Rilkes Verhältnis zu Steiner

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lilaloufan
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Rilkes Verhältnis zu Steiner

Beitrag von lilaloufan » 18. Apr 2006, 20:48

Hallo in die Runde,

mich beschäftigt etwas: Nach der kommentierten Herausgabe von Rilkes Aufsatz über den «Wert des Monologes» durch Rudolf Steiner, der ja mit Lou Andreas-Salomé und Paul Rée und anderen Rilke-Vertrauten verkehrte und korrespondierte, schreibt Rilke den folgenden Brief:

„Sehr verehrter Herr Doktor,

Ihre Bemerkungen zu «Der Wert des Monologes» sind treffend. Sie beschäftigen mich. Gewähren Sie mir noch ein paar Worte eng zur Sache:

Es scheint in der Tat, als ob ich dem «Worte» arg unrecht getan hätte. Man darf nicht vergessen: ich habe nicht an jene einsamen Worte gedacht, in welche gehüllt, große Vergangenheiten unter uns leben wie Zeitgenossen. Das Wort des Verkehrs, das kleine, tägliche, bewegliche habe ich beobachtet, das im Leben wirkt oder doch zu wirken scheint und also auch auf der Bühne die Entwickelung der Ereignisse hemmt und fördert. An dieses Wort denke ich, wenn ich behaupte, die Seele hätte nicht Raum in ihm. Ja es scheint mir geradezu, als wären Worte solcher Art vor den Menschen wie Mauern; und ein falsches, verlorenes Geschlecht verkümmerte langsam in ihrem schweren Schatten. Denken Sie an das Kind, welches sich eines Vergehens schuldig weiß; wird es schweigen? Ungefragt wird es viele, viele hohe Worte vor seine kleine, bange, frierende Seele stellen, um ihre Schande zu verdecken. Und das endliche Geständnis ist: ein Tränenstrom. Beobachten Sie zwei Menschen, die sich, jeder tief in Gedanken, auf einem einsamen Spaziergange begegnen. Wie sie rasch mit bereiten Worten ihre nackte Seele, die noch eine Weile in ihren Augen zögert, verdecken und schützen. Gedenken Sie der Liebenden, die sich in den Tagen des Findens mit Worten voneinanderdrängen, ehe sie sich erkennen im ersten Schweigsamsein. Frage jeder sich selbst, ob auf den Höhepunkten seines Lebens Worte stehen? Ist es mit den Worten nicht vielmehr wie mit der Vegetation, die hinter der großen Pracht des Tals immer ernster, schlichter und feierlicher wird, je höher man steigt, bis das zaghafte Zweigholz zurückbleibt, das die reinen festlichen Firnen nicht zu betreten wagt? -

Jedes Wort ist eine Frage, und das, welches sich als Antwort fühlt, erst recht. Und in diesem Sinn ist Ihre Bemerkung richtig, dass die Worte, unvermögend Offenbarungen zu geben, vieles ahnen lassen. Es steht also bei jedem, ein Wort weit oder eng, reich oder armselig zu fühlen; und das ist gut: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst.»

Aber ist damit von der Bühne her, einer vielsinnigen Menge gegenüber etwas, oder sagen wir gleich - das, worauf es ankommt, nämlich die einheitliche Wirkung erreicht? - Und dann mit dem «Ahnen» überhaupt; war das nicht eine arme und verlassene Welt, welche Gott ahnte hinter den Dingen? War das nicht ein müßiger Gott, ein Gott mit den Händen im Schoß, der so genügsam war, sich ahnen zu lassen? Heißt es nicht vielmehr ihn finden, ihn erkennen, ihn tief in sich selbst schaffend, wie mitten in der Werkstatt überraschen, um ihn zu besitzen?

So glaube ich auch, dass wir uns nicht begnügen dürfen, das hinter den Worten zu ahnen. Es muss uns irgendwann sich offenbaren. Und in der Tat: Wer erinnert sich nicht der Augenblicke, da ihm die ganz armen, abgenutzten Worte von geliebten Lippen wie nieberührt und zum erstenmal und strahlend vor Jugend entgegenkamen? Jemand sagt: «Das Licht»; und es ist, als ob er sagte: «zehntausend Sonnen»; er sagt: «der Tag» und du hörst: «die Ewigkeit». Und du weißt auf einmal: Seine Seele hat gesprochen; nicht aus ihm, nicht durch das kleine Wort, welches du morgen schon vergessen hast, durch das Licht, durch den Klang vielleicht, durch die Landschaft. Denn wenn eine Seele spricht, ist sie in allem. Sie weckt alle Dinge auf, gibt ihnen Stimmen; und was sie gesteht, ist immer ein ganzes Lied.

Damit hab’ ich auch verraten, was ich im letzten Aufsatz als Frage und unvollendet verließ. Den Raum über und neben den Worten auf der Bühne will ich für die Dinge im weitesten Sinn. Die Bühne hat mir, um «realistisch» zu sein nicht eine (die vierte) Wand zu wenig, sondern eher drei Wände zu viel. Raum will ich für das alles, was mit teilnimmt an unsren Tagen und was, von Kindheit auf, an uns rührt und uns bestimmt. Es hat ebensoviel Anteil an uns als die Worte. Als ob im Personenverzeichnis stünde: ein Schrank, ein Glas, ein Klang und das viele Feinere und Leisere auch. Im Leben hat alles denselben Wert, und ein Ding ist nicht schlechter als ein Wort oder ein Duft oder ein Traum. Diese Gerechtigkeit muss auch auf der Bühne nach und nach Gesetz werden.

Mag sein, dass das Leben eine Weile lang in den Worten treibt wie der Fluss im Bett; wo es frei und mächtig wird, breitet es sich aus über alles; und keiner kann seine Ufer schauen.

Ich stelle Ihnen, verehrter Herr Doktor, anheim, ob Sie etwas von diesen Erörterungen für Ihr gesch. Blatt verwenden. Jedenfalls danke ich Ihnen für die Anregung, die mir Ihre Notiz vermittelte, und halte mich für verpflichtet, Ihnen die Frucht derselben hiermit zu überreichen.

In besonderer Wertschätzung
Ihr ganz ergebener
Rainer Maria Rilke

Für mich ist das einer der berührendsten, reichsten und tiefsten Briefe, die ich kenne, und ich wollte diese Kostbarkeit hier kundgeben, weil ich sie für recht unbekannt halte.
Zuletzt geändert von lilaloufan am 20. Apr 2006, 07:19, insgesamt 2-mal geändert.

stilz
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Beitrag von stilz » 19. Apr 2006, 09:13

Liebe(r) lilaloufan,

ganz einfach danke!

stilz

KaKü
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Beitrag von KaKü » 20. Mai 2006, 14:09

..ich wusste nicht einmal, dass Rilke und Steiner selbst entfernt in Verbindung standen...Danke auch von mir!

stilz
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Beitrag von stilz » 22. Jan 2007, 21:07

Heute bin ich auf folgende Worte Rudolf Steiners gestoßen:

Wir sollen die Dinge reden lassen, die Dinge ihre Geheimnisse aussprechen lassen... Es würde ja vieles vermieden werden, wenn die Menschen nicht urteilen würden, sondern die Dinge ihre Geheimnisse aussprechen lassen würden.
(Rudolf Steiner, 28.12.1911, in "Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes")

Dabei ist mir nicht nur der oben zitierte Brief wieder eingefallen, sondern natürlich auch Rilkes "Ding-Gedichte", und vor allem:
...
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Bo
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Beitrag von Bo » 23. Jan 2007, 08:38

Hallo,
in Albert Steffens 'Buch der Rückschau' (1939) finden sich einige kurze Passagen über Rilke und Steiner, die in die Münchner Zeit (Erster Weltkrieg) zurückgehen. Aber ich habe das Buch nicht zur Hand.
Vielleicht hat das jemand parat?
bo

ute66
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Rilke und Steiner

Beitrag von ute66 » 13. Mai 2007, 20:21

Wen es interessiert: Gerade eben ist von dem Anthroposoph Peter Selg ein Buch erschienen: Rainer Maria Rilke und Franz Kafka (Verlag die Pforte) Hier steht sehr viel über das Verhältnis von Rilke und Steiner, u.a. auch Zitate aus dem "Buch der Rückschau" von Albert Steffen. Außerdem zieht er immer wieder Parallelen zwischen den Werken Rilkes und Steiners.
Das Buch ist hochspannend.

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lilaloufan
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aus dem Buch von Peter Selg

Beitrag von lilaloufan » 18. Mai 2007, 15:20

Hier die Fußnote 130:

<Rilke hörte in seinen Münchner Jahren (im Februar 1918) zwar einen öffentlichen Vortrag Rudolf Steiners über «Das Sinnlich-Übersinnliche in seiner Verwirklichung durch die Kunst», verhielt sich zu dessen Inhalt jedoch weitgehend ablehnend. (Vgl. Albert Steffens Bericht über ein entsprechendes Restaurant-Gespräch mit Rilke am nächsten Tag: «Ohne sich über Rudolf Steiners Ausführungen zu äußern, begann Rilke seine eigenen Gedanken über die Verbindung mit dem Übersinnlichen zu entwickeln. –„Wir empfangen Eindrücke durch die Sinne“, sagte er, „durch Auge, Ohr, Geschmack. Zwischen diesen Sinnen sind ‚Leerräume’, die zwar bei den Urvölkern noch ausgefüllt sind, aber bei uns erstorben.» Und er zog auf der Papierserviette einen Kreis, den er in einzelne Sektionen teilte, wobei er diese abwechslungsweise schattierte, so dass zuletzt etwas wie eine Scheibe mit schwarzen Keilschriftzeichen entstand. „Diese Teile urbar zu machen, ist nötig“, fuhr er fort, „das gibt genug zu tun.“ Und er begann über Huysmans Symphonie der Gerüche zu reden. -Ich erwiderte, dass ein solches Wiederbeleben erstorbener Fähigkeiten auf höherer Stufe erfolgen müsste, das heißt, nicht nur von der Empfindungs-, sondern von der Erkenntnissphäre her, durch Methoden, die allen Menschen zugänglich wären und nicht das Vorrecht einzelner Auserwählter bleiben dürften. - Hier empfand ich wiederum jene innere Abwehr, weshalb ich verstummte.» Albert Steffen: Buch der Rückschau, Dornach ²1976, S. 174 f.) - Eineinhalb Jahre später, Ende 1919, lernte Rilke in Winterthur die Gebrüder Reinhart kennen, die ihm im Sommer 1921 Chateau Muzot mieten sollten. Hans Reinhart war Literat und Dramatiker, hielt sich oft in Dornach auf und war Rudolf Steiners Anthroposophie sehr zugewandt - er versuchte wiederholt, Rilke den ernst zu nehmenden Kern von Steiners Lebenswerk nahezubringen und seine reservierte Distanz zumindest anfänglich zu überwinden. Am 13. November 1920 schrieb er ihm von den eigenen anthroposophischen Studien und formulierte u.a.: «Das steinersche Werk ist so ungeheuer groß, dass ich noch längst nicht mit ihm fertig werde. Und alles Übrige kommt erst in 3. und 4. Linie. - Ich weiß, dass Sie für Steiner nicht viel übrig haben. Auch Steffen weiß es, kam aber nicht umhin, Ihr Bedauern mit gleicher Tiefe und Stärke zu erwidern. Vielleicht gibt sich noch dereinst ein Gespräch zu dritt, das manches Dunkle aufhellen könnte.» In seiner Antwort bat Rilke Reinhart, Grüße an Albert Steffen, dessen dichterisches Werk er schätze, auszurichten («Seine Feder ist eine der wenigen ganz verantwortlichen und reinen, ich möchte nichts versäumen, was aus ihr hervorgeht [...]»19.11.1920), äußerte sich zu Rudolf Steiner jedoch auch in der Folge nicht. Rilke nahm lediglich zu Reinharts Abdruck eines Steiner-Vortrags (Die Psychologie der Künste) im ersten Heft der Zeitschrift Individualität Stellung, die Reinhart zusammen mit Willy Storrer herausgab. Sechs Monate vor seinem Tod hieß es in einem Brief Rilkes aus Muzot: «Wenn ich (da ich sie Ihnen verdanke) ein Wort über jene erste Nummer Ihrer Zeitschrift mir erlauben soll: ich werde, vermute ich, nicht der Einzige gewesen sein, zu bedauern, dass Sie das Heft mit diesen, einer Rede notdürftig abgezogenen Ausführungen Rudolf Steiners eröffnen mochten, die überhaupt außerhalb jeder sprachlichen Gestalt ihr höchst betrübliches und unzulängliches Bewenden haben» (17. 6.1926).
Hans Reinhart antwortete darauf mit Verweis auf Steiners eigenes Veto gegen den Abdruck unüberarbeiteter Vorträge («Wie ich erst nachträglich durch Steffen erfuhr, war Dr. Steiner durchaus gegen den öffentl. Abdruck von ihm gehaltener und stilistisch nicht durchgearbeiteter Vorträge. Wir hatten den vorliegenden von Frau Dr. Steiner erhalten und glaubten sprachlich nichts daran ändern zu dürfen.») - und wies Rilke auf den nachfolgenden Steiner-Aufsatz in der nächsten Nummer der Zeitung (Rudolf Steiner: Der Egoismus in der Philosophie. Hans Reinhart zugeeignet) hin: «Der Essay im Juli-Heft wird nun den Beweis liefern, dass Dr. Steiner auch im Stande war, ein gutes Deutsch zu schreiben» (18.6.1926). Hierauf reagierte Rilke, der inzwischen noch schwerer erkrankt war, nicht mehr.
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Paul A.
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Beitrag von Paul A. » 19. Mai 2007, 14:55

Hallo LiLaLouFan,

bei so großen Füßen muss er ja mindestens Schuhgrösse 60 tragen :wink:!

Paul :lol:
"... Knaben, o werft den Mut/ nicht in die Schnelligkeit,/ nicht in den Flugversuch./ Alles ist ausgeruht:/ Dunkel und Helligkeit,/ Blume und Buch." (R.M. Rilke)

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Beitrag von stilz » 19. Mai 2007, 16:31

Paul A. hat geschrieben: bei so großen Füßen muss er ja mindestens Schuhgrösse 60 tragen :wink:!
Na klar, aber dafür ist dann auch Platz genug für alle Zehen, und sogar auch noch für den Raum zwischen den Zehen... :lol:

Ich danke lilaloufan für diese aufschlußreiche Fußnote --- und ich möchte eine Frage in die Runde werfen:

Gibt es eigentlich umgekehrt Äußerungen Rudolf Steiners über RMR?

Lieben Gruß

stilz
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Na klar! - Steiner über Rilke:

Beitrag von lilaloufan » 20. Mai 2007, 07:02

Hier Steiners „Bemerkungen zu dem Aufsatz «Der Wert des Monologs»“:

Bemerkungen zu einzelnen Aufsätzen einer Zeitschrift hinzuzufügen erscheint, vom Standpunkte eines Redakteurs betrachtet, geradezu wie Schulmeisterei auf ein anderes Gebiet übertragen. Ich kann aber nichts dafür, dass mir nach dem Lesen des Aufsatzes «Der Wert des Monologs» etwas einfällt, das mir der Erwähnung wert erscheint. Es scheint mir nämlich, als hätte es einen Künstler gegeben, der Rilkes Worte unterschrieben hätte: «Aber es gibt etwas Mächtigeres als Taten und Worte». «Diesem Leben Raum und Recht zu schaffen, scheint mir die vorzügliche Aufgabe des modernen Dramas zu sein.» - Dieser Künstler ist Richard Wagner. Und er hat das von Rilke aufgeworfene Problem in einer ganz bestimmten Weise zu lösen gesucht. Er meinte, dass dasjenige, was von diesem Leben in Worten nicht ausdrückbar ist, die Sprache der Musik suchen muss. Der Verfasser des obigen Aufsatzes dagegen lässt die Frage, die er aufwirft, unbeantwortet. Ich glaube aber auch noch, dass er die Ausdrucksfähigkeit des Wortes unterschätzt. Im Grunde lässt das Wort noch mehr ahnen, als es klar und deutlich zum Ausdrucke bringt. Und wenn man sich an diesen tieferen, durch Ahnung zu erreichenden Sinn des Wortes hält, dann kann es - nach meiner Meinung - bis zu den verborgensten Tiefen des Seelenlebens hinweisen. Man darf es dem Worte nicht zum Vorwurfe machen, dass es von den meisten Menschen nicht tief genug genommen wird. Es ist nicht eigentlich eine grobe Zange, sondern eine feine Zange, die zumeist von groben Händen gehandhabt wird. Rilke scheint mir einer von den Kritikern des Wortes zu sein, die dem Worte zurechnen, was eigentlich den - Ohren der Hörenden abgeht.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Beitrag von stilz » 21. Mai 2007, 08:09

Vielen Dank, lilaloufan, für Steiners "Bemerkungen"!

Das alles interessiert mich sehr.
Und ich habe noch mehrere Fragen:

Wann erschien denn Rilkes "Wert des Monologs"-Aufsatz?
Und Rilkes Brief an Steiner: sind seine dortigen Erörterungen (in denen er ja seine ur-eigene Antwort gibt, wenn auch ganz anders als Richard Wagner) tatsächlich nochmal in dieser Zeitschrift (oder woanders) erschienen?
Gibt es eine Antwort Steiners auf diesen Brief?
Und natürlich vor allem: wo kann ich denn Rilkes Aufsatz finden?

Was mich beschäftigt, ist Steiners Satz:

Und wenn man sich an diesen tieferen, durch Ahnung zu erreichenden Sinn des Wortes hält, dann kann es - nach meiner Meinung - bis zu den verborgensten Tiefen des Seelenlebens hinweisen.

Denn ich finde, genau das, was Steiner in diesem Satz ausdrückt, läßt sich gerade an Rilkes Gedichten besonders schön zeigen... deshalb bin ich wirklich verwundert, daß es in diesem Punkt einen solchen Widerspruch in den Auffassungen der beiden zu geben scheint...

Und wenn ich an das (wenige!) denke, das ich bisher von Rudolf Steiner und seiner "Geisteswissenschaft" gelesen habe, und dann an Rilkes Satz:

Und dann mit dem «Ahnen» überhaupt; war das nicht eine arme und verlassene Welt, welche Gott ahnte hinter den Dingen? ... Heißt es nicht vielmehr ihn finden, ihn erkennen, ihn tief in sich selbst schaffend, wie mitten in der Werkstatt überraschen, um ihn zu besitzen?

- - - dann bin ich nochmal seeeeehr verwundert über scheinbare Auffassungsunterschiede der beiden gerade beim Thema "Ahnen" - "Erkennen/Wissen"...


Lieben Gruß und vielen Dank für diese Anregungen!

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Dioskuren des Jahrhundertanfangs

Beitrag von lilaloufan » 21. Mai 2007, 11:40

Ja, dieses Sich-Vergegnen des Kon-Genialen bleibt auch mir ein Rätsel. Vielleicht wollte Rilke das, was ich in Posting#7406 "Schwellensituation" genannt habe, nur als ganz Inn'res wahrmachen, dafür künstlerisch in umso strengerer Konsequenz? Gerade auch, was wir hier in unserer "Qual{ität}chen"-Diskussion noch ungelöst haben, mag eine Rolle spielen. Und später natürlich, leider, was "die Steiner'schen" so trieben auf Beatenberg und anderswo…

Zu Deinen Fragen: Schnacke mal auf Seite 75 zum 24.IX.1898.

Gruß in die Runde, lilaloufan
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Re: Rilkes Verhältnis zu Steiner

Beitrag von lilaloufan » 3. Mai 2008, 16:08

Doch, eines noch: Rilkes Original-Aufsatz. Viel zu interessant als dass er hier fehlen dürfte.
  • Der Wert des Monologes
    Kürzlich ging die Frage durch diese Blätter: Sind Monologe im modernen Drama statthaft oder nicht? Die Monologe bekamen Recht.
    Vielleicht ist es nicht wertlos, einmal nicht so sehr den Monolog, als vielmehr die Gelegenheit zu betrachten, bei welcher er notwendig erscheint.
    Der Monolog geschieht im Augenblick der Unentschlossenheit oder Hilflosigkeit der handelnden Person, gleichsam am Vorabend einer Tat, und hat die Pflicht, die innersten Konflikte dieses Menschen, seine Seele mit Zweifel und Zorn, Sehnsucht und Hoffnung zu enthüllen. Im Zwiegespräch ist nämlich kein Raum dafür und irgendwo muss es doch geschehen, das sieht jeder ein. Und welches wunderbare Mittel vermag diese heimlichsten Tiefen, in denen die Entschlüsse wurzeln, zu durchleuchten? Merkwürdig das Wort. Ebendasselbe Wort, welches im Dialog sich unbrauchbar erweist, das Letzte zu umfassen, wird, sobald es sich an niemanden mehr wenden muss, aller Wahrheit mächtig. Derjenige, von dem wir wissen, dass er die äußere Lage nicht überschauen kann, schildert uns im Augenblick seines Zwiespaltes die wunderbare Ordnung seiner Seele so überzeugend, dass die Schilderung und nicht irgend eine spätere Tat die Hauptsache des Dramas wird, das heißt das epische Moment bedeutet fortab mehr als die Handlung; in ihm liegt die Entscheidung, die Wendung, der Fortschritt.
    Und das ist vollkommen berechtigt, wenn anders der Monolog wirklich imstande ist, jene geheimnisvollen Dämmerungen aufzudecken, in denen alle Entschlüsse noch wie kleine, klare Quellen sind. Aber man wird einmal aufhören müssen, »das Wort« zu überschätzen. Man wird einsehen lernen, dass es nur eine von den vielen Brücken ist, die das Eiland unserer Seele mit dem großen Kontinent des gemeinsamen Lebens verbinden, die breiteste vielleicht, aber keineswegs die feinste. Man wird fühlen, dass wir in Worten nie ganz aufrichtig sein können, weil sie viel zu grobe Zangen sind, welche an die zartesten Räder in dem großen Werke gar nicht rühren können, ohne sie nicht gleich zu zerdrücken. Man wird es deshalb aufgeben, von den Worten Aufschlüsse über die Seele zu erwarten, weil man es nicht liebt, bei seinem Knecht in die Schule zu gehen, um Gott zu erkennen. Man wird das vielleicht im Drama früher einsehen als im Leben; denn das Drama ist konzentrierter, übersichtlicher, eine Art Experiment, bei welchem die Elemente des Lebens in kleinen Probiergläsern sich in ähnlichen Verhältnissen vereinen, wie sie sich draußen verhalten in ihrer reichen Unermesslichkeit. In den Grenzen des Rahmens als welcher die Bühne sich darstellt, scheint alles Raum zu haben: Keine Tat ist zu groß dafür, kein Wort zu bedeutend.
    Aber es giebt Mächtigeres als Taten und Worte.
    Diese sind endlich nur das, womit wir teilnehmen an dem gemeinsamen Alltag, Leitern, welche aus unserem Fenster bis an das Haus des Nachbars reichen.
    Wir hätten sie kaum gebraucht, wenn wir Einsame geblieben wären, jeder auf einem Stern, und wir brauchen sie in der Tat nicht in den Augenblicken, da wir uns so einsam fühlen. Dann sind wir eines leiseren Erlebens voll, heimgekehrt in ein Land mit heiligen, heimlichen Gebräuchen, schöpferisch in aller Untätigkeit und den Worten entwachsen. Und es ist gewiss, dass solcher Art unser eigentliches Leben ist, das wie eine feine Begleitung über unserm Tun und Ruhen bleibt und uns in unsern letzten Entschlüssen lenkt und bestimmt.
    Diesem Leben Raum und Recht (und das heißt auf der Bühne: Ausdruck) zu schaffen, scheint mir die vorzügliche Aufgabe des modernen Dramas zu sein – und dieser schlägt der Monolog mit seiner naiven Plumpheit geradezu ins Gesicht. Er zwingt das, was über den Dingen ist, in die Dinge hinein und vergisst, dass der Duft eben nur besteht, weil er sich von der Rose befreit und allen Winden willig ist.
    Fragt man nun, was an seine Stelle treten soll, so behaupte ich, dass er im Drama überhaupt keine Lücke lässt; denn das tiefere Leben, das zu beleuchten er berufen wäre, muss allezeit ebenso geschlossen und ununterbrochen sich entwickeln wie die »äußere Handlung«, deren Ursache es schließlich ist. Wenn dieses Nebeneinander zweier Handlungen wirklich zur Geltung kommt, sind keine Verzögerungen durch retrospektive, epische Beschreibung des momentanen Seelenzustandes, keine Durchblicke in den Hintergrund mehr notwendig.
    Freilich: wie das erreicht werden soll, hat keiner der »Modernen« gezeigt. Sie vermissen alle den Monolog, lassen ihn fort, statt ihn überflüssig zu machen, und dann fehlt er natürlich, und man weiß, »wo er kommen sollte«. Der Darsteller wird unruhig, raucht, trommelt an die Scheiben und scheint ein sehr schlechtes Gewissen zu haben und um Vergebung zu bitten für seine Schweigsamkeit. Das ist allerdings kein Fortschritt.
    Der Eine aber, welcher die Macht dieses leisen Erlebens, klarer als die vor ihm und bewusster, erkannt hat, – Maeterlinck, steht seinen Offenbarungen zu sehr als Priester gegenüber denn als Künstler und erscheint einseitig in dem Streben, Alles zum Ruhm des Gottes zu tun, der ihn erfüllt und erhebt.
    Seine Gestalten haben die Schwere verloren. Sie sind wie Gestirne, die, umhüllt von ihrer leuchtenden Einsamkeit, sich hoch in der Nacht begegnen. Sie können nur aneinander vorübergehen, und keine vermag die andere zu halten. Sie sind Düfte, allein man sieht den Garten nicht, aus dem sie aufsteigen. Das macht, dass das Leben, dessen Verkünder Maeterlinck wurde, uns fremd erscheint und seine Mystik tiefer und rätselhafter hinter den Dingen aufgeht, die ihm nicht so körperlich und undurchsichtig sind, wie uns.
    Immerhin scheinen mir die Dramen des genialen Belgiers um einen technischen Ausdruck von der Radierkunst zu nehmen, der »erste Zustand« des neuen Dramenbildes zu sein, der noch durch andere Platten vervollständigt werden muss.
    Der Weg geht also über Maeterlinck hinaus, und er wird ungefähr dieses Ziel haben: man wird lernen müssen, nicht die ganze Bühne mit Worten und Gesten auszufüllen, sondern ein wenig Raum darüber lassen, so als ob die Gestalten, welche man schuf, noch wachsen sollten. Ich bin überzeugt, das andere kommt von selbst: das leisere Leben wird sich wie eine Wärme, wie ein Glanz darüberbreiten und wird ruhig und licht über allem bleiben: über den Worten und über den Vorgängen, – nur Raum muss man ihm geben.
    Dabei steht immer noch die Frage frei, wie das geschehen soll? Doch man kann sie erst beantworten, bis es Einer getroffen hat – unwillkürlich.
    Bis dahin hat der Monolog Recht. Er ist wie ein schöner kostbarer Vorhang (bestenfalls) vor den weiten, klaren Perspektiven aufgehängt. Man kann auch an einem Vorhang seine Freude haben. Und die Dichter und die Schauspieler und das Publikum von gestern finden sich gewiss in der Erkenntnis seiner Schönheit und seines Wertes.
    Das dahinter ist für die, welche schon weiter vorgeschritten sind.
Zuletzt geändert von lilaloufan am 25. Sep 2011, 16:36, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Rilkes Verhältnis zu Steiner

Beitrag von stilz » 3. Mai 2008, 23:06

Lieber lilaloufan,

vielen herzlichen Dank für diesen Aufsatz! Er hat mich sehr berührt.

Und er wirft Fragen auf: zum Beispiel in Bezug auf die Schauspieler.
Denn für den Gesamt-Ausdruck eines Bühnenwerkes (der im Zuschauer dann den Gesamt-Eindruck hervorruft) kommt es ja nicht nur auf den festgelegten Text an, sondern auch noch darauf, wie, mit welchem "timing", mit welchem "subtext", die Worte gesprochen werden. Sollte Rilke wirklich nur solche Darsteller erlebt haben, wie er hier schildert:
  • Der Darsteller wird unruhig, raucht, trommelt an die Scheiben und scheint ein sehr schlechtes Gewissen zu haben und um Vergebung zu bitten für seine Schweigsamkeit. Das ist allerdings kein Fortschritt.
:lol: ?

Und ich frage mich auch noch, ob Rilke jemals einen Film gesehen hat. Und ob die Möglichkeiten dieses Mediums (Großaufnahme, Kameraschwenks...) für ihn in diesem Zusammenhang (dem "eigentlichen" Leben Raum und Recht, auf der Bühne: Ausdruck zu schaffen) interessant gewesen wären...

Nun - all diese Fragen können wir Rilke nicht mehr stellen, zumindest nicht verbal, denn unseren Worten ist Rilke wohl "entwachsen"...


Aber etwas versuche ich doch noch, verbal herauszufinden, und frage also: gibt es eine Antwort Rudolf Steiners auf den Brief Rilkes, den Du zu Beginn dieses threads hereingestellt hast?


Lieben Gruß

stilz
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Re: Rilkes Verhältnis zu Steiner

Beitrag von lilaloufan » 5. Mai 2008, 10:35

stilz hat geschrieben:…Gibt es eine Antwort Rudolf Steiners auf den Brief Rilkes, den Du zu Beginn dieses threads hereingestellt hast?
Liebe stilz, ich habe Deine Frage weiterleiten müssen. Professor Kugler (Oxford Brookes University), Leiter des Archivs der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung, hat mir sofort geantwortet: »Nein, auf diesen ‚Offenen Brief’, der ja in den „Dramaturgischen Blättern“ erschienen war, hat Rudolf Steiner nicht geantwortet, was wohl auch damit zusammenhängt, dass er es „geradezu als Schulmeisterei“ betrachtete, wenn er als Redakteur unmittelbar reagiert auf Aufsätze von Autoren.«
Zuletzt geändert von lilaloufan am 18. Mai 2008, 14:38, insgesamt 1-mal geändert.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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