Orpheus und die Wandlungen der Liebe

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lilaloufan
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Orpheus und die Wandlungen der Liebe

Beitrag von lilaloufan » 25. Feb 2016, 12:53

lilaloufan in einem an dieser Stelle gelöschten Eröffnungsbeitrag hat geschrieben:Am 22. Dezember, drei Tage vor Weihnachten 1923, schickt Rilke von Château de Muzot aus die beiden Bücher: „Duineser Elegien“ und „Sonette an Orpheus“ an Nanny von Escher und schreibt ihr dazu im begleitenden Brief:
Rainer Maria Rilke am 22.Ⅻ.1923 hat geschrieben:[E]s liegt im Wesen dieser Gedichte, in ihrer Kondensierung und Verkürzung (…), dass sie mehr angelegt scheinen, mittels der Eingebung des Gleichgerichteten, als mit dem, was man „Verstehen“ nennt, allgemein erfasst zu werden. Zwei innerste Erlebnisse waren für ihre Hervorbringung entscheidend:
  • Der im Gemüt mehr und mehr erwachsene Entschluss, das Leben gegen den Tod hin offen zu halten, und, auf der anderen Seite,
  • das geistige Bedürfnis, die Wandlungen der Liebe in dieses erweiterte Ganze anders einzustellen, als das im engeren Lebenskreislauf (der den Tod einfach als das Andere ausschloss), möglich war.
Hier wäre, sozusagen, die „Handlung“ dieser Gedichte zu suchen, und ab und zu steht sie, glaub ich, einfach und stark, im Vordergrund.
[Hervorh. l.]
Ich möchte ein Gespräch beginnen über einige in dieser Passage angesprochene Motive.
Dieses Gespräch wollte ich mit vier Fragen impulsieren, und es kam nicht zustande. Heute ist mir im Erwachen klar geworden, woran das liegen könnte: Meine Fragen waren Scheinfragen; wer den Grundtenor meiner Beiträge in diesem Forum kennt, konnte bemerken, dass sich in der Form der Alternativfrage eben doch Behauptungen oder mindestens Schwerpunktsetzungen versteckten – und wer hat schon Neigung, sich auf Fragen einzulassen, die nicht in ehrlicher Erkenntnissuche auftreten, sondern Antworten vorgeben?

Deshalb habe ich das einsam gebliebene Posting nun gelöscht und anstelle meiner vier Fragen vier Thesen formuliert, die hoffentlich provokant genug sind, entweder zu überzeugen oder sich hier verteidigen zu lassen, wenn ich sie nicht aufgrund eurer erbetenen Antworten einmal mildern oder zurücknehmen will.
  • Wer ist Rilkes Orpheus?
    • Nicht der bloße Orpheus des griechischen Mythos’.
    • Sondern vielmehr die Präfiguration eines nachmythologisch dem aufgeklärten modernen Bewusstsein zugänglichen Gottes!
  • Gedichte „mittels der Eingebung des Gleichgerichteten“ erfassen: Das spricht
    • nicht etwa bloß von einer Art empathischen Lesens.
    • Sondern vielmehr von einer aktiven Öffnung für die gleiche Inspiration, die den Dichter begabte!
  • „das Leben gegen den Tod hin offen halten“: Das spricht
    • nicht etwa bloß von gelassener Todeserwartung.
    • Sondern vielmehr vom: „Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt“ des Schlesischen Boten (siehe: »Der Tod ist die uns abgekehrte, von uns unbeschienene Seite des Lebens: Wir müssen versuchen, das größeste Bewusstsein unseres Daseins zu leisten, das in beiden unabgegrenzten Bereichen zu Hause ist, aus beiden unerschöpflich genährt…«)!
  • „die Wandlungen der Liebe“: Das spricht
    • nicht etwa bloß von den Wandlungen, die das Beziehungsleben erfährt – wie bei Sándor Márai.
    • Sondern vielmehr von den Wandlungen, die das Wesen der Liebe an dem Menschen vollzieht, der es als ein solches erahnt!
lilaloufan
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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lilaloufan
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Re: Orpheus und die Wandlungen der Liebe

Beitrag von lilaloufan » 4. Mär 2016, 12:47

Ihr Lieben, die Umstellung von Fragen auf Thesen hat vielleicht deswegen nicht die erwartete Auswirkung gezeigt, weil dieses Thema inzwischen nicht mehr unter ”Newposts“ zu finden ist und also meine Einkehr nicht bemerkt werden konnte.

Deswegen bringe ich meinen Gesprächsaufwurf heute einmal in Erinnerung – denn die unscheinbare Briefpassage versammelt in ihrer Kürze prägnant alles, was mich je an Rilke interessiert hat.

Ich beginne mit der These zu Orpheus:

Orpheus, der durch den „Gesang“ seiner Leier Fels und Baum bewegen und die wilde Kreatur zahm stimmen konnte, markiert ja die Wende
  • von der Orakelkultur (staunend und ergeben steht der ehrfürchtig fragende Mensch vor den Wundern der göttlichen Weisung)
  • zur Mysterienkultur (der sich einer Schulung unterziehende Mensch erlebt das Göttliche – unabhängig von den Offenbarungen des Leibes – im Innern).
Orpheus, der „Sohn des Apoll“, führte das Bewusstsein vom Gewahrsein der Stammes-Bluts-Grundlagen zum Gewahrwerden der Individualität. Sein Mythos steht an der Schwelle vom olympischen Vielgötterhimmel zum Monotheïsmus. Friedrich Hiebel („Die Botschaft von Hellas“, Bern 1953) führt dazu aus: „Die Geistesbotschaft des Apoll wurde in Orpheus gleichsam Fleisch und Blut, also Sohn und Mensch. Das Übermenschliche in Orpheus war Apollon in ihm, das Tragisch-Menschliche seiner Existenz versinnbildlichte der Eurydikemythos.“ (p. 99)
  • [Ich empfehle allen am griechischen Sprachgenius Interessierten allerallerwärmstens in diesem wertvollen Buch besonders das sechste Kapitel, dessen letzter Absatz lautet: „Die Sendung der Musik durch Orpheus erschien im Glauben der Helenen als das kostbarste Geschenk, welches Apollon geopfert hatte. Durch die musikalischen Gesetze lernten sie denken, durch ihre Töne beten. Musik durchzog ihr ganzes Dasein. Der Mythos erzählt, dass nach des Orpheus Tode die Musen seine Leier zum Himmel getragen haben. Die Harmonie ist den Sterblichen hier nur im Abbild geliehen; sie gehört weder der Todestrauer noch dem Lebensjauchzen allein. Sie, die aus Ewigkeit kommt, führt wieder zum Ewigen zurück.“ (p. 128)]
Rilke vertieft die antike Vorstellung vom Halbgott, vom inspirierenden Genius des die Götter rührenden „Gesanges“, der vor allem auch den Dichter angeht, welcher Poesie schaffend „Mund der Götter“ und zugleich OS NATURAE sein muss und dieses beides nur als ein Vertrauter des Totenreiches bzw. als Mittler, als ein im Wort die übergängliche Brücke Bauender sein kann, als ein PONTIFEX ARTIUM zwischen den Reichen, deren eines nur „die uns abgekehrte, von uns unbeschienene Seite des Lebens“ bildet: „[W]ir müssen versuchen, das größeste Bewusstsein unseres Daseins zu leisten, das in beiden unabgegrenzten Bereichen zu Hause ist, aus beiden unerschöpflich genährt … Die wahre Lebensgestalt reicht durch beide Gebiete, das Blut des größesten Kreislaufs treibt durch beide: es gibt weder ein Diesseits noch Jenseits, sondern die große Einheit, in der die uns übertreffenden Wesen, die ‚Engel‛, zu Hause sind.“ - hier oft und oft zitiert aus dem Hulewicz-Brief.

So wird Orpheus für Rilke zum Garanten der Verbindung zwischen Lebenden und Toten, während doch dem mythologischen Orpheus die dafür als notwendig angesehene Wiederkehr vom Totenreich noch misslungen war. [Siehe hierzu u. a. Otto Betz: „Wie Orpheus weiß ich auf der Seite des Todes das Leben“; in: artheon 26 (2008), pp. 19-27.] In den Formen des Kirchenchristentums konnte Rilke diesen Orpheus nicht in Christus wiedererkennen. Aber er hob Orpheus’ Leier neu auf, da er zu der Kernaussage des Christentums: „['I]ch weiß es jetzt: Христос воскрес! Christus ist auferstanden! Воистину воскресе! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ (Brief an Lou Andreas-Salomé, Moskau, 31. März 1904) eine unmittelbare, erlebende Beziehung empfand. Ohne dem untrüglichen inneren Bilde diesen historisch und religionshistorisch belasteten Namen zu geben zu wagen.

Meine drei weiteren Thesen münden ebenfalls in die Richtung des hier Vorgebrachten.

lilaloufan
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