Weihnachten 1913

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Barbara
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Weihnachten 1913

Beitrag von Barbara » 4. Dez 2013, 22:40

Gibt es einen Weihnachtsbrief von R.M. Rilke aus dem Jahr 1913 ? Ich soll die Texte für einen adventlich besinnlichen Abend in der Heilandsgemeinde in Stuttgart zusammenstellen. Die Kirche feiert dieses Jahr ihr 100jähriges Jubiläum . Da wäre es natürlich schon, zeitlich passende Texte zu lesen. Da die Veranstaltung bereits am 7.12. ist, eilt es ein bisschen. Würde mich sehr freuen , wenn jemand dazu eine Idee hat. Es kann auch gerne ein Brief an R. M. Rilke sein aus diesem Jahr , passend zu Weihnachten.

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lilaloufan
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Re: Weihnachten 1913

Beitrag von lilaloufan » 4. Dez 2013, 23:31

Wie schön, wieder mal von Dir, Barbara, eine Frage zu lesen und nicht nur Veranstaltungs-Ankündigungen. Nur kann ich leider beide nicht beantworten, auch die nach dem Weihnachtsbrief von Paula Modersohn-Becker nicht. *)

Ende Dezember 1913 hat Rilke – des Metropolengetriebes überdrüssig – immer wieder zum Thema, dass er sich Einsamkeit wünscht, Stille:

«Wenn Gott Einsehen hat, so lässt er mich bald ein paar Räume auf dem Land finden, wo ich ganz nach meiner Art wüten kann und wo die Elegien aus mir den Mond anheulen dürfen von allen Seiten, wie’s ihnen zumut ist.» »Je rêve d’avoir quelque part à la campagne un étage dans une petite maison calme, et il ne me manque pour cela que de savoir dans quel pays de ce globe doit se trouver cette cabane bienheureuse et de savoir une personne dévouée qui serait capable de s’y enfermer avec moi pour faire mon petit, mais très pédantesque ménage et pour s’occuper des besoins incompréhensibles de cet être bizarre qui, parfois, ne dira pas même merci, si on lui fait du bien. En attendent que le doigt de Dieu daigne me montrer l’endroit et la personne très visiblement, je ne cherche pas mes rêves parmi les nombreuses, mais trop impartiales réalités.«

Da kommt also zu dem Wunsch nach dem Landexil noch der nach dem Menschen hinzu, der eine bethlehemitisch vorzustellende Einsamkeit mit ihm teile, «die Möglichkeit, weite einsame Wege zu machen und eben der Mensch, der schwesterliche!!! (ach, ach), der dann das Haus besorgt und gar keine Liebe hat oder so viel, dass er nichts verlangt, als wirkend und verhütend an der Grenze des Unsichtbaren dazusein.» Das sei ihm «Inbegriff» seiner Wünsche.

Auch eine Kapelle dürfte es sein statt der Landhütte:
«Ich will Ihnen nicht verbergen, dass ich in dem Standpunkt des Gläubigen eine Gefahr sehe für die Genauigkeit des Empfindens, an der uns doch sonst so entscheidend gelegen ist. Wenn ich mir denke, dass ich heute ausübender Katholik würde, wo ist die Kirche, die mich nicht durch die Mesquinerie ihrer Abbildungen und Darstellungen kränken würde; es müsste schon eine kleine verfallene Kapelle sein, wie ich sie in Spanien gefunden habe, an der keine heutige Hand mehr ordnet und rührt. Zu Zeiten des heiligen Franz freilich war dies der Boden, auf dem die Kunst ihre zartesten und freiesten Blüten trieb. Heute mit der Kirche in Berührung kommen, heißt nachgiebig werden gegen das Unkönnen, gegen die süße Phrase, gegen die ganze immense Ausdruckslosigkeit ihrer Bilder, Gebete und Predigten.»

(Ich halte mal ein – auch dies ist gewiss kein „Weihnachtsbrief“, wie Du ihn suchst.)

Den Heiligabend 1913 («Es hat gefroren in Paris, es war Glatteis, es regnet, es trieft, – das ist hier der Winter, immer drei Tage von jedem») verbringt Rilke folgerichtig allein und liest – Goethe!

Grüße,
Christoph

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*): Den würde ich auch 13 Jahre später noch einmal gelesen haben: «Es ist solch ein wunderbares Fest. Und ist eins das lebt und wärmt. Es ist ein Fest für Mütter und Kind, und auch für Väter. Es ist ein Fest für alle Menschheit. Es kommt über einen und legt sich warm und weich auf einen und duftet nach Tannen und Wachskerzen und Lebkuchenmännern und nach vielem, was es gab und nach vielem, was es geben wird. Ich habe das Gefühl, dass man mit Weihnachten wachsen muss. Mir ist, als ob dann Barrikaden fallen, die man mühsam und kleinlich gegen so vieles und viele aufgebaut hat, als ob man weiter würde und das Gefäß allumfassender, auf dass darin jedes Jahr eine neue weiße Rose aufblühe und den andern zuwinkt und in sie hineinleuchtet und ihnen die Wange streicht mit ihrem Geschimmer und die Welt erfüllt mit Schönheit und Duft. Und das ist Leben, und es ist ein Leben wie ein Gebet, ein frommes Gebet, ein jauchzendes Gebet, ein liebliches und lächelndes Gebet, welches immer tiefer hinabsteigt in den Sinn des Seins, dessen Auge größer wird und ernster, weil es viel gesehen. Und wenn es alles gesehen, das Letzte, dann darf es nicht mehr schauen, dann kommt der Tod. Und vielleicht versöhne ich mich in diesem Sinne mit dem Tod, weil ich ihn ja auch einst leiden muss. Dann ist es besser so.»
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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