Meditative Arbeitsweise

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lilaloufan
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Meditative Arbeitsweise

Beitrag von lilaloufan » 27. Mai 2006, 17:03

lilaloux hat geschrieben: … Seine Arbeit ist in ähnlicher Weise eine meditative wie unsre: Inspiration ist offenbar nicht ein passives Begabtwerden, sondern allerstärkstes Tätigsein. Musen sind wohl nur anwesend, wenn sie mit solch meditativer Aufmerksamkeit der Seele rechnen dürfen.


In http://www.rilke.de/phpBB3/viewtopic.php?p=6649#6649 schreibst du @Tonika vom „meditativen Auswendiglernen“.

Ich habe gestern in einem Gespräch den Gedanken noch einmal neu entwickelt, dass Rilkes literarische Arbeitsweise eine meditative war:

In den „Briefen an einen jungen Dichter“ rät er ja (17.II.1903) zu einer Arbeitsweise,
- zunächst sich an die „Natur“ zu wenden («Dann versuchen Sie wie eine erster Mensch, zu sagen, was Sie sehen und erleben und lieben und verlieren.»), an Motive, «die Ihnen Ihr eigener Alltag bietet», ausgedrückt mit „Dinge(n) Ihrer Umgebung“, „Bilder(n) Ihrer Träume und (…) Gegenstände(n) Ihrer Erinnerung“
- „in sich zu gehen“, die „versunkenen Sensationen“ der Innenwelt „zu heben“
- und dann Verse „kommen“ zu lassen aus einer „Wendung nach innen“, aus „Versenkung in die eigene Welt“.

«Darum (…) wusste ich Ihnen keinen Rat als diesen: in sich zu gehen und die Tiefen zu prüfen, in denen Ihr Leben entspringt; an seiner Quelle werden Sie die Antwort auf die Frage finden, ob Sie schaffen müssen. (…) Denn der Schaffende muss eine Welt für sich sein und alles in sich finden und in der Natur, an die er sich angeschlossen hat.»

Dass Rilke hier seine eigene Arbeitsweise offenbart und dem Jüngeren vermittelt ist ja fast no zu sagen. Unzählige Male dankt er in den Briefen seiner letzten Schaffenszeit der „Einsamkeit“, der „Stille“, die ihm lebens- und im höchsten Sinne arbeitsnotwendig war.

Ich habe mir einmal die poetischen Arbeitsweisen vergegenwärtigt, die mir bekannt geworden sind. Herausgekommen ist eine kreuzförmige Skizze:

Da ist zum einen die polare Dimension, deren Auflösungs-Pol wohl die ambulatorische Arbeitsweise Goethes trefflich darstellt: «Ich ging im Walde |so für mich hin |und nichts zu suchen |das war mein Sinn.» und auf deren Verfestigungs-Pol man die archivarische Arbeitsweise Stefan Zweigs ansiedeln könnte, auch Thomas Manns Diszipliniertheit, gesteigert noch bei Arno Schmidts Verzettelung.

In einer dazu senkrecht stehenden Achse steht auf der einen Seite das unberedte Plappern mancher hier taktvoll ungenannt bleibender Vielschreiber, nach der anderen Seite ein verantwortungsvolles Verstummen – ich denke an Dag Hammarskjöld, und letztlich im Extrem an Paul Celan. Und in der Mitte beider Polaritäten, im Kreuzungspunkt, Rilke.

Ist das in solcher Verkürzung als Gedankengang nachvollziehbar?

{28.8.2009: Link (im zweiten Anlauf) aktualisiert l.}
Zuletzt geändert von lilaloufan am 28. Aug 2009, 13:32, insgesamt 2-mal geändert.
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Tonika
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Beitrag von Tonika » 27. Mai 2006, 20:16

Hallo,

ich finde das ist sehr verständlich , möchte aber meinerseits noch ein, zwei Gedanken dazu stellen:

Auch die Genialität eines Mozarts (und Rilkes) fällt mir dazu ein. Von Mozart wird erzählt, er habe seine Opern zuerst im Kopf komponiert und sie anschliessend notiert. Manchesmal wurden dadurch die Ausführenden ziemlich nervös, je näher die Premiere herankam. Auch Rilke soll ja so manches Gedicht wie im Schlaf notiert haben ?

Momentan halte ich es mit Goethe :wink: . So trage ich immer ein paar lose Notizzettel mit mir herum, um spontane Gedanken schnell notieren zu könnnen. So habe ich sie später immer wieder parat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich so oft auf bessere Gedanken komme, als ständig darüber zu grübeln . Ob Rilke das wohl auch ab und zu getan hat ?


Über Dag Hammarskjöld weiss ich so gut wie gar nichts. Kannst Du dazu noch mehr schreiben ? Es würde mich interessieren !

Tonika :lol:
Ich bin der Eindruck, der sich verwandeln wird. (RMR)

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lilaloufan
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Beitrag von lilaloufan » 27. Mai 2006, 21:36

Guten Abend Tonika,

auch Hammarskjöld lasse ich am besten selbst zu Wort kommen:

Sich führen lassen von dem, was weiter lebt, wenn «wir» nicht mehr leben, wir als Interessenten und Besserwisser. Lauschen und sehen können - auf das in uns, was im Dunkel wohnt, und im Schweigen.

Immer ein Fragender
werde ich dort sein,
wo das Leben verklingt
- ein klarer, schlichter Ton
in dem Schweigen.


Das Licht bleichender Birken
gegen das Dunkel der Wolken.
Der Windstoß reibt das Wasser
des Waldteichs stahlgrau.
Fort zwischen dem Blutfleck der Erde
rinnt die Hirschspur -
  • Das Schweigen bricht durch den Panzer der Sinne,
    stellt sie nackt
    vor die Klarheit des Herbstes.

Diese drei Auszüge aus dem Tagebuch des ehemaligen UNO-Generalsekretärs hat Johannes W. Schneider aus dem Schwedischen übersetzt in dem Aufsatz: «Der auf den Klang der Stille lauschen konnte»
in: „Die Drei“, Heft 7/2005 http://www.diedrei.org/Heft.7.05/schnei ... kjoeld.htm


«In jedem Augenblick wählst du dein Selbst. Aber wählst du - dich selbst? Körper und Seele haben tausend Möglichkeiten, aus denen du viele Ich bauen kannst. Doch nur eines von ihnen ergibt die Kongruenz zwischen dem, der wählte, und dem Gewählten. Nur eines - und du findest es erst, wenn du alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen hast, alles neugierige Tasten, verlockt von Staunen und Begehren, zu seicht und flüchtig, um Halt zu finden im Erlebnis des höchsten Mysteriums des Lebens: dem Wissen um das anvertraute Pfund, das du bist.»

Dies ist aus demselben nach Hammarskjölds gewaltsamem Tod von einem Freund veröffentlichten meditativen Tagebuch [Deutsch: «Zeichen am Weg», (z. B. ISBN B-0000.BRF6-X und neuere Ausgaben)]

Wird deutlich, wieso ich ihn in diesem Zusammenhang sehe?
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Re:

Beitrag von lilaloufan » 16. Mai 2008, 18:53

Tonika hat geschrieben:Momentan halte ich es mit Goethe :wink:. So trage ich immer ein paar lose Notizzettel mit mir herum, um spontane Gedanken schnell notieren zu könnnen. So habe ich sie später immer wieder parat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich so oft auf bessere Gedanken komme, als ständig darüber zu grübeln.
Aber Goethe hatte seinen Stadelmann und seinen John zum Diktataufnehmen. Das wär's noch! Und unsereins muss warten, bis BromBeeren erschwinglich werden... :wink:

Na ja, wer weiß wieviele Ideen sonst verloren gingen…
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Re: Meditative Arbeitsweise

Beitrag von gliwi » 16. Mai 2008, 22:05

Eckermann.
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

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Re: Meditative Arbeitsweise

Beitrag von lilaloufan » 17. Mai 2008, 06:53

Ja, gliwi, auch: Ein solcher Vertrauter, ein «getreuer Eckart» als Gesprächspartner, Freund, Befrager vor allem, kann freilich nicht durch einen bloßen Sekretär ersetzt werden. Aber ein digitaler Sekretär (BromBeere oder Fünffingrige Hand :wink:) kann immerhin den Zugang erleichtern zu einem solchen Seelengefährten. So war’s gemeint. Meinen Eckermann lass’ ich doch nicht degradieren :). Womöglich wird Lou sonst in zweihundert Jahren als Rilkes "Sekretärin" aufgefasst. Dann werf' ich 'nen Schemel runter, versprochen! :lol:
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Re: Meditative Arbeitsweise

Beitrag von lilaloufan » 18. Aug 2014, 11:23

Ich seh' gerade, der Link zum Wort: „Sekretär“ führt mittlerweile ins Leere. Hier ist ein aktueller, zur Wikipedia-Seite führend.

l.
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