Fragment: «Entwurf — Über die Gegenliebe Gottes»

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lilaloufan
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Fragment: «Entwurf — Über die Gegenliebe Gottes»

Beitrag von lilaloufan » 8. Okt 2017, 17:43

Aus April 1913 stammt das folgende – selten zitierte und daher fast unbekannte – Fragment Rilkes: „Entwurf – Über die Gegenliebe Gottes“, verfasst in Paris:

Es widerstrebt mir [ich will es gleich sagen], die Liebe zu Gott für ein besonders abgegrenztes Handeln des menschlichen Herzens zu halten; ich vermute vielmehr, dass dieses Herz jedes Mal dort, wo es sich selbst überrascht, über den bisher äußersten Kreis seiner Leistung nach allen Seiten einen neuen weiteren Kreis hinaustreibend, – dass dieses Herz bei jedem seiner Fortschritte seinen Gegenstand durchbricht oder einfach verliert und dann unendlich hinausliebt. Wer sich einen Begriff machen wollte von den Liebeseinkünften Gottes, würde eine erschreckend geringe Summe aufstellen, wenn er davon absähe, diese schlechthin ausströmenden, gleichsam herrenlosen Gefühlswerte hinzuzuschlagen. Denn nicht nur dass in unseren Tagen die unmittelbare Gotteszuwendung sich verringert hat, es mochte von ihr immer alles das abzuziehen sein, was die menschliche Anstrengung zu Gott an Trübem und Fühllosem in das Bett des Gebets mit hinüberreißt. Man sehe in irgendeinem Heiligenleben nach [etwa bei der seligen ANGELA VON FOLIGNO], welcher Abhärtung es bedarf, um von der Süßigkeit des eigenen Wesens nicht verführt zu sein und von seiner Herbheit nicht zerrissen. Welche dürftige und immer-übende Mühe dazu gehört, die Leitung zu Gott dort anzuschließen, wo die Quellen des Herzens ausspringen, und wie viel daran liegt, diesen Anschluss so rasch zu erreichen, dass man unerschöpft und unabgestanden in ihn hinüberstürzt.

Es wird besser sein, das Wort Glauben so, wie es sich in uns verbildet hat, zunächst nicht anzuwenden, um die arglose Gottesnähe nicht von Anfang an zu erschrecken. Dieses Wort hat einen Nebensinn von Zwang, von Anstrengung angenommen, dass man fast nur noch die langen Mühen einer Bekehrung darin erkennt und vergisst, dass Glaube nur eine leise Färbung der Liebe ist auf derjenigen Seite, mit der sie sich dem Unsichtbaren zukehrt. Ich begreife immer weniger, was eigentlich uns in der Liebe zu Gott aufhält und irre macht. Eine Zeit lang konnte man denken, dass es die Unsichtbarkeit sei, – aber gehen nicht seither alle unsere Erfahrungen dahin, dass die Gegenwart eines geliebten Gegenstands zwar für den Beginn der Liebe hilfreich ist, ihrem späteren Großsein aber Kummer und Abbruch tut? Und stimmen nicht mit diesen Erfahrungen die Schicksale aller Liebenden überein, wie man sie uns überliefert hat? Ist es möglich, in den Briefen der großen Verlassenen länger den unbewussten Jubel zu übersehen, der im Klang ihrer Klagen ist, sooft ihnen zum Bewusstsein kommt, dass ihr Gefühl auch den Geliebten nicht mehr vor sich hat, sondern nur seine eigne schwindelnde, seine selige Bahn? Wie man bei der Erziehung eines Pferdes gelegentlich wohl noch zum Zucker greift, solange, bis dieser ausdrückliche Anlass nicht mehr nötig ist, um die reine Leistung hervorzurufen, so wird uns lange noch, uns schwer Lernenden, ein liebes Gesicht gezeigt; aber die eigentliche Handlung unserer Liebe beginnt erst, wenn wir dieser Aufforderung nicht mehr bedürfen, um mit dem ganzen Herzen in eine Liebe auszubrechen, der der Wink einer Richtung genügt. Oder es müsste unsere Liebe das Element nicht sein, wenn sie nicht unter den Elementen des Raums im bloßen Hinstürzen zu sich käme. Wäre sie ein verwöhnter Hunger, so entstände sie erst über dem Gericht. Aber sie ist der Hunger derer, die man niemals gesättigt hat, ein Hunger so eingefleischt, dass er nicht mehr nach dem Brote schreit, sondern schreit vom Brot.

Frage sich doch jeder, ob er nicht in einer Zeit, da er liebte, die Versuchung empfand, sein an einem Wesen übermäßig wirkendes Gefühl in größere Verhältnisse zu bringen, zu anderen Übermaßen? Wen hat es nicht ungeduldig gemacht, die Strahlen seines Herzens gleich vor sich gebrochen zu sehen und in ein anderes Leben verwirkt? Wer hat nicht dieses andere Leben getrübt und mit Verwirrung erfüllt, indem er plötzlich ein seiniges Gefühl, das schon drin aufgegangen war, nochmals zu sehen begehrte und begehrte, es dort, wo es abgerissen war, wieder an sich zu halten. Dieses bringt zwischen den Menschen das meiste Entsetzen hervor, dass keiner die Liebe mehr sehen kann, die er gestern vollbracht hat; jeder neue Antrieb stürzt unter ihm weg und, aufwachend, sieht er den anderen, wo er Not hätte, sich selbst zu sehen. Wer aber zu Gott die Liebe versucht, dem ist kein Wert seines Herzens entwunden, der kommt und sieht alles, was er getan hat, und hebt in lautloser Klarheit auf sein gestern gefügtes, höher, sein nächstes Gefühl.


l.
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Re: Fragment: «Entwurf — Über die Gegenliebe Gottes»

Beitrag von vivic » 13. Okt 2017, 19:18

Wie schoen dass es wieder ein Forum gibt. Es freut mich, endlich wieder die Stimme Lilaloufan's mit den Augen zu "hoeren."

Mit Rilke's Ansichten ueber Liebe habe ich oft Schwierigkeiten. Zum Beispiel:

>>gehen nicht seither alle unsere Erfahrungen dahin, dass die Gegenwart eines geliebten Gegenstands zwar für den Beginn der Liebe hilfreich ist, ihrem späteren Großsein aber Kummer und Abbruch tut?<<

Das koennte wahr sein fuer alle RILKE's Erfahrungen, nicht aber fuer die Erfahrungen eines Menschen, der einmal eine richtige Ehe genossen hat und heute noch geniesst.

-Vivic
Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert Stellen ist es noch Ursprung.

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lilaloufan
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Re: Fragment: «Entwurf — Über die Gegenliebe Gottes»

Beitrag von lilaloufan » 17. Okt 2017, 10:31

Lieber vivic,
im Thema 5479 habe ich eisige Sprachlosigkeit erlebt und bin daran hier verstummt; ich habe das in Posting 17026 ja wohl auch deutlich gesagt, nachdem ausgerechnet Hans Magnus Enzensberger als Belastungszeuge wider mich aufgerufen wurde.
Dir zuliebe nun noch ein Wort:
Rilkes An-sichten über Liebe waren in summa Ein-sichten hinsichtlich der „schweren Arbeit“ ihrer Wandlungen. Was wir in langwährenden Lieben erleben und genießen können, wird wohl diese schwere Arbeit sein, denn ohne erneuernde Wandlungen wär’s nicht Liebe, sondern leere Konvention, mindestens öde Lebensroutine, halbherzig pflichtschuldige Treue — Lebenslüge. In dem genannten – resonanzlos verhallten – Gesprächswunsch 5479 ging es übrigens um die Frage nach demjenigen, was uns zu jener wirklich liebenden Verwandlung und Selbstverwandlung begaben kann, wenn wir uns dafür aktiv öffnen. Liebe in dessen Licht überwindet den Tod.
Ein Beispiel für die todbesiegende Wirkung solcher Liebe: Aus der Agonie der Phrase am Beginn des ⅩⅩ. Jahrhunderts wird Rilkes lebendige Sprachkunst geboren. (Wohl auch deshalb konnte die phrasenhaft sich gegen den wahren Zeitgeist aufbäumende Propaganda der Nazis Rilkes Werk nicht für ihre Ideologie vereinnahmen; ebenso den Jesuiten wird das niemals möglich werden.)

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Re: Fragment: «Entwurf — Über die Gegenliebe Gottes»

Beitrag von vivic » 18. Okt 2017, 21:11

>>Was wir in langwährenden Lieben erleben und genießen können, wird wohl diese schwere Arbeit sein, denn ohne erneuernde Wandlungen wär’s nicht Liebe<<
Ja, da komme ich mit. Meine Frau und ich, jetzt 42 Jahre zusammen, habe auch an der Ehe arbeiten muessen, und die Wandlungen haben uns oft ueberrascht. Vor einem Jahr habe ich mich beim Bergsteigen schwer verletzt; meine Frau musste mich fuer sechs Monaten bedienen und hat es getan ohne sich jemals zu beklagen oder verstimmen. Was sie mir dabei gezeigt hat war ein unvergessliches Beispiel, ein Ziel fuer mich; ich musste selber "mein Leben aendern." Unser Verhaeltnis geht immer zu einem hoeheren Niveau. Aber es braucht alles eben auch ein Bisschen Zeit; es braucht auch Geduld; man muss auch die taegliche Routine lieben koennen, und nicht sofort fluechtigen, wie der liebe Rilke es scheinbar getan.

Vivic
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