Die Näherin

Ewald Tragy, Die Turnstunde, Geschichten vom lieben Gott und weitere Erzählungen

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Marleen
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Die Näherin

Beitrag von Marleen » 9. Nov 2010, 13:22

Ich muss ein Referat über die Näherin halten und finde nur sehr wenige bzw. eigentlich gar keine Informationen über dieses Werk. Kann mir vielleicht irgendjemand weiterhelfen? Wär echt total super !! :D
Zuletzt geändert von Marleen am 9. Nov 2010, 14:06, insgesamt 1-mal geändert.

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lilaloufan
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Re: Die Näherin

Beitrag von lilaloufan » 9. Nov 2010, 13:32

Hallo Marleen,

das hilft jetzt nicht Dír, aber ermöglicht allen, die diese kurze, frühe Erzählung nicht kennen, sich erst mal zu orientieren, worum es sich handelt: Ein Link zur Erzählung.

Gruß und Willkommen,
l.

P.S.: Vielleicht sollte Deine Frage im Subforum «Erzählungen» platziert sein?
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

stilz
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Re: Die Näherin

Beitrag von stilz » 9. Nov 2010, 15:33

Liebe Marleen,

ein kleiner Auszug aus der "Rilke-Chronik" von Ingeborg Schnack - da heißt es zum Jahr 1894 (das war in Rilkes Prager Zeit, er war noch keine zwanzig... die überblicksmäßige kurze Biografie hier auf rilke.de hast Du ja wohl schon gefunden):

"Ende des Jahres: Niederschrift der Erzählung "Die Näherin", die ungedruckt bleibt - sie ist für den Novellenband "Was toben die Heiden" bestimmt, der nicht erscheint."

Für ein Referat, stelle ich mir vor, müßte das als "Hintergrundinformation" eigentlich reichen.
Wenn Du magst, können wir gern auch über die Erzählung selbst diskutieren - da wir hier im Forum aber ungern Hausaufgaben machen, müßtest Du damit beginnen: zum Beispiel indem Du schreibst, was Dir diese Erzählung sagt, was Du beim Lesen empfindest, wo Du vielleicht Fragen hast... ich bin sicher, Du wirst hier dazu Gesprächspartner finden.

Viel Erfolg!

Ingrid
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Harald
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Re: Die Näherin

Beitrag von Harald » 11. Nov 2010, 21:10

Ich halte das für eine ziemlich misslungene Geschichte, der jegliche innere Stimmigkeit fehlt. Die Metaphorik der unentrinnbaren Magie des Widerwärtigen soll retten, was nicht zu retten ist: den schalen Mief des Banalen, umwabert vom Nebel der unglaubwürdigen Dämlichkeit dieses Papiermachécharakters. Nachbarin, Euer Fläschchen!
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Re: Die Näherin

Beitrag von sedna » 12. Nov 2010, 12:24

Ja Du, Harald, kurz und gut, Dein Referat :)

Aber oweh mich plagt offen gesagt die Vorstellung, es könnte heutzutage etwas gewollt Unveröffentlichtes vor völlig unkundige Schüler gestellt werden, um sie glauben zu machen, das sei jetzt "Rilke" — — Daher kann ich es mir hier nicht verkneifen, den Dichter selbst auch noch ein Wörtchen mitreden zu lassen - aus einem Brief an R.H. Heygrodt, 24. Dezember 1921:

"Aber auch ein anderes wird Herr Dr. Hünich Ihnen nicht verschwiegen haben: wie stark mein Widerstand und Widerspruch ist gegen alles Hervorholen und Auslegen meiner sogenannten 'Frühzeit'. Insofern Sie von dieser ausgegangen sind, muß ich auch Ihrer Darstellung unrecht geben. Jene leider vorhandenen Proben sind in der Tat für nichts heranziehbar, sie sind nicht, in keiner, keiner Weise, der Anfang meiner Arbeit, vielmehr das höchst private Ende meiner kindlichen und jugendlichen Ratlosigkeit."

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Re: Die Näherin

Beitrag von helle » 12. Nov 2010, 14:16

Kann man verstehen, daß Rilke damit nichts mehr zu tun haben wollte. Es ist schon mehr als schwarz-weiß. Beweis:

Hedwig […] jung, liebenswürdig, gebildet und […] reich […] jedermanns Liebling […] vereint mit ihrer Bildung […] liebenswürdige Leichtfertigkeit […] macht die gleichgiltigste Unterhaltung interessant und reizvoll […] besitzt mehr Herz und Gemüt als die beiden älteren Schwestern, […] aufrichtig, heiter usw.

die Näherin: ein armes Ding, ein häßliches […] armselige Gestalt […] spitze Schultern […] lange, dünne Nase […] hohle Wangen […] unsaubere Zähne […] Kinn eckig und weit vorspringend […] häßliches, frühgealtertes Mädchen […] blasses eingefallenes Gesicht, der magere Hals […] flacher Busen [sic!] [ …] usf.

Der Autor hätte es angesichts dieser bis zur Tapsigkeit überdeutlichen Verteilung darauf anlegen sollen, das komplett Widersinnige darin plausibel zu machen, daß seine Hauptfigur nicht der Licht-, sondern der Schmuddelgestalt verfällt (credo quia absurdum). So bleibt es halbherzig und unglaubwürdig, da würde ich Harald zustimmen, nur der Ansatz einer naturalistischen Skizze. Die wird nämlich am Ende weniger der sozialen Umgebung und dem Milieu gerecht als der Idiosynkrasie des Erzählers dem gegenüber. Um nicht Autor zu sagen, das wollen wir ja immer trennen.

helle

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Re: Die Näherin

Beitrag von stilz » 12. Nov 2010, 16:55

Lieber helle,

ich stimme Dir zu: diese Skizze wird "am Ende weniger der sozialen Umgebung und dem Milieu gerecht als der Idiosynkrasie des Erzählers dem gegenüber."
Ein Referat, das diese "Idiosynkrasie" (und all das, was sie ausgelöst haben könnte - innerlich wie äußerlich) herausarbeiten wollte, könnte möglicherweise einen Sinn haben.
Ich hatte gehofft, Marleen würde auf die Frage antworten, was sie beim Lesen empfindet. Nun - das hat sie nicht getan.
Also lassen wir diese seltsame Erzählung halt wieder in der Versenkung verschwinden.

Herzlichen Gruß

Ingrid
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Re: Die Näherin

Beitrag von gliwi » 12. Nov 2010, 18:12

...und seien wir froh, dass Rilke diesen Pfad wieder verlassen hat. ich wollte nichts vorwegnehmen, aber zu diesem "Werk" fällt mir nur ein Wort ein: schwülstig.
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

Harald
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Re: Die Näherin

Beitrag von Harald » 12. Nov 2010, 22:01

Es wäre beruhigend, wenn die müffelnde Näherin im richtigen Unterforum beigesetzt würde. (Ganz typisch für dieses egozentrisch-spätpubertäre Schreiben ist übrigens die hinweggeraffte Verlobte. Glück ohne das eigene Ich darf nicht sein.) Ein Hoch auf Brechts spätes Gedicht:

Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité
Aufwachte gegen Morgen zu
Und die Amsel hörte, wusste ich
Es besser. Schon seit geraumer Zeit
Hatte ich keine Todesfurcht mehr. Da ja nichts
Mir je fehlen kann, vorausgesetzt
Ich selber fehle. Jetzt
Gelang es mir, mich zu freuen
Alles Amselgesangs nach mir auch.
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

Harald
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Re: Die Näherin

Beitrag von Harald » 12. Nov 2018, 11:14

Das sieht nach einem Missverständnis aus: Der Prosatext "Die Näherin", von dem hier die Rede ist, stammt aus dem Jahr 1894, als Lou Albert-Lazard keine neun Jahre alt war.
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Re: Die Näherin

Beitrag von stilz » 12. Nov 2018, 12:09

Danke, Harald - ich habe die Anmerkung von "Georg Trakl" jetzt dorthin verschoben, wo sie meiner Ansicht nach hingehört: in das ihm zu Ehren neu erstellte Unterforum "Georg Trakl jun“ - speziell-originelle Beiträge eines Forumsmitglieds.

Herzlichen Gruß,
Ingrid (stilz)
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