Rilke über die Psychoanalyse

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Harald
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Rilke über die Psychoanalyse

Beitrag von Harald » 4. Nov 2009, 18:54

"Meine Frau [...] meint [...] eine Art Feigheit schreckte mich von der Analyse zurück, es paßte (wie sie sich ausdrückt) zu der "vertrauenden", der "frommen" Seite meiner Natur, sie auf mich zu nehmen, - aber das ist nicht richtig; gerade meine, wenn man so sagen soll, Frömmigkeit hält mich von diesem Eingriff ab, von diesem großen Aufgeräumtwerden, das nicht das Leben tut, - von dieser Korrektur der ganzen bisher beschriebenen Seite Leben, die ich mir dann so rot durchverbessert denke wie in einem Schulheft ..."

Brief an Emil Freiherrn von Gebsattel, 14. Januar 1912
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

stilz
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Re: Rilke über die Psychoanalyse

Beitrag von stilz » 5. Nov 2009, 12:01

Aus demselben Brief ist nicht nur diese berühmte Stelle:
Rilke hat geschrieben:... so viel, wie ich mich kenne, scheint mir sicher, daß, wenn man mir meine Teufel austriebe, auch meinen Engeln ein kleinen, ein ganz kleiner (sagen wir) Schrecken geschähe, - und - fühlen Sie - gerade darauf darf ich es auf keinen Preis ankommen lassen.
, sondern auch die Frage:
Rilke hat geschrieben:könnte es nicht … sein, daß es für meine Natur nur ein ganz Rechtes gibt: auszuhalten?
Dabei denke ich an das Requiem. Für Wolf Graf von Kalckreuth:
  • ...
    Dies war die Rettung. Hättest du nur ein Mal
    gesehn, wie Schicksal in die Verse eingeht
    und nicht zurückkommt, wie es drinnen Bild wird
    und nichts als Bild, nicht anders als ein Ahnherr,
    der dir im Rahmen, wenn du manchmal aufsiehst,
    zu gleichen scheint und wieder nicht zu gleichen -:
    du hättest ausgeharrt.
    ...
und, vor diesem Hintergrund, die letzte Zeile:
  • Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.


---

Der vollständige Brief an Gebsattel findet sich übrigens hier.
Und wer sich näher mit diesem Thema auseinandersetzen will, dem möchte ich den sehr aufschlußreichen Vortrag „Rilke und die Psychoanalyse – die Psychoanalyse und Rilke“ von Hans-Jürgen Hauschild ans Herz legen.
(Einmal mehr ein Anlaß, auf die Fülle der Beiträge des Marburger Forums hinzuweisen, die hoffentlich noch lange im Netz zu finden sein werden, auch wenn die Veröffentlichung von Texten eingestellt wurde.)

Herzlichen Gruß

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Rike
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Re: Rilke über die Psychoanalyse

Beitrag von Rike » 11. Feb 2014, 14:04

Herzlichen Dank an dich für dieses inspirierende Thema! Ich muss zugeben, dass ich mich schon viel mit den Texten von Rilke beschäftigt habe, jedoch weniger differenziert mit seiner Biografie. Psychoanalyse steht ja oftmals in der Kritik und Rilkes Einstellung gibt sicher auch heute noch Anstöße über verschiedene Sichtweisen zum Thema.

Friede-Rike
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Re: Rilke über die Psychoanalyse

Beitrag von Friede-Rike » 18. Apr 2014, 12:09

Naja, ich kann ihn schon verstehen, dass er der Psychanalyse lieber ausgewichen ist. In seinen Zeilen dazu lese ich auch eine gewisse Furcht, dadurch verbogen zu werden; ein anderer, als er nun einmal war. Vielleicht auch Sorge, dass ihm die Worte / Texte ausgehen, die ja auch eine Art Selbsttherapie waren.... Nun, nicht bei jedem Probanden ist ja die Psychoanalyse wirklich "gut" gegangen. Insofern - Respekt vor seiner Offenheit.

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