Bettys Sonntagstraum

Ewald Tragy, Die Turnstunde, Geschichten vom lieben Gott und weitere Erzählungen

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Mona
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Bettys Sonntagstraum

Beitrag von Mona » 8. Nov 2007, 20:45

Hallo,

schon wieder brauche ich Eure Hilfe, Ich beschäftige mich gerade mit Erzählformen und -strukturen und stelle fest, dass das gar nicht so einfach ist. Kennt sich hier jemand damit aus ?

Am Beispiel von Rilkes Erzählung "Bettys Sonntagstraum"

http://www.rilke.de/erzaehlungen/bettys ... straum.htm

würde ich meinen, dass es sich um einen auktorialen Erzähler handelt, der gleichzeitig als Reflektor auftritt. Problematisch finde ich, woher dieser auktoriale Erzähler , wenn er es von aussen betrachtet und sich selber über die Dinge stellt, wissen will, was Betty fühlt und denkt , worüber er aber auch schreibt ?! Ausserdem meine ich, dass er die Erzählung auf Bettys Erlebnisse fokussiert, aus Bettys Perspektive schreibt, so als ob er genau sie beobachten würde. Was meint Ihr, liege ich damit richtig oder würdet Ihr es anders beschreiben ?!

Mona :lol:
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stilz
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Re: Bettys Sonntagstraum

Beitrag von stilz » 14. Nov 2007, 09:43

Liebe Mona,

ich wollte erst ein bisserl abwarten, ob sich jemand meldet, der sich mit "Erzählformen und -strukturen" und den dazugehörigen Fachausdrücken auskennt, denn das tu ich nicht.

Aber zu Deiner Frage:
Mona hat geschrieben: ...würde ich meinen, dass es sich um einen auktorialen Erzähler handelt, ... Problematisch finde ich, woher dieser auktoriale Erzähler , wenn er es von aussen betrachtet und sich selber über die Dinge stellt, wissen will, was Betty fühlt und denkt ,
Also, den Ausdruck "auktorialer Erzähler" kenne ich zwar nicht, aber mir ist das lateinische Wort "auctor" geläufig, was soviel wie "Urheber, Schöpfer" heißt.
Nun, und derjenige, der nicht nur die Gestalt, sondern auch deren Erlebnisse geschaffen hat, sollte nicht wissen, was sie fühlt und denkt? Genau darum weiß er es, weil er der "auctor" ist!Daß er sich immer wieder auch als "reflector" über die Dinge stellt, heißt ja noch lange nicht, daß er deswegen gleich vergißt, daß er der "auctor" ist. Das wäre ja so, als ob ich, wenn ich über meine eigenen Gefühle und Gedanken nachdenke, nicht mehr wüßte, daß ich sie habe...

Ich finde übrigens, es ist durchaus nicht ausschließlich aus Bettys Perspektive erzählt. Rilke ist auch Karls "auctor". Schließlich stehen auch solche Sätze drin:
Eigentlich that sie ihm leid, seine Betty! Wie herzlich u. innig sie ihm dankte! Sie war doch ein gutes Wesen und er dachte, wie er ihr immer gesagt hatte: "Wir werden uns heiraten"... und jetzt? ... Schämen sollte er sich.

Daß es dennoch insgesamt um Bettys Erleben geht, zeigt sich ja schon im Titel...


Lieben Gruß

stilz
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gliwi
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Beitrag von gliwi » 14. Nov 2007, 20:18

Hallo,
"auktorialer Erzähler" ist ein Fachbegriff. Er bedeutet, dass der Autor bei mehreren oder allen Personen der Erzählung/des Romans auch das Innere kennt. Natürlich ist Betty die Hauptperson, aber in dem Moment, wo er schreibt: "Karl ärgert sich", ist es klar, dass er die auktoriale Haltung einnimmt. Er kennt sowohl Bettys als auch Karls Gedanken (d.h., er bekennt sich als ihr Schöpfer, da hast du mit der Ethymologie schon recht, stilz)
Ungefragt füge ich hinzu: ich finde diese Erzählung herzlich schlecht. So viele Klischees passen gar nicht auf eine Seite, wie sie Rilke hier verbraten hat. Gut, dass er Lyriker und nicht Erzähler geworden ist - obwohl es auch ein paar lesenswerte Prosa-Texte gibt.
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

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