Notizen zur Melodie der Dinge

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stilz
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Notizen zur Melodie der Dinge

Beitrag von stilz » 11. Jan 2018, 16:16

Vor einiger Zeit haben wir entdeckt, daß der wunderbare Text Notizen zur Melodie der Dinge hier im Netz zu finden ist.
Hat jemand vielleicht das Buch zur Hand?
Es handelt sich um den 5. Band der Sämtlichen Werke in 6 Bänden, Wiesbaden und Frankfurt a.M. 1955–1966, S. 412-426.
Mich würde sehr interessieren, ob Rilke alle „Paragraphen“ zentriert, oder, wie bei zeno, nur die ersten beiden, oder vielleicht gar keine.

Herzlichen Gruß,
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

helle
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Re: Notizen zur Melodie der Dinge

Beitrag von helle » 12. Jan 2018, 09:53

Liebe Stilz,

"zeno" folgt den "Sämtlichen Werken", nur Str. 1 u. 2 sind zentriert.

Viele Grüße, helle

stilz
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Re: Notizen zur Melodie der Dinge

Beitrag von stilz » 12. Jan 2018, 10:17

Lieber helle,

danke!
Das ging ja schnell.

Ich finde das sehr interessant.
Auch deshalb, weil die nächsten drei "Strophen" oder "Paragraphen" offenbar fixe Zeilenumbrüche haben, die folgenden scheinen dann "Prosatexte" mit zufälligen Zeilenumbrüchen zu sein, dann gibt es wieder kürzere Zeilen...
Ich wollte mir das noch nicht näher anschauen, ohne sicher zu sein, daß es im Original tatsächlich so aussieht (manchmal gibt's im Netz ja die merkwürdigsten Formatierungen), und ich komme in nächster Zeit nicht in die Bücherei.
Aber jetzt bin ich gespannt, ob ich einen "inneren Grund" für diese unterschiedlichen Zeilenumbrüche entdecken kann (es wird doch nicht etwa einfach unterschiedliches Papierformat sein?).

Danke jedenfalls!
Herzlich,
stilz
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arme
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Re: Notizen zur Melodie der Dinge

Beitrag von arme » 7. Sep 2018, 11:11

Guten Tag, alle! Wieder Höst und zurück zu Übersetzungsproblemen, wenn jemand Zeit und Lust hätte: In Notizen zur Melodie der Dinge habe ich einige:

1) Was kann hier ”unbescheidenere Liebe” bedeuten?
2) Was alles inbegreift hier ”der Sinn”?: ”den Sinn und das Insiegel desselben Fürsten”
3) Was kann ”segnende Sehnsüchte” bedeuten?
4) Und: ”Sie dulden keine Stunde um sich.”
5) ”durch welchen sie die Fäden ihrer Fabeln ziehen.”
6) Es fehlt hier wohl das Verb: "Je ausdrücklicher ich meine allseitiger Stilisierung…"
7) "Hinter einer ernsten Erfahrung"
8) "Das ist schon Glückes genug."
9) ”Raum zu Recht”. Ich habe interpretiert: dass der Mensch einen gewissen Raum in der Melodie hat und Recht dazu teilzunehmen. Das habt ihr schon hier diskutiert, aber ich frage es noch einmal.
10) "So vor sich hin."

Wäre dankbar für Antworten.
Mit besten Grüssen arme

stilz
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Re: Notizen zur Melodie der Dinge

Beitrag von stilz » 13. Sep 2018, 15:15

Liebe arme,

wie schön, daß Du jetzt die "Melodie der Dinge" übersetzt!

Ich versuche mal einige Antworten:

1) Was kann hier ”unbescheidenere Liebe” bedeuten? (Absatz VIII)
In Absatz VII heißt es:
]…] da sich ein Mensch vor dir still und klar abhebt von seiner Herrlichkeit. […] Du liebst diesen Menschen fortan. Das heißt du bist bemüht die Umrisse seiner Persönlichkeit, wie du sie in jener Stunde erkannt hast, nachzuzeichnen mit deinen zärtlichen Händen.
Die hier geschilderte (menschliche) Liebe gilt also jeweils einem Einzelnen, der sich abhebt.
In nächsten Absatz (VIII) wird die Kunst mit der Liebe Gottes verglichen, die sich nicht damit bescheidet, bei dem Einzelnen stehen [zu] bleiben --- und also insofern unbescheidener ist als die Liebe eines Menschen zu einem einzelnen anderen Menschen.

4) Und: ”Sie dulden keine Stunde um sich.” (Absatz XX)
Das bezieht sich auf die zuvor geschilderte gemeinsame Stunde - den mehreren Menschen gemeinsamen Hintergrund, in dem sich die Brücken zu einander finden, und ohne den mehrere Menschen, die zusammenkommen, noch nicht beisammen sein können.
Aber nicht alle Menschen hören die mächtige Melodie des Hintergrundes - viele sind gewissermaßen so sehr mit Vordergründigem beschäftigt, daß sie keine Zeit zu haben meinen für diese Melodie, keine (gemeinsame) Stunde um sich dulden --- und daher auch die Brücken nicht finden können, die sie mit anderen verbinden würden. Sie haben den Sinn des Daseins verloren.

Das bringt mich zu Deiner zweiten Frage:
2) Was alles inbegreift hier ”der Sinn”?: ”den Sinn und das Insiegel desselben Fürsten”
In früheren Zeiten mag wohl die Zugehörigkeit zu ein- und demselben Fürstentum einen solchen Hintergrund gebildet haben, ein selbstverständliches Gemeinsames, das Menschen miteinander verband.
(Dafür fällt mir ein lustiges Beispiel ein - Mozarts "Bandelterzett": Ein junges Paar, natürlich Sopran und Tenor, sucht das "Bandel" - da kommt der Baß dazu und fragt, ob er behilflich sein kann. Sie scheuchen den Fremden zunächst fort - aber als er sagt: "Schaut's, i wett, i kann Euch dienen, denn i bin a geborner Wiener", sind sie begeistert: "Unser Landsmann! Ja, dem muß man nichts verhehlen, sondern alles treu erzählen..." :-) und so kann das Bandel schließlich zu seiner Besitzerin zurückfinden.)
Heutzutage ist das freilich nicht mehr so einfach, und wir müssen den gemeinsamen Hintergrund (für den der "Sinn und das Insiegel desselben Fürsten" hier als Metapher dienen) jedesmal von neuem suchen...

Soviel für jetzt.

Nur noch eines:
6) Es fehlt hier wohl das Verb: "Je ausdrücklicher ich meine allseitiger Stilisierung…"
Das ist wirklich ein schwieriger Satz:

Je nach ausdrücklicher ich meine allseitiger Stilisierung oder vorsichtiger Andeutung derselben, findet der Chor auf der Szene selbst seinen Raum und wirkt dann auch durch seine wachsame Gegenwart, oder sein[422] Anteil beschränkt sich auf die Stimme, die, breit und unpersönlich, aus dem Brauen der gemeinsamen Stunde steigt.

Ich glaube allerdings nicht, daß ein Verbum fehlt; ein Komma und ein Doppelpunkt würden es für mich schon verständlich machen:

Je nach ausdrücklicher, ich meine: allseitiger Stilisierung oder vorsichtiger Andeutung derselben, findet der Chor auf der Szene selbst seinen Raum[…], oder sein Anteil beschränkt sich auf die Stimme [aus dem Hintergrund].

(Ich beziehe mich auf die im Eingangspost verlinkte Version des Textes --- leider habe ich ihn noch immer nicht in Buchform vor mir. Vielleicht gibt es ja dort erhellende Satzzeichen?)

Fortsetzung folgt - oder vielleicht mag ein anderer Mitleser gern noch mehr zu Deinen Fragen sagen?

Herzlichen Gruß!
stilz
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arme
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Re: Notizen zur Melodie der Dinge

Beitrag von arme » 14. Sep 2018, 10:31

Danke sehr, liebe stilz!

1) 1) Was kann hier ”unbescheidenere Liebe” bedeuten? (Absatz VIII)
In Absatz VII heißt es:
]…] da sich ein Mensch vor dir still und klar abhebt von seiner Herrlichkeit. […] Du liebst diesen Menschen fortan. Das heißt du bist bemüht die Umrisse seiner Persönlichkeit, wie du sie in jener Stunde erkannt hast, nachzuzeichnen mit deinen zärtlichen Händen.
Die hier geschilderte (menschliche) Liebe gilt also jeweils einem Einzelnen, der sich abhebt.
In nächsten Absatz (VIII) wird die Kunst mit der Liebe Gottes verglichen, die sich nicht damit bescheidet, bei dem Einzelnen stehen [zu] bleiben --- und also insofern unbescheidener ist als die Liebe eines Menschen zu einem einzelnen anderen Menschen.

Ja, das scheint mir jetzt klar, wenn du es erklärst. Man muβ den Text immer wieder lesen, bis man alle Teile in Beziehung zu einander setzen kann.

4) Und: ”Sie dulden keine Stunde um sich.” (Absatz XX)
Das bezieht sich auf die zuvor geschilderte gemeinsame Stunde - den mehreren Menschen gemeinsamen Hintergrund, in dem sich die Brücken zu einander finden, und ohne den mehrere Menschen, die zusammenkommen, noch nicht beisammen sein können.
Aber nicht alle Menschen hören die mächtige Melodie des Hintergrundes - viele sind gewissermaßen so sehr mit Vordergründigem beschäftigt, daß sie keine Zeit zu haben meinen für diese Melodie, keine (gemeinsame) Stunde um sich dulden --- und daher auch die Brücken nicht finden können, die sie mit anderen verbinden würden. Sie haben den Sinn des Daseins verloren.

Dieses ist auch jetzt klar und auch "der Sinn". Und dein Beispiel war gut. Ich habe auch schon manche gefunden. Der Hintergrund und die Brücken öffnen so viele Anwendungen.

Und:
Je nach ausdrücklicher, ich meine: allseitiger Stilisierung oder vorsichtiger Andeutung derselben, findet der Chor auf der Szene selbst seinen Raum[…], oder sein Anteil beschränkt sich auf die Stimme [aus dem Hintergrund].

So klar muβ es ja so sein!

Herzlichst, Arja

arme
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Re: Notizen zur Melodie der Dinge

Beitrag von arme » 14. Sep 2018, 10:31

Danke sehr, liebe stilz!

1) 1) Was kann hier ”unbescheidenere Liebe” bedeuten? (Absatz VIII)
In Absatz VII heißt es:
]…] da sich ein Mensch vor dir still und klar abhebt von seiner Herrlichkeit. […] Du liebst diesen Menschen fortan. Das heißt du bist bemüht die Umrisse seiner Persönlichkeit, wie du sie in jener Stunde erkannt hast, nachzuzeichnen mit deinen zärtlichen Händen.
Die hier geschilderte (menschliche) Liebe gilt also jeweils einem Einzelnen, der sich abhebt.
In nächsten Absatz (VIII) wird die Kunst mit der Liebe Gottes verglichen, die sich nicht damit bescheidet, bei dem Einzelnen stehen [zu] bleiben --- und also insofern unbescheidener ist als die Liebe eines Menschen zu einem einzelnen anderen Menschen.

Ja, das scheint mir jetzt klar, wenn du es erklärst. Man muβ den Text immer wieder lesen, bis man alle Teile in Beziehung zu einander setzen kann.

4) Und: ”Sie dulden keine Stunde um sich.” (Absatz XX)
Das bezieht sich auf die zuvor geschilderte gemeinsame Stunde - den mehreren Menschen gemeinsamen Hintergrund, in dem sich die Brücken zu einander finden, und ohne den mehrere Menschen, die zusammenkommen, noch nicht beisammen sein können.
Aber nicht alle Menschen hören die mächtige Melodie des Hintergrundes - viele sind gewissermaßen so sehr mit Vordergründigem beschäftigt, daß sie keine Zeit zu haben meinen für diese Melodie, keine (gemeinsame) Stunde um sich dulden --- und daher auch die Brücken nicht finden können, die sie mit anderen verbinden würden. Sie haben den Sinn des Daseins verloren.

Dieses ist auch jetzt klar und auch "der Sinn". Und dein Beispiel war gut. Ich habe auch schon manche gefunden. Der Hintergrund und die Brücken öffnen so viele Anwendungen.

Und:
Je nach ausdrücklicher, ich meine: allseitiger Stilisierung oder vorsichtiger Andeutung derselben, findet der Chor auf der Szene selbst seinen Raum[…], oder sein Anteil beschränkt sich auf die Stimme [aus dem Hintergrund].

So klar muβ es ja so sein!

Herzlichst, Arja

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