Brief des jungen Arbeiters, Brief an Maximilian Harden

Monographie Worpswede, Monographie Rodin, Briefe über Cézanne, Briefe an einen jungen Dichter, Brief eines jungen Arbeiters, Rezensionen, Aufsätze, Essays

Moderatoren: Thilo, stilz

Antworten
stilz
Beiträge: 1182
Registriert: 26. Okt 2004, 10:25
Wohnort: Klosterneuburg

Brief des jungen Arbeiters, Brief an Maximilian Harden

Beitrag von stilz » 26. Jan 2009, 22:05

Liebe Forumsteilnehmer,

auf der Suche nach Äußerungen Rilkes über seinen "Kunstbegriff" habe ich gerade wieder die beiden Briefe gelesen, die hier auf rilke.de unter "Über Kunst" zu finden sind.
Diese beiden Briefe, so ist hier zu lesen, "offenbar[en] hinter dem sozialen Anlass ein künstlerisches Glaubensbekenntnis."

Ich tu mir ein wenig schwer, aus diesen beiden Briefen Rilkes "künstlerisches Glaubensbekenntnis" so deutlich herauszulesen. Und ich frage mich, ob Rilke selber gerade diese beiden Briefe (und viele andere, vor allem die an Franz Xaver Kappus, nicht) in die Rubrik "Über Kunst" eingeordnet hätte...

Es geht dabei wohl im ersten Brief um die "alten Kirchen" ("Es ist ja überhaupt alles in den alten Kirchen, gar keine Scheu vor etwas, wie in den neuen, wo nur gewissermaßen die guten Beispiele vorkommen. Hier ist auch das Arge und Böse und das Fürchterliche; das Verkrüppelte, das was in Not, das was häßlich ist und das Unrecht - , und man möchte sagen, daß es irgendwie geliebt sei um Gottes willen."), im zweiten darum, daß "das unvermeidliche Vorhandensein solcher Kategorien eine Gefahr ist, weil jedes Verbrechen wie jedes Kunstwerk ein Einzelfall ist, mit eigenen Wurzeln, eigenem Wachstum, mit einem eingenen Himmel über sich, der regnet und scheint über den fremdartigen Keimen unbegreiflicher Taten.".

Ja. Das ist natürlich eine Art "Bekenntnis".
Aber etwas ist doch wohl nicht schon dann "Kunst", wenn es "eigene Wurzeln" oder "keine Scheu vor etwas" hat oder nicht von "guten Beispielen" abhängig ist. Welche Kriterien muß wohl - für Rilke, frage ich zunächst mal - ein Kunstwerk erfüllen, um einen solchen Eindruck hervorrufen zu können, wie ihn der "Junge Arbeiter" schildert:
"Ich habe einmal ganz alten Wein zu trinken bekommen. So ist das für die Augen, diese Fenster, nur daß der Wein nur dunkelrot war im Mund, - dieses hier aber ist dasselbe auch noch in Blau und in Violett und in Grün." - - -

fragt

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: Brief des jungen Arbeiters, Brief an Maximilian Harden

Beitrag von lilaloufan » 27. Jan 2009, 19:17

Rilke schildert in dem Rodin-Vortrag von 1907 (aus dessen ursprünglicher Fassung von 1905 ich hier zitiere), wie Rodin aus den «großen Ideen», von denen nicht abhänge, «ob etwas ein Leben wird», «ein Handwerk» geschafft habe, «ein Tägliches, Etwas, was bei einem aushält bis ans Ende» - und dann, dass er «Dinge» gemacht habe, «Dinge über uns hinaus», und er habe sie gemacht «still wie der Baum seine Früchte formt. Und seine Arbeit hat Wärme erzeugt; und Jahreszeiten sind entstanden um ihn herum aus den Bewegungen seiner Hände. Und eine Fruchtbarkeit ohne Gleichen ist das Natürliche bei Dem, der seine Aufgabe so ganz ins Wirkliche gestellt hat, - ins Erreichbare, - ins Tägliche.» Und er fragt dann: «Wie soll ich Ihnen seine Entwicklung schildern?»

Und nun ist, an Rodin als exemple excellent, eine charakteristische Stufenfolge künstlerischer Entwicklung geschildert, die, wie ich meine, Rilkes Kunstbegriff in sich enthält.
  • «Wie soll ich Ihnen seine Entwicklung schildern?
    Sie ist einfach wie das Reifen einer Frucht und ebenso ruhig und ebenso ununterbrochen.
    Ich habe Ihnen schon vorher die erst geahnte und später gefundene Einsicht dieses Lebens gezeigt:
    das Wissen von der einen Oberfläche, jene vereinfachende Erkenntnis, mit welcher dieser Kunst die ganze Welt angeboten war.
    Angeboten, noch nicht gegeben. Um sie zu nehmen bedurfte es unendlicher - - - (bedarf es immer noch) - unendlicher Arbeit.
    Denken Sie wie Der arbeiten musste, der aller Oberfläche mächtig werden wollte. Da doch kein Ding dem andern gleich ist.
    Einer, dem es nicht darum zu tun war, den Leib im allgemeinen kennen zu lernen, das Gesicht - die Hand -: sondern alle Leiber, alle Gesichter, alle Hände -. Was für eine Aufgabe erhebt sich da. - Und wie schlicht und ernst ist sie; wie ganz ohne Anlockung und Versprechung; wie ganz ohne Phrase.
    Ein Handwerk entsteht, aber es scheint ein Handwerk für einen Unsterblichen zu sein, so weit ist es, so ohne Absehn und Ende und so sehr auf Immer-noch-Lernen angelegt.
    Da war Geduld, - da war nirgends ein Sprung über das Nächste hinaus, da war der harte und eigensinnige Wille des Machen-Könnens.
    Aber der Weg wäre nicht möglich gewesen, wäre nicht die Liebe gekommen -: die Liebe zu allen diesen Vorbildern, bis herunter zu dem Geringsten, - diese große hellseherische Liebe zur Natur, die sich nur bei Arbeitenden entwickelt, die aus der Arbeit heraus entsteht wie die Wärme unter der Feile. Darum haben diesem Arbeitenden sich später auch die großen alten Dinge so unerhört aufgetan: weil er diese zitternde Liebe an sie wandte, (der sie nicht widerstehen).
    Darum haben ihm die seit Jahrtausenden schweigenden Steine ihr Geheimnis gesagt.
    Darum, weil er die Wölbung der Früchte wusste und das Runde an den Muscheln, schlossen sich ihm die Dinge der Antike auf.
    Und weil er die Bäume kannte und die Hunde und die Hungernden, kamen die Tiere von den Kathedralen zu ihm.
    Und es scheint als hätte er sogar die Steine Michelangelos zum Reden gebracht - oder vielleicht haben sie nur geseufzt da er vorüberging.
    Denn aus alledem ist Wissen in sein Werk eingegangen.
    Greifbare und ergriffene Weisheit.
    Er hat sich an diesen verschwenderischen Dingen nie berauscht, er hat sie auf sich genommen und hat sie getragen, solange er sie nicht begriff, und ihre Last hat ihn tiefer ins Handwerk hineingedrückt - immer in dieses Eine.
    Unter ihrer Wucht muss ihm klar geworden sein, dass es bei den Kunst-Dingen (ganz wie bei einer Waffe oder Waage) nicht darauf ankommt durch das Aussehn irgendwie zu ›wirken‹: sondern, dass es sich darum handelt:
    gut gemacht zu sein.
    Dieses Gut-Machen,
    dieses Arbeiten mit dem reinsten Gewissen: war Alles.
    »
Soweit, worin Rilke den Künstler hier erkennt. Kriterien dem Kunst-Werk gegenüber, so fragst Du:

«Das Ding ist bestimmt, das Kunst-Ding muss noch bestimmter sein; von allem Zufall fortgenommen, jeder Unklarheit entrückt, der Zeit enthoben und dem Raum gegeben, ist es dauernd geworden, fähig zur Ewigkeit.» hat Rilke um etwa diese Zeit an LAS geschrieben.

Gruß in die Runde,
l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: Brief des jungen Arbeiters, Brief an Maximilian Harden

Beitrag von lilaloufan » 29. Apr 2009, 07:38

Hier möchte ich noch einen Hinweis auf einen Aufsatz geben, den ich in diesem Zusammenhang nicht übersehen wissen möchte:

Rilke: «Über Kunst», posting #11290

Christoph
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Antworten