Noch einmal der Bodman-Brief

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lilaloufan
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Noch einmal der Bodman-Brief

Beitrag von lilaloufan » 16. Mai 2014, 06:16

lilaloufan hat geschrieben:Ich komme noch mal auf den Bodman-Brief zurück, heute aber auf eine hier noch nicht zitierte Stelle: „Wenn Sie die Vorgänge Ihres Gefühls in die Einsamkeit übertragen und Ihr schwanendes und zitterndes Empfinden nicht in die gefährliche Nähe von Magnetkräften bringen, so wird es mit der eigenen Beweglichkeit von selbst diejenige Lage einnehmen, welche ihm die natürliche und notwendige ist. - Es tut in jedem Falle gut, sich sehr oft zu erinnern, dass es über allem Seienden Gesetze gibt, die niemals zu wirken versäumen, die vielmehr herbeistürzen, um an jedem Stein und an jeder Feder, die wir fallen lassen, sich zu bewähren und zu versuchen.

Zwei Fragen dazu: • Steht in der Buch-Ausgabe auch: „schwanendes“ — oder ist das ein Tippfehler bei rilke.de? • Was im Mesmerismus der Belle Époque „Magnetismus“ hieß, ist mir zwar einigermaßen klar — aber was meint Rilke hier; was könnten solche Magnetkräfte sein, die den seelischen Kompass des Empfindens abzulenken vermöchten?

Gruß umher,
lilaloufan
Anmerkung: Diesen Beitrag habe ich hierher verschoben, um ein neues Thema daraus werden zu lassen. l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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lilaloufan
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Re: Noch einmal der Bodman-Brief

Beitrag von lilaloufan » 16. Mai 2014, 06:27

Empfinden“ hab' ich hervorgehoben: Denn freilich kennen wir alle die Versuchungen und Verlockungen, die einen gewissermaßen „moralischen“ Kompass fürs Tun und Lassen beirren können – nicht erst beim Handeln und Versäumen, sondern schon im Urteilen, in der Bildung von Gedanken über irgend etwas, mit dem dieses Empfinden aversiv oder appetent verbunden ist, je nach Begehrlichkeiten, Leidenschaften, Ängsten, Widerwillen usw. — aber das alles kann ja hier nicht gemeint sein, wenn das Empfinden selbst sich vor einer Gefahrenzone von immerhin sinnlich nicht wahrnehmbaren Kräften hüten solle. Tritt nicht gerade das Empfinden so vor unsere labilsten Gefühlslagen, wie der verständige Blick (als „innerer“ Kompass) prüfend auf eine Nadel des Navigationsinstruments fällt, die wider alle Gesetze zur Sonne hin zeigt, wo Norden keinesfalls sein kann? Weist es nicht hinaus über unsere verratgeneigten unbesonnten Gutmenschseinwollenmotive hin zu dem, was unbeschädigten Bestand hat vor unserem inneren „idealischen“ [SCHILLER] Menschen?

[Unser Mathematiklehrer hat uns immer erst schätzen lassen, bevor wir dem Rechenschieber absurde Resultate geglaubt hätten, deren unscheinbare Kommaposition wir selbst beim Ablesen folgenschwer verschoben hatten. Empfindung war das Untrügliche, nicht der Stand von Zungenskalen und Läufermarkierung.]

«Die Vorgänge (des) Gefühls in die Einsamkeit übertragen und …»: Ich selbst kenne dies nur als eine Art meditative Aufgabe – Meditation, deren „Gegenstand“ ein Vorgang des Gefühls zunächst ist. Dieser Vollzug beginnt mit „Aufmerksamkeit und Sammlung“, und deshalb interessiert mich diese Frage dermaßen; meint Rilke vielleicht etwas Vergleichbares?

Gleich noch eine Frage zum selben Brief: «Akkes Irren besteht (…) nur im Nichterkennen der Gesetzmäßigkeit, unter welcher wir im gegebenen Fall stehen, und alle Lösung beginnt mit unserer Aufmerksamkeit und Sammlung, die uns leise in die Kette der Ereignisse einreiht und unserm Willen seine wiegende Gleichgewichte wiedergibt.»
▶ Wer ist Akke?

fragt neugierig
Christoph
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sedna
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Re: Noch einmal der Bodman-Brief

Beitrag von sedna » 28. Feb 2016, 21:49

Lieber lilaloufan,

jetzt bin ich doch etwas verblüfft darüber, diesen Faden übersehen zu haben.
lilaloufan hat geschrieben: Steht in der Buch-Ausgabe auch: „schwanendes“ — oder ist das ein Tippfehler bei rilke.de?
Es muß "schwankendes" heißen, danke.
lilaloufan hat geschrieben: Gleich noch eine Frage zum selben Brief: «Akkes Irren besteht (…) nur im Nichterkennen der Gesetzmäßigkeit, unter welcher wir im gegebenen Fall stehen, und alle Lösung beginnt mit unserer Aufmerksamkeit und Sammlung, die uns leise in die Kette der Ereignisse einreiht und unserm Willen seine wiegende Gleichgewichte wiedergibt.»
▶ Wer ist Akke?
Ich tippte auf den Bruder der Akka von Kebnekaise ... ist aber ebenfalls ein Tippfehler und muß "Alles" heißen.

Herzliche Grüße

sedna :)
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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lilaloufan
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Re: Noch einmal der Bodman-Brief

Beitrag von lilaloufan » 29. Feb 2016, 16:33

Kein Leitganter also und kein Schwan; danke. – In einem jener unerhörten Potpourris hatten wir die Stelle sogar schon mal hier im Forum, aber ich habe dieses (wohlmeinend abgetippte) Geklitter damals gar nicht zu Ende gelesen.

Dazu steht
l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Re: Noch einmal der Bodman-Brief

Beitrag von sedna » 29. Feb 2016, 22:18

Danke für den Link, lilaloufan (Waren wir echt so gehessisch ...? :mrgreen: )
Durfte in meinem Beitrag in der Briefabschrift jetzt auch noch drei Fehler korrigieren.
Korrekturhinweise für rilke.de notiere ich mir weiterhin; da aber auch dort eine Aktualisierung ansteht, ändern wir in der alten Webanwendung nichts mehr -- daher bitte nicht wundern.
Noch in demselben Holzstuhl fröhlich kippelnd

sedna
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