Rilke und der Krieg?

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Gast

Rilke und der Krieg?

Beitrag von Gast » 11. Nov 2003, 16:07

Hallo !

Könnte mir jemand sagen, ob sich Rilke in einem seiner Werke oder
Briefe kritisch über den 1. Weltkrieg äußert?

Danke :D

Gast

Beitrag von Gast » 11. Nov 2003, 16:25

wie schon öfters gesagt,werden hier keine antworten auf fragen gegeben,die für hausaufgaben bestimmt sind.es tut mir genauso leid wie dir.ich hatte ebenfalls ne frage,die mir niemand beantworten wollte/durfte

KILLA

Gast

Beitrag von Gast » 11. Nov 2003, 17:19

Trotzdem, Tipps darf man wohl noch geben. Zu diesem Thema ist es eigentlich ganz einfach:
entweder man schaut in den Insel-Almanach von 1915 (wo einige Verse von Rilke sind)
oder man besorgt sich die Ausgabe R.M.R: Briefe zur Politik, herausgegeben von Joachim W.Storck.
Beides gibt's in besseren Bibliotheken.
Dann braucht man nur noch zu lesen, aber das kann schließlich jeder!
Viel Glück!

Martina
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Beitrag von Martina » 20. Nov 2004, 19:28

Man kann das Thema auch noch anders beleuchten, nicht nur darüber, was Rilke direkt gesagt hat, sondern auch aus seiner gesamten Haltung heraus, die mit seiner Ordnungsvorstellung und seiner Sehnsucht nach Totalität zu tun hat. Insgesamt war seine Haltung recht unpolitisch, d.h. Rilkes Sinne waren wenig geschärft fürs Politische. Seine erste Reaktion auf den ersten Weltkrieg war euphorisch (vgl. in Fünf Gesänge). Ich verweise außerdem auf Rilkes Fehleinschätzung der Politik Mussolinis (siehe das Kapitel meiner Dissertation: der völkische Kontext).

gliwi
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Beitrag von gliwi » 20. Nov 2004, 23:31

Liebe Killa, es macht einen Unterschied, ob jemand eine konkrete Frage hat oder ob jemand eine fix und fertige Interpretation zum Abschreiben geliefert kriegen möchte, und das meistens noch "ganz dringend". :evil:
Gruß
gliwi

N.N.

Beitrag von N.N. » 18. Dez 2005, 06:42

Rilke war stumm mehr als kritisch. Abstand.

Anfangsphrase in der vierten Elegie

Weil er zu toll, zu schön dichtete, half sein Freund Kassner der Interpretation Sonett in "Zen, Rilke und ich", um kritisch, ironisch zu werden.

Leider kann ich nicht beweisen.
Wir sind auch stumm.

Wie bitte?
Wir sind dumm...?!

N.N.

Beitrag von N.N. » 18. Dez 2005, 07:00

Entschuldigung!
nicht Anfangsphrase, sondern
Anfangsstrophe, die erste Strophe

sMartin
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Fünf Gesänge

Beitrag von sMartin » 1. Nov 2006, 20:53

In seinen "Fünf Gesängen" hat Rilke sich dichterisch über den Ersten Weltkrieg geäußert. "Blut- und Boden-Geschreibsel" hat das ein Kollege mal genannt. Ich fürchte, er hat recht.

helle
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Beitrag von helle » 4. Nov 2006, 21:37

Ja, aber so, mit einem Hinweis auf die fünf Gedichte allein (die allerdings heftig sind und die Rilke selbst schon wenig später in Frage gestellt hat) oder der vorangegangenen Äußerung über seine "Sehnsucht nach Totalität" (wer hätte denn keine Sehnsucht nach Totalität?) ist es nicht getan, das macht man sich's nicht nur zu leicht, das ist einfach falsch. Wer sich mit Rilkes Auffassungen über den Ersten Weltkrieg beschäftigt, findet jede Menge Briefe, die zeigen, wie "namenlos" er unter dem Krieg und seiner Propaganda gelitten hat, auch Jahre danach noch, es gibt doch kaum einen Brief, der nicht von dieser Erschütterung zeugt, die viele Konsequenzen hat, schwere Melancholien, Schreibhemmungen, der erzwungene Abbruch der starken und vielfältigen Beziehungen nach Frankreich, und der nicht von der Trauer spricht über Freunde und Bekannte, die gefallen sind, die Freunde Paul von Leyserlingk oder Norbert von Hellingrath, der so viel für die Hölderlin-Aufnahme in Deutschland getan hat, auch Trakl oder der junge, Rilke nahe stehende Dichter Bernhard von der Marwitz, oder Franz Marc oder ein anderer, von R. ebenso hoch geschätzter junger Maler, Goetz von Seckendorff usw. usf.; x-Beispiele könnte man anführen, damit fange ich gar nicht erst an, aber ich empfehle die Lektüre von Rilkes Briefen der Jahre 1914-1921, da sollte man ein paar Seiten lesen, bevor man die Sache abschließend beurteilt, soviel Fairneß muß sein

meint helle

stilz
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Beitrag von stilz » 5. Nov 2006, 15:26

Danke, helle, für's "Zurechtrücken"!

Die "Blut und Boden-Geschreibsel"-Gedichte kenne ich nicht, würden mich jetzt natürlich interessieren... aber ich möchte in diesem Zusammenhang auch noch das folgende Gedicht hereinstellen (es stammt aus dem Jahre 1914; für mich hat das was zu bedeuten...):

Nächtens will ich mit dem Engel reden,
ob er meine Augen anerkennt.
Wenn er plötzlich fragte: Schaust du Eden?
Und ich müsste sagen: Eden brennt

Meinen Mund will ich zu ihm erheben,
hart wie einer, welcher nicht begehrt.
Und der Engel spräche: Ahnst du Leben?
Und ich müsste sagen: Leben zehrt

Wenn er jene Freude in mir fände,
die in seinem Geiste ewig wird, -
und er hübe sie in seine Hände,
und ich müsste sagen: Freude irrt


Lieben Gruß

stilz
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Beitrag von helle » 6. Nov 2006, 23:20

Liebe Stilz,

Du findest die Gedichte, wenn Du unter Rilke und "Fünf Gesänge" googelst.

"Blut und Boden" ist ein etwas häßlicher, anachronistischer Stempel darauf.

In meinem letzten Beitrag ist ein Tippfehler, es muß ja "Keyserlingk" heißen.

Gruß von
helle

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Beitrag von stilz » 7. Nov 2006, 12:43

Lieber Helle,

danke!

Ich dank Dir auch für Dein "anachronistischer Stempel" und für die Frage "wer hätte denn keine Sehnsucht nach Totalität?".
Wenn ich mehr Zeit habe, möchte ich mich gerade mit diesen Gesängen noch ein bisserl genauer beschäftigen - ich sehe natürlich das "Heftige" darin, aber nicht nur, glaube ich.
Hat zwar nix mit dem Ersten Weltkrieg zu tun, dennoch sei's hier gesagt: Der Begriff "Verherrlichung des Soldatenlebens bzw -todes" wird meiner Meinung nach Rilkes "Cornet" überhaupt nicht gerecht.

Lieben Gruß

Ingrid
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Beitrag von gliwi » 7. Nov 2006, 17:01

Nicht, Ingrid? Also ich finde schon, dass im Cornet einiges verherrlicht wird, was eine Verherrlichung nicht verdient, nicht nur Soldatentum, auch Nationalismus/Rassismus und eine bestimmte Ausprägung von Machismo. Also irgendwas Positives habe ich noch nicht drin gefunden. Soviel ich weiß, war der Cornet Rilke später peinlich, was wiederum für Rilke spricht.
Aber ich habe schon mehrfach erlebt, dass ansonsten ganz vernünftige Menschen für den Cornet geradezu schwärmen. Parallelen zum WK I könnte man darin sehen, dass im Cornet der Krieg ein großes Männerabenteuer ist, und die ausziehenden Soldaten 1914 haben wohl auch so etwas erwartet, wenn man die Zeitzeugnisse ansieht. Man hatte eben vorher 43 Jahre Frieden,
da wußten die Menschen nicht mehr, wie das ist, wenn die ersten Särge zurückkommen und die Invaliden.
Gruß
Christiane
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Beitrag von stilz » 8. Nov 2006, 14:37

Ja, Christiane, das ist ein Thema, das ich sehr gern einmal ausführlicher erörtern möchte...

Für heute nur soviel: für mich ist der Cornet nicht "Verherrlichung", sondern einfühlsame Schilderung einer Möglichkeit, wie dieser Krieg erlebt werden konnte.
Ohne anfängliche "Kriegsbegeisterung" beim Gros der Soldaten konnte und kann es überhaupt keinen Krieg geben ... es gab und gibt aber immer wieder Kriege, das allein ist schon ein Beweis dafür, daß es diese Begeisterung gegeben hat, weiterhin gibt und vielleicht sogar immer geben wird. Darüber freu ich mich nicht, aber es scheint nun mal in uns Menschen eine für so etwas sehr empfängliche Stelle zu geben...

Was Rilke im "Cornet" meiner Meinung nach tut, ist: auch das schildern. Aber eben nicht nur.
Schon in der ersten "Strophe" (sagt man hier so?) finden sich Passagen wie

Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß.

Vielleicht kehren wir nächtens immer wieder das Stück zurück, das wir in der fremden Sonne mühsam gewonnen haben?

Es muß also Herbst sein. Wenigstens dort, wo traurige Frauen von uns wissen.


Ist das wirklich "Verherrlichung"???

Ich weiß, der Begriff "Ding-Gedichte" ist viel später entstanden und wird daher auf den "Cornet" nicht angewendet.
Trotzdem möchte ich Dich fragen: wenn Du zum Beispiel die "Blaue Hortensie" hernimmst, findest Du in diesem Gedicht die Pflanze "verherrlicht" oder einfach nur "geschildert"?

Meiner Meinung nach enthält sich Rilke im "Cornet" einer moralischen Bewertung. Das mag man ihm vorwerfen --- ich tu's nicht, denn ich bin insgesamt kein Freund der "political correctness", die so oft dazu führt, daß die Dinge nicht so gesehen werden, wie sie sind, sondern so, wie wir sie gern hätten...


meint

Ingrid
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Beitrag von gliwi » 8. Nov 2006, 18:59

Schildern? Beschreiben? Nein, er schwärmt! Ach, es geht doch nicht um eine moralische Bewertung. Aber was hältst du von der Bezeichnung "türkische Hunde"? Und ist das nicht verherrlichend: "Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht."? Und kitschig noch dazu. Und erinnert : "Da brennt ihre Fahne mitten im Feind, und sie jagen ihr nach." nicht schon an den Nazi-Kitsch: "Denn die Fahne ist mehr als der Tod"? Es nimmt mich wirklich Wunder, dass dieses Werk immer wieder VerteidigerInnen findet. Ich finde kein einziges gutes Haar dran. Ich war mal bei einer Lesung, bei der auch türkische SchülerInnen anwesend waren, und ich habe mich geradezu geschämt für Rilke.
Gruß

Christiane
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