ich nur solche kalt analytische Worte) und also eine Vorbedingung für die Reproduktion, für die Erhaltung des Lebens (Zyklen, Reinkarnation!). Sie sind der Teil des Lebenszyklus, der uns am meisten fasziniert; sie sind Das Kreative schlechthin. Und dennoch ist die Blüte selbst, solange sie noch eine Blüte ist, irgendwie abstrakt und steril im Vergleich zu der Frucht: Blüten haben tief in sich nur Ansätze für das neue Leben, sie sind aber Teil des alten Lebens. Mit Blüten kann man nicht wirklich etwas anfangen (mit Früchten aber wohl) -- sie sind nur zum Schauen da. In der Blüte schläft der Samen -- und solange es die Blüte gibt, schläft der Samen, somit ist die Blüte des Samens Schlaf.
Was, wenn es immer nur die Blüte geben könnte? Die Lust dazu ist da, sie ist aber isofern widersprüchlich, da es einer Frucht bedarf damit eine Blüte entstehen kann.

Ich konnte mich nicht so klar ausdrücken, wie ich zuerst wollte, aber ich spüre, dass etwas an dieser Idee von Blüten und Samen liegt.

Freue mich auf neue Gedanken erweiternde Impulse!

Liebe Grüsse,
Nejka

Marie
Beiträge: 308
Registriert: 9. Mär 2003, 21:27
Wohnort: rhld.-pfalz

Beitrag von Marie » 7. Apr 2003, 19:36

Hallo Nejka,

ich finde es sehr interessant, dass du einerseits schreibst, die Blüte ist das , was uns „am meisten fasziniert“, sie andererseits „abstrakt“ nennst und resümierst: “Mit Blüten kann man nicht wirklich etwas anfangen...“. Das Faszinierende, glaube ich, ist die Polarität von bedingungs- und absichtslosem Sich-verströmen – das wäre die Lust der Rose an sich selbst: sie ist unmittelbar, weiß nichts von ihrer Herkunft, ihrem biolog. Zweck und verlangt nichts für ihr unaufhörliches Geben, reines Da-Sein, sonst nichts:

"... in seinen Ranken schenkend ausgeschwungen
und doch versunken in sein Rose-sein;" (aus:Wilder Rosenbusch)

Aber sie verkörpert auch den Gegenpol: das Empfängnisprinzip in Vollendung, die uneingeschränkte, selbstvergessene Hingabe:

"...Und dies vor allem: daß durch diese Blätter
das Licht hindurch muß. Aus tausend Himmeln
filtern sie langsam jenen Tropfen Dunkel,
in dessen Feuerschein das wirre Bündel
der Staubgefäße sich erregt und aufbäumt."

...Und was sie abtun, wie das leicht und schwer,
wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügel
und eine Maske sein kann, je nach dem,
und wie sie’s abtun: wie vor dem Geliebten.“
(aus: Die Rosenschale)

Vielleicht nimmt man wirklich am besten Rilkes eigene Worte, um sich dem Grabspruch zu nähern:

„In einer Rose steht dein Bett, Geliebte.(...)
plötzlich: gegen dir über, werd ich im Auge geboren.“
(aus: Ankunft)

Auch hier wieder die Verbindung von Schlaf (= Bett) und (zum Leben) erwachen (= geboren) durch die Liebe; aber nur wenn man so liebt wie die Rose: selbst-vergessenes, absichtsloses Sich-verströmen! Der (scheinbare) Widerspruch: der Antagonismus von Geben und Nehmen geht in All-Ein-Sein auf.
Man muss die Gedichte ganz lesen, dann wird es noch anschaulicher.

So ganz sortiert bekam Rilke seine Blüteneuphorie aber auch nicht! Deine Frage, Nejka, „Was, wenn es immer nur die Blüte geben könnte?“, lautet bei seiner Übertragung auf’s Menschliche eher: Was, wenn es nur die Frucht geben könnte?

„Feigenbaum, seit wie lange schon ists mir bedeutend,
wie du die Blüte beinah ganz überschlägst
und hinein in die zeitig entschlosseneFrucht,
ungerühmt, drängst dein reines Geheimnis.

(...)ach, uns rühmt es zu blühn, und ins verspätete Innre
unserer endlichen Frucht gehn wir verraten hinein.(...)“
(aus: Duineser Elegien, 6. Elegie)

Vielleicht ist in dem Grabspruch auch die Hoffnung enthalten, irgendwann die Angst davor zu überwinden, so zu blühen/ zu lieben wie die Rose...?

Liebe Grüße

andreas W.

gefüllte Rose?

Beitrag von andreas W. » 13. Apr 2003, 16:51

Das ist ja eine tolle Diskussion.
Nur einige Gedanken dazu. Ihr wißt ja, dass gezüchtete, also "gefüllte" Rosen keine Staubblätter / Nabe mehr haben, also unfruchtbar sind: unter so viel Pracht ein Nichts. Ansonsten scheint das mystische Geheimnis immer die Paradoxie: dass etwas nur sich selbst sagt, und damit ein Gleichnis zu geben scheint, das aber nicht an ihm selbst expliziert werden kann. Die Rose hat metaphorische Lider, ist aber darunter schlicht sie selbst, nämlich Rose, und niemandes Schlaf: und darin gerade, dass sie sich nicht endgültig als Metapher hergeben mag, reines Selbst-Sein bleibt in letzter Konsequenz, könnte daher nicht die Lust an ihr (oder ihre Lust an sich selbst) herrühren? Eins der tröstendsten Dinge für R. war doch sicher gerade diese für sich seiende Natur: der Trost nachgerade daran, daß ihre Wesen sich dem tröstenden Instrumentalisieren sperren oder ihm fremd bleiben: "Zu der stillen Erde sag ich rinne..."
Ein Vorschlag.
Euer a.

Marie
Beiträge: 308
Registriert: 9. Mär 2003, 21:27
Wohnort: rhld.-pfalz

Beitrag von Marie » 14. Apr 2003, 16:27

VI
Rose, du thronende, denen im Altertume
Warst du ein Kelch mit einfachem Rand.
Uns aber bist du die volle zahllose Blume, der unerschöpfliche Gegenstand.

In deinem Reichtum scheinst du wie Kleidung um Kleidung
Um einen Leib aus nichts als Glanz;
Aber dein einzelnes Blatt ist zugleich die Vermeidung
Und die Verleugnung jedes Gewands.

Seit Jahrhunderten ruft uns dein Duft
seine süßesten Namen herüber;
plötzlich liegt er wie Ruhm in der Luft.

Dennoch, wir wissen ihn nicht zu nennen, wir raten...
Und Erinnerung geht zu ihm über,
die wir von rufbaren Stunden erbaten.

(Die Sonette an Orpheus, Zweiter Teil)

Ich glaube, Andreas, das Sonette passt gut zu deinen Gedanken – Rilkes Zustimmung gewissermaßen. Das ist doch was, oder?

Gruß M.

andreas w.

Beitrag von andreas w. » 3. Mai 2003, 16:21

Danke, liebe Marie.

Verwandt, aber ebenso rätselhaft.
Kennt Ihr Friedrich Otto Bollnows Werk "Rilke"? Ich habe es gerade aus der Hand gegeben, sonst würde ich der Rose noch einmal nachspüren. Geht erst wieder zuhause.
Und: die gedichteten Worte finden sich manchmal selbst, zu einer Form mit nichts dahinter, wie die Rose, und der Leser steht davor, spürt, und zugleich versteht er nichts... Darum meinen ja auch manche Philosophen, Literatur sei eine Aussage der Sprache über sich selbst. Ich glaube aber eher, sie ist eine Aussage des geahnten, aber noch nicht zu Ende gefühlten Neuen... in diesem Fall zumindest.

Viele Grüße
A.

Antworten