Rilke begegnet Brahms

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Harald
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Rilke begegnet Brahms

Beitrag von Harald » 3. Nov 2009, 23:13

Aus einem Brief Rilkes an ein "Gelehrtestes Mädchen" vom 8. Februar 1912

Aber nun will ich Ihnen noch schnell erzählen, daß auch ich eine Begegnung mit Brahms gehabt habe, vor Jahren und Jahren, in Aussee. Ich war damals irgendein junger Mensch, sechzehn oder siebzehn Jahre vielleicht, und dort bei einer Cousine zu Besuch, die leidend war, womit es sich erklären mag, daß man die ganze Zeit mürrisch im Garten saß und sich gegenseitig die Langeweile anstückte, bis sie um den ganzen Tag herumreichte. Ich aber, sowie man die Augen von mir ließ, entzog mich dieser pietätvollen Beschäftigung und raste also auch eines Nachmittags wie etwas Ausgekommenes aus dem Ort hinaus ins Freie, Große, Wirkliche hinauf, vermutlich ohne Hut, oder wenn er dabei war, so spielte er doch jedenfalls keine Rolle. Es ging ziemlich steinig bergan, aber ich hatte einen solchen Absprung genommen, daß mir das ebensowenig zum Bewußtsein kam wie jeder andere Widerstand; ich stob auf so elementare Art vorwärts, daß meine Leistung aufhörte, etwas Persönliches zu sein, man hätte, um sie auszudrücken, geradezu sagen müssen: es rannte, wie man sagt: es regnet, es blitzt. Beides stand in der Tat unmittelbar bevor. Was mich auf das unerwartetste davon überzeugte, war ein alter, starker Herr, der behäbig den
Abhang herunterkam und offenbar schon seit einer Weile berechnet hatte, wie unser Zusammenstoß am mildesten einzurichten wäre; ihn ganz zu verhüten, war bei der Anfangsgeschwindigkeit, mit der ich ausgesaust war, und im Hinblick auf die langsame Breite meines Gegenübers physikalisch unmöglich. So kam es dazu, daß er mich plötzlich brummend von sich abhielt, er hatte Grund genug, mich zu verwünschen, und als ich, heftig erschrocken, zu ihm aufsah, hatte ich den Eindruck, daß er sehr böse sei. Sowie aber unsere Blicke sich eine Weile aushielten, löste dieser Unwille sich in ein sanftes Gebrummse, das schließlich in eine Warnung überging vor einem dunkel zusammengezogenen Gewitter, welches er hinter sich andeutete: und wirklich, es drängte sich schon bedenklich über die Berge herüber.
Nun wärs recht und schön, wenn ich mich erst mal entschuldigt und dann bestens für die großmütige Sorge bedankt hätte, die er trotz allem an mich wandte, — aber, ach, meine Erinnerung, um ganz wahr zu sein, überliefert mir keine solchen Details. Vielmehr ist es wahrscheinlich, daß ich, einiges durcheinanderstammelnd, nach rechts auswich und wie verrückt weiterstürmte, denn das kam mir nun erst maßlos frei und beinah heroisch vor, in dieses aufgerichtete Gewitter hineinzulaufen, während neben mir die Steine schon bleich wurden. — Das ist meine Geschichte. Ein paar Tage hernach zeigte man mir den alten Herrn im Ort, auf der Promenade, und nannte mir seinen Namen: Brahms. Aber ich glaube, er sah mich nicht (zum Glück).
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

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