Kommentare zu den Briefen an einen jungen Dichter

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CTBornstein
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Kommentare zu den Briefen an einen jungen Dichter

Beitrag von CTBornstein » 6. Nov 2009, 19:07

ÜBER RILKE: LIEBE, KUNST UND SCHAFFEN

Einige Kommentare zu den Briefen an einen jungen Dichter die Rilke an Franz Xaver Kappus um die Jahrhundertwende geschrieben hat. Wichtig scheint mir dass die Briefe einen Aufschluss geben über die Gedankenwelt Rilkes, sodass man ein besseres Verständnis seiner Gedichte haben kann.

Erstens die Einfachheit. Es herrsch fast Bescheidenheit in der Beziehung eines immerhin schon bekannten Dichters gegenüber einem vollen fremden jungen Menschen, ein Anfänger in der Dichterkunst. Rilke kritisiert nicht die Verse die ihm Kappus schickt denn mit nichts kann man ein Kunst-Werk so wenig berühren als mit kritischen Worten (Brief vom 17. Februar 1903). Einmal kopiert Rilke sogar ein Gedicht das ihm der junge Dichter geschickt hatte, weil es gut ist sein Gedicht in einer anderen Handschrift zu lesen. Lesen Sie die Verse, als ob es fremde wären, und Sie werden im Innersten fühlen, wie sehr es die Ihrigen sind (Brief vom 14. Mai 1904). Dies alles zeugt von Liebe.

Um gleich beim Thema zu bleiben so gibt Rilke dem jungen Kappus einige Ratschläge über Liebe. Rilke, der vielleicht die schönsten erotischen Gedichte die je einer geschrieben hat, produzierte, wehrt sich gegen die unreine und unreife Geschlechtswelt gegen Brunst, Rausch und Ruhelosigkeit (Brief vom 23. April 1903). In den nächsten Brief vom 16. Juli 1903 wird er deutlicher: nicht die körperliche Wollust ist schlecht, sondern ihr Missbrauch und Vergeudung nur als Reiz, Zerstreuung anstatt Sammlung. Menschliche Liebe nicht männliche Liebe schreibt Rilke im Brief vom 23. April 1903. Liebe ist schwer. Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste was uns aufgegeben ist...(Brief vom 14. Mai 1904). Und am Ende des Briefes vom 23. April 1903 erscheint dann Gelegenheit zur Grösse und Mut zur Ewigkeit. Wäre damit die ewige Liebe gemeint? Also doch Metaphysik? In einem anderen Zusammenhang aber rät Rilke dem jungen Kappus gebrauchen Sie, um sich auszudrücken, die Dinge Ihrer Umgebung. Also doch Physik (ich meine natürlich das Dingliche, das Gegenständliche)?

Physik oder Metaphysik, wie ist dies zu verstehen? Die Antwort ist, nach meiner Meinung, beides. Rilke macht physische Metaphysik und die Metaphysik des physischen. Ich will einiges dazu veranschaulichen. Ich nehme die Beispiele aus den Sieben Gedichten, nach meiner Meinung, die erotischsten, also die physischsten Gedichte in Bezug auf Liebe, die Rilke geschrieben hat.

Um Metaphysik des physischen zu illustrieren nehme ich das zweite Gedicht:
Du hast mir, Sommer, der du plötzlich bist
zum jähen Baum den Samen aufgezogen
(Innen Geräumige, fühl in dir den Bogen
der Nacht, in der er mündig ist.)
Nun hob er sich und wächst zum Firmament,
ein Spiegelbild das neben Bäume steht.
O stürz ihn, dass er, umgedreht
in deinen Schoss, den Gegen-Himmel kennt,
in den er wirklich bäumt und wirklich ragt.
Gewagte Landschaft, wie sie Seherinnen
in Kugeln schauen. Jenes Innen
in das das Draussensein der Sterne jagt.
[Dort tagt der Tod, der draussen nächtig scheint.
Und dort sind alle, welche waren,
mit allen Künftigen vereint
und Scharen scharen sich um Scharen
wie es der Engel meint.]
Nun, da ist erstmals der Baum und der Sommer die zu dem physischen zählen. Als Sommer und Baum sich begegnen, wächst dieser zum Firmament. Hier fängt es mit der Metaphysik schon an, aber man kann der Meinung sein das dies eine übliche Metapher ist, nichts weiter. Und Gegen-Himmel? Und das Draussensein der Sterne? Und die Seherinnen die in Kugeln schauen? Und alle welche waren mit allen Künftigen vereint ist dies vielleicht gegenständlich und real? Und um zu beenden endet das Gedicht mit Engeln!

Um diese Ideen noch zu verstärken nehme ich das erste Gedicht, nach meiner Meinung, das schönste, weil es so herrlich synthetisch ist:
Auf einmal fasst die Rosenpflückerin
die volle Knospe seines Lebensgliedes
und an dem Schreck des Unterschiedes
schwinden die [linden] Gärten in ihr hin.
Als physisches sind da erstmals die Rosenpflückerin und die Knospe. Aber das schwinden der [linden] Gärten ist dies nicht das Verlassen des Bereiches des Dinglichen? Deutet dies nicht in Richtung Firmament, Himmel, Sterne, Engel, usw.?

Um physische Metaphysik zu verdeutlichen nehme ich mal das sechste Gedicht
Wem sind wir nah? Dem Tode oder dem,
was noch nicht ist? Was wäre Lehm an Lehm,
formte der Gott nicht fühlend die Figur,
die zwischen uns erwächst. Begreife nur:
das ist mein Körper, welcher aufersteht.
Nun hilf ihm leise aus dem heissen Grabe
in jenen Himmel, den ich in dir habe:
dass kühn aus ihm das Überleben geht.
Du junger Ort der tiefen Himmelfahrt.
Du dunkle Luft voll sommerlicher Pollen.
Wenn ihre tausend Geister in dir tollen,
wird meine steife Leiche wieder zart.
Da ist also erstmals die Metaphysik in der Form des Todes dem man sich näht und der Gott der aus dem Lehm die Figur formt. In Bezug auf dem, was noch nicht ist so ist doch interessant zu lesen was Rilke über Gott in dem Brief vom 23. Dezember 1903 sagt: Warum denken Sie nicht, dass er der Kommende ist, der von Ewigkeit her bevorsteht, der Zukünftige, die endliche Frucht eines Baumes, dessen Blätter wir sind? Interessant ist auch dass Metaphysik zu Physik (also das Dingliche) gerade durch die Auferstehung wird, wo doch eigentlich diese, üblicherweise, auf die Entgegengesetzte Richtung deutet. Hier ist die Auferstehung aus dem Grabe physisch gemeint, die Himmelfahrt ist tief und der Himmel ist ganz konkret aus Fleisch und Blut.

Nun, was soll’s? Wohin führt denn diese Diskussion? Physik oder Metaphysik welche ist die Wichtigkeit der Verknüpfung dieser Dichotomie? Ich will die Fragen gleich mal beantworten. Liebe ohne Metaphysik, da muss man Rilke recht geben, wird doch nur Zeitvertreib und vertreibt sich mit der Zeit. Mit dem vertreiben der Liebe, vertreibt sich das Leben. Es bleibt nur Öde und Asche.

Liebe soll aber nicht nur Metaphysik sein. Leben zu Unleben zu machen, das ist natürlich eine Möglichkeit. Ich will nicht mal sagen dass es die schlechteste ist, denn was nicht ist kann ja auch nicht schlecht sein weil es eben Nichtsein ist. Es bleibt aber dann doch wieder bei Öde und Asche.

Ich will also mal vom Leben, vom Menschen, Fleisch und Blut, ausgehen. Da kann doch Liebe auch nur Fleisch und Blut sein. Nun, wie macht man daraus Metaphysik? Dies zeigt Rilke ganz konkret indem er die Dinge seiner Umgebung, die Bilder seiner Träume und die Gegenstände seiner Erinnerung benutzt (siehe Brief vom 17. Februar 1903). Z.B. in Bezug auf das geistige Schaffen so sagt Rilke im Brief vom 16. Juli 1903 dass auch dies vom physischen her stammt, ist eines Wesens mit ihm und nur wie eine leisere, entzücktere und ewigere Wiederholung leiblicher Wollust. Man soll sich an der Natur, an das Einfache in ihr, an das Kleine, das kaum einer sieht, und so unversehens zum Grossen und Unermesslichen werden kann. Schöpfer zu sein ist nichts weiter als Zeugen und Gebären. In einen Schöpfergedanke leben tausend vergessene Liebesnächte auf und erfüllen ihm mit Hoheit und Höhe.

Selbst die die versagen, die die das Geheimnis falsch und schlecht leben (und es sind sehr viele) verlieren es nur für sich selbst und geben es doch weiter wie einen verschlossenen Brief... Hier ist also kein Hass gegen die die versagen. Hier ist Humanismus, ist Glaube an dem Menschen. Auch dies zeugt von Liebe.

An Rilke fasziniert mich auch das Gegensätzliche, das Widersprüchliche, kurz, die Dialektik. Bleibt man bei dem Thema Liebe so heissen die sich verbindenden Gegensätzlichkeiten Mann und Frau. Dazu sagt Rilke im Brief vom 16. April 1903: Und vielleicht sind die Geschlechter verwandter, als man meint, und die grosse Erneuerung der Welt wird vielleicht darin bestehen, dass Mann und Mädchen sich, befreit von allen Irrgefühlen und Unlüsten, nicht als Gegensätze suchen werden, sondern als Geschwister und Nachbar und sich zusammentun werden als Menschen...

Um das Aufheben der Grenzen zwischen Mann und Frau zu veranschaulichen nehme ich das Gedicht Und sieh: ihr Leib ist wie ein Bräutigam:
Und sieh: ihr Leib ist wie ein Bräutigam
und fliesst im Liegen hin gleich einem Bache,
und lebt so schön wie eine schöne Sache,
so leidenschaftlich und so wundersam.
In seiner Schlankheit sammelt sich das Schwache,
das Bange, das aus vielen Frauen kam;
doch sein Geschlecht ist stark und wie ein Drache
und wartet schlafend in dem Tal der Scham.

Spielend wie zwei Saiten die durch den Bogenstrich eine Stimme ziehen so beschreibt Rilke das Lied der Liebe im Liebeslied:
Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu anderen Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süsses Lied.

Und noch deutlicher wird das Wechselspiel der Liebespartner in das schöne Gedicht Ich möchte dir ein Liebes schenken:
Ich möchte dir ein Liebes schenken
das dich mir zur Vertrauten macht:
aus meinem Tag ein Deingedenken
und einen Traum aus meiner Nacht.


Mir ist, dass wir uns selig fänden
und dass du dann wie ein Geschmeid
mir löstest aus den müden Händen
die niebegehrte Zärtlichkeit.
Nicht ich soll vertrauen sondern du sollst meine Vertraute sein, sagt Rilke. Mein Tag soll nicht mein sondern Deingedenken sein. Nicht ich soll zärtlich sein sondern du sollst in mir Zärtlichkeit lösen. Hier geht es um den Kern der Liebe, dass einer im anderen sich selber und in sich den anderen fühlt. Liebe ist, Mann und Frau, oder was sonst noch möglich ist, jedenfalls beide Teile, zu fühlen, also Eins sein in der Zweiheit.

Das Gegensätzliche erscheint bei Rilke auch in dem nach aussen und nach innen gehen das ja bei der Kunst so wichtig ist. Als Kappus ihm bittet seine Verse einzusehen so ratet ihm Rilke: Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund...Sie sehen nach aussen und das vor allem dürfen Sie jetzt nicht tun (Brief vom 17. Februar 1903). Und dann etwas weiter in denselben Brief: reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Rilke ratet dem jungen Dichter dass, genau wie der Baum jetzt noch nicht die Zeit ist die Früchte auszutragen, jetzt ist Zeit Kräfte zu sammeln. Er lässt aber eigentlich kein Zweifel dass das Ziel die Früchte sind und dass der Sommer doch kommt. Das nach innen mit dem Ziel nach aussen gehen, dass man also in sich die Mittel finden soll um eine Brücke mit der Welt zu errichten, das ist doch der Sinn der Kunst. Wer nur nach aussen sieht, der sammelt kein Material und kann deswegen keine Brücke bauen, und wer nur nach innen sieht baut ja die Brücke nicht.

Mehr über die Kunst des Schaffens oder die Schaffenskunst und über das in sich Eingehen im Brief vom 23. April 1903: Lassen Sie Ihren Urteilen die eigene stille ungestörte Entwicklung, die, wie jeder Fortschritt, tief aus innen kommen muss und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann. Alles ist austragen und dann gebären. Jeden Eindruck und jeden Keim eines Gefühls ganz in sich, im Dunkel, im Unsagbaren, Unbewussten, dem eigenen Verstande Unerreichbaren sich vollenden lassen... Die Kunst ist also ein Produkt des Unbewussten und was notwendig ist, ist Reife. Was ist Reife? In den Brief vom 16. Juli 1903 antwortet Rilke dann die Frage mit einen leichten Zen Akzent: Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten... Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein. Das Leben hat nämlich die Antwort sämtlicher Fragen. Es genügt zu spüren, sehen, horchen, erforschen, sich erforschen, leben, erleben, sich erleben.

CTBornstein
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Re: Kommentare zu den Briefen an einen jungen Dichter

Beitrag von CTBornstein » 13. Dez 2009, 20:48

Um noch ein weiteres Argument zu der physischen Metaphysik oder zu der Metaphysik des Physischen, die Ordnung der Wörter ist ja nicht so wichtig, zuzufügen, so empfehle ich Das Märchen von den Händen Gottes mal zu lesen (siehe http://www.rilke.de unter Erzählungen). Physische Metaphysik oder Metaphysik des Physischen ist vielleicht etwas arrogant ausgedrückt. Man kann es auch einfacher sagen. Z.B. das Höhere und das Niedrigere wobei, wie Rilke zeigt, es viel Niedriges im Höherem oder Höheres im Niedrigem gibt, sodass man von der Einheit von Hoch und Niedrig ausgehen kann. Mehr dazu im Märchen.

Übrigens möchte ich noch bemerken dass diese ganze Diskussion hier in Freundschaften, Liebschaften,... vielleicht etwas fehl am Platz ist (als ich auf Neue Beiträge drückte merkte ich nicht dass ich auf diese Seite des Forum war, oder besser, ich war mir dem Zusammenhang nicht bewusst). Ich glaube angebrachter wäre vielleicht Schriften und Briefe über Kunst, Literatur, Philosophie oder Rilke und Philosophie, Kunst, Psychologie,...Vielleicht kann mir jemand mit dem Umzug helfen, oder mir ein paar Ratschläge geben, wie man das am einfachsten macht.

Claudio

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