Suche Geburtstagsgruß an D. v. L. (3. Juni 1904)

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Gast

Suche Geburtstagsgruß an D. v. L. (3. Juni 1904)

Beitrag von Gast » 31. Mai 2005, 20:58

Hallo,

Suche Rilkes Geburtstagsgruß an D. v. Liliencron zum 3. Juni 1904 .

Danke ! :lol:

Barbara
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Beitrag von Barbara » 1. Jun 2005, 11:33

An Detlev von Liliencron zum 3. Juni 1904

Geburtstags-Morgen, Detlev Liliencron!
In blanker Stille steht das Turmuhrschlagen
und ferne Lerchen. - Da beginnt es schon,
kaum will Dir Wulff und Abel etwas sagen,
so gehts: "eine Depesche, Herr Baron."
Hat denn Alt-Rahlstedt einen Güterwagen?
Denn diese ´erste Post´ ist furchtbar heute:
alles für Dich und nichts für andre Leute.

Und sieh: nun trag ich auch noch dazu bei
und mache nur noch platzender den Ranzen
indem ich schreibe: Sei gesegnet, sei
weit wie ein Wald, durch den die Lichter tanzen,
Du Volkslied zu der schallenden Schalmey!
So schreib ich Dir. - Gedenkst Du noch der Stanzen,
der Worte drin ein gleiches Segnen lag?
Ich schrieb sie, ein Beginnender, aus Prag.

Ein Stadtkind war ich damals, dem der Hang
sich abzusondern viele Tränen brachte,
ein Noch-nicht-Lebender und stubenkrank,
bis daß ich meine ersten Reisen machte: -
wohin? - In Deinen wehenden Gesang.
Der war für mich das Land, an das ich dachte;
wenn Stadt und Stube lieblos schien und leer,
dann war er Ebene und Wind vom Meer.

Und seither bin ich viel und weit gereist
und habe überall versucht zu lernen
was Leben will, was es uns werden heißt.
Aber die erste unter meinen Fernen
warst Du und warst gewaltig: denn Du weißt
von allen Stimmen und von allen Sternen.
Du, der die Heide kennt zu einer Zeit
da meilenweit kein Mensch ist, weit und breit.

Und wie ich Dich noch liebe, weites Land,
begriff ich wieder, da mich viele luden
jetzt laut zu sagen, wie ich Dich ´empfand´.
Sie haben alle: Professoren, Juden,
Dichter und Damen sich zu Dir bekannt:
so kann mans kaufen in den Zeitungsbuden.
Sie reden süß und wie die Seraphim, -
mir aber ist mein Wünschen zu intim.

Geburtstagsmorgen, Detlev Liliencron!
Da will ich Dir ein Guten-Morgen geben,
das niemand sieht. Die Andern wissen schon,
daß ich Dich ´schätze´. Aber deshalb eben
erlaube mir den leisen Flüsterton:
Gesegnet sei, Du liebes, weites Leben.
Das Licht, mit dem Du in die Menschen schienst,
kam wie die Sonne in den Gottesdienst.

Du bist die Glocke, die frohlockt und fleht
und heult und hämmert; aber im Verklingen
kannst Du vergehen, wie ein Duft zergeht.
Oft können zwanzig Männer Dich nicht schwingen,
oft kanns ein Kind. Auf Deinem Mantel steht:
"Ich bin ein Ding hoch über allen Dingen;
wer mich gemacht hat weiß ich nicht. Sein Namen
ist ohne Ende. Deshalb bin ich. Amen."

Rom, Frühling 1904

Übrigens war es D. v. Liliencrons 60. Geburtstag !

Liebe Grüße von Barbara :lol:

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Anna B.
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Beitrag von Anna B. » 13. Nov 2006, 22:03

Hallo,

beinahe zwanzig Jahre später - im August 1924 - schreibt Rilke in einem Brief an H. Pongs über D. v. Liliencron:


"...Die stärkste Hand aber, die ich festhalten durfte, hatte sich mir vom Norden herübergereicht, und während ich sie nicht losließ, mag ich mich redlich gerühmt haben. Ich werde nie vergessen, daß es Detlev von Liliencron war, der mich als einer der Ersten zum unabsehlichsten Vorhaben ermutigte -, und wenn er, gelegentlich, seine kordialen Briefe mit der generösen Überschrift versah, die, laut gelesen, lautete: "Mein herrlicher Renè Maria", so kam es mir vor, (und ich strengte mich an, meiner Familie diese Überzeugung anzubieten), als ob ich in dieser Zeile die verläßlichste Anweisung auf kühnlichste Zukunft besäße!

Übrigens der dichterische Einfluß des Liliencronschen Werkes muß sich doch auch in mir sehr eindringlich ausgewirkt haben; auf der einen Seite er, auf der anderen Seite Jacobsen, hatten mir in meiner Unreife und Ausgeschlossenheit, zuerst anvertraut, wie es möglich sei, von dem Nächsten unter allen Umständen vorhandenen Dingen aus den Absprung ins Weiteste zu nehmen; und wie man an ihm sich spannen konnte zur Erfahrung jenes wunderbaren Selbstgefühls, darin das höchst unsicher eigene Ich einen Beziehungswert bekam, der entscheidender schien als jede mögliche Anerkennung.

Was aber J.P. Jacobsen angeht, so hab ich auch später noch, durch viele Jahre, so Unbeschreibliches an ihm erlebt, daß ich mich außerstande sehe, ohne Betrug und Erfindung festzustellen, was er mir in jenen frühesten Jahren mochte bedeutet haben. Noch weit in die Pariser Zeit hinein, war er mir ein Begleiter im Geiste und eine Gegenwart im Gemüt -; daß er nicht mehr lebte, schien mir zuweilen eine unerträgliche Entbehrung zu sein, aber gerade diese seltsame Nötigung, ihn noch gekannt zu haben, erzog in mir frühzeitig die Freiheit und Offenheit nach den Verstorbenen zu; eine Einstellung, die dann gerade in seiner, Jacobsens Heimat und in Schweden die wunderlichste Bestärkung erfahren sollte..."

Liebe Grüße von Anna :lol:
"anna blume... man kann dich auch von hinten lesen... du bist von hinten wie von vorne: "a-n-n-a." (kurt schwitters)

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