Welche Briefe...?

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DoMi
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Welche Briefe...?

Beitrag von DoMi » 1. Jun 2008, 17:08

Liebes Forum,

ich beabsichtige mir einen Briefwechsel von Rilke zu kaufen, bin mir aber nicht sicher welchen. Ich würde gerne entweder Rilkes "Briefe an einen jungen Dichter" oder "Briefe an eine junge Frau" lesen.
Ich glaube (ohne zu wissen), dass sie sich im Prinzip, vom Oberthema her gesehen, ähnlich sind. Worin liegen aber die Unterschiede? Welchen empfehlt ihr mir, wenn ich keine strengen Erwartungen habe, sondern mich nur an Rilkes Sprache, Gedanken und Gefühlen erfreuen (oder vielleicht so etwas daraus lernen) möchte?
Noch hinzugefügt: Ich weiß, dass die "Briefe an einen jungen Dichter" hier eingeschrieben sind und ich habe auch schon reingelesen. Aber wenn ich diese hier intensiver lesen würde, dann könnte sich ein Buch erübrigen und das möchte ich nicht. Denn es ist ein vollkommen anderes Leseerlebniss, wenn man ein Buch vor sich hat.

Und noch etwas...wenn ich mir diese Briefwechsel kaufen sollte, dann bekomme ich langsam so viele Werke Rilkes, dass sich vielleicht auch eine Gesamtausgabe lohnen würde. Welche würdet ihr einem jungen Menschen empfehlen, dessen Geldbeutel nicht gerade der dickste ist. Oder würdet ihr ihm ohnehin ganz abraten?

Liebe Grüße,

Dominik

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lilaloufan
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Re: Welche Briefe...?

Beitrag von lilaloufan » 1. Jun 2008, 19:41

Sieh mal z. B. hier: booklooker, da findest Du die Briefe an einen jungen Dichter in der 1956-er Ausgabe für 2 €uro + 1,50 € Porto. Ein bekanntes Wochenmagazin kostet das Doppelte. Aber das ist letztlich fürs Altpapier bestimmt, den Insel-Band dagegen kann man noch von Generation von Generation weiterverschenken - also gehst Du kein Fehlkauf-Risiko ein, selbst wenn Du einmal einen anderen Briefe-Band entdeckst, bei dem Du sagst: "Hätt' mir doch lilaloufan den gleich empfohlen!"

Gruß,
l.
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Re: Welche Briefe...?

Beitrag von DoMi » 3. Jun 2008, 10:23

Dankeschön lilaloufan...
Wenn mir einmal ein solcher Ausruf entweichen sollte, dann werde ich mich glech bei dir melden und dir den entdeckten Briefe-Band mitteilen :lol:
Aber hast du die "Briefe n eine junge Frau" auch gelesen? Kennst du die?

Liebe Grüße,

Dominik

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Re: Welche Briefe...?

Beitrag von lilaloufan » 3. Jun 2008, 12:05

Ja, das wäre schon ein Pendant; während das eine Buch mehr die um seine innere Willens-Grundhaltung zur Zeiten- (und Berufs-) und zur Geschlechtersituation ringende hin- und hergerissene Seele anspricht, ist das zweite eher stabilisierend für eine von Erlittenem bedrückte schmerzfühlende Seele zu empfehlen. Was soll ich tun?, fragt Franz Xaver Kappus; wie soll ich’s verwinden? ist Lisa Heises Frage. Rilke richtet seine Briefe in beiden Bänden an die erkenntnisstrebende Seele, aus deren aktivem Leben sowohl für Kappus Willensorientierung als auch für Lisa Heise Zuversicht entstehen kann, ohne dass Rilke auf direktem Wege ratgebende Weisung (Rezept) oder erbauliche Tröstung („die Lage eines Menschen bessern“) anbieten wollen würde. Wohltuend an beiden Bänden, nein: an allen Briefen, die ich von Rilke kenne, ist, dass der Vielumschwärmte nirgends der Versuchung erliegt, sich als Guru anzubieten. Du merkst, die beiden genannten Büchlein haben editorisch (nicht historisch) einen inneren Zusammenhang, aber ich finde die Kappus-Briefe, für sich betrachtet, noch reichhaltiger, aphoristisch dichter, ja und auch noch stärker zeitlos gültig und potentiell wirksam.

Aber das ist ja nun nur erst eine, meine, Antwort. Du hast ja in die Runde gefragt, und ich bin gespannt, welche Antworten wir hier noch zusammentragen.

l.
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Re: Welche Briefe...?

Beitrag von stilz » 3. Jun 2008, 16:46

Lieber Dominik,

ich schließe mich lilaloufan an und rate auch zu den "Briefen an einen jungen Dichter", wenn Du denn wirklich nach "entweder-oder" fragst.

Hier allerdings: http://www.amazon.de/Briefe-einen-junge ... 998&sr=1-1 scheint es beide Sammlungen in einem Band zu geben.

Mich haben auch die "Briefe an eine junge Frau" sehr berührt. Allerdings habe ich es sofort bedauert, daß ich in meinem kleinen Diogenes-Bändchen nur die eine Seite dieses Briefwechsels vorliegen hatte. Zum Glück fand ich dann später per Zufall in einem Antiquariat (und für ganz wenig Geld) die "Briefe einer jungen Frau an Rainer Maria Rilke" - und nun erst bin ich wirklich glücklich mit diesem Briefwechsel.
Hier der erste Brief Lisa Heises, im Juli 1919:
  • "Ich sollte schweigen und mir genug sein lassen an der Musik Ihrer Lieder [L.H. bezieht sich hier auf das "Buch der Bilder"], in denen die Süße Chopinscher Notturnos und die verhaltene Kraft Beethovenscher Largo-Sätze schwingt. Ich sollte schweigen - aber ich würde mir wie beraubt vorkommen und wie um einen großen Verlust trauern, wenn ich dem Impuls, Ihnen zu danken, nicht nachgäbe. Bitte, zürnen Sie nicht!
    Ich bin Ihnen seltsam nahe, schon durch Tage und Wochen. Ihre Lieder berühren mich wie etwas Wiedergefundenes. Wenn auch die unlösbaren Fragen und die ungewissen Antworten des Herzens nicht ganz beschwichtigt werden, so wird doch die tiefe Einsamkeit, in der ich mit meinem kleinen Kind hier lebe, durch den reinen Beistand Ihrer Kunst milder und weniger lastend. Und das ist ja unendlich viel.
    Lassen Sie mich danken für die "Erfahrungen", die Ihre Lieder aussprechen, und die so viel Tröstungen enthalten, als das Herz anzunehmen willig und würdig ist."
Also - ich rate zu beiden Briefsammlungen, und obendrein noch zu den Briefen der Lisa Heise!

Lieben Gruß

stilz
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Re: Welche Briefe...?

Beitrag von lilaloufan » 6. Aug 2008, 14:43

Und jetzt, während draußen wie in einer Modellbahnlandschaft ellbogige Erntemaschinen Rundballen über die goldgelben Stoppelhügel ausstreuen und viele Traktoren nicht einen, sondern zwei tonnenschwere Getreidewagen über die Landstraßen rollen, möchte ich Dich, @Dominik, mal nach Deinen Lesefrüchten fragen.

Gruß, l.
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Re: Welche Briefe...?

Beitrag von DoMi » 1. Sep 2008, 19:08

Lieber Lilaoufan, liebe stilz (wie unhöflich von mir den Mann zuerst zu nennen),

nach einer sehr langen Phase intensiver Arbeit und einer kleinen (viel zu kurzen) Zeit der Erholung, melde ich mich wieder einmal zurück.- Und ich muss sagen, dass auch, wenn ich es mir ernstlich vornehme, nur ein paar Minuten hier in das Forum zu schauen, ich nur äußerst selten mein Vorhaben schließlich auch umsetzen kann. Denn es gibt immer wieder so viele interessante und (auch über Rilke hinaus) sehr informative Beiträge, die einen stets begeistern...

Nun... meine Lesefrüchte...ich habe mir damals sofort das Buch, welches mir stilz vorschlug (-jenes, in dem beide Briefwechsel zu finden sind-), gekauft und auch gelesen. Und auch hier muss ich nochmals stilz recht geben, dass die Briefe Lisa Heises ebenfalls interessant zu lesen wären. Die Zeit, in der ich mir die Lektüre vornahm, war aber geprägt von viel Arbeit, die bis spät in die Nacht hineinreichte, weshalb ich damals immer weniger und immer flacher laß; will heißen, ich fühlte nicht mehr wirklich, was ich laß, es ging nicht mehr in mich, sondern verharrte und blieb an der Oberfläche.
Dennoch faszinierten mich die ja teilweise beinah aphoristisch anmutenden Ratschläge, Gedanken und Reflexionen Rilkes sehr. Es ist in beiden Briefwechseln sehr schön zu bemerken (auch ohne einen Gegenüberbrief), wie sich Rilke immer mehr dem Anderen annähert und somit auch von sich selbst mehr und mehr schreibt und erzählt. Und hier, so finde ich, zeigt sich der erste Unterschied dieser beiden Briefwechsel: Im Kappus-Wechsel erscheint mir Rilke eher als der Ältere, der aufgrund seiner Lebenserfahrung und Bildung Wissende; jemand irgendwo zwischen Meister und Vater, jener von Kappus verehrte Mensch, der dem Jüngeren, unsicher Suchenden versucht, durch Ratschläge und Vorgehensweisen, die auch er selbst erfahren hat, zu helfen. Er lehrt ihm etwas, so erscheint es mir. Rilke ist derjenige, welcher agiert und berichtet und berät. Bei den "Briefen an eine junge Frau" schreibt Rilke - obwohl er doch nun viel älter und gebildeter ist - deutlich mehr von sich selbst. Man hat das Gefühl, die Briefe entstehen aufgrund beiderseitigen Verlangens nach Mitteilung und Austausch. Hier ist es nun nicht nur der Rilke, der rät, sondern der auch von seinen Leiden und Sorgen und Hoffnungen erzählt und der vor allem auf jeden Brief "der jungen Frau" sehnlichst zu warten scheint. Es hat fast den Anschein, er bitte darum, dass dieser Briefwechsel weiter bestehen bleibe; so als bräuchte er ihn. So ist es beispielsweise - von der heutigen Position aus gesehen, in der wir doch um seinen Tod wissen - berührend zu lesen, wie er von jener seltsamen Krankheit schreibt, die ihn zum ersten ernstlichen Arztbesuch seines Lebens zwingt.
Beide Breifewechsel sind wunderschön.
Dennoch ist, meiner Meinung nach, für einen jungen Menschen, der vielleicht auch noch am Sich-Selbst-Suchen ist, für jemanden, der über Tod und Leben, über Dichtung, über Religion, über Liebe und Literatur etwas erfahren will, eher der Kappus-Breifwechsel zu empfehlen.

Nun, da ich wieder etwas ruhiger die Tage durchleben kann, lerne ich auch langsam wieder lesen. (Auch dank Hölderlins wunderbarer Sprache in "Hyperion"). Vielleicht, sofern ich die Briefe Lisa Heises finden könnte, werde ich mir die Briefwechsel nochmals vornehmen.

Danke euch beiden,
liebe Grüße,

Dominik

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