Rilke und Karl Kraus

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Harald
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Rilke und Karl Kraus

Beitrag von Harald » 22. Jan 2009, 23:39

Das Thema wurde schon bei anderer Gelegenheit angesprochen. Hier ist ein Brief von Karl Kraus an Sidonie Nádherny, der zeigt, dass Kraus deutliche Vorbehalte hatte:

»Sehr unangenehmes höre ich von Maria, dem die Nennung mit dem weiblichen Vornamen immer angemessener wird. Er scheint sich ganz zur Partei der Hysterie geschlagen zu haben. Das Problem des Scheinmenschenthums in der Literatur hat ihn durch meine Einwirkung so lange bewegt, bis er sich selbst dazu entschlossen hat. Mir wird erzählt, daß er sich nach meiner Erledigung des Falles [eine Attacke gegen Werfel] zu meinen Ungunsten für das Prager Ghetto ausgesprochen habe. Aus dem 'persönlichen' Motiv meiner Erledigung habe ich so wenig ein Hehl gemacht, daß ich ja ganz gründlich auch ihn seinerzeit informiert habe. Erinnert man [d.i. SN] sich noch, daß man ihm selbst schon vorher geschrieben hatte: 'Der Mensch sagt die Wahrheit über den Dichter - denn der Mensch lügt.' Wir hatten es in J. besprochen. Und das alles - die höchst persönliche Nähe dieses persönlichen Motivs, diese zehnjährige Freundschaft (die vor der Außenwelt ihm das oft beklagte Vorzugsrecht gibt) hat nicht genügt, sich mit Entschiedenheit von diesem Schlamm abzuwenden. Vielmehr hat er 'Widersprüche' - gegen mich! (Aber ich darf's eigentlich nicht wissen.) Nun, ich glaube, der kürzlich in Berlin die gegentheilige Wendung vollzogen hat [vermutlich Siegfried Jacobsohn], hat recht: »Für schwache schöne Seelen ist er nichts«. Für mich ist auch dieser Fall endgiltig und für alle Zeiten erledigt. Nicht, weil einer 'Widersprüche' gegen mich erhebt, sondern weil er sich an ihnen klarstellt!«
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helle
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von helle » 24. Jan 2009, 18:01

Bei diesem Beitrag wäre ich für einige Erläuterungen dankbar, wann ist der Brief datiert, was ist sein eigentlicher Anlaß, was der nähere Zusammenhang mit Werfel? Im Briefwechsel mit Sidonie Nádherný bittet Rilke Ende 1913 um Vermittlung seines Aufsatzes »Über den jungen Dichter«, der mit Begeisterung von Werfel handelt und den Rilke in der »Fackel« publiziert sehen möchte, ohne zu wissen, daß Kraus darin keine fremden Aufsätze duldet und außerdem gerade gegen Werfel die größte Abneigung hat. Soweit allenfalls ungeschickt von Rilke, aber arglos und verzeihbar.

Dann gibt es diesen relativ prominenten Brief vom 21. Febr. 1914, in dem Rilke seine Vorbehalte gegen Kraus äußert, und zwar nicht aus Antisemitismus, das ist vollkommen daneben, wohl aber aus persönlichen Motiven, da er sich die Unterstützung der Baronesse und die Rückzugsmöglichkeit auf Schloß Janowitz erhalten will (Kraus könnte da nur stören); Tenor: »KK« (so Rilkes Schreibung) passe doch wohl nicht so recht zu ihr, er müsse ihr fremd bleiben, wörtlich: »Sie stehen da nicht der lieben, rein bewegten Geistigkeit eines fühlenden und sich mittheilenden Menschen –, Sie stehen einer Waffe, einem Bewaffneten, einem geistigen Angreifer gegenüber« –Ein Schelm natürlich, wer bei der lieben Geistigkeit pp. etwa an Rilke denkt. Ich will mich hier nicht weiter unbeliebt machen, aber es würde mich interessieren, ob der zitierte Kraus-Brief mit diesem Rilke-Brief zusammenhängt. Was meint denn Kraus eigentlich mit dem »persönlichen Motiv«, mit der zehnjährigen Freundschaft, mit dem »Schlamm«, all diese Sachen genauer zu erfahren, wäre hilfreich.

Dank u. Gruß,
helle

Harald
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von Harald » 25. Jan 2009, 01:18

Der Brief ist vom 5./6. März 1917. Anlass war Kraus' Polemik "Dorten" in der Fackel 443/444 (Nov. 1916). Rilke hatte sich danach bedauernd über die Attacke gegen Werfel bei Marianne Weininger geäußert, was wiederum unter dem Siegel der Verschwiegenheit Kraus zugetragen wurde. Soweit ich weiß, sind sich die beiden schon vor 1900 in Wien begegnet, aber das müsste herauszufinden sein.
Wie's der Zufall will, fand ich erst heute vier Zeilen von Rilke im Forum (zitiert von gliwi), die zeigen, dass "dorten" tatsächlich Prager Eigenart war:
"...Von ihr zu mir war nie ein warmer Wind.
Sie lebt nicht dorten, wo die Lüfte sind.
Sie liegt in einem hohen Herz-Verschlag
und Christus kommt und wäscht sie jeden Tag."
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stilz
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von stilz » 25. Jan 2009, 21:28

Kraus' Polemik "Dorten" gegen Franz Werfel ist im Gutenberg-Projekt im Netz, den dazu Anlaß gebenden Brief Werfels habe ich hier gefunden. Zur Grundproblematik gibt wohl das Buch Zwischen Jüngstem Tag und Weltgericht genaueren Aufschluß als dieser Artikel in der Wiener "Presse" voriges Jahr.
Ich weiß immer noch viel zuwenig über diesen Konflikt, um mir ein Urteil darüber anzumaßen, wer "recht" hatte; aber ich möchte doch sagen: gerade die Polemik "Dorten" scheint mir sehr deutlich zu zeigen, wie treffend Rilkes Charakterisierung war, Karl Kraus sei, "so viel er sein mag und ist", ein "Bewaffneter", sein Geist ein "zu einem bestimmten Gebrauche einseitig geschärftes Instrument".
Was mich noch ein wenig wundert: Kraus zählt offenbar Rilke ebenso wie Werfel zu den "Literaturhysterikern" ... soviel ich bisher verstanden hatte, hatte Rilke sein anfänglich günstiges Urteil über Werfel aber schon 1913 revidiert... ???

Zur Kritik Werfels an Kraus' Gebrauch des Wörtleins "dorten":
Friedrich Torberg erzählt (in "Die Erben der Tante Jolesch") von einer Glosse in der "Fackel", in der Kraus sich "mit bestimmten mundartlichen Sprachverhunzungen und im besonderen mit einem talmiwienerischen Lied befaßte:
  • 'Du guader Himmelsvoder,
    ich brauch kein Paradies.
    Ich bleib viel lieber doder,
    weil hier mein Himmelreich is.'

lautete der Refrain, und Karl Kraus fand es mit Recht deprimierend, in einer Stadt leben zu müssen, in der sich 'Vater' auf 'da' reimt."


Sowohl "doda" als auch "dorten" sind in der österreichischen Mundart auch heute noch durchaus üblich, und ich muß gestehen: wenn Karl Kraus mich nicht (mithilfe des Grimm'schen Wörterbuchs) auf die ganz und gar hochdeutsche Herkunft des Wortes "dorten" aufmerksam gemacht hätte, ich hätte es ebenso wie Werfel in einen Topf mit "doda" geworfen... :oops: obwohl mich doch Schiller längst eines Besseren hätte belehren müssen (damit schließt Kraus seine Polemik):

  • Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
    Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.


Mit herzlichem Gruß

Ingrid
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von Harald » 25. Jan 2009, 22:27

Sidonie Nádherný hatte Werfel bei einem Treffen 1913 in Dresden "verächtlich behandelt", worauf Werfel sich mit erfundenen Gerüchten, u.a. dem, dass "Rilke sie liebe", revanchierte. Karl Kraus hat ihm das nie verziehen.
Näheres in: Karl Kraus' 'Literatur oder Man wird doch da sehn'. Genetische Ausgabe und Kommentar, hrsg. von Martin Leubner, Wallstein: 1996, S. 236.
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von helle » 26. Jan 2009, 13:47

Vielen Dank, Ingrid und Harald!

stilz
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von stilz » 26. Jan 2009, 20:04

Ich möchte noch einen link nachreichen: hier findet sich, unter dem Titel "Elysisches", die "Melancholie an Kurt Wolff", die Anlaß für den gekränkten Brief Franz Werfels an Karl Kraus war.

An der ganzen Sache interessieren mich, auch im Hinblick auf Rilke, weniger die persönlichen Animositäten (offenbar war Kraus sehr verliebt in Sidonie Nádherný, auch Rilke hatte wohl persönliche Interessen, Werfel war persönlich gekränkt... das alles mag dahin gewirkt haben, daß sie alle drei einiges gesagt und/oder geschrieben haben, was eigentlich nicht für die Nachwelt bestimmt war); sondern mich interessiert, was "Kunst" bzw "gute Literatur" für Karl Kraus ist, im Gegensatz (?) zu Franz Werfel --- und wo Rilke hier steht; ich frage mich, ob es zu diesem Thema ganz konkrete Äußerungen von Kraus über Rilke oder umgekehrt gegeben haben mag...
"Das Problem des Scheinmenschenthums in der Literatur hat ihn [Rilke] durch meine Einwirkung so lange bewegt, bis er sich selbst dazu entschlossen hat.", sagt Kraus. "Scheinmenschenthum" steht hier wohl für die Nachahmung der "Altmeister", im besonderen Schillers und Goethes, die Kraus Werfel zum Vorwurf machte (ich denke dabei auch an Adolf Loos, der sich auf anderem Gebiet ebenso heftig gegen die Nachahmer wehrte, das - nachgemachte - "Ornament" war ihm ein "Verbrechen" an der Evolution der Architektur).
Meinte Karl Kraus auch in Rilkes Werk solches "Scheinmenschenthum" zu finden, oder genügte es ihm zu seinem Urteil, daß Rilke für Werfel Partei ergriff?

Das alles interessiert mich durchaus auch (falls es sich als relevant erweisen sollte, als möglicher Anlaß zu Mißverständnissen vielleicht???) im Zusammenhang mit der Frage nach dem "Jüdischen" in der Literatur, die ja in dieser Diskussion schon einmal angeklungen ist.

Um nicht in bösen Verdacht zu geraten, möchte ich ausdrücklich hinweisen einerseits auf Rilkes Brief an Ilse Blumenthal-Weiß, aus dem ich hier zitiert habe, und andererseits auf diese "Grimasse" von Karl Kraus, in der er deutlich Stellung nimmt zu dem Satz "Aus der Rasse kann man nicht austreten.".

Und ich möchte zum Thema "Austritt aus der Rasse" auch noch den frischgebackenen Präsidenten der USA zitieren. In seinem Buch "Dreams from My Father", erstmals erschienen 1995, schildert Barack Obama die Schwierigkeiten bei der Suche nach seiner eigenen Identität zwischen den Rassen und die Überzeugung, zu der er schließlich kommt:
"Only a lack of imagination, a failure of nerve, had made me think that I had to choose between them. They all asked the same thing of me, these grandmothers of mine.
My identity might begin with the fact of my race, but it didn't, couldn't, end there.
At least that's what I would choose to believe."


Und nochmal Karl Kraus (in oben erwähnter "Grimasse"):
"Ich habe aber das unbestimmte Gefühl, daß man auch aus dem Leben nicht austreten kann, wenn man sich auch umbringt, und daß man, ohne sich umzubringen, jenes höhere Leben des Geistes führen kann, dem man doch rettungslos verfallen wäre, wenn man sich umbrächte. So glaube ich wohl, daß man auch innerhalb der Rasse jenen höheren Zustand bewähren mag, der einmal keiner Rasse versagt war oder der, ihr einmal erreichbar, sie nie unerträglich gemacht hätte."

"jenes höhere Leben des Geistes" - ist es denn nicht dasselbe, wovon auch Rilkes Werk Zeugnis ablegt?

fragt sich

Ingrid
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von Harald » 26. Jan 2009, 21:35

Bild
Ich fürchte, wenn man einer Frau 1000 Briefe schreibt, wie das Karl Kraus getan hat, dann will man sie auch mit jemandem, der gleichfalls das "höhere Leben des Geistes" anstrebt, nicht "teilen".
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von stilz » 26. Jan 2009, 22:21

Lieber Harald,

ja, das ist mir sehr klar, :D und auch :( .
Allerdings frage ich mich dennoch, ob auch abgesehen von dieser sehr verständlichen Teilungsunwilligkeit, aus rein künstlerischen Gründen, Abgrenzungstendenzen vorliegen mochten... oder ob davon, aus heutiger DIstanz betrachtet, nichts mehr übrigbleibt.
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von Harald » 26. Jan 2009, 22:39

Der Mann, der "Die letzten Tage der Menschheit" geschrieben hat, war vom realen, aber noch schlimmer, wie sich herausstellen sollte, visionären blank-verzweifelten Entsetzen vor dieser Menschheit gepackt. Neben diesem anthropologischen Gerichtsmediziner wirkt Rilke wie ein wohlmeinender Homöopath.
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von gliwi » 27. Jan 2009, 11:34

Harald hat geschrieben: Neben diesem anthropologischen Gerichtsmediziner wirkt Rilke wie ein wohlmeinender Homöopath.
Sehr schön gesagt, Harald!
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von stilz » 28. Jan 2009, 14:09

Harald hat geschrieben:Neben diesem anthropologischen Gerichtsmediziner wirkt Rilke wie ein wohlmeinender Homöopath.
Fürwahr, eine griffige Formulierung, zu der man Harald wohl gratulieren möchte.

Ich bin nur nicht sicher, ob sie den beiden Gemeinten gerecht wird. (Einmal ganz abgesehen von der Frage, ob es irgendjemanden gibt, der sich als Kranker wirklich lieber auf den Seziertisch legt, als sich einem Homöopathen anzuvertrauen… :wink: )

Ich glaube nicht, daß Karl Kraus mit dem Etikett „Gerichtsmediziner“ zufrieden wäre (schon gar nicht angesichts seiner beißenden Kritik an einigen gerichtsmedizinischen Gutachten).
Ein Gerichtsmediziner hat nur deshalb die Hoffnung auf Heilung des von ihm betrachteten Subjektes nicht aufgegeben, weil er sie niemals hatte. Heilung oder auch nur Besserung ist nicht seine Aufgabe, sie geht ihn gar nichts an.

Auch wenn Karl Kraus die Anführungszeichen, in die er Erlebtes, nicht Erfundenes, setzt („ich habe gemalt, was sie nur taten; … die grellsten Erfindungen sind Zitate“), unter den Titel „Die letzten Tage der Menschheit“ stellt: seine Diagnose erfolgte stets am lebenden Subjekt, und seine Fackel brannte, um diesem Subjekt, allen Subjekten, die sie lesen mochten, diese Diagnose unbarmherzig zu beleuchten und so ins Bewußtsein zu bringen.

Ich würde ihn daher lieber als präzisen Diagnostiker und jederzeit zur Operation entschlossenen Chirurgen bezeichnen.

Und gerade angesichts der „letzten Tage der Menschheit“ höre ich Karl Kraus geradezu ausrufen, nein, schreien: „Gleiches kann nur mit Gleichem kuriert werden!“ – nur daß er, im Gegensatz zum Homöopathen, darauf verzichtet, dieses „Simile“ bekömmlich zu verdünnen.
Sollte es ihm deshalb gar nicht ums „Kurieren“ gehen, sollte er in diesem Sinne nicht „wohlmeinend“ (ich weigere mich ganz einfach, dieses Wort anders als positiv zu verstehen :wink:) sein?
Ich bin anderer Meinung.

Robert Schumann hat über Chopin gesagt, seine Mazurken glichen „unter Blumen verborgenen Kanonen“.
Nun – mag sein, daß man bei Karl Kraus im Gegensatz dazu die Blumen unter den Kanonen zu suchen hat.
Da sind sie, da bin ich sicher (und dazu brauche ich nicht erst seine überschwänglichen Briefe an Sidonie N. zu lesen).

Heinrich Fischer berichtet von einem Spaziergang mit Karl Kraus, im Wienerwald, zwei Jahre nach dem Einbruch Hitlers in Deutschland. Karl Kraus sagte: „Die Landschaft ist nicht mehr die gleiche wie früher. Und sie wird es nicht werden, solange es Hitler gibt. Alles ist grau, jede Wiese von Meltau [sic] überzogen. Und kein Wort, kein Drama wie ‚Die letzten Tage der Menschheit’ könnte hier helfen. Gegen Hitler gibt es nur eines: die Waffe.“

Ja. Das zeugt wahrhaftig von visionärem Blick, von dem "großen schauenden Blick", den Rilke ihm attestierte.
Aber es zeugt meiner Meinung nach nicht von gerichtsmedizinischer post-factum-Anschauung, jedenfalls nicht zu der Zeit, als es noch um den ersten Weltkrieg ging. Der ja nicht nur Rilke, sondern zunächst auch Karl Kraus verstummen machte. Der aber doch beide nicht ohne die Hoffnung ließ, daß das „höhere Leben im Geiste“ schließlich siegen müsse: „Die letzten Tage der Menschheit“ sollten dazu helfen.
Und auch alles, was Karl Kraus aus für andere „nichtigen“ Anlässen schrieb, sollte dazu helfen.

Ernst Krenek, der von seiner ersten Leküre der „Fackel“ sagt, sie „öffnete meinen Geist für den stärksten Einfluß, der je auf ihn ausgeübt wurde“, erinnert sich an einen Kraus-Ausspruch im Jahr 1932: „Als man sich gerade über die Beschießung von Shanghai durch die Japaner erregte und ich Karl Kraus bei einem der berühmten Beistrich-Probleme antraf, sagte er ungefähr: Ich weiß, daß das alles sinnlos ist, wenn das Haus in Brand steht. Aber solange das irgend möglich ist, muß ich das machen, denn hätten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, daß die Beistriche am richtigen Platz stehen, so würde Shanghai nicht brennen.

Also - ich sehe Karl Kraus durchaus als „wohlmeinend“ an, und in gewissem Sinne sogar auch als Anwender der homoöpathischen Regel „Similia similibus curantur.“


Und wie ist es mit Rilke?
Ist es ein „Simile“, das er uns in seinen Werken verabreicht?

In gewissem Sinne scheint es so zu sein, denn auch ihm geht es ja um die Darstellung des „Hiesigen“.
Allerdings geht es bei Rilke dabei weniger um das Erkennen des „Operationsbedürftigen“. Sondern er wünscht sich (vgl den Schluß des Briefes eines jungen Arbeiters) „Lehrer, die uns das Hiesige rühmen[Hervorhebung stilz]. Und er ist ein solcher.

Nun kann man es natürlich als naiv und blauäugig oder auch rosabrillig abtun, auch am allerschrecklichsten „Hiesigen“ immer und immer wieder etwas zum „Rühmen“ und „Preisen“ zu finden.

Allerdings ist es doch für das Genesen eines Patienten ebenso not-wendig, das „Gesunde“ in ihm in aller Behutsamkeit zu fördern, wie das „Kranke“ herauszuschneiden.

"Preise dem Engel die Welt" (Neunte Elegie), sagt Rilke, und er geht in diesem seinem "Preisen" noch über das im "Hiesigen" bereits Vorhandene hinaus:

Singe die Gärten, mein Herz, die du nicht kennst; wie in Glas
eingegossene Gärten, klar, unerreichbar.
Wasser und Rosen von Ispahan oder Schiras,
singe sie selig, preise sie, keinem vergleichbar.
[Hervorhebung stilz]

und deutet in die Richtung eines ersehnten Zukünftigen:

Seidener Faden, kamst du hinein ins Gewebe.

Welchem der Bilder du auch im Innern geeint bist
(sei es selbst ein Moment aus dem Leben der Pein),
fühl, daß der ganze, der rühmliche Teppich gemeint ist.


(XXI. Sonett an Orpheus)

---

Nach allem, was ich bisher sowohl von Kraus als auch von Rilke gelesen habe, haben sie alle beide an der Weiterentwicklung und „Heilung“ der Menschheit gearbeitet, jeder auf seine Weise.

Und wir Nachgeborenen haben dieses Erbe zu verwalten.
Ich möchte das nicht gern tun, indem ich den einen gegen den anderen ausspiele, noch dazu auf persönlicher Ebene, auf einem Feld, das nicht unbedingt als „höheres Leben im Geiste“ bezeichnet werden kann.

Mir ist es wichtiger, dieses „Höhere“ aufzufinden, von dem sie alle beide zeugen.

Lieben Gruß

Ingrid
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von Harald » 28. Jan 2009, 19:11

Diese aphoristische Zuspitzung sollte allenfalls einen Unterschied im literarischen Temperament andeuten, wollte aber keinen Augenblick beanspruchen, den beiden Lichtgestalten "gerecht" zu werden. Ob der angedeutete "Vergleich" auch nur hinkend sein Zeil erreicht, sei dahin gestellt. "Anthropologisch" impliziert, dass er die kriegsentmenschte Menschheit in seinem Drama (zumindest vom Veröffentlichungsdatum her retrospektiv) als Spezies "seziert". Angesichts der Hitlerei ist er folgerichtig endgültig verstummt; "durfte" gnädig sterben, ohne erleben zu müssen, wie sich der organisierte Wahnsinn ausgetobt hat.
Es ist mir erst nachträglich eingefallen, dass Kraus diesen Aphorismus verfasst hat:
"Die Naturheilmethode wütet auch in der Kunst." (Ich würde aber nicht in diesem Forum schreiben, wenn ich Rilkes Gedichte für poetische Globuli hielte.)
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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von helle » 3. Feb 2009, 16:39

Liebe Ingrid,

schwere Frage, was die Kunst ist, die Möglichkeiten des Forums vielleicht überschreitend. Auch der Vergleich der Dichter würde viele Erläuterungen erfordern. Stattdessen will ich eine Stelle anführen, die Rilkes Auffassung von der Kunst jenseits der einzelnen Disziplinen wiedergibt.

Er berichtet, er sehe den in Genf auftretenden Schauspieler Pitoëff fast täglich, und fügt hinzu, »Sie wissen, den Russen, der hier das wunderbare Theater geschaffen hat, an dessen Versuchen und Gelingen ich so unmittelbaren Anteil habe. Zum ersten Mal erkenn ich die ›Arbeit‹ des Schauspielers genau in der Centralität, Unabhängigkeit und Größe, in der, innerhalb eines anderen Kunst-Gebiets, die Arbeit Rodins herrlich und rein unabhängig war -, und das ist immer gleich beglückend, zu erfahren, wie an einer Stelle restlos durchgesetztes Können die ganze Welt auf eine unerwartete Weise in Besitz nimmt und von seiner Mitte aus unerschöpflich macht.« (An die Fürstin Thurn und Taxis, 19. Aug. 1920)

Wobei Unerschöpflichkeit auch ein romantisches Kriterium der Poesie ist.

Gruß
von helle

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Re: Rilke und Karl Kraus

Beitrag von stilz » 3. Feb 2009, 20:33

Du hast wahrscheinlich recht, helle, und meine Frage ist ein bisserl zu komplex für dieses Forum.
Auch sehe ich gerade (das hab ich bisher übersehen), daß dieser thread hier ganz richtig unter "Freundschaften, Liebschaften, Bekanntschaften" läuft --- nur ich bin halt ein bisserl ein schlampiger Mensch und hab mit solchen "Schubladen" so meine Schwierigkeiten :wink: - - -

Allerdings wäre es mir ja auch weder um einen Vergleich der beiden gegangen, noch auch darum, Harald, sie um jeden Preis als "Lichtgestalten" ganz und gar "unbefleckt" zu lassen... sondern es würde mich einfach (immer noch) interessieren, was sie in rein künstlerischer Hinsicht voneinander hielten.

Vielen Dank für den Hinweis auf die Briefstelle über Pitoëff! Ich habe mir vor kurzem den zweiten Band "Briefe" aus der Bibliothek geholt, da steht der zitierte Brief drin; etwas später heißt es ja:
"...wieviel möchte man der Welt verzeihen, wenn nur an einer Stelle irgendwo eine solche Unbeirrtheit entschlossen und glücklich am Werke ist." --- :D und dabei muß ich doch wieder an Karl Kraus denken: bei ihm kann man sicherlich davon sprechen, daß "eine solche Unbeirrtheit entschlossen ... am Werke" war. Ob auch "glücklich", das ist allerdings eine andere Frage.

Und ich denke auch an den "Rodin":
Da war Geduld, - da war nirgends ein Sprung über das Nächste hinaus, da war der harte eigensinnige Wille des Machen-Könnens.

und natürlich (daran hat lilaloufan vor kurzem erinnert):
... daß es bei den Kunst-Dingen (ganz wie bei einer Waffe oder Waage) nicht darauf ankommt durch das Aussehn irgendwie zu ›wirken‹: sondern, daß es sich darum handelt:
  • gut gemacht zu sein.
Dieses Gut-Machen,
dieses Arbeiten mit dem reinsten Gewissen: war Alles.


Paßt das nicht sehr gut einerseits zu dem KK nachgesagten Gebrauch des Wortes als "Waffe", andererseits aber auch zu dem, was Krenek erzählt über das brennende Shanghai und die Beistrichprobleme?

:) lieben Gruß

Ingrid
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