der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

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lilaloufan
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Re: der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

Beitrag von lilaloufan » 18. Jul 2013, 10:53

Ich komme noch einmal auf das Patmos-Duino zurück, das Schreiben mit beiden Händen, das «Geschrieben Werden» mehr denn: Schreiben.

1915, 15½ Monate nach dem Ausbruch der Vielvölkerkrieg-Katastrophe, schreibt Rilke in München:

[Die sekundär angegebene Überschrift: „Die Worte des Herrn an Johannes auf Patmos“ finde ich nicht in meinem Rilke-Gedicht-Band.]
  • ------------:
    Siehe: (denn kein Baum soll dich zerstreuen)
    reinen Raum auf diesem Eiland stehn.
    Vögel? - - Sei gefasst auf Leuen,
    welche durch die Lüfte gehn.
    Bäume würden scheuen,
    und ich will nicht, dass sie sehn.

    • Aber du, du sieh, gewahre, sei

    schauender, als je ein Mann gewesen.
    Du sollst fassen, nehmen, lesen,
    schlingen sollst du, die ich dir entzwei
    breche, meines Himmels volle Frucht.
    Dass ihr Saft dir in die Augen tropfe,
    sollst du knieen mit erhobnem Kopfe:
    dazu hab ich dich gesucht.

    Und sollst schreiben, ohne hinzusehn;
    denn auch dieses ist von Nöten: Schreibe!
    leg die Rechte rechts und links auf den
    Stein die Linke: dass ich beide treibe.

    Und nun will ich ganz geschehn.

    Jahrmillionen muss ich mich verhalten,
    weil die Welten langsamer verleben,
    muss den kalten
    nach und nach von meinen Gluten geben,
    statt in allen alle Glut zu sein.
    Und so bin ich niemals im Geschaffnen:
    wenn die Menschen eben mich vermuten,
    so vergisst mich schon der Stein.

    Einmal will ich mich vor dir entwaffnen.
    Meine Mäntel, meine Reichsgewänder,
    meine Rüstung alles, was mich schnürt:
    abtun und dem hohen Doppel-Händer,
    den der Engel für mich führt,
    meiner Rechten Strom entziehn -. Doch jetzt
    siehe die Bedeutung meiner Trachten.

    Da Wir uns so große Kleider machten,
    kommt das Unbekleidetsein zuletzt.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Kann man ‹interpretierend› erkennen: Von welcher Person der trinitarischen Gottheit, aus welcher Hierarchie der Himmel, aus dem Bereich welcher inspirierender Genien, erfolgte wohl das „Diktat“, von dem Rilke hinsichtlich seines Capri-Erlebnisses sprach? Das ist mir zwar eine echte, keine seminaristische Frage, aber mir ist klar, es wird keine Antwort geben können. Gleichwohl ist sie doch berechtigt, denn Rilke selbst unterschied zum Beispiel: „Gott der Liebe“ (womit der den All-Vater meinte) von: „Liebe-Mann“ (als den er Jesus von Nazareth als Träger des neutestamentarischen Messias bezeichnete).

Christoph
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stilz
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Re: der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

Beitrag von stilz » 22. Jul 2013, 14:46

Lieber Christoph,

danke fürs Aufmerksammachen auf dieses Gedicht, und für Deine Frage.
Eine Antwort darauf setzte wohl voraus, sich ganz klar zu sein über die „Charakteristika“ jeder dieser drei „Personen“, und über ihre „Abgrenzungen“ voneinander...
So weit bin ich selber noch lange nicht.

Aber mir fällt dabei spontan diese Stelle aus Monteverdis „Marienvesper“ ein (hier eine sehr schöne Fassung, übrigens dirigiert von Georg Ratzinger, dem Bruder Benedikts XVI.):
  • Duo Seraphim clamabant alter ad alterum:
    Sanctus, sanctus, sanctus Dominus Deus Sabaoth:
    Plena est omnis terra gloria eius.
    Tres sunt qui testimonium dant in coelo:
    Pater, Verbum, et Spiritus Sanctus:
    Et hi tres unum sunt.
    Sanctus Dominus Deus Sabaoth.
    Plena est omnis terra gloria ejus.
  • (Zwei Seraphim riefen einander zu:
    Heilig, heilig, heilig der Herr Gott Sabaoth:
    Der ganze Erdkreis ist seiner Ehre voll.
    Drei sind es, die Zeugnis ablegen im Himmel:
    Der Vater, das Wort, und der Heilige Geist:
    Und diese drei sind eines.
    Heilig der Herr Gott Sabaoth.
    Der ganze Erdkreis ist seiner Ehre voll.)

Der Vater, das Wort und der Heilige Geist.
Diese Auffassung der Trinität paßt auch zum Prolog des Johannes-Evangeliums:
»Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.«

Und so frage ich nun weiter:
Wer ist es, der „das Wort“ diktiert?

Herzlichen Gruß,
Ingrid
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Re: der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

Beitrag von lilaloufan » 2. Feb 2016, 12:46

Matthias Mochner hat geschrieben:„Das Wort hat seine Schöpferkraft verloren. Gesprochen oder geschrieben wird es missbraucht, stirbt und ist nur ein Schatten seines lebendigen Ursprungs. Wo gibt es eine Bühne, auf der das Wort – von der Egoität gereinigt – als solches erklingt, wo einen Ort, von dem aus es schöpferisch in die Herzen der Zuhörer dringen, seine Urkraft entfalten darf? Wird es künftig in den Menschen neu geboren werden?“
– – –

Da ich gerade an einem Beitrag arbeite, in dem ich ein Zitat aus dem apokalyptischen Anfang der hier besprochenen Passage aus Malte ⅩⅧ als Thema gewählt habe, denke ich an Deine Frage @Ingrid zurück. „Wer ist es, der ‚das Wort‛ diktiert?“ fragst Du. Lass’ mich daraus die Frage bilden: „Wer ist ‚das Wort‛“, das man im Sinne des von Dir hier zitierten Prologs des Johannes-Logos-Evangeliums so leicht sollte zuordnen können.

Ich will hier zunächst einmal den Anfang des Malte-ⅩⅧ-Absatzes im Ganzen wiedergeben und dabei „mein“ Zitat hervorheben:
Rainer Maria Rilke hat geschrieben:»Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben und sagen. Aber es wird ein Tag kommen, da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie schreiben heißen werde, wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine. Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen. Bei aller Furcht bin ich schließlich doch wie einer, der vor etwas Großem steht, und ich erinnere mich, dass es früher oft ähnlich in mir war, eh ich zu schreiben begann. Aber diesmal werde ich geschrieben werden.«
Die Zeit der anderen Auslegung“ scheint angebrochen: Ἰδοὺ καινὰ ποιῶ πάντα. „Siehe, neu lasse ich werden: alles.

Alles in Erneuerung – das scheint mir ähnlich den beiden biographischen Schwellensituationen:
• Pubertät („eh ich zu schreiben begann“) und:
• Alter, wenn die Hände „weit von mir“ versagen und Worte, „die ich nicht meine“, auf dementielle mnestische Störungen, senile Dysphasien und Konfabulationen hindeuten.

• Die Schwelle zum vollen Verantwortlichsein für das Wort, und
• die Schwelle hin zu dem, wovon Worte nur mit stotternden Zerrgeräuschen künden, nenne man es ζωὴν αἰώνιον das ewige Leben oder wie auch immer.

• An der einen Schwelle steht man vor „Großem“, das man voller Elan im Leben leisten will,
• an der anderen vor „Großem“, das sich dem aus dem mürbe werdenden Leib weichenden Geist offenbaren will.

Es wird kein Wort auf dem anderen bleiben – das erlebt Malte in der Salpêtrière, aber unsere Zeit erlebt dasselbe in der phrasenhaften Sprache des öffentlichen Lebens wie in dem Sprachunvermögen, das in allen Großstädten und Einkaufsmalls das längst nicht mehr ungewohnte Bild ist, wie es früher nur die Entdecker und Weltreisenden in exotischen Häfen empfanden. Für mich wird inzwischen jeder Stadtbesuch zum Kulturschock, Auerbachs Keller gleichend.

Darin wirkt ein Geist, der stets verneint. — Und sieh dir andre an: es ist in allen.
  • Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
    Unendlich sanft in seinen Händen hält.
Wenn Matthias Mochner fragt: „Wird [das Wort] künftig in den Menschen neu geboren werden?“, dann scheint er mir nach der „anderen Auslegung“ zu fragen. Nach einer anderen Auslegung dessen, was der Mensch ist. Die Zeit, in der der Mensch sich als l’homme machine verstehen wollte, aber auch die Zeit des bloßen homo oeconomicus, sie läuft ab; ein solches Menschen-Selbstverständnis wird sich nicht halten können. Wenn alles gutgeht, wird eine Zeit kommen, in der wir uns in der Nachfolge eines Menschen-Urbilds, des „Menschensohns“ (Υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου), verstehen können, und zwar jenseits aller Religionslehren. Glaubenssätze und konfessionelle Praxis haben Rilke einen solchen Ausblick bloß verstellen können. Aber seinen Malte lässt er es ahnungshaft sagen.

l.
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Re: der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

Beitrag von stilz » 2. Feb 2016, 14:22

Lieber Christoph,

(herzlich willkommen zurück im Forum!)

Bevor ich Deinen Beitrag noch einmal in Ruhe lese, möchte ich fragen:

Wer ist Matthias Mochner, und in welchem Zusammenhang hat er das von Dir Zitierte geschrieben?

Ich stelle diese Frage auch im Interesse anderer Mitleser, die sich vielleicht an diesem Gespräch beteiligen wollen – auch solcher, die sich möglicherweise, ähnlich wie Du jetzt, nach einigen Jahren veranlaßt sehen, hier anzuknüpfen.

Herzlichen Gruß,
Ingrid (stilz)
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Re: der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

Beitrag von lilaloufan » 2. Feb 2016, 14:56

Matthias Mochner (*1963) ist u. a. Herausgeber der Bücher: „Architektur und Umstülpung – Studien zum organisch-dynamischen Raumbewusstsein. Ein Schulungsweg für Architekten“ (Verlag am Goetheanum, 2013) und: „Technik und Verwandlung: Der Weg zu einer menschengemäßen und naturfreundlichen Technik“ (Verlag am Goetheanum, 2015) sowie Autor des Buches: „Das Demeter-Phänomen: Die biologisch-dynamische Landwirtschaft - ein Weg aus der Sackgasse der Agrochemie“ (Elster-Verlag, 2015). Im Augenblick forscht er als Germanist und Historiker u. a. über Leben und Werk von Albert Steffen (*1884, ✝1963).

Im Zusammenhang eines Tagungsbeitrags über dieses Projekt während der Tagung: „Von der Kraft des Wortes in Zeiten des Krieges“ (22. bis 24. Januar 2016), veranstaltet von der Albert-Steffen-Stiftung in Dornach bei Basel, stand das hier notierte Zitat.

l.
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Re: der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

Beitrag von stilz » 4. Feb 2016, 10:43

lilaloufan hat geschrieben:„Wer ist es, der ‚das Wort‛ diktiert?“ fragst Du. Lass’ mich daraus die Frage bilden: „Wer ist ‚das Wort‛“, das man im Sinne des von Dir hier zitierten Prologs des Johannes-Logos-Evangeliums so leicht sollte zuordnen können.
[…]
Wenn alles gutgeht, wird eine Zeit kommen, in der wir uns in der Nachfolge eines Menschen-Urbilds, des „Menschensohns“ (Υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου), verstehen können, und zwar jenseits aller Religionslehren.
Da möchte ich zurückfragen:
»jenseits aller Religionslehren« --- wie soll das gehen, wenn Du fragst, »WER ist ‚das Wort‛«, und es gleichzeitig ganz ausdrücklich mit der zentralen Schrift einer einzigen Religion in Zusammenhang bringst, und nicht auch gleichzeitig mit den Schriften anderer Religionen?

Ein Zitat von Rilkes Lieblingsschriftsteller (;-) mein Versuch, den Bezug zu Rilke aufrechtzuerhalten):
Jens Peter Jacobsen hat geschrieben:»Es gibt keinen Gott, und der Mensch ist sein Prophet!« sagte Niels bitter, aber zugleich traurig.

»Ja, nicht wahr?« spottete Hjerrild; gleich darauf sagte er: »Der Atheismus ist doch grenzenlos nüchtern, und sein Ziel ist ja schließlich auch nichts anderes als eine desillusionierte Menschheit. Der Glaube an einen lenkenden, richtenden Gott ist die letzte, große Illusion der Menschheit, und was dann, wenn auch diese verloren ist? Dann ist sie klüger geworden; – aber reicher – glücklicher? Das glaube ich nicht.«

»Aber,« rief Niels Lyhne aus, »begreifen Sie denn nicht, daß an dem Tage, wo die Menschheit frei jubeln kann: »es gibt keinen Gott,« wie mit einem Zauberschlage eine neue Erde und ein neuer Himmel geschaffen würden? Erst dann wird der Himmel der freie, unendliche Raum eines drohenden Späherauges. Erst dann wird die Erde unser, und wir der Erde, wenn jene Welt der dunklen Seligkeit und der Verdammnis geplatzt ist wie eine Blase. Die Erde wird unser wahres Vaterland, unsere Herzensheimat, wo wir nicht wie fremde Gäste während einer kurzen Spanne sind, sondern all unsere Zeit. Und welche Intensität wird es dem Leben geben, wenn alles darin Raum finden muß, und nichts mehr jenseits liegt. Der ungeheure Strom von Liebe, der jetzt zu dem Gott emporsteigt, an den man glaubt, wird sich, wenn der Himmel leer ist, über die Erde ergießen, hin zu all den schönen menschlichen Eigenschaften und Gaben, die wir potenziert und dann die Gottheit damit geschmückt haben, um sie unserer Liebe wert zu machen. Güte, Gerechtigkeit, Weisheit, wer kann sie alle nennen? Begreifen Sie nicht, welchen Adel es der Menschheit verleihen wird, wenn sie frei ihr Leben leben und ihren Tod sterben kann, ohne Furcht vor Hölle oder Hoffnung auf den Himmel, nur sich selbst fürchtend, nur auf sich selber hoffend? Wie wird das Gewissen wachsen, und welche Festigkeit wird es geben, wenn tatenlose Reue und Demut nichts mehr sühnen können, und keine andere Vergebung möglich ist, als durch Gutes das Böse gutzumachen, das man mit Bösem verbrach.«

»Sie müssen einen wunderbaren Glauben an die Menschheit haben; der Atheismus wird ja größere Forderungen an Sie stellen als das Christentum.«

»Natürlich.«

»Natürlich; aber woher wollen Sie all die starken Individuen nehmen, die Sie brauchen, um Ihre atheistische Menschheit zusammenzusetzen?«

»Nach und nach, der Atheismus selbst wird sie erziehen; weder diese Generation, noch die nächste, noch die zweitnächste wird den Atheismus tragen können, das sehe ich ein; aber in jeder Generation werden einzelne sein, die sich ehrlich ein Leben und einen Tod in ihrem Atheismus erkämpfen können, und im Laufe der Zeit werden sie eine Reihe geistiger Ahnen bilden, auf welche die Nachkommen mit Stolz zurückblicken können und durch deren Betrachtung sie an Stärke gewinnen. Im Anfang werden die Verhältnisse am schwierigsten sein; da werden die meisten im Kampf unterliegen, und die, die siegen, werden nur mit zerfetzten Fahnen siegen, weil sie die Traditionen noch in das innerste Mark eingesogen haben, und weil im Menschen noch so viel anderes ist als das Gehirn, das überzeugt werden muß: das Blut und die Nerven, Hoffnung und Sehnsucht; und womöglich noch die Träume. Aber das ist gleichgültig, einmal muß es kommen, und aus den Wenigen werden die Vielen werden.«
:-) Und darunter wird nun meine Signatur stehen --- nicht als Aufruf zum „Glauben“. Sondern als Anerkennung einer Gesetzmäßigkeit.
Jenseits aller Religionslehren, aber – davon bin ich zutiefst überzeugt! – in jeder einzelnen der Weltreligionen aufzufinden.
Niels Lynhe hätte das, was stärker wird in unseren Herzen, wenn wir es mehr lieben, als wir den „Satan“ fürchten, wohl nicht „Gott“ genannt, sondern - - - Mensch.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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Re: der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

Beitrag von sedna » 7. Feb 2016, 23:56

Guten Abend lilaloufan und stilz!
lilaloufan hat geschrieben:
Matthias Mochner hat geschrieben:„Das Wort hat seine Schöpferkraft verloren. Gesprochen oder geschrieben wird es missbraucht, stirbt und ist nur ein Schatten seines lebendigen Ursprungs. Wo gibt es eine Bühne, auf der das Wort – von der Egoität gereinigt – als solches erklingt, wo einen Ort, von dem aus es schöpferisch in die Herzen der Zuhörer dringen, seine Urkraft entfalten darf? Wird es künftig in den Menschen neu geboren werden?“
– – –

Da ich gerade an einem Beitrag arbeite, in dem ich ein Zitat aus dem apokalyptischen Anfang der hier besprochenen Passage aus Malte ⅩⅧ als Thema gewählt habe, denke ich an Deine Frage @Ingrid zurück. „Wer ist es, der ‚das Wort‛ diktiert?“ fragst Du. Lass’ mich daraus die Frage bilden: „Wer ist ‚das Wort‛“

l.
Spannend!

Ich möchte noch die Sprachskepsis in die Runde werfen, als Hintergrund zur Malte-Zeit, mit ein paar Links.

Hier das wichtigste Gedicht: „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ von 1897

Nietzsche in diesem Beitrag von Harald.

Dann noch der Ausschnitt eines Gedichts von 1899 aus dem "Stunden-Buch":

Dein allererstes Wort war: Licht:
Da ward die Zeit. Dann schwiegst du lange.
Dein zweites Wort ward Mensch und bange
(wir dunkeln noch in seinem Klange)
und wieder sinnt dein Angesicht.

Ich aber will dein drittes nicht.


Ein Gott-behalt's! ... :lol:

Rilkes Arbeit am Malte begann zu der Zeit, als Hofmannsthal den "Chandos-Brief" veröffentlichte, im Jahr 1902. Dazu gibt es im Forum zwar auch keinen Beitrag, dank eines Teilnehmers jedoch eine Erwähnung in einer wahrlich köstlichen „Herbsttag“-Interpretation von Rainer Kirsch, worin auch der Umfang von Rilkes damaligem Gottesbegriff Raum findet. Beide „Herbst“-Gedichte im übrigen, das heißt auch das ausschnittsweise von Dir, lilaloufan, zitierte, sind ebenfalls 1902, im September in Paris entstanden.
An den "Niels Lyhne" (erschienen 1880) zu erinnern, liebe stilz, ist hier treffend!

Herzliche Grüße

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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Re: der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

Beitrag von helle » 9. Feb 2016, 13:02

Das ist wieder mal nur ein Zwischenruf, aber auch ich freue mich, daß das Forum wieder eröffnet ist.

Dabei stoße ich mich, abgesehen davon, daß m.E. – ad lilaloufan – Passagen wie »dementielle mnestische Störungen, senile Dysphasien und Konfabulationen« oder auch das gepflegte Griechisch und Latein in diesem »thread«, schluck, räusper, hust, mögliche neue, auch unbedarfte Interessenten am Rilke-Forum vermutlich eher abschrecken als zur Teilnahme einladen, man muß ja glauben, sich in den Fluren der Salpêtrière oder in eine psychiatrische Dienstbesprechung verirrt zu haben – also, ich stoße mich an einem Satz von Matthias Mochner: »Wo gibt es eine Bühne, auf der das Wort – von der Egoität gereinigt – als solches erklingt, wo einen Ort, von dem aus es schöpferisch in die Herzen der Zuhörer dringen […] darf« – Wie: »von der Egoität gereinigt«? Wieso gereinigt? Wieso von der ›Egoität‹? Es ist post Eden und post Babel, und die Sprache arbeitet nun mal so, daß ein einzelner sie spricht und prägt, und das ist zunächst weder schmutzig noch rein, es ist unser Nadelöhr. Ohne Individuum ist die Sache kaum zu haben, sonst sind wir bei Heidegger: »die Sprache spricht«, und Adornos Replik: »ohne Seiendes kein Sein«. Und da bin ich Adornit: Ohne Sterblichkeit und Fehlbarkeit keine Vollkommenheit. Oder umgekehrt, wie in Wim Wenders schönem Film Himmel über Berlin, irgendwann kriegt das reine Dasein den turn zur Langeweile.

Im übrigen, das geht noch mal an lilaloufan, wenn es vom Wort heißt: »Gesprochen oder geschrieben wird es missbraucht«, da muß auch ich in den allgemeinen Kulturpessimismus einstimmen, es ist ganz schauerlich, wie unkenntlich, bis zur Unerkennbarkeit, das geworden ist, was das Wort für uns einmal gewesen sein mag. Und damit, vom universellen Verblendungszusammenhang der Welt gehörig geblendet, bin auch schon wieder unterwegs mit meinem Klappstuhl …

Gruß in die Runde!

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Re: der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

Beitrag von lilaloufan » 10. Feb 2016, 10:09

ad helle, Du hast ja ganz recht; da hab’ ich mehr an die „Zielgruppe“ gedacht, für die ich gerade einen Beitrag erarbeite und die gähnen würde, wenn ich nicht ihre (i. e. meine) Fachsprache aufgriffe. Dem Forum schaden will ich ja wirklich nicht! Mein erster Beitrag hier war der:
lilaloufan hat geschrieben:Ich war bisher nie in Muzot und frage, weil Rilke sich über Franziskus ja einmal so äußert: "Der rechte Gebrauch, das ist's. Das Hiesige recht in die Hand nehmen, herzlich liebevoll, erstaunend, als unser, vorläufig, Einziges: das ist zugleich, es gewöhnlich zu sagen, die große Gebrauchsanweisung Gottes, die meinte der heilige Franz von Assisi aufzuschreiben in seinem Lied an die Sonne, die ihm im Sterben herrlicher war als das Kreuz, das ja nur dazu da stand, in die Sonne zu weisen." Offenbar gibt es im Turm ein Franziskus-Bild?
Der rechte Gebrauch, das ist’s: Daran sollte ich wohl öfter denken – danke mein Lieber für den Stupser!

Zu Deiner Frage an Matthias Mochner: „Egoität“ scheint mir hier gerade das Gegenteil von individueller Ichheit („Individuum“) zu meinen: Zur Sprache vollverantwortlich stehen kann man nur aus dieser individuellen Ichheit, also aus dem in uns, das in der Lage ist, sich selbst sich gegenüberzustellen in der Haltung der Selbsterkenntnisbemühung, wenn’s gutgeht sogar der Selbsterziehung in Richtung dessen, wer wir werden sollen. Ja ganz in Deinem Sinne helle, mit voller Fehlbarkeit, Schwäche, Wesensverleugnung, Verirrung, Schuldenlast vielleicht. Stefan Zweigs: »Die Augen des ewigen Bruders« scheint mir in der mir bekannten Literatur in eindrucksvollster Sprache und tief mitempfindbar aufzuzeigen, wie diese Fehlbarkeit und Schuld-Fähigkeit nicht nur zum Menschsein gehört, sondern es geradezu konstituiert. Der Versuch, Schuld zu vermeiden, endet bei den schuldunfähigen Hunden.
Nietzsche hat geschrieben:Den Menschen ergreift es, als ob er eines verlorenen Paradieses gedächte, die weidende Herde oder das Kind zu sehen, das noch nichts vergangenes zu verleugnen hat und zwischen den Zäunen der Vergangenheit und der Zukunft in überseliger Blindheit spielt.
Nun leben wir halt nicht nur nach dem Verlust des Paradieses, sondern auch nach Golgatha: Dass Sprache durchs Nadelöhr [jene (vielleicht legendäre) enge Gasse in der Altstadt Jerusalems, wo beladene Kamele nur, wenn sie auf die Knie gingen, durchs Tor gelangten] der individuellen Verantwortlichkeit hindurchgegangen sein muss, wenn sie Vertrauen ins Wort erzeugen will, leugnet Matthias Mochner ja keineswegs. »Von der Egoität gereinigt« ist Sprache dann, wenn sie nicht mehr von der bloßen Selbstheit kündet, von dem in uns dem Hund Verwandten unserer Instinkte, Begehrungen und seelischen Widerstände, sondern von wirklich mensch-lichen Motiven in unserem Sprechen. Das zählt Mochner dann nicht mehr zu dem, was der Selbstbezogenheit so verwandt wäre, sondern zu dem, was Individualverantwortung trägt, dem Ich mit seiner Perspektive eines höheren Ich, einer Auferstehung aus dem Todesprozess, den Sprache derzeit im Gang der Freiheitsentwicklung unbedingt durchleiden muss. Wir sind auf dem Weg der Vertreibung aus dem Paradiese, in dem wir das Schöpfer-Wort noch aus einem unmittelbaren (d. h. ohne „Religion“ vermittelten, also unvermittelten) Gegenüber vernehmen konnten, beim bloßen kommunikativen Wort angekommen („Kommst du Bahnhof?“), und ich suche noch nach Begriffen für den möglichen Wiederaufstieg (unter anderem in Posting 16164, wo ich wiederum Fehlbarer das Philosophische Wort vergessen habe).
Wenn Matthias Mochner nach dem Ort sucht, von dem aus das Wort wieder schöpferisch werden kann, scheint er mir nach demselben Wiederaufstieg zu suchen. Der wird nicht zu einem äußeren „Paradies“ führen. Aber er wird durch das Menschenherz führen; dessen bin ich gewiss. Adornos Minima Moralia ertasten in einer mir recht fremden Sprache nach demselben Vorgang: der Verantwortlichkeit des individuellen Menschen – auch und gerade für das Wort. Rudolf Steiner hat dem Wort, dessen Zusammenklang im Mikrokosmos Mensch vorliegt, ein Lebenswerk gewidmet. „Von der Egoität gereinigt“ im Sinne seiner Welt-Anschauung ist das Wort gerade nicht dann, wenn Egoität etwa geleugnet würde, sondern wenn sie sich verwandeln kann so, dass der individuelle Mensch im Wort offenbar wird.
@Matthias Mochner, lesen Sie hier vielleicht mit? Ich wär’ sehr neugierig, wie Sie selbst Ihre Zeilen erläutern wollten.

lilaloufan


Zusatz am 2016-02-11: Inzwischen habe ich Herrn Mochner per E-mail gefragt; er bestätigt, hier verstanden zu sein und hat wahrgenommen, dass wir an seine Gedanken weitere anschließen.
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Re: der Eindruck, der sich verwandeln wird ...

Beitrag von lilaloufan » 19. Feb 2016, 22:23

stilz hat geschrieben:
lilaloufan hat geschrieben:„Wer ist es, der ‚das Wort‛ diktiert?“ fragst Du. Lass’ mich daraus die Frage bilden: „Wer ist ‚das Wort‛“, das man im Sinne des von Dir hier zitierten Prologs des Johannes-Logos-Evangeliums so leicht sollte zuordnen können.
[…]
Wenn alles gutgeht, wird eine Zeit kommen, in der wir uns in der Nachfolge eines Menschen-Urbilds, des „Menschensohns“ (Υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου), verstehen können, und zwar jenseits aller Religionslehren.
Da möchte ich zurückfragen:
»jenseits aller Religionslehren« --- wie soll das gehen, wenn Du fragst, »WER ist ‚das Wort‛«, und es gleichzeitig ganz ausdrücklich mit der zentralen Schrift einer einzigen Religion in Zusammenhang bringst, und nicht auch gleichzeitig mit den Schriften anderer Religionen?


Jenseits aller Religionslehren, aber – davon bin ich zutiefst überzeugt! – in jeder einzelnen der Weltreligionen aufzufinden.
Der Dalai Lama, allerdings nicht hier im Rilke-Forum, hat geschrieben:Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen. In den Schulen ist Ethik-Unterricht wichtiger als Religionsunterricht. Warum? Weil zum Überleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichtiger ist als das ständige Hervorheben des Trennenden.
Dem Dalai Lama stimme ich - trotz ähnlicher Formulierung nicht zu in seiner Folgerung, dem Ersatz aller Religionen durch „säkulare Ethik“. Es kann Freiheit der Religionen bei deren Vielfalt geben, und das heißt Pluralität ohne Trennendes.

Dennoch ja –„ jenseits aller Religionslehren“ — auch wenn Deine Frage liebe stilz hier schon etwas zurückliegt (sie wurde dieser Tage an einer anderen Stelle für mich noch einmal aktuell):

Dazu muss ich wohl erläutern, dass das, was ich als Beziehung des Menschen zu Christus verstehe, nicht durch irgendeine „Religionslehre“ charakterisierbar ist. Das konfessionelle Christentum der „christlichen“ Religionen verstellt meinem Urteil nach eine solche Beziehung nur, statt sie noch zu vermitteln, wie das in den ersten achteinhalb Jahrhunderten der abendländisch-christlichen Kulturgeschichte weitgehend noch möglich war, auch noch nach der Konstantinischen Wende um 380, aber seit dem Ende des Ⅸ. Jahrhunderts gewiss nicht mehr. Selbst die hochgeistigen Zeugnisse der Christusverehrung, vor allem in den Künsten, die ihre maßgeblichen Meister durch künstlerische Initiationswege leiteten, haben heute nicht mehr die vermittelnde Kraft für eine solche Christusbeziehung, leider auch Bachs Kantatenwerk nicht mehr; man denke daran, wie kopfschüttelnd Rilke vor Bildern des „Schmerzensmannes“ stand, und wie er allenfalls Bilder gelten ließ wie die des heiligen Franziskus [die ihm bedeuteten, wie ohne die „Lehre“ und ohne den „Mittler“, ohne den Pfaffen, eine IMITATIO CHRISTI versucht werden kann. Das sei gesagt, auch wenn die Kirche den kirchenunabhängigen Ordensmann aus Assisi längst annektiert hat]. Und auch die christlich-konfessionellen Kulte sind in diesem Sinne eigentlich nicht christlich, selbst wenn der katholische Ritus bis zum Jahr 1963 noch vieles von dem enthielt, was bis in unsere Zeit für einzelne noch den Blick hin zu Wahrbildern einer Christussphäre eröffnete. Bei entsprechender Andacht wird das auch heute noch möglich sein, aber in einem Bahá’í-Tempel oder in einer islamischen Moschee oder vor einer Buddha-Statue dann doch ebenso wie in einer romanischen Krypta, wieso denn wohl nicht? Muss man denn den Christus-Namen kennen, muss man denn die Lehre – das Wort sei betont! – sich zu eigen machen als Bekenntnis? Nein.

Nun kommt ein Aber, das mir sehr wichtig ist: Die „zentrale Schrift“, das Heilige Buch dieser einen nach Christus benannten Religion, die ein Verständnis der Trinität über zwei Jahrtausende theologisch entwickelt und scholastisch disputiert hat, enthält einen Logos-Begriff, den ich hier nicht als Teil einer nominalistischen Logos-Lehre anspreche, sondern als einen realen Logos-Begriff. Ob es einen solchen in den zentralen Schriften anderer Religionen gibt, das kann ich nicht wissen; bisher gehe ich davon aus, dass es ihn so in den vorchristlichen monotheistischen Religionen zumindest nicht gibt. Wer aber auf seinem eigenen Weg der Christus-Beziehung zu diesem in der Welt wirkenden Geist-Logos, Logos-Geist, kommt, ob mit oder ohne irgendeine re-ligio, der wird ihn im Johannes-Prolog wiederfinden, leichter und sicherer vielleicht als z. B. Luther, der mit ihm zunächst gar nichts anfangen wollte. Und er wird Christus, ob Glaubender oder nicht, in dieser Schrift wiederfinden, es sei denn, es liegen in seinem Schicksal Hinderungen, die ihm dieses Wiederentdecken auch dort verwehren. Ich kenne Menschen, einen Islami, (Ibrahim Abouleish), von Berichten, einen Buddhisten persönlich, die in diesem Sinne nicht trotz, sondern wegen ihrer eigenen Religiosität Christus im Johannesprolog gefunden haben, und sie werden so wenig je zu denen gehören, die sich zu einem Christus-Glauben oder zu einer Christus-Lehre bekennen wie Rilke oder ich. Muss ich denn einer Lehre folgen, um mein MacBook, an dem ich dies tippe, als ein solches zu erkennen? Muss ich an mein MacBook glauben? Ich seh’s doch vor mir, fühle es unter meinen Fingerkuppen. In diesem Sinne, meine ich, hat Rilke an Schwellenerleben, nicht erst in der Agonie seiner todbringenden Krankheit, einen Christus erlebt, den er gerade wegen der Täuschungen über Christus, mit denen die christliche Religiosität behaftet war, die Rilke kennenlernen konnte, nicht mit irgendeinem Namen hätte bezeichnen wollen. Man könnte sogar sagen: Er hat bemerkt, dass er ihn erst in sich erzeugen muss, zum Leben bringen, in der Seele entzünden, im Kunst-Ding-Machen offenbar werden lassen. Vielleicht – nein ich bin dessen sogar gewiss – wird das Religiöse in der Zukunft ohne die Lehren auskommen, nach und nach, je mehr Menschen dieser Christus als der Logos erfahrbar wird – und sei es auf den religiösen Wegen bisheriger Art, auf denen dermaßen Großes hat hervorgebracht werden können, dass es zum Schaden der Menschheit wäre, wenn es nicht weiterhin von Menschen gepflegt würde, jenseits aller Lehren und Namen.

Eigentlich müsste das, was ich hier dem MacBook und dann euch anvertraut habe, noch um einen Punkt ergänzt werden. Den findet ihr in 1. Korinther 13. Aber wer weiß, vielleicht findet ihr ihn auch in „nicht christlichen“ heiligen Büchern. Das würde mich nicht irritieren, sondern freuen! Diese Bücher könnten dann an dieser Stelle christlich sein, ohne dass ein „Christentum“ sie je deswegen für sich in Anspruch nehmen dürfte!

Ich fasse zusammen: Dieser WER ist nach meiner Auffassung in religiöser Haltung erfahrbar jenseits aller Religionslehren. Im Christentum christlicher Kirchen jedenfalls nicht leichter als in anderen Religionen, die von ihm nicht sprechen. Das Christentum selbst kennt ihn von Jahrhundert zu Jahrhundert weniger. Es hat aber in ihm nicht etwa seine Gründung (die liegt Äonen vor der Zeitenwende), sondern seine Zukunft. Jenseits aller Lehre. Jenseits aller Abgrenzung. Vor allem jenseits aller Überheblichkeit. Ich aber kann von ihm am unbefangensten sprechen im christlich überlieferten Vokabular. Es ist das Vokabular des Evangeliums. Einmal werde ich anders sprechen können. Dann werden mir heilige Schriften Zeugnisse sein, an denen ich dieses So-Sprechen messe. Einiges in Rilkes Werk gilt mir schon jetzt als Vorstufe eines solchen Sprechens.

lilaloufan
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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