Sermon: »Die Liebe der Magdalena«

Ewald Tragy, Die Turnstunde, Geschichten vom lieben Gott und weitere Erzählungen

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Sermon: »Die Liebe der Magdalena«

Beitrag von lilaloufan » 15. Okt 2011, 06:15

Seit einiger Zeit sprechen wir hier über das Gedicht: »Der Auferstandene« und entdecken, dass dieses Gedicht und der Sermon: »Die Liebe der Magdalena« nicht nur zueinander thematische Bezüge haben, sondern sich auch wechselseitig beleuchten.

Gestern Abend habe ich diesen „Sermon“ zum ersten Mal gelesen und bin sehr berührt davon. Und weil er wohl nicht nur mir unbekannt war und auf rilke.de noch nicht zu lesen ist, habe ich ihn Euch heute früh abgeschrieben und stelle ihn gleich hier ein.

Gruß in die Runde.
Christoph
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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lilaloufan
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Text: »Die Liebe der Magdalena«

Beitrag von lilaloufan » 15. Okt 2011, 06:16

Die Liebe der Magdalena

Magdalena, Jesu heilige Liebende, hat ihn geliebt in seinen drei Zuständen. Sie hat ihn geliebt als Lebendigen, sie hat den Toten geliebt, den Auferstandenen hat sie geliebt. Dem gegenwärtigen und lebendigen Christus hat sie die Zärtlichkeit ihrer Liebe und Taten bewiesen, dem toten und bestatteten die Ausdauer ihrer Liebe, aber die Geduldlosigkeiten und die Ausbrüche, das Wüten, die schwindelnde Schwachheit und Ausschweifung ihrer verlassenen Liebe hat sie für den gehabt, der in den Himmel fuhr, für Jesus Christus, den auferstandenen.

Wenn ich Magdalenen an den Füßen Jesu zuseh, so mein ich die entwegte Liebe zu sehn, die sich härmt über ihr Abgewichensein und bei den Füßen dessen, der der Weg selber ist, nach dem rechten Wege verlangt. Drängt sie die Liebe dazu? Ihre heißen Küsse sprechen dafür; das Wort Jesu Christi bestätigt es. Aber was für eine Liebe ist diese Liebe Magdalenens? Die Liebe kann alles; die Liebe wagt alles; die Liebe ist nicht nur frei und zutraulich, sie ist auch erkühnt und voller Unternehmung; und ich seh Magdalenen, wie sie hinten bleibt, wie sie nicht wagt, die Augen aufzuheben und dieses Gesicht anzuschauen, wie sie es schon für ein zu großes Glück hält, auch nur diesen Füßen zu nahen, ich seh sie seufzen und nicht sprechen; ich seh sie weinen ohne eine Aussicht auf Trost, sie giebt alles was sie hat und alles was sie ist und bringt es nicht einmal über sich, um seine Gnade zu bitten. Wenn dich die Liebe treibt, Magdalena, was fürchtest du denn? Wage doch alles, unternimm doch was du willst. Denn die Liebe wagt nicht sich zu bescheiden, ihr Verlangen ist ihre Vorschrift, ihre Entzückung ist ihr Gesetz, sie hat kein Maß als ihr Übermaß. Sie hat Furcht vor nichts, als dass sie fürchten könnte; ihr Besitzrecht beruht in der Kühnheit, auf alles Anspruch zu machen, und in der Freiheit, alles zu versuchen.

Aber freilich: diese Anrechte hat die Liebe nur unter der Voraussetzung, dass sie immer den rechten Weg geht. Wenn sie sich verlaufen hat, so muss sie auf weiten Umwegen zurückkommen und muss zittern und muss fernbleiben und weinen über ihre Verirrung und durch ihre Beschämung ihre Fehler versühnen. Liebe, wofür bist du denn eigentlich gemacht? Für das Schöne und für das Gute, für das Einige und für das Ganze, für die Wahrheit und für das Wesen und für die Quelle des Wesens: und das alles, das ist Gott selbst. Ja, wärest du immer gerade auf Gott zugegangen, du würdest alles wagen mit Jesus Christus, du würdest alles an ihm unternehmen. Der Gott, der Mensch geworden ist, um den Menschen zu gehören, hätte sich ganz deinen Umarmungen überlassen, die rein gewesen wären und trotzdem frei, ruhig und sanft und eifrig und unersättlich zugleich. Du würdest ohne Furcht alles beanspruchen und alles besitzen ohne Ausnahme. Aber, Liebe, du hast dich verloren an fremde Gegenstände, für die du nicht gemacht warst. Komm zurück, armer Landstreicher, komm zurück, aber komm in Furcht aus gerechter Strafe dafür, dass du deine Freiheit hast irrgehn lassen; komm zusammengeschnürt von Schmerz, denn du sollst die Not deiner losen Ausgelassenheiten auftragen; gedemütigt und erniedrigt komm zurück, damit alle erkennen, dass du dreist genug warst, das Joch abzuschütteln und deines obersten Herrn zu vergessen.

Die Liebe vereint, die Sünde trennt, aber die büßende Liebe hat etwas von beiden. Magdalena stürzt zu Jesus hin: das ist die Liebe; Magdalena wagt nicht, Jesu zu nahen: das ist die Sünde; sie tritt mutig ein: das ist die Liebe; sie nähert sich in Angst und außer sich: das ist die Sünde; sie macht die Füße Jesu duften: das ist die Liebe; sie begießt sie mit ihren Tränen: das ist die Sünde. Sie löst und vergeudet ihr Haar: das ist die Liebe; um die Füße Jesu zu trocknen: das ist die Sünde; sie ist gierig und unersättlich: das ist die Liebe; sie wagt nichts zu begehren: das ist die Sünde. Aber sie weint, aber sie seufzt; aber sie schaut auf, aber sie schweigt: das ist die Liebe und die Sünde in einem. Wie ist diese Bußliebe doch artig mit ihren kühnen Unterwerfungen, ihren unterdrückten Freiheiten, ihren zitternden Übergriffen. Ja noch einmal, wie artig ist sie, indem sie liebt aus Ehrerbietung, indem sie Gerechtigkeit übt und verzichtet auf ihre Rechte, die ihre dem Namen nach und ihrer Eigenschaft als Liebe zukommen, nur durch ihre bußfertigen Gefühle die Gerechtigkeit über alles einzusetzen.

Hören wir, was die Liebe spricht im Hohenlied. Da atmet sie ja nichts als die Vereinigung, die keuschen Küsse, die vertraulichsten Umarmungen des Gemahls. Kühn und ungestüm wie sie ist, beginnt sie: Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes. Auch die büßende Liebe würde ohne Zweifel gleich am Anfang sich diesem reizenden Eifer überlassen wollen; aber die Verlegenheit ihres wüsten Lebens lässt nicht zu, dass sie in so hoher Entzückung rede; statt mit der Geliebten zu singen: Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes: wie unendlich glücklich schätzt sie sich schon, sagen zu dürfen: Er dulde mich mit meinem Kusse an seinen Füßen. Das ist das Hohelied der Bußliebe; Maria Magdalena stimmt es an mit ihren Tränen, mit ihrem Schluchzen, mit der Melodie ihres Stillseins.

Nun dürfen wir trotzdem nicht glauben, sie verzichte völlig auf die Umarmungen des Gemahls. Alle diese lieben Zärtlichkeiten, von denen sie sich zu entfernen scheint in der Überzeugung, ihrer nicht wert zu sein, – in einem geheimeren Sinne strebt sie sie an. Hingeworfen zu Füßen des Freundes, ganz beschäftigt mit diesen geheiligten Füßen und ohne Mut, sein Gesicht auch nur anzuschauen, umarmt sie ihn doch schon geistig innen im Herzen. Aber sie unterdrückt dieses Verlangen, das zu frei ist nach ihren Sünden; und indem sie es unterdrückt, giebt sie ihm ein anderes innigeres und köstlicheres Dasein. Dieses Verlangen, das die Demut aufhält, geht auf einem anderen Weg zu seinem Gegenstand hin. Es nähert sich, indem es sich zurückzieht: die Haft, die es sich auferlegt, schenkt ihm die Freiheit. So wunderbare und geheimnisvolle Schliche hat die büßende Liebe; sie rückt vor, wenn sie flieht; sie erreicht das Gut, das sie verfolgt, indem sie es gewissermaßen verwirft. Sie wagt nicht, dem Freund mit jener Freiheit der Geliebten zu sagen: Komm, komm, Geliebter meines Herzens, komm schnell; aber sie findet das Mittel, ihn auf eine andere Weise zu rufen, wenn sie spricht: Gehe von mir, gehe von mir. »Herr, gehe von mir hinaus«, sagt der heilige Petrus, »ich bin ein sündiger Mensch.« Was für ein neues und unerhörtes Verfahren, einzuladen, indem man abstößt. Aber der Gemahl versteht diese Sprache. Er weiß zu erkennen, dass man ihn sehr dringend entbehren muss, um ihn so zurückzustoßen; und dieses Begehren nach seinem Besitz, das sich ausdrückt durch das Gegenteil, rührt ihm das Herz und erregt sein Mitleid; denn er sieht zugleich das Ungeduldige einer wahrhaft liebenden Seele und ihr geheimes Seufzen, das um so heftiger ist, je weniger es laut zu werden wagt, und den Zwang, den ihre Liebe sich antut, wenn sie, aus lauter Ehrfurcht, sich nicht offenbart. Dann bricht die Natur seiner eigenen Güte durch, voll Verlangen, wie sie ist, sich in sein Geschöpf auszugießen, und drängt ihn im Sinne jener Seele, die selbst nicht den Mut hat, ihn zu drängen; so sehr, dass er sie im Mitleiden der Gewalt, die sie an sich ausübt, überholt und, zuvorkommend, in der zugesagten Gnade sie seiner erwidernden Liebe versichert. »Ihr sind«, sprach er, »viel Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebet.« Du siehst also, Bußliebe, wie stark dein Geheimtun, deine Verhaltung, dein Stillsein auf das Herz Jesu zu wirken vermochte. Magdalena, die nichts begehrte, hat alles erlangt, denn Jesus war im Grunde ihres Herzens und hörte dort alles, was sie sagte, und hörte noch besser, was zu sagen über sie hinausging.

Ich werde nicht müde, die wunderbaren Verhältnisse unserer heiligen Büßerin zu betrachten, den Streit und die Verständigung ihrer eifervollen Gerechtigkeit mit ihrer zum Angriff anstürmenden Liebe. Besessen von ihren Gefühlen, wagt Magdalena fast nicht, sich Jesu zu nähern, und doch kann sie nicht von ihm lassen. Welche Mitte magst du finden, Liebe, um solche Widersprüche übereinzustimmen und Liebe und Recht zu versöhnen, die die entgegengesetzten Entschlüsse herausfordern? Im Folgenden vollzieht sich ein Mittleres: Magdalena, ohne Jesum zu umarmen, wirft sich zu seinen Füßen: damit befriedigt sie die Gerechtigkeit; und wie geschickt und erfinderisch ist sie nicht darin! Indem sie sich an die Füße macht, hält sie Jesum ganz: und so geschieht ihrer Liebe Genüge. Jesus kann ihr nicht mehr entgehen, er ist festgehalten an seinen geheiligten Füßen, und ich meine, Maria Magdalena zu hören, wie sie mit der Geliebten sagt: »Ich halte ihn und will ihn nicht lassen«, oder mit Jakob: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn«, oder vielmehr, Jakob übertrumpfend: »Ich lasse dich nicht, auch dann, wenn du mich gesegnet hast.« Und wirklich, Jesus segnet sie und verzeiht ihr ihre Sünden, aber damit verlässt sie ihn nicht: so wie sie irgend kann, kommt sie immer wieder zu seinen Füßen: denn es ist ihr nicht um die Segnung zu tun, sondern um ihn selbst.

Was sehe ich da, Liebe! In Wahrheit, ein wunderbares Schauspiel: Magdalena in Jesu Gefangenschaft und Jesus in der Gefangenschaft Magdalenens. Wenn sie ihr Haupt Jesu zu Füßen legt, macht sie sich deutlich genug zu seiner Gefangenen; aber mit seinen Füßen nimmt sie zugleich ihn gefangen. Auf welche Weise hält sie die Füße Jesu? Sie hält sie mit ihrem Munde und küsst sie tausend- und tausendmal; sie hält sie mit ihren Augen und übergießt sie mit ihren Tränen; sie hält sie mit ihren Händen und umfasst sie und umölt sie. Aber alles das hält nicht auf, dazu braucht es Ketten. Löse dein Haar, Magdalena, und binde damit die Füße Jesu. O zärtlichste Ketten, die Magdalena bereit hat, um ihren Besieger zum Gefangenen zu machen: Keine Angst, Magdalena, der, so im Hohenlied bekennt, dass er sein Herz mag binden lassen mit einem einzigen Haar seiner Geliebten, wie soll er seine Füße herausfinden aus dem Netz aller deiner Haare? Aber vielleicht entkommt er doch, vielleicht kann er mit Leichtigkeit diese Fesseln zerreißen? Nein, nein, such nicht nach andern. Du musst wissen, dass darin das Geniale der Liebe liegt: sie weigert sich nicht, gefangen zu sein, nur will sie zu gleicher Zeit auch ihre Freiheit haben. Das heißt, sie will gefangen sein nur durch ihren eigenen Willen. Sie will Fesseln, die sich sanft anfühlen und zärtlich sind. Fesseln, die stark sind, nur weil man nicht daran denkt, sie zu brechen. Deine Haare reichen also aus, um ihn zu nehmen und festzuhalten, du könntest keine besseren Bande finden.

Ob ich es wage, hier zu sagen, was ich denke? Diese Tränen, dieser verschwendete Wohlgeruch, dieses Haar, das diese Füße trocken macht: ich bewundere in alledem die reizenden Zärtlichkeiten, ja, wenn ich meinen Gedanken wirklich ganz wiedergeben soll –, die heiligen Galanterien der büßenden Liebe. Nein, ich kann nicht bereuen, dass ich mich so ausgedrückt habe. Es liegt eine Art wahrhafter Galanterie darin, die Jesu das Herz gewinnt, alles Zubehör weltlicher Galanterie geringzuschätzen und nachlässig an seinen Füßen abzulegen. In dieser Handlung kommt ihre Liebe, dieser Liebe Einfalt und Bescheidenheit gleichsam von selbst dazu, das Eitle und alle Weltlichkeit und alles Wohltun der profanen Liebe zu übertreffen. Mitten unter diesen Liebkosungen, in denen die Bußliebe zu Füßen Jesu sich ausgiebt, vergeht Magdalena in Tränen und ist nicht zu trösten darüber, dass sie so spät begonnen hat, Jesum zu lieben. Sie fängt an zu fühlen, wessen ihr Herz fähig war, und es betrübt sie über die Maßen, so lange schlecht mit der Liebe umgegangen zu sein. Sie giebt sich selbst die Schuld, ihren Augen, die eine Sintflut von Tränen ertränkt; ihrer Brust, an die sie härtlich schlägt; ihrem Herzen, das sie mit ihrem Schluchzen zerreißt; aber sie ist zu schwach, eine solche Schmach zu rächen, und so hält sie ihr Haupt an die Füße Jesu wie ein Opfertier, das sie seinem Zorn unterstellt.

Und wie sie nun fühlt, dass er statt eines Blitzstrahls Gnadenstrahlen hat für sie, regt sie sich auf; wieder packt sie ein Schauer, wieder gerät sie in Wut wider sich selbst; und da keine Marter kommen will, lässt sie sich überwältigen und zugrunde richten durch das Wohltun. So bleibt sie in der Beschämung liegen, in die die Güte ihres Heilands sie gestürzt hat. An allen Stellen ihrer Undankbarkeit angerührt von Erbarmungen, will sie die Beute sein eines unendlichen Schmerzes, um nur irgendwie für das Recht des gekränkten, ihr zu gütigen Gottes einzustehn. Wenn etwas sie trösten kann im Übermaß dieses Schmerzes, sich zu spät an Gott verwendet zu haben, so ist es eine gewisse Freude, durch den Schmerz selbst die ihm angetane Schande auszugleichen und ihr Herz wegzureißen von allem Geschöpf, um es ihm zu geben, im Beispiel gewissermaßen aufzeigend, was für ein Jammer es sei, etwas anderes zu lieben als ihn. Mir will scheinen, sie sagt unter Tränen zu Jesu Christo: Nimm, Jesus, ein Herz, das deiner nicht mehr würdig ist, da es andern gehört hat als dir; aber eines, das wenigstens aus seiner unseligen Erfahrung den Vorteil zieht, in seinem ganzen Gefühl überzeugt zu sein, dass du der Einzige bist, der Liebe verdient.

In der Lage also, diesen Einzigen, der Liebe verdient, gefunden zu haben, ruft sie sozusagen von überall, aus allen Verträgen, die Anteile ihrer Liebe zurück, um sie ihrem Einen zu widmen. Alles, was sie an Kraft hat, rafft sie zusammen mitten im Herzen, und in einer endlosen Bewunderung für diesen neuen Liebhaber sucht sie für ihn einen neuen Vorrat von Liebe, der sich nicht mehr aufbrauchen lässt. Geh, Herz, erschöpftes, müdes, das nie nichts gefunden hat, groß genug, um darin die unermessliche Menge seiner Liebe unterzubringen, geh, ergieß dich in den Ozean; verlier dich im Unendlichen; lass dich einnehmen vom All. Da kommt in dem Herzen Magdalenens ich weiß nicht was auf, eine Zärtlichkeit, eine Leidenschaft, die nur noch auf Jesum Christum anwendbar ist; die schmachtet, die nachgiebt; die, indem sie sich gehen lässt, ihm nachgeht. Sie stirbt in jedem Augenblick und beginnt in jedem Augenblick, die Füße Jesu küssend, ein neues Leben, das sie gleich wieder aufopfert. Sie giebt, sie vergeudet alles: ihren Wohlgeruch, ihr Haar, ihre Tränen, ihre Seufzer, ihr Herz selbst. Es ist, als wollte sie sich erschöpfen um ihren Geliebten; und dennoch fürchtet sie wieder, sich zu erschöpfen, denn sie hat vor, zu geben ohne Ende.

Ihre Verschwendung ist grenzenlos, aber ihre Gier ist es nicht weniger. Sie bekommt nicht genug, die Füße Jesu zu küssen, und Jesus hatte ein Augenmerk für den reißenden Hunger dieser unersättlichen Liebe. »Seitdem sie hereingekommen ist«, sagt er, »hat sie nicht aufgehört, meine Füße zu küssen.« Seht: sie hat nicht aufgehört; da ist schon eine Unendlichkeit: ihre Liebe hat noch andere. Aber unter allen diesen Unendlichkeiten giebt es nichts, was unendlicher ist und unerschöpfbarer als ihre Tränen. Immer wieder fallen ihr ihre Sünden ein, und die Gießbäche ihres Geweins steigen aus den Ufern. Sie würde sich totweinen und in ihrer Trostlosigkeit bis zur Verzweiflung gehen, sähe sie nicht in ihren Verbrechen einen Stoff, der sich verwenden lässt, die Güte ihres Geliebten und sein Heilandsein zu feiern; sähe sie nicht in ihrer Reue den Erfahrungsbeweis für jenes Wort, das der Geliebte, lange nachher, zu ihren Gunsten aussprach: »Eines aber ist not.« Lässt sich etwas ausdenken, was besser sichtbar macht, wie sehr dieses Eine not tut: das bittere Leidwesen derer, die sich verirrt haben unter der Menge? Ja sicher, lebendiger Gott, du einzig tust dem Menschen not, denn keiner weicht ab von dir und verlöre sich nicht, und es kehrt keiner zu dir zurück, der nicht grenzenlos und ohne Ende bereute, dass er imstande war, dich aufzugeben und etwas anderes zu verlangen. So ist in allen büßenden Seelen ein maßloses Bedürfnis, ihre Vergangenheit auszulöschen und abzuschaffen und allen Menschen im Himmel und auf der Erde Zeugnis zu geben, dass du allein not bist.

Mit diesem Worte Jesu Christi kam die heilige Liebe im Herzen Magdalenens zu überlegender Vollendung; denn es zeigte ihr die erschreckliche Eifersucht ihres Gemahls und wie sehr ihm daran lag, der Einzige zu sein. Martha, das ist wahr, machte sich reichlich zu tun, aber es war doch am Ende für ihn; trotzdem tadelt er sie, und er befiehlt Magdalenen, seiner Liebenden, sich nur mit ihm selbst zu beschäftigen und darüber alles zu lassen, was nur Bezug hat auf ihn. So feine Unterschiede macht seine Eifersucht; so groß ist die Ausschließlichkeit, die er verlangt. Diese geheiligten Worte: »Eines aber ist not« bergen in ihrer Milde ein Feuer, das jedes Herz ausbrennt und darin alles Geschöpf zerstört, bis nur das Eine, gebieterisch, seinen Raum erfüllt und jeden andern Gedanken und jeden anderen Gegenstand verwirft. O Gott, wer vermöchte zu sagen, welchen ungeheuern Umsturz dieses Wort bewirkt? Es stürzt das Herz in eine Einsamkeit, in ein Armsein, das keine Natur erträgt; denn dieses Eine ist tödlich durch seinen Herrscherwillen, der mit sich handeln lässt, und der den Sinnen und dem Geist und allen Fähigkeiten der Seele alles entreißt, was ihnen gefällt. Die überfallene Seele, mitten in ihrem zerstörten Überfluss, schließt sich nun freilich mit unglaublicher Kraft an das eine Notwendige. So sah es, da jenes Wort ergangen war, in dem Herzen Magdalenens aus. Es fiel erst wie ein Blitzschlag hinein und warf alles um, was drinnen an Wünschen stand, und verzehrte das Ganze, so dass in dem Herzen nichts blieb, als die bloße Richtung nach dieses Wortes Ausgang. Dann zeigte es ihm, dem völlig verarmten, jenen einen notwendigen Gegenstand und packte es in seiner Mitte und hob es in ihn mitten hinein. Und nun ist Maria Magdalena zu Jesu gebunden, Herz über Herz, die innigste Stelle an die innigste Stelle. Nur für Jesus Christus hat sie noch Leben, und wen kann es noch wundern, dass sie ihm folgt überallhin, in seine Reisen, in seine Martern und bis in das Grauen seines Grabes?

Sie sucht überall ihr Einziges, den einzigen Gegenstand ihrer Liebe, die einzige sichere Stütze ihres versagenden Herzens, und sie findet sie nicht. Wie denkst du dir das eigentlich, Jesus Christus, dass du an den Herzen mit solcher Stärke ziehst und sie so fest an dich nimmst und dann fortgehst, wenn sie’s ganz nicht erwarten. Was bist du grausam! Was für ein befremdliches Spiel treibst du mit den Herzen, die dich lieben!

Dieses ist das Verfahren Jesu Christi, so benimmt er sich gewöhnlich. Er zieht die Herzen gewaltig an, er macht sie gierig und unersättlich, er gewinnt sie für sich, er meistert sie, er lässt sie anhänglich werden, er giebt sich ihnen auf tausend Arten, bis sie an ihm so sehr beteiligt sind, dass sie nur noch nach ihm trachten. Und im Moment, da ihr Anteil so groß geworden ist, dass sie sich nicht mehr zurücknehmen können, zieht er sich zurück, stiehlt sich fort und sucht sie furchtbar heim durch Entweichung und Entzug. Sie beklagen sich, aber Jesus lacht ihrer Klagen; er lässt es geschehen, dass sie sich erschöpfen und verzehren in unaussprechlicher Begehr. Er legt selbst Hand an, um sie zu entzünden, und sieht von weitem zu, und es rührt ihn nicht; er macht sich lustig sozusagen über ihre Entrüstung und Raserei. Auch Maria Magdalena hat er so behandelt.

Zuerst ist ihm nichts zuviel. Sie verlangt nach seinen Füßen: er giebt sie; sie will sie küssen: er überlässt sie ihr; sie will ihm das Haupt ölen: er duldet es; die Pharisäer murren: er tritt für sie ein; Judas nimmt Ärgernis: er lobt sie. Bei einer anderen Begegnung versucht Martha, sie von ihm wegzuziehen: Jesus befürwortet die sanfte Trägheit ihrer nur auf ihn achtenden Liebe und stellt sie über ihrer Schwester Geschäftigkeit.

Bezaubert von seiner Güte, bindet sich Magdalena an ihn und schließt sich ihm an. Und Jesus, sowie er die Liebe genügend befestigt sieht, zieht vorsichtig seine Hand zurück. Er giebt nicht mehr, das ist noch nichts; aber er nimmt nach und nach wieder fort, was er gegeben hat. Da er sterben soll, ist es sein Wille, dass Magdalena zugegen sei; er spricht zu seiner heiligen Mutter, zu seinem liebsten Lehrling; er hat kein Wort für seine pure Liebende, die unten am Kreuz vergeht. Sie lässt sich nicht abschrecken, sie folgt denen, die ihn bestatten, um sich zu merken, wohin man ihn legen würde. Sowie es nun Tag wird, eilt sie hin mit Wohlgerüchen, sie findet das Grab leer. Petrus und Johannes, da sie den göttlichen Leib nicht mehr vorfinden, ziehn sich zurück: Magdalena bleibt und besteht und dauert aus. Sie sieht von Zeit zu Zeit in dem Grabe nach, aus Furcht, ihre Augen könnten sie betrogen haben, und giebt es nicht auf und sucht immer noch den, nach dem ihr Herz seufzt. Was suchst du, Magdalena? Da ist er nicht mehr. Zwei Engel kommen und lassen sich die Ursache ihres Schmerzes erzählen und geben ihr nicht ein tröstliches Wort zurück und sagen ihr nicht, wo Jesus Christus ist.

Endlich erscheint er selbst, aber wie ein Unbekannter. Er giebt sich zu erkennen, vielleicht will er ihre ausgehungerte Liebe befriedigen. Ganz und gar nicht. Im Gegenteil, er will sie quälen über jedes Maß hinaus. Denn, wie sie so, ganz außer sich, auf ihn zustürzt, sagt Jesus: »Rühre mich nicht an … aber gehe hin zu meinen Brüdern und sage ihnen, dass ich auffahre zu meinem Vater, zu meinem Gott.« O Gott, was für ein Liebhaber, der seiner Liebenden nur erscheint, um ihr zu sagen, dass er jetzt geht. Aber so lass sie dich wenigstens deine Füße küssen. Nein, er wird es nicht tun. Sie wirft sich dazu hin, sie meint immer noch, bei Jesu das Entgegenkommen von früher zu finden, aber Jesus stößt sie fort und spricht: »Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater.« Worte, die genau erfunden scheinen, um ihre Liebe bis in alle Ewigkeit zu peinigen. Rühr mich nicht an, jetzt, da ich zwischen deinen Händen bin, warte damit mich anzurühren, bis ich aufgestiegen sein werde in die Himmel. Halte dich ab von mir, solang ich da bin, gedulde dich, mich zu berühren, wenn ich nicht mehr auf Erden weilen werde; dann wirst du erst alle deine Kraft dafür zusammennehmen. Könnte er ihr nicht ebensogut sagen: Zehr dich auf, zerbrich dir das Herz in aussichtsloser Arbeit. Zur Liebe so sprechen, heißt das nicht, sie zum besten haben?

Ich stelle mir leicht vor, welche furchtbaren Folgen diese Worte Jesu in Magdalenens Herzen hinterließen, denn nun sieht sie, dass Jesus geht und den Willen hat, gerade in der Zeit dieser Abwesenheit stärker als je auf die Herzen zu wirken. Nun ist sie verständigt, dass mit seiner Rückkehr zum Vater die ganze Mühsal des ihn Erreichen- und Berührenwollens überhaupt erst beginnt. »Suchet, sagt der Apostel, was droben ist, da Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes.« So macht sie sich also auf und sucht und verzehrt sich und härmt sich und zerreißt sich das Herz mit der Schärfe ihrer Sehnsucht. Das ist der Moment, da die Liebe, betrogen um das, was sie begehrt, von Sinnen kommt und das Leben nicht länger erträgt. Hingezogen und hingedrängt, vermag Magdalena Jesum nur wie eingemummt in die Dunkelheiten des Glaubens zu umarmen, und was sie da umarmt, ist mehr sein Schatten als sein Leib. Was wird sie tun? Wohin wird sie sich wenden? Nichts, nichts bleibt ihr übrig, als unaufhörlich mit der Geliebten zu schreien: Revertere, Revertere! Kehre um, o mein Geliebter, kehre um. Ach, ich sah dich ja nur einen Augenblick. Kehr um, kehr wieder um. Dass ich nur noch einmal deine Füße küsse. Aber Jesus kehrt nicht um: er ist taub für die verzweifelten Klagerufe einer Liebenden von solcher Leidenschaft.

Das Revertere der Geliebten ist das wahre Hohelied der Kirche, so wie jenes: »Komm, tritt heran, zeige dich, brich durch die Wolken« das Hohelied der Synagoge ist. Die hat ihn noch nicht zu Gesicht bekommen; aber die Kirche hat ihn gesehen, hat ihn gehört, hat ihn angerührt, und plötzlich war er verschwunden. Sie hatte alles verlassen um seinetwillen. »Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolget«, sagt der Apostel Sankt Petrus. Danach hatte Jesus sich ihr vermählt, und sie brachte ihm als Heiratsgut ihre Armut und ihre Dürftigkeit. Gleich nach der Hochzeit stirbt er; und wenn er aufersteht, geschieht es nur, um dorthin zurückzukehren, woher er kam. Als eine trostlose junge Witwe hinterlässt er seine ehrliche Eheliebste, unversorgt. Was soll sie anderes beginnen als unaufhörlich schreien: Revertere, Revertere. Komm zurück, mein Gottgemahl, komm; beeile deine Wiederkunft, die du versprochen hast. Diesem zweiten Erscheinen Jesu Christi brennen alle Eingeweide der Geliebten entgegen, aber die Wartezeit auf dieses Wiedersehn ist ein einziger Schmerz.

Das ist der Zustand der Kirche, auf den jenes Wort des heiligen Liedes passt: »Die Turteltaube lässet sich hören in unserem Lande.« Denn vor der Kunft Jesu Christi war eine Stimme zu hören, in der Sehnsucht war und Beklagung über sein Zögern; nach seiner Himmelfahrt aber kam eine andere Stimme auf, ein anderer Seufzer, ein anderes Stöhnen. Das Stöhnen der Kirche, die ihres Gemahls beraubt ist, den sie nur einen Augenblick besessen hat; die Stimme der Turteltaube, die ihren Paarigen verloren hat und nun nichts mehr findet auf der Erde und sich flüchtet in Einöden und gemiedene Orte, in denen ihr Klageschrei seine Freiheit hat.

Nicht anders ist das Leben Magdalenens, Tränen sind ihre einzige Nahrung; sie lebt nur vom Seufzen. Der heilige Freund muss außerordentliches Gefallen daran finden, seine Freundin leiden zu machen. Alle die Jahrhunderte bis zu seinem Kommen waren bitter von Klagen über sein Ausbleiben, und nun werden alle Jahrhunderte nach seiner Kunft unter noch weheren Klagen vergehen, dass er so zeitig entschwand. Einen Augenblick nur hat er sich gezeigt und auch da noch unter so viel Vorsicht und Verbergung, dass kaum zu erkennen war, wer er sei. Wir sahen ihn, sagt Jesaias, aber er war nicht kenntlich, und wir haben auf ihn gewartet in seiner Gegenwart. »Vidimus eum, et non erat aspectus, et desideravimus eum.« Warum dieses ganze Geheimnis, als weil er vor allem Wohlgefallen hat am Ruf und Geseufz klagender Liebe? Es ist in der Tat die Absicht dieses heiligen Gemahls, uns beständig in Erwartung zu halten, in einer Erwartung, die stöhnt und sehnlich nach ihm verlangt. Er hat einen einzigen Trost für uns, mit dem er uns hinhält: Noch eine Weile, noch eine Weile. »Noch ein kleines«, sprach er zur Synagoge, »und ich werde Himmel und Erde bewegen und es wird kommen der Ersehnte der Völker.« Und zur Kirche sagt er: »Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen: und aber über ein kleines, so werdet ihr mich sehen.« Dieses Wort ist voll Milde und doch, wenn man zusieht, ist es ein grausames Wort. Weißt du, zu wem du sprichst, Jesus Christus? Machst du dir klar, dass du zu Herzen sprichst, die in Liebe stehn? Du rechnest, als ob das nichts wäre, mit Jahrhunderten der Entbehrung, und doch werden dem, der dich wirklich liebt, Momente zu Ewigkeiten. Denn du bist die Ewigkeit selbst, und wer vermag noch, nach Augenblicken zu rechnen, wenn er weiß, dass er in jedem Augenblick die ganze Ewigkeit verliert. Und trotzdem sagst du: Noch eine Weile. Das ist wahrlich kein Trost. Das ist eher ein Hohn gegen die Liebe. Das heißt ihrer Leiden spotten und ein Spiel treiben mit ihrem Nichtmehrwartenkönnen und der äußersten Qual ihres unhaltbaren Zustands.

Ist es zu verwundern, dass die Liebe, da sie selbst noch im Liebtun des Gemahls auf Abweisung stößt, in eine Art von Wahnsinn verfällt? Dass sie alle Gesellschaft flieht; dass sie abgelegene Orte aufsucht und sich dort gefällt im Anschauen von Gegenständen, die etwas Schreckliches und Böses an sich haben, weil sie in ihnen gleichsam die furchtbaren Abbilder der Verheerung erkennt, die das Entbehren des Ersehnten in ihr anrichtet. Was anderes als dies hat Magdalena in die Schrecken jener gespenstischen Wüste getrieben und in die lautlose Furchtbarkeit der zwielichtigen Höhlen, in denen sie ihr Herz der Wut ihrer verlassenen und aufgegebenen Liebe vorwarf?

In diesem heiligen Liede ist so recht zu merken, dass die Liebe Land und Einsamkeit liebt, weil sie dort irgendwie freier ist; das Getriebe der Geselligkeit, ja schon der Anblick der Menschen betäubt sie und lenkt sie ab. Deshalb sieht man auch den Freund und die Freundin des Hohenlieds nur Gärten atmen, die verschlossen sind, Wälder, in die keiner kommt, und das Grünen der Änger, darauf die Herden weiden unter Blumen und Gräsern. »Komm, mein Lieber«, sagt die Geliebte, »lass uns aufs Land hinausgehen und draußen bleiben. Früh wollen wir aufstehen zu den Weinbergen und sehen, ob der Weinstock schon blühe, ob die Orangen aufgeblüht sind; ob die Blüten unserer Bäume knoten und uns Frucht versprechen.« Da ist unter diesen Worten keines, das nicht des Alleinseins Luft atmete und die Seligkeit ländlichen Daseins. Was es nun auch sei: ob die Liebe, in ihrem Freiheitsgefühl, die offene Landschaft liebt, weil sie dort größer hinausträumen und ihr stürmisches Verlangen glücklicher ausstrahlen kann; ob sie, lärmabgewandt, im Drang, zu sich selbst zu kommen, die entlegenen Orte aufsucht, die mit ihrer Stille und Einsamkeit ihr immer tätiges Nichtstun unterhalten; ob sonst irgendein Grund sie antreibt, die Ländlichkeit zu lieben –, soviel ist sicher: sie ist entzückt von ihr. Aber es giebt vor allem eine gewisse Liebe, die das Herz mit Wonne erfüllt: ich meine die Liebe, die gerade anfängt. Sie ganz besonders liebt die Gärten, die Blumen, die gepflegten und gefälligen Ländereien, die, wenn ich mich so ausdrücken darf, durch ihr lachendes Gesicht an ihrer Freude mitwirken. Genau das Gegenteil ist jene andere Liebe, die außer sich ist und verzweifelt und zum Äußersten getrieben durch die Trennungen und Entbehrungen, durch die verächtliche Schmähung des Geliebten und durch ihre eigene Heftigkeit. Diese Liebe verlangt es nach den grauenvollen Orten, in denen sie, wie ich schon sagte, ihre trostlose Lage deutlich dargestellt sieht. So ruft an einer Stelle der Gemahl des Hohenliedes die Geliebte nicht mehr aus Gärten und Wiesen zu sich, sondern aus der Mitte der Felsberge und aus schrecklichen Einöden. »Steh auf«, ruft er, »meine Freundin, meine Schöne, meine Wildtaube, komm aus den Steinritzen, komm aus der Tiefe der Felslöcher,« und an einer anderen Stelle: »Komm, meine Braut, vom Libanon, komm von dem Gipfel der Gebirge und von dem Rand der Abgründe; steig aus den Wohnungen der Löwen; steh auf von den Lagern der Raubtiere.« Solche Plätze sind die Zuflucht einer misshandelten Liebenden in ihrer Trostlosigkeit. Da erkennt sie in allem das Bild ihres verlorenen Herzens, in das Raserei und Verzweiflung sich wie wilde reißende Tiere teilen. In diesem Zustand wird alles zu Grauen und Entsetzen; sogar die Tröstungen reizen sie nur und bringen sie nicht mehr ins Unglück; denn alles, was nicht der Geliebte selbst ist, wird zu einer neuen Last und ist nicht zu ertragen.

Ich denke, das war ungefähr der Zustand Maria Magdalenens. Immer sah sie Jesum Christum im Todesandrang des Kreuzes; ihr Gehör, nein, der Boden ihrer Seele blieb durchbohrt von jenem letzten Schrei ihres versterbenden Gemahls, dem wahrhaft schrecklichen Schrei, der einem das Herz ausreißen konnte. Und immer wieder klang in ihr das tödliche Wort, das ein liebendes Herz nicht aushält: Rühr mich nicht an. Das waren schon kaum Seufzer mehr, das war ein Brüllen, was ihre heimgesuchte Liebe ausstieß, und Jesus, unerbittlich, ließ sie in ihrer Vereinsamung, ohne die Unterstützung seiner Sakramente, ohne die Gemeinschaft an seinem Geheiligten Leib, ohne jeden Zuspruch von seiten der Apostel, die seine Vertreter waren auf Erden, ja ohne den Anblick seiner heiligen Mutter, von der man doch meinen könnte, er habe sie nach sich noch weiter auf der Welt gelassen, damit sie seine verwitwete Angetraute tröste in der ersten Mühsal ihres noch neuen Kummers. Was sagst du jetzt, Magdalena, zu Jesu, deinem Liebsten? Beklagst du dich bei ihm, dass er dich betrogen hat? Nein, nein: er betrügt uns nicht; oder, wenn er uns betrügt, so ist das eine ganz eigene Art von Betrug. Denn er knüpft uns inniger an sich, gerade in der Zeit, da alle unsere Sinne nichts wahrnehmen als Entfernung und Scheidung. Wahrscheinlich muss die Liebe, solange diese Pilgerschaft dauert, so behandelt sein. Es ist nötig, dass sie sich nähre vom Glauben; dass sie lebe vom Hoffen; dass sie heranwachse unter dem tödlichsten Im-Stich-Gelassensein, unter den tödlichsten Entziehungen; denn sie soll ja nicht allein sterben, sie soll zugrunde gehen als Martyrer Jesu Christi; ihre eigenen Gluten sollen Martyrium sein und der Geliebte selbst ihr Tyrann.

Schlagen wir das heilige Lied auf; lesen wir darin das Myster der Liebe: Wir sehen: die Geliebte seufzt immer, sie sehnt sich immer; sie schwindet fortwährend hin, sie vergeht. Es gibt fast keinen Augenblick des Genießens für sie. Immer: Komm. Immer: Kehr um. Sie sagt fast immer: Ich hab ihn gesucht, ich hab ihn gehalten, ein einziges Mal. Und nie: Ich halte ihn fest, ich besitze ihn. Er kommt wie in Sprüngen, wie ein Reh, wie ein junger Hirsch. Er ist da, er spricht, er entflieht. Er blickt herein, aber durch die Fenster. Er zeigt sich, aber hinter dem Gitter. Er findet die Freundin schlafend und will nicht, dass man sie wecke, aus Furcht, sie könnte zu sehr seine Gegenwart fühlen. Sie hat ihn gehalten, sagt sie, und sie beteuert, dass sie ihn niemals lassen will; aber da ist er schon fort. Er kommt zurück, er pocht an die Tür, er drängt, dass man ihm öffne; sie zögert eine Kleinigkeit; er streckt die Hand durch einen Spalt; er reicht etwas herein, eine Gabe, eine Gnade: und dieses Anrühren geht der Geliebten bis ins Eingeweide. Außer sich springt sie auf und läuft die Türe aufschließen: Der Geliebte ist schon seines Weges. Sie sieht sich um, es ist nichts mehr zu sehen: sie sucht und kann nichts finden; sie schreit, sie ruft, nichts antwortet. Untröstlich über seine Flucht, läuft sie nach. Die Wachen, die die Runde machen um die Stadt, finden sie, völlig von Sinnen; sie schlagen sie; sie verwunden sie. Die Hirten der Kirche haben nichts als Tadel für ihre Langsamkeit, dass sie nicht rasch genug hinter dem hergewesen sei, den man nur erreicht, wenn man sich eilt. Ihre Vorwürfe tun ihr weh in ihrem Herzen; aber das alles giebt ihr den Geliebten nicht wieder, und schließlich bleibt ihr kein Mittel, als Jerusalems Töchter – liebende Seelen wie sie selbst – zu beschwören, sie möchten doch wenigstens, wenn ihr Liebster ihnen begegnete, ihm erzählen, dass sie sie gesehen hätten elend und krank vor Liebe. So schnell geht der Geliebte vorbei!

Von solcher Beschaffenheit ist die Liebe derer, die unterwegs sind; Gott teilt sich in ihr nur mit, indem er sich verbirgt; nicht um zu stillen, sondern um die Liebe zu reizen. Denn, solange diese Verbannung dauert, ist er niemals gegenwärtiger, als wenn er sich so weit zu entfernen scheint, dass man ihn aus dem Gesicht verliert, und nie ist seine Herrlichkeit stärker über uns, als wenn er sie nimmt und vernichtet, bis wir sie nicht mehr sehen. So hat auch die erlauchte Geliebte endlich an Erfahrungen verstanden, dass es Gott gefällt, sich zu geben, indem er sich entzieht, dass seine Fluchtversuche Lockungen sind, sein Wartenlassen eine Art Ungeduld, seine Absagen Geschenke und seine Härten Zärtlichkeiten; sie hat eingesehen, dass sie ihn nie besser besaß, als da sie meinte, ihn zu verlieren; ihre Prüfungen haben sie eingeweiht in das Myster dieser Liebe im Exil, so dass sie schließlich erschöpft vom vielen Rufen, die Ausbrüche ihres Liedes wieder aufnimmt mit den Worten: »Fliehe, mein Geliebter, fuge, dilecte mi.« Nun will sie, dass er fliehe mit derselben Hurtigkeit, die sie früher seinem Kommen gewünscht hat. »Kehr um, mein Freund«, hieß es einst, »wie ein Reh und wie ein junger Hirsch.« Und jetzt heißt es: »Fliehe, mein Geliebter, wie ein Reh und wie ein junger Hirsch.« Welch wunderliches, unbegreifliches Benehmen der Geliebten! Erst mit so viel Glut zu rufen: Kehr um, mein Freund, und dann plötzlich zu sagen: Fliehe, mein Geliebter, und seinen Füßen die Schnelligkeit von Rehen und Hirschen zu wünschen, um seine Flucht recht zu beschleunigen, ja zu übertreiben. Soll das Unbeständigkeit sein oder Ekel oder der Ausdruck verliebten Verdrusses? Nichts von alledem. Das ist eine von den wunderbaren Wirkungen des Liebesmysters. Sie erkennt, dass ihr Gemahl sich während dieses Lebens giebt, indem er flieht, indem er sich verbirgt, indem er sich geheimhält. So drängt sie ihn endlich, zu fliehen, und das Wunderbarste ist, dass sie es tut zu einer Zeit, da er zärtlichere Liebkosungen für sie hat als je vorher. »O du«, ruft er, »die du wohnst in den Gärten, unter den Blumen, in dem guten Geruch, bei den Früchten und zwischen den Wonnen der heiligen göttlichen Liebe, sieh, unsere Freunde merken auf, die ganze Natur wartet in Stille: Lass, lass deine Stimme mich hören: quae habitas in hortis, fac me audire vocem tuam.« Offenbar liegt ihm daran, irgendein süßes Wort zu vernehmen, und da bekommt er zur Antwort, alles in allem: Fliehe, mein Liebster, wie ein Hirsch so schnell. Nun liebt sie ihre Entbehrungen mehr, als seine Gaben und Günste. Und so sagt sie: Fliehe. Und damit endet das Hohelied. Denn hierin liegt die Erfüllung aller Geheimnisse der heiligen Liebe. Die Gluten alle und alle die Hingerissenheiten gehen aus in dem Verlangen, alles zu verlieren. Magdalena, du wirst die Füße Jesu besitzen und umarmen am Anfang deiner Liebe. Sowie es aber darauf ankommt, sie zu vollenden, wird Jesus zu dir sprechen: Rühre mich nicht mehr an. Dies ist der Verlauf, dies sind die Wendungen, dies ist die harte Herrschaft der göttlichen Liebe in dieser Zeit des Elends, der Verbannung und der Knechtschaft. Kommen wird der ewige Tag, da uns wird gegeben sein, zu sehen, zu lieben, zu genießen und zu leben in der Fülle der Zeiten.“

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