Dauthendey, "Messina im Mörser"

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Harald
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Dauthendey, "Messina im Mörser"

Beitrag von Harald » 15. Nov 2009, 15:53

Rilke rühmt dieses Gedicht wie selten eines:

„Messina im Mörser". Da hört man auf, an Leistung zu denken, an Gelingen, an Fortschritt—: das ist, ist, ist. Mein Gott, Sie müßten hören, wie sich das liest, ich las es unwillkürlich gleich vor, einmal meinen Reisegefährten in Tunis und kürzlich hier vor ein paar jungen Menschen; ja, man möchte sich an die Ecke stellen und es hersagen und damit drohen und beschwichtigen und verpflichten. Wenn wir nicht von den Büchern verdorben wären und von dem In-uns-Hineinlesen und nur durch Vorlesen und Mitteilen uns ernähren ließen, so stünde dieses Gedicht vor uns allen und hübe sich nicht von der Stelle. So groß ist es an Überlieferung und purer Klage. Bei diesem Gedicht findet man sich wünschen, daß es noch Ruhm gäbe, Ruhm im antikischen Sinn, was nicht Bekanntgemachtwerden hieß, sondern Nicht-mehr-verborgen-werden-Können. Dastehen über allem, in allen, dasein.
(Brief an Dauthendey vom 10. Mai 1911)

Das voluminöse Objekt seiner Bewunderung findet sich hier:
http://gutenberg.spiegel.de/?id=12&xid= ... 248messina
Einzelne Zeilen könnten von Rilke stammen:
" ... wo endlos ein unendlicher Schmerz auf der gespanntesten Saite geigt ..."
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

Henry Lou

Re: Dauthendey, "Messina im Mörser"

Beitrag von Henry Lou » 4. Dez 2009, 01:35

Oh ja, das war das Erdbeben von Messina 1908. Und das Gedicht ist in der Tat erschütternd gut.
Ist diese Art, einer Katastrophe zu begegnen, nicht himmelschreiend blutsverwandt mit Rodins, und Rilkes Auffassung aus dem Brief an Baron von Uexküll, vom 19. August 1909 (?)

Die Kunst nicht für eine Auswahl aus der Welt zu halten,
sondern für deren restlose Verwandlung ins Herrliche hinein.
Die Bewunderung, mit der sie sich auf die Dinge (alle, ohne
Ausnahme) stürzt, muß so ungestüm, so stark, so strahlend
sein, daß dem Gegenstand die Zeit fehlt, sich auf seine
Hässlichkeit oder Verworfenheit zu besinnen. Es kann im
Schrecklichen nichts so Absagendes und Verneinendes geben,
daß nicht die multiple Aktion künstlerischer Bewältigung es
mit einem großen, positiven Überschuß zurückließe, als ein
Dasein-Aussagendes, Sein-Wollendes: als einen Engel.

So waren sie halt, die Symbolisten... möchte ich sagen, an Schicksalen in der Welt irgendwie seltsam unbeteiligt und zugleich in höchstem Maße mittendrin.
Stimmt mich wieder einmal nachdenklich.
Noch einen guten Abend, Harald, und vielen Dank für diesen Hinweis!

Henry Lou

stilz
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Re: Dauthendey, "Messina im Mörser"

Beitrag von stilz » 4. Dez 2009, 10:17

Lieber Henry Lou,

zunächst einmal: herzlich willkommen im Forum!

Und vielen Dank für diese Briefstelle:

"Es kann im Schrecklichen nichts so Absagendes und Verneinendes geben, daß nicht die multiple Aktion künstlerischer Bewältigung es mit einem großen, positiven Überschuß zurückließe, als ein Dasein-Aussagendes, Sein-Wollendes: als einen Engel."

Ich denke dabei natürlich sofort an die erste der "Duineser Elegien":
  • ... Denn das Schöne ist nichts
    als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
    und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
    uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Ja. Und wenn etwas "Schreck-liches" bereits so weit von der Grenze zum "Schönen" entfernt zu sein scheint, daß wir es eigentlich nicht mehr "noch grade ertragen" - dann können wir uns aufgefordert fühlen zu "künstlerischer Bewältigung". Und dadurch versuchen, dieses "Schreck-liche" zu verwandeln...

Das berührt übrigens das Thema "Keine Therapeutisierung der Kunst".

Und noch:
Henry Lou hat geschrieben:So waren sie halt, die Symbolisten... möchte ich sagen, an Schicksalen in der Welt irgendwie seltsam unbeteiligt und zugleich in höchstem Maße mittendrin.
Stimmt mich wieder einmal nachdenklich.
Das stimmt auch mich nachdenklich.
Einerseits kann ich sehr gut nachvollziehen, was Du meinst mit "irgendwie seltsam unbeteiligt und zugleich im höchsten Maße mittendrin", das hast Du wunderbar ausgedrückt.

Andererseits aber: Sind das wirklich "Symbolisten"?
Ich bin keine Literaturexpertin, mir ist immer noch nicht ganz klar, was mit "Symbolismus" nun genau gemeint ist. Für mich hat es, etwas vage, damit zu tun, eine "Kunstwelt" zu schaffen, sozusagen als "Gegenentwurf" zur "Realität"...
Im Netz finde ich diesen Satz:
Am 18. September 1886 veröffentlichte Jean Moréas das Manifest "Le Symbolisme", in dem er die Abneigung der Symbolisten gegenüber einem "klaren Sinn, Deklamationen, falscher Sentimentalität, und sachlicher Beschreibung" bekundete und als ihr Ziel angab, "das Ideal in erkennbare Form zu kleiden", dessen "Ziel nicht in sich selbst liegt, sondern darin, das Ideal auszudrücken."
Also, meiner Meinung nach lassen gerade Rilkes Gedichte es weder an klarem Sinn noch an sachlicher Beschreibung fehlen.
Und das, wovon er spricht, scheint mir auch niemals eine "Kunstwelt", ein bloßes "Ideal", zu sein, sondern ganz im Gegenteil sehr in der Wirklichkeit verankert zu sein...

Herzlichen Gruß

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

gliwi
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Re: Dauthendey, "Messina im Mörser"

Beitrag von gliwi » 4. Dez 2009, 16:53

Henry Lou: an Schicksalen in der Welt irgendwie seltsam unbeteiligt und zugleich in höchstem Maße mittendrin
Ja, ein guter Satz! Das ist eine Seite an Rilke, die mir fremd ist und bleibt. Ich denke gerade an die berühmte Bettlerin, die von Rilke eine Rose bekam statt eines ordentlichen Mittagessens... Und an Brecht, der sagen würde, weder Rose noch ein einzelnes Mittagessen nützen der Bettlerin, sondern nur die Änderung der politischen Verhältnisse, und sich daraufhin eine edle Zigarre ansteckt...

(Über die m.E. falsche Zuordnung Rilkes zu den Symbolisten habe ich woanders schon gepostet)

p.s. Wobei Dauthendey es an Menschlichkeit druchaus nicht fehlen lässt in diesem Text....
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

Henry Lou

Re: Dauthendey, "Messina im Mörser"

Beitrag von Henry Lou » 4. Dez 2009, 19:03

Guten Abend Ingrid,

danke für die herzliche Begrüßung und Deine Gedanken.
Nein, nein, Rilke passt in keine einzelne Schublade, und ich werde auch einen Teufel tun, ihn versuchen in irgendeine hinein zu pressen (ich will ja nicht, dass mir der ganze Schrank um die Ohren fliegt...)
Wenn ich Rilke zu Kunsttheorien in Bezug setze, meine ich das letztendlich immer im Sinne von ihnen ‚nahe gestanden haben’. Allein schon, weil er keinen Hehl daraus machte, daß weder er noch seine Kunst sich für irgendeinen Zweck vereinnahmen lassen könnten (politisch, religiös etc.). Zugleich steht Rilke mit dieser Haltung aber wieder mitten in der symbolistischen Strömung. Widersprüchlich? Wäre eine junge Moderne nicht anerkannt worden, würden wir jetzt Rilkes Sprachkunstwerke vermutlich nicht in dieser Vollendung lesen können. Er brauchte, wie ich meine, genau diesen Zeitgeist, um das alles schaffen zu können. Und wie Du gut erkannt hast, kreiste er eigentlich immer um die selben Themen.
Und rein zufällig ist für mich ein Engel das vollendete Symbol für den Geist des Symbolismus: mit einer geheimnisvollen Leichtigkeit über dem Leben schwebend und sich selbst genügend – nichts anderes als „L’art pour l’art“.
In diesem Sinne „Keine Therapeutisierung der Kunst“ – d’accord!
Wie weit Rilke in der Wirklichkeit (Tagesgeschehen in der Welt?) verankert gewesen sein könnte – darüber muß ich noch mal nachdenken, aber ehrlich gesagt, so sehr weit darin sehe ich ihn eigentlich nicht. (Stell Dir Rilke in der Realität heute mit seinen ganzen persönlichen Schriften und Wünschen an einer DHL-Packstation vor oder an einem Ticket-Automaten – zahllose zusätzliche und zeitraubende Arbeiten aus dem Alltag wegrationalisierter Berufsgruppen selbst erledigen zu müssen – eine Katastrophe...!)
Aber vielleicht wäre es ratsam, diese Frage an anderer Stelle aufzugreifen.
Namensvetterliche Grüße

Ingrid
(Henry Lou)

P.S. Guten Abend auch an gliwi; danke, ich bin überrascht über die Wirkung meiner Äußerung.
Aber dazu wohl wirklich in einer passenderen Rubrik mehr.

stilz
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Re: Dauthendey, "Messina im Mörser"

Beitrag von stilz » 11. Dez 2009, 17:59

Oh - Verzeihung, ich hab wohl versehentlich doppelt abgeschickt.
stilz
Zuletzt geändert von stilz am 11. Dez 2009, 18:12, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Dauthendey, "Messina im Mörser"

Beitrag von stilz » 11. Dez 2009, 18:10

Henry Lou hat geschrieben:Wie weit Rilke in der Wirklichkeit (Tagesgeschehen in der Welt?) verankert gewesen sein könnte – darüber muß ich noch mal nachdenken, aber ehrlich gesagt, so sehr weit darin sehe ich ihn eigentlich nicht.
Liebe Henry Lou*)

Oh. Nein, mit „Wirk-lichkeit“ meinte ich nicht „Tagesgeschehen in der Welt“, wenn Du darunter sozusagen nur „Materielles“, mit Händen Greifbares, mit den Sinnen Erfahrbares, Gewordenes verstehst.
Vor ein paar Tagen hat mich einer meiner Gesangstudenten gefragt, ob es denn in seinem Fall wirklich einen Sinn habe, weiterzulernen – denn vor Jahren, zu Beginn seines Studiums, habe ihm sein erster Lehrer gesagt, sein „Stimmmaterial“ gebe nicht mehr her…
Ja freilich. Das „Material“ kann ich ihm auch nicht „verbessern“. Aber das Wissen, wie dieses „Material“ zu gebrauchen ist, die Idee, das sängerische Bewußtsein, das, was Goethe die „Gestalt“°) nennt --- daran kann man immer arbeiten; und das ist schließlich das eigentlich Wirk-liche. Das, was wirkt. - Materie allein „wirkt“ ja nicht.

Also, wenn ich Rilke „in der Wirk-lichkeit verankert“ sehe (und Du schreibst ja auch: „an Schicksalen in der Welt irgendwie seltsam unbeteiligt und zugleich in höchstem Maße mittendrin“), dann meine ich damit etwas zwar nicht mit den Sinnen Erfahrbares, das aber dennoch wirk-lich ist, das sich im Tagesgeschehen als Wirkendes auffinden läßt.

So begreife ich die Briefstelle, von der ich ausgegangen war, und in der Rilke etwas „Dasein-Aussagendes, Sein-Wollendes“ als einen Engel bezeichnet:
R.M.Rilke, [url=http://rilke.de/phpBB3/viewtopic.php?p=7557#p7557]an Hulewicz[/url], hat geschrieben:Der Engel der Elegien ist dasjenige Wesen, das dafür einsteht, im Unsichtbaren einen höheren Rang der Realität zu erkennen.
Herzlichen Gruß!

stilz

*) :D eine schöne Überraschung, in Dir, liebe Ingrid, eine „Namenscousine“ ;) zu finden, noch dazu eine so kenntnisreiche – aber um die Mitleser nicht zu verwirren, bleibe ich nun doch lieber bei den nicknames. :wink:

°)
J.W.Goethe hat geschrieben:... so versuchen wir denn nach Kräften einzusehen und für uns selbst auszudrücken ... , auf welche Weise wir die Schönheit des Geistes und der Welt anzuschauen vermögen.

Nehmet an daher: zwei steinerne Massen seien nebeneinander gestellt, deren eine roh und ohne künstliche Bearbeitung geblieben, die andere aber durch die Kunst zur Statue ... ausgebildet worden. ...

Euch wird aber der Stein, der durch die Kunst zur schönen Gestalt gebracht worden, alsobald schön erscheinen; doch nicht weil er Stein ist, denn sonst würde die andere Masse gleichfalls für schön gelten, sondern daher, daß er eine Gestalt hat, welche die Kunst ihm erteilte.

Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht, sondern diese war in dem Ersinnenden früher, als sie zum Stein gelangte. ...
(Wilhelm Meisters Wanderjahre, „Aus Makariens Archiv“)
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Henry Lou

Re: Dauthendey, "Messina im Mörser"

Beitrag von Henry Lou » 15. Dez 2009, 17:15

Liebe stilz,

danke für Deine aufschlußreichen Worte. Ja, ich denke wir kreisen um dieselbe Geist-Gestalt.
Meine Aussage bezieht sich auf Rilkes Wirken fest verankert in seiner intellektuellen Wirklichkeit. Er hebt das für ihn Unerträgliche aus dem Alltag in eine andere Sphäre, um es betrachten und gestalten zu können. Und das Produkt soll dann schon sinnlich erfahrbar sein, aber so, daß die Schönheit des Neugeschaffenen, der Katastrophe den Schrecken nehmen kann. Ich betrachte das weniger als Gegenentwurf, denn als Verwandlung einer Realität, der Rilke ohnmächtig wenn nicht gar ständig überfordert gegenüber gestanden hat.
Der Hulewicz-Brief hat auch für mich eine Schlüsselfunktion, nicht nur in Bezug auf das Spätwerk.

Herzliche Grüße

Henry Lou

Henry Lou

Re: Dauthendey, "Messina im Mörser"

Beitrag von Henry Lou » 14. Jan 2010, 00:30

Fast wie ein Nachbeben zu später Stunde gefunden auf rilke.de: Widmung vom 26. Juny 1926 - À Mademoiselle Sophy Giauque:

« C'est notre extrême labeur:
de trouver une écriture
qui résiste aux pleurs
et qui devant nous re-figure,
précis dans leur clarté pure,
les beaux adieux navigateurs. »

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