Rilke und der Krieg?

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stilz
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Beitrag von stilz » 8. Nov 2006, 20:24

Oh.
Was stellst Du für Fragen.

Ich hab voriges Jahr in einer "Cosi fan tutte"-Aufführung die Fiordiligi gesungen, und eine Türkin sang die Dorabella.
Und wenn sich die beiden Liebhaber verkleiden, lacht Despina sie aus und singt: "Che sembianze! Che vestiti! Che figure! Che mustacchi! Io non so se son Vallacchi, o se Turchi son costor..." ja, wie schaut's denn ihr aus, sowas Lächerliches, seid ihr gar Türken oder Wallachen?

Das darf man dann also auch nicht mehr aufführen? Oder was meinst Du gar zur "Entführung aus dem Serail"?

Zu den "türkischen Hunden": Die Stelle lautet:

»Habt Ihr auch eine Braut daheim, Herr Junker?«
»Ihr?« gibt der von Langenau zurück.
»Sie ist blond wie Ihr.«
Und sie schweigen wieder, bis der Deutsche ruft: »Aber zum Teufel, warum sitzt Ihr denn dann im Sattel und reitet durch dieses giftige Land den türkischen Hunden entgegen?«


Wo ist hier "geschwärmt"? Willst Du es Rilke vorwerfen, daß er nicht verschweigt, wie zu empfinden einem damals, als die "europäische Welt" gegen "die Türken" kämpfte, normal vorkam?


Und die nächste von Dir inkriminierte Stelle:

Rast! Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten mit kärglicher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen; einmal sich alles geschehen lassen und wissen: was geschieht, ist gut. Auch der Mut muß einmal sich strecken und sich am Saume seidener Decken in sich selber überschlagen. Nicht immer Soldat sein. Einmal die Locken offen tragen und den weiten offenen Kragen und in seidenen Sesseln sitzen und bis in die Fingerspitzen so: nach dem Bad sein. Und wieder erst lernen, was Frauen sind. Und wie die weißen tun und wie die blauen sind; was für Hände sie haben, wie sie ihr Lachen singen, wenn blonde Knaben die schönen Schalen bringen, von saftigen Früchten schwer.

Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie.
...
Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht.


Meine Großmutter hat mir mal erzählt, wie wunderbar ihr damals, als sie überhaupt nichts hatten, zu einer festlichen Gelegenheit eine ganz bestimmte Torte geschmeckt hat, die es zum Getreidekaffee gab. Und viele Jahre später hat sie genau dasselbe Rezept nochmal ausprobiert, und da schmeckte es ganz fürchterlich...
Ich war noch nie im Krieg, aber ich wage zu behaupten: Feste, die man als singuläre Ausnahmen inmitten einer entbehrungsreichen Zeit feiert, sind "kitschig". Das schildert Rilke, und gerade gegen diese glanzvoll-kitschige Kulisse hebt sich das Dunkle, Mühsame noch deutlicher ab...


Und zum Schluß noch die Fahne:
Ja, Du hast recht, natürlich erinnert das an "Nazi-Kitsch"!
Uns erinnert es daran. Rilke konnte sich damals nicht daran erinnern.

Und das ist genau, was ich im letzten posting meinte: Daß Menschen sich für Kriege begeistern konnten und auch immer noch können, ist eine Tatsache. Und daß diese Begeisterung sich an Symbolen festmacht, die einem plötzlich "alles" zu bedeuten scheinen, gehört dazu. Wenn jemand es unternimmt, zu schildern, wie ein Soldat den Krieg erlebt, wird er nicht darum herumkommen, auch das zu schreiben!
Und Rilke tut es nicht so, daß dieses begeistert-euphorische "sich in den Feind Werfen" nun auch den sofortigen ruhmreichen Sieg in der Schlacht zur Folge hat. Sondern der Cornet stirbt daran...

Im nächsten Frühjahr (es kam traurig und kalt) ritt ein Kurier des Freiherrn von Pirovano langsam in Langenau ein. Dort hat er eine alte Frau weinen sehen.

Liebe Christiane.
Kannst Du mir verraten, wie junge Leute von heute, die noch nie einen Krieg erlebt haben, es lernen sollen, wie man sich gegen die Verlockungen der "Fahnen-Euphorie" zur Wehr setzt, wenn man leugnet, daß es solche Verlockungen überhaupt geben kann?

Lieben Gruß, und nix für ungut!

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

gliwi
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Beitrag von gliwi » 9. Nov 2006, 17:05

Liebe Ingrid,
das lasse ich jetzt mal alles so stehen und merke nur an, dass mensch bei deutschen Jugendlichen zum Glück nicht gegen eine Fahnen-Euphorie kämpfen muss.
Lieben Gruß
Christiane
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

Paul A.
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Beitrag von Paul A. » 30. Dez 2007, 18:56

Hallo,

ich suche ein Gedicht das Rilke für Götz von Seckendorf und Bernhard von der Marwitz (oder zu deren Tod?) geschrieben hat . Wäre schön, wenn mir jemand einen Hinweis geben könnte !

Paul
"... Knaben, o werft den Mut/ nicht in die Schnelligkeit,/ nicht in den Flugversuch./ Alles ist ausgeruht:/ Dunkel und Helligkeit,/ Blume und Buch." (R.M. Rilke)

Renée
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Seckendorf und von der Marwitz

Beitrag von Renée » 31. Dez 2007, 16:36



Lieber Paul,

Als Rilkes Beitrag zur Festschrift "Joachim von Winterfeldt zum 60. Geburtstag 15.5.1925" sendet er das Sonett "Zum Gedächtnis an Götz von Seckendorf und Bernhard von der Marwitz...": "Unangemessen traf der Wink des Geistes..."
(Entstanden in Muzot, 4. April 1924, SW 2, S,161)

Alles Gute im Neuen Jahr!
Renée

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