>zu horchen und zu hämmern Tag und Nacht<

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lilaloufan
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>zu horchen und zu hämmern Tag und Nacht<

Beitrag von lilaloufan » 27. Mai 2006, 06:48

In dem Kappus-Brief vom 14.V.1904 setzt Rilke die Worte: >zu horchen und zu hämmern Tag und Nacht< in Anführungszeichen, und auch in der französischen Übersetzung sind diese Worte unübersetzt auf Deutsch stehengeblieben: Sie scheinen ein Zitat zu sein?
Ich würde sehr gern erfahren, worauf Rilke hier tropisch Bezug nimmt.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Tonika
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Beitrag von Tonika » 27. Mai 2006, 20:06

Hallo,

nun, ich habe es auch in Rilkes "Rodin-Monographie" gefunden und dort bezieht es sich auf die Gestaltung eines plastischen Körpers.

Tonika :lol:
Ich bin der Eindruck, der sich verwandeln wird. (RMR)

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lilaloufan
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Beitrag von lilaloufan » 27. Mai 2006, 21:39

Danke @Tonika, aber in http://www.rilke.de/kunst/kunst_6.htm + http://www.rilke.de/kunst/kunst_7.htm finde ich den Ausdruck nicht (den Inhalt wohl!).
Meintest du dies nicht?
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Tonika
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Re: >zu horchen und zu hämmern Tag und Nacht<

Beitrag von Tonika » 17. Aug 2008, 16:37

Hallo Christoph,
Gefunden habe ich es in Rilkes erstem Rodin Aufsatz von 1902. Zwar ist es nicht wortwörtlich, aber dort heisst es:
...Zwei Jahrtausende länger hatte das Leben ihn in den Händen behalten und hatte an ihm gearbeitet, gehorcht und gehämmert Tag und Nacht... (SW, IX, S. 146-147).
Rilke schreibt hier über die plastische Gestaltung von der Antike bis zur Gegenwart (ab S. 145 ff.).
Liebe Grüße von Tonika :D
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stilz
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Re: >zu horchen und zu hämmern Tag und Nacht<

Beitrag von stilz » 4. Okt 2008, 15:50

Seit kurzem lese ich endlich Rilkes "Rodin" - das ist ein mir sehr kostbares Buch.
Und nun bin ich auf die Stelle gestoßen, von der hier die Rede ist, und habe mich an Eure postings erinnert.
Tonika hat geschrieben: Rilke schreibt hier über die plastische Gestaltung von der Antike bis zur Gegenwart (ab S. 145 ff.).
Liebe Grüße von Tonika :D
Nun - das ist ein wenig mißverständlich ausgedrückt.
Denn Rilke schreibt hier eigentlich nicht von der plastischen Gestaltung, sondern vor allem von der Evolution des Menschen:
Und diesen Körper, wann hatte man ihn zuletzt gesehen? Schichte um Schichte hatten sich die Trachten darüber gelegt, wie ein immer erneuter Anstrich, aber unter dem Schutz dieser Krusten hatte die wachsende Seele ihn verändert, während sie atemlos an den Gesichtern arbeitete. Er war ein anderer geworden. Wenn man ihn jetzt aufdeckte, vielleicht enthielt er tausend Ausdrücke für alles Namenlose und Neue, das inzwischen entstanden war, und für jene alten Geheimnisse, die, aufgestiegen aus dem Unbewußten, wie fremde Flußgötter ihre triefenden Gesichter aus dem Rauschen des Blutes hoben. Und dieser Körper konnte nicht weniger schön sein als der der Antike, er mußte von noch größerer Schönheit sein. Zwei Jahrtausende länger hatte das Leben ihn in den Händen behalten und hatte an ihm gearbeitet, gehorcht und gehämmert Tag und Nacht. Die Malerei träumte von diesem Körper, sie schmückte ihn mit Licht und durchdrang ihn mit Dämmerung, sie umgab ihn mit aller Zärtlichkeit und allem Entzücken, sie befühlte ihn wie ein Blumenblatt und ließ sich tragen von ihm wie von einer Welle - aber die Plastik, der er gehörte, kannte ihn noch nicht.
Und ich finde es wunderbar, wie Rilke diese Metapher übernimmt, als er an Kappus schreibt:
Nur in diesem Sinne, als Aufgabe, an sich zu arbeiten («zu horchen und zu hämmern Tag und Nacht»), dürften junge Menschen die Liebe, die ihnen gegeben wird, gebrauchen.
Das, was seit Tausenden von Jahren "das Leben" an uns getan hat, das können wir nun - mithilfe der Liebe, die wir dazu "gebrauchen" - selber tun...

Vielen Dank, Christoph, für's Aufmerksammachen!

Lieben Gruß

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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