Rose

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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lilaloufan
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Sonnenrose

Beitrag von lilaloufan » 17. Aug 2006, 14:49

Sonnenrose wird auch genannt die «Cistenrose, Cistus Helianthemum Linn, wächst an steinigen, sandigen, erhabenen Orten, auf hohen Triften und um Gebüsche; und blüht im May und Junius. Die dauernde Wurzel treibt holzige, auf der Erde ausgestreckte, ästige Stängel, welche mit einander gegen über srehenden länglichen, rückwärts geschlagenen und etwas haarichten Blättern besetzt sind. Die Aeste endigen sich mit lockern Blumenähren. Die großen, schön gelben Blumenblätter fallen leicht ab. Die Kelchblättchen sind mit rothen Linien bezeichnet. An den Staubfäden hat man eine Art von Reitzbarkeit bemerkt. Die Pflanze hat mit dem Gülden=Günsel einerley Kräfte, und wurde ehedem zu den Wundmitteln gezählet, ist aber jetzt außer Gebrauch gekommen. Aus den Staub=Beuteln sammeln die Bienen Stoff zu einem dunkelgelben Wachs.» (aus: http://www.kruenitz1.uni-trier.de)

Aus der gleichen Quelle das Folgende: «Die jährige oder gemeine Sonnenblume, Sommerblume, Sonnenrose, Sonnenwende, Sonnenkrone; Helianthus annuus, foliis omnibus cordatis trinervatis, floribus cernuis. Linn. Spec. plant. Tom. II, p. 1276. Helianthus radice annua. Hort. cliff., p. 419. Helenium in dicum maximum. Bauh. pin. 276. Corona solis. Fr. Tournesol. Diese Pflanze ist eines der größten und ansehnlichsten Blumengewächs. Sie hat lauter herzförmige, dreinervigte Blätter, deren Nerven hinter der Basis des Blattes zusammenlaufen; sie sind groß, breit und punktirt, mit eingekerbten Rändern. Die Blumenstiele sind verdickt und die Blumen niedergebeugt. Der Hauptstiel ist markigt, dick und fest, und in den Spitzen der Nebenzweige, die er in der Höhe oder oben am Stiele trägt, sitzen die großen, gelben, bald einfachen, bald gefüllten Blumen, die mit einem ganz dunkelbraunen Boden hervorkommen. Die Blumen sind mit einem klebrigten Safte überzogen, und ehe sie aufblühen und im Anfange des Aufblühens drehen sie sich alle nach der Sonnenseite, welches man an mehreren Gewächsen bemerkt. In ihrem Vaterlande, Peru und Mexico, erreicht diese Pflanze eine Höhe von 20 Fuß und darüber, bei uns wird sie aber bei weitem nicht so hoch, sondern ihre größte Höhe sind 10 bis 12 Fuß. Der Same, welchen man Kerne nennt, ist bei einigen schwarz, bei andern weiß, grau, oder schwarz und grau gestreift. Sie liefert reichlichen Samen, der ein süßes, lieblich schmeckendes Oel giebt, dessen Bereitung unter Oehl angeführt worden. Der Same läßt sich auch sechs bis acht Jahre aufbewahren, und bleibt dabei immer zur Aussaat tauglich.
Was nun die Kultur dieser Pflanze anbetrifft, so nimmt sie mit einem Boden von mittlerer Güte vorlieb, jedoch muß er etwas fest seyn, weil sie in einem leichten Boden sehr leicht vom Winde leidet, weshalb man sie auch nicht gern auf hohen Plätzen anbaut, wo sie demselben zu stark ausgesetzt ist, sondern lieber am Abhange der Berge und in Ebenen, woselbst sie beschützt steht. Ist der Boden aber zu mager, so muß man ihn vorher frisch düngen. Wenn der Bau dieser Pflanze von dem besten Erfolge seyn soll, so muß man derselben auch einen sonnenreichen Standpunkt geben; denn an einem schattenreichen Orte gedeihet sie nicht. Die Ackerkrume kann man schon im Herbste dazu vorbereiten, oder diese Bearbeitung auch erst im Frühjahre vornehmen. Die Zeit der Aussaat ist im März, oder in der Hälfte des Aprils. Den Samen legt man entweder in zwei Fuß breit von einander sich befindenden Reihen, oder noch besser, man säet ihn erst in ein Gartenbeet, wie andere Küchenkräutersamen. Nach Verlauf von vierzehn Tagen bis drei Wochen versetzt man die Pflänzchen vier Fuß weit von einander ins Kreuz. Die Versetzung geschieht am besten des Abends. Will man den in der Mitte des Vierecks sich befindenden leeren Raum benutzen, so kann man eine Kohlrabenpflanze dahin stecken. Wenn die Pflänzchen aufgegangen und etwas herangewachsen sind, so kann man sie behacken, und nur einen oder zwei Stengel für jeden Busch stehen lassen. Sollen die Blumen und die Samen eine beträchtliche Größe erlangen, so muß man, wenn der Stamm schon ansehnlich groß ist, allenfalls in der Mitte des Julius, die zwischen ihm und den Nebenästen hervorsprossenden Augen fleißig ausbrechen. Die Erndte beginnt, wenn alle Staubfäden abgefallen sind, und die Kerne bersten zu wollen scheinen. Dann schneidet man, jedoch jedesmal nur die zeitigen, Blumen ab, zuerst aber die Hauptblumen, dann die Nebenblumen. Die erhaltenen Köpfe legt man neben einander, aber ja nicht auf einander, und läßt sie in der Sonnen= oder in einer gelinden Stubenwärme nach und nach trocknen. Dann werden die Kerne wieder herausgenommen und ebenfalls getrocknet, jedoch nur langsam. Hierauf läßt man sie an temperirten Orten bis zum Frühjahre liegen, um Oel daraus zu schlagen. Man sucht übrigens die größten und reifsten Sonnenköpfe aus und hebt solche bis zur Aussaat auf. Nach andern Landbauern soll man die Körner gleich in das für sie bestimmte und gedüngte Land stecken, wo sie stehen bleiben sollen, weil sie dann besser gerathen, als wenn man sie verpflanzt, wobei viele Pflanzen verloren gehen. Wenn sie aber verpflanzt werden sollen, so geschieht dieses, wenn die Pflänzchen 1/4 Elle lang sind. Die Sperlinge pflegen diesem Samen sehr nachzugehen, dieserhalb muß man ihn, sobald er reif geworden, in den Köpfen an luftigen Orten aufhängen, bis alle Kerne reifen. Die ausgeklopften Samen müssen in Säcken gegen die Mäuse wohl verwahret werden. Da die Sonnenblumen nur kurze Wurzeln haben, so muß man deren Stengel, die vom Winde leicht umgeworfen werden können, mit einem Stabe unterstützen, oder mit einem Pfahle am Ende einer ganzen Reihe mit einer Latte, welche dieselben als ein Spalier mit einander verbindet. Die jungen Pflanzen werden auch an einigen Orten verspeiset, und ihre geschälten saftigen Stengel und Blumen geben, mit Artischocken bereitet, einen Küchenleckerbissen. Das Sonnenblumenöl, welches aus den Kernen gepreßt wird, ist an Speisen außerordentlich süß und wohlschmeckend, und dem besten Mohnöle an die Seite zu stellen; auch gebraucht man es zum Brennen in der Lampe, weil es sparsam brennt, und in den Apotheken. Die Stengel der Sonnenblumen geben, wie diejenigen des Türkischen Korns, die weißeste Potasche; auch da die Sonnenblume sehr vieles Mark enthält, welches, wenn die Stengel trocken geworden, ein weißes glänzendes Ansehen hat und es vorzüglich von einem blätterichten Papier ähnlichen Gewebe ist, so kann man es weit eher zu Papier gebrauchen, als viele andere vegetabilische Körper. Das Papier von diesem Marke wird sehr weiß und glänzend.
Die Zubereitung der Sonnenblumenstengel zum Essen geschieht auf folgende Weise: Man nimmt die Stengel der Sonnenblumen an den Seiten ab, da sie noch jung und mürbe sind, schneidet am Ende die Blätter weg und die Stengel Fingerslang von einander; dann nimmt man auch oben die Köpfe, ehe sie aufgeblühet sind, schält sie auswendig rein, eben so wie man von den Stengeln die auswendige Haut abzieht, und läßt es dann mürbe kochen, gießt das Wasser ab und Wein darüber, thut Butter daran; dann gesalzen mit Macisblumen und andern Gewürzen gewürzt, und in kurzer Brühe einkochen lassen. Man macht auch wohl eine solche Brühe darüber, wie über die Artischocken.
Man hat von dieser Sonnenblume auch eine Abart, welche den Namen kleine Zwergsonnenblume, Helianthus annuus (nana), führt. Sie ist in allen ihren Theilen kleiner, als die gewöhnliche, etwa 6 Fuß hohe Urart; in Töpfen gezogen, übersteigt sie selten die Höhe von 2 Fuß, und auch hier bei dieser Abart hat man die Blume in allen möglichen Abänderungen, mit orangenfarben und schwefelgelben, mit schwarzer oder gelber Scheibe gefüllt etc. Den Samen säet man im März und April in gewöhnliche Gartenerde, wie bei der vorhergehenden. Das Oel, welches aus den Kernen oder dem Samen dieser Sonnenblume gepreßt wird, ist süß und wohlschmeckend.»

Harry
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Re: Rose

Beitrag von Harry » 20. Aug 2006, 11:52

Nina schrieb:



Hallo, liebe Freunde!

Auf dem Friedhof des Bergdorfes Raron in der Schweiz steht auf Rilkes Grabstein die von ihm selbst ausgewählte Inschrift:

Rose,
oh reiner
Widerspruch,
Lust,
Niemandes
Schlaf
zu sein
unter soviel
Lidern.

Ich spuere einen Doppelsinn in diesen Worten. Wie kann man diese Inschrift interpretieren?

Gruss!
Nina[/quote]
[/color]


Ein herzliches Hallo an alle hier!

Mit regem Interesse las ich euere Interpretationen der Grabsteininschrift Rilkes. Nun, all diese Mühe der subjektiven wie auch objektiven Sinndeutung dieser Inschrift wäre nicht nötig gewesen, würde Rilke diese zu Lebzeiten als Nachlaß unverschlüsselt niedergeschrieben haben, um denen, die ihm und seinen Werken sehr viel Raum in ihrer Seele zugestehen, keinen Grund zu geben, sich darüber in unterschiedlicher Zeitgestaltung und im Unklaren, ob nun ihre These die Richtige sei, den Kopf zu zerbrechen. Es mag dem Anschein nach vieles gelten, plausibel erscheinen, was euere Interpretationen aussagen, jedoch gibt es nur eine wahre Deutung, welche in seiner reinsten, klarsten und tiefgründigsten Form, die ja nur im gefühlvollen Empfinden ihren Ursprung hat und darin auch auf ewig zu liegen pflegt, Rilke mit in den Tod nahm.

"Wir können einander verstehen, aber deuten kann jeder nur sich selbst!" (Hermann Hesse)

Diese Erkenntnis von Hesse unterstreicht wohl sehr dick die Unmöglichkeit, einen Menschen, der sich, wenn auch nur teilweise und in jeglicher denkbaren Form, seinen Mitmenschen nicht zu erkennen geben will, zu deuten. Sicher bleibt es jeden unbenommen, ein für sich zufriedenstellendes Ergebnis hinsichtlich einer Interpretation zu finden, jedoch sollte man sich darin nicht verfangen und dem zu viel Zeit opfern, sonder das einmal erlangte subektive Empfinden darüber, welches mitunter genährt wurde (wird) von objektiven Betrachtungsweisen, gelten zu lassen und damit glücklich sein.

Ich wünsche euch allen, eine zufriedene Antwort auf die Frage des Sinnes der Grabsteininschrift zu finden, die vielleicht gerade in ihrer Einfachheit kompliziert erscheint.

Herzlichste Grüße

Harry



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Paula
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Beitrag von Paula » 20. Aug 2006, 15:45

Hallo,

vielleicht trägt dieses Zitat aus dem französischen Tagebuch Rilkes zum Verständnis seines Grabspruchs bei. Man höre den Autoren selbst (in einer deutschen Übersetzung):

"Gibt es einen Nachgeschmack des Lebens in diesen Gräbern ? Und finden die Bienen im Blumenmund ein Beinahe-Wort, das schweigt ? Oh Blumen, Gefangene unseres Glücksverlangens, kommt ihr zu uns zurück mit unsern Toten in euren Adern ? Wie könntet ihr unserer Macht entgehen, Blumen ? Wie könntet ihr nicht unsere Blumen sein ? Entfernt sich die Rose mit all ihren Blütenblättern von uns ? Will sie nur Rose, nichts als Rose sein ? Niemandes Schlaf unter so vielen Lidern ?"

Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen, vielleicht ein Anstoß für weitere Beiträge ?!

Paula :lol:

stilz
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Beitrag von stilz » 6. Nov 2006, 09:38

Danke, Paula, fürs Aufmerksammachen auf diese Tagebuchstelle!

Auch in der Erzählung vom "Totengräber" gibt es diese Vorstellung, die Rosen empfangen das entweichende Leben einer Sterbenden...

Mir kommt zum Thema
Und finden die Bienen im Blumenmund ein Beinahe-Wort, das schweigt ?
gerade ein Gedicht von Franz Richter in den Sinn (oder eigentlich umgekehrt, das Gedicht tritt in mein Leben ein, weil ich es bald singen werde, und dabei fällt mir Dein Beitrag wieder ein :wink: ):


Die Blume und ihre Sprache

Ihr Herz liegt nicht in ihrer Mitte.
Die Weltenmitte ist ihr Herz,
hebt ihre Säfte sonnenwärts
auch ohne eines Pulses Pumpenschritte.

In unsern blutdurchrieselten Kavernen
dreht sich und raunt der Atemkreis der Lunge.
Doch Pflanzenrede gilt's vom Licht zu lernen,
denn Blätterhaut ist überall schon Zunge.

Zu grob ist jeder Sinn im Wort gekörnt,
als daß er nicht sofort zerfiele.
Doch eine Rose, scharf gedörnt,

setzt schweigend das Geheimnis sich zum Ziele,
gleich weit entfernt von allen Worten,
die Mitte der Figur zu orten.

(Franz Richter)


Lieben Gruß

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

electronicpeter
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banalere Interpretation

Beitrag von electronicpeter » 2. Nov 2007, 19:40

Hallo, ich kenne nichts von Rilke, weiss nur, dass er angeblich Zeit seines Lebens auf Schlössern bei schönen, gebildeten und unabhängigen (vor allem finanziell) Frauen verbracht hat. Daher eine viel banalere Interpretation eines Nicht-Germanisten:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.

Rose: Die Rose als Synonym für eine Frau.
Oh reiner Widerspruch: So wie auch die Pflanze mit schwachen, schönen Blättern, aber starken, spitzen Dornen, können auch Frauen für Männer widersprüchlich erscheinen.
Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern: Eine unabhängige Frau hat Lust, nicht für einen Mann allein begehrenswert zu sein, sondern liebt das Spiel mit den Männern (nicht im negativen Sinne gemeint). Also Lider als Augenlider der Verehrer.

Ist natürlich eine blödsinnige Interpretation, aber in sich schlüssig - finde ich.

Nananoa
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Re: Rose

Beitrag von Nananoa » 27. Aug 2008, 16:48

Liebe Rätselfreunde,
auch mich hat Rilkes Grabspruch lange beschäftigt. Könnte man hinter den Worten nicht auch folgenden Sinn vermuten?
Rose: Oh, Rainer
wieder Spruch!
Lust nimm anderes,
Schlaf zu sein
unter soviel Liedern.

Liebe Grüße Anselm

stilz
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Re: Rose

Beitrag von stilz » 28. Aug 2008, 08:14

:D Nun – es ist zumindest ein origineller Gedanke, das will ich Dir, lieber Anselm, gerne zugeben! :D
Ich habe mir diesen thread gerade nochmal durchgelesen, es ist sehr viel, das hier zusammengetragen wurde. Meist ging es dabei um die mögliche Be-deutung der Worte…
Ich möchte diesen „Spruch“ noch von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus beleuchten, nämlich vom Lautlich-Rhythmischen her.

Dazu zunächst die Verszeilen in der Gestalt, in der Rilke sie in seinem Testament hinterlassen hat (auf dem Grabstein ist das Gedicht leider nicht in ganz derselben Form zu finden, siehe hier):
  • Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
    niemandes Schlaf zu sein unter soviel
    Lidern.
Und nun möchte ich versuchen, zu schildern, was ich beim (lauten!) Lesen erlebe:

Das Gedicht beginnt ein wenig „romantisch“, „Rose“ – nicht nur die wohl meistbedichtete Blume der Welt, sondern auch von der Aussprache her: kurz gerolltes R (ich spreche es vorne, als Zungen-R), langes, staunend-umarmendes O, das in ein stimmhaftes, sanft streichelndes S mündet, dann noch ein seufzendes Auslauten…
Aber es bleibt keine Zeit zu wohligem Geseufze, denn schon ergreift mich der Rhythmus: die „Rose“ ist kein Trochäus, sondern wider Erwarten der Beginn eines Daktylus… und die Zeile reitet widerspruchsvoll dahin. Daktylus, Trochäus, wieder Daktylus… ohne daß man sich dran „gewöhnen“ könnte… und noch dazu mit einem „unvollständigen“ Versfuß, einer phallisch erhobenen „Lust“ am Schluß, fast wie eine Dissonanz, die der Auflösung harrt - wer hätte das von der romantischen Rose zu Beginn erwartet?

In der zweiten Zeile nochmal dieser widersprüchliche Wechsel der Versfüße, allerdings mit einem viel „milderen“ Schluß, da ist nichts „Phallisches“ mehr, das auf Erlösung zu warten scheint, sondern ein ganz „gesitteter“, schwach auslautender Trochäus.
Ich fühle eine gewisse Spannung, wie mag es weitergehen, ich erwarte wohl weiterhin ein wenig „Wildes“, weiteren „Kampf“ der beiden Versfüße… und jedenfalls erwarte ich als nächsten Versfuß einen Daktylus...

Da gibt es eine allerletzte Überraschung: die letzte Zeile besteht aus einem einzigen, ab-schließenden (denn schließen: das ist es, was Lider tun) Wort, in „ergebungsvollem“ Versmaß, ein einzelner Trochäus, es endet „schwach“ --- und gerade dadurch zeigt sich eine Stärke, die mir als Leserin (vor allem: als Hörerin) ein wenig den Atem stocken läßt… und vom Lautlichen her: sanftes L, weiches D, und die Welle rollt in der allerletzten Silbe aus dem Inneren heraus: E-R-N ---
dum emisit spiritum…

Lieben Gruß

stilz
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Re: Rose

Beitrag von Nananoa » 29. Aug 2008, 09:58

Diesen "thread" hier fortzuspinnen, fehlt mir denn doch ein Stück Deines begnadeten Einfühlungsvermögens, lieber Stilz - aber hab Dank für die anerkennenden Worte zu meiner Lesart des Epitaphs. Wieweit der Gedanke dem Wunsch des Dichters entspricht, wird sich eh kaum mehr klären lassen, umso mehr interessiert mich, was andere davon halten. (Mit dem "b" vor den Zeilen glaubte ich übrigens, die Schrifttype hervorzuheben - aber Technik, oh reiner Widerspruch..!)
Gruß Anselm

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Re: Rose

Beitrag von lilaloufan » 29. Aug 2008, 10:17

Nananoa hat geschrieben:… umso mehr interessiert mich, was andere davon halten.
Nix.
l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Re: Rose

Beitrag von stilz » 29. Aug 2008, 11:40

Zunächst möchte ich etwas ergänzen zu meinem gestrigen posting:

(denn schließen: das ist es, was Lider tun) hab ich geschrieben.
Und ja - das, was Augenlider tun können, das, was ich mit ihnen "tun" kann, das ist "Schließen".
Allerdings wenn ich nicht tu, sondern lasse - dann gehen sie wieder auf.
Und wenn ich beim Lesen der letzten Zeile von Rilkes Grabspruch meine Augenlider schließe, so geschieht das ganz unwillkürlich auf der betonten ersten Silbe. Während der letzten Silbe laß ich sie los - und sie öffnen sich wieder. Für alles, was danach kommen mag...


Und nun zu dem, was Du, lieber Anselm, schreibst, von meinem "begnadeten Einfühlungsvermögen"... :lol:
Sooo "begnadet" finde ich es gar nicht: mir war nur einfach aufgefallen, daß alles, was bisher über dieses Gedicht gesagt worden ist, ebensogut hätte gesagt werden können über:
  • Rose, reiner Widerspruch.
    Lust, niemands Schlaf zu sein
    unter soviel Lidern.
Nun - und so heißt es nunmal nicht bei Rilke.
Also hab ich mich gefragt: warum nicht? Läge doch näher? Und auch der Steinmetz hätte sich leichter getan...
Aus dieser Frage hat sich alles Weitere ergeben...


Es wäre interessant, zu erfahren, welche Fragen sich hinter Deiner Lesart verbergen...

Lieben Gruß

stilz

P.S.: Mit "[/b]" hinter dem Hervorzuhebenden hätte es geklappt :wink:
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Re: Rose

Beitrag von gliwi » 29. Aug 2008, 22:23

lilaloufan hat geschrieben:Nix.
l.
Diesem Urteil, das an Kürze und Bündigkeit nicht zu übertreffen ist, lieber Christoph, schließe ich mich an.
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

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Re: Rose

Beitrag von Nananoa » 31. Aug 2008, 07:54

Nun, nachdem 82 Jahre lang wohl niemand an den Lidern zu zupfen wagte, überrascht die Reaktion wenig. Und dennoch, was spricht sosehr dagegen, mit geringen Ergänzungen, die im Klang der Worte schon angelegt sind, eine sinnvolle Aussage abzuleiten?

Lust nimm anderes, Schlaf zu sein unter soviel Liedern (Gedichten, Geschriebenem..)

Ohne Frage gehörte die Poesie zu Rilkes Lebenslust. Mit dem Tode erlischt auch sie. Der Wunsch, im Jenseits Ersatz für die Reize des Irdischen zu finden, ist so unglaubwürdig nicht. Es ist ein Urtraum der Menschheit - Religionen leben davon.
Gruß Anselm

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Re: Rose

Beitrag von lilaloufan » 31. Aug 2008, 11:28

Hallo Anselm,

wie erfreulich, dass Dich ein, zwei Antworten nicht in die Flucht schlagen; hier wird ja zum Glück keine Fraktionsparole ausgegeben, sondern die Teilnehmenden verantworten ihre Urteile selbst.

Meines gilt unverändert, nur ließ seine Kürze (und der Umstand, dass es kein wirklich passendes Emoticon gibt, denn ein lächelndes hättest Du nicht als freundlich, sondern womöglich als zynisch empfunden) nicht erkennen, worauf es sich bezieht.

Und wo Du nun fragst:
Nananoa hat geschrieben:Was spricht sosehr dagegen, mit geringen Ergänzungen, die im Klang der Worte schon angelegt sind, eine sinnvolle Aussage abzuleiten?
möchte ich Dir sagen: Dagegen wiederum spricht nix, finde ich.

Aber, Anselm. Mit dem Satz:
Nananoa hat geschrieben:Könnte man hinter den Worten nicht auch folgenden Sinn vermuten?
hast Du nach meiner Lesart nicht gesagt: Ich, Anselm, parodiere hier, mögen Applaus wie Schelte mich treffen.
  • Darüber kann man - Dich ernstnehmend - nachdenken; stilz tut es, danke! Und sie fragt:
    stilz hat geschrieben:Es wäre interessant, zu erfahren, welche Fragen [Hervorh. l.] sich hinter Deiner Lesart verbergen...
Stattdessen, wiederum nach meiner Lesart, scheinst Du zu meinen: Könnte Rilke selbst seine Nachwelt (Deine
Nananoa hat geschrieben:„Rätselfreunde“)
hier paronomas mit äquivokanten Worten und mehrdeutigem Sinn verulkt haben?

Das fände ich abwegig, und daran will ich keinen Gedanken wenden.
Nananoa hat geschrieben:An den Lidern zu zupfen
führt weder zum Verständnis von Rilke noch zur Kommunikation mit Dir.

Beide Versäumnisse wär’n doch bedauerlich!
Nananoa hat geschrieben:Wieweit der Gedanke dem Wunsch des Dichters entspricht, wird sich eh kaum mehr klären lassen.
Hast Du denn p #7531 nicht gelesen?
  • "Gibt es einen Nachgeschmack des Lebens in diesen Gräbern? Und finden die Bienen im Blumenmund ein Beinahe-Wort, das schweigt? Oh Blumen, Gefangene unseres Glücksverlangens, kommt ihr zu uns zurück mit unsern Toten in euren Adern? Wie könntet ihr unserer Macht entgehen, Blumen? Wie könntet ihr nicht unsere Blumen sein? Entfernt sich die Rose mit all ihren Blütenblättern von uns? Will sie nur Rose, nichts als Rose sein? Niemandes Schlaf unter so vielen Lidern?"
Angesichts dieses Fundstücks (danke, @Paula!) schien mir Dein Beitrag sosehr eine Projektion («Oh, Anselm, wieder Spruch!») wie Dein:
Nananoa hat geschrieben:Technik, oh reiner Widerspruch..!
Deinen know-how-Mangel auf "die Technik" verlagert.

Das, so hoffe ich, wirst Du vertragen.

Freundliche Grüße,
Christoph
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Paula
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Re: Rose

Beitrag von Paula » 31. Aug 2008, 19:25

Hallo,

möchte ich, wie Dornröschen, fragen: wer weckt mich aus meinen Rosen-Träumen ?!

Gerade zurückgekehrt von einer langen Zeichen- und Malreise nach Italien, gelingt es mir doch, wieder einmal ins Rilke-Forum hineinzuschauen !

Blättert Ihr ganz weit nach vorn in diesem Rosen-Beitrag, so dürfte Euch auffallen, dass auch bereits Marie in ihrer Interpretation nach neuen Wortbedeutungen gesucht hat - ebenso wie Anselm . So werden auch bei Ihr die Lider zu Liedern ... Mir bedeuten diese Neuinterpretationen sehr viel, sind sie doch auch gut, um alte Vorstellungen neu zu hinterfragen, sich bewusst zu machen ! Warum denn nicht ?! Versuchen wir mehr davon ... ?!

Ich stelle mir einen Hörer vor, der den Text nicht kennt, der ihn nur durch Zuhören wahrnimmt: könnten ihm nicht die Lider zu Liedern werden ?! Der Widerspruch zum: Wieder Spruch ?!

Vielleicht sind sogar Rilke beim Schreiben diese Doppelbedeutungen bewusst geworden und er sah sie als eine Art Hinterlassenschaft - für seine Rätsel-Freunde ?!

Paula :D

Nananoa
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Re: Rose

Beitrag von Nananoa » 31. Aug 2008, 23:04

Nett, mal ein bißchen Zuspruch zu erfahren, liebe Paula, vielen Dank!
Nach dem letzten geistessprühenden Zitatenfeuerwerk schien es mir schon ratsam, den Laden sich selbst zu überlassen..
Rilke hat gewiß niemanden "verulkt", sondern möglicherweise eine Aussage originell verschlüsselt, so seh ich's auch.
Entsprechend sollte "an den Lidern zupfen" hier soviel meinen, wie die künstlichen Wimpern entfernen, den Dingen in die Augen schauen etc. - von Rilke Verständnis und Kommunikationsbedürfnis keine Spur!
Anselm

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