eine Frage ueber Baladine

Lou Andreas-Salomé, Clara Westhoff, Marie von Thurn und Taxis, Ellen Key, Baladine Klossowska, Leonid Pasternak, Anton Kippenberg, ...

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jerrywbgeorg
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eine Frage ueber Baladine

Beitrag von jerrywbgeorg » 22. Okt 2011, 10:52

Baladine(http://en.wikipedia.org/wiki/Baladine_Klossowska), eine Freundin Rilkes, die "Merline" von Rilke genant wurde.
In einigen Fällen heisste Rilke sie also "Mouky".
"Merline" ergibt sich als Folgerung aus Artus-Tafelrunde, Merlin. aber was bedeutet "Mouky"?
Bezieht "Merline" sich unmittelbar auf "Mouky"? Kommt "Mouky" aus Franzosisch oder Die tschechische Sprache, oder...?
vielen Dank im voraus.
Georg

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lilaloufan
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Re: eine Frage ueber Baladine

Beitrag von lilaloufan » 23. Okt 2011, 11:32

Elisabeth Dorothea Kłossowska (1886-1969) war in Wrocław (Oberschlesien) [damals dt. „Breslau“] geboren.

Vorfahren (Geburtsname: Spiro) stammten aus Griechenland.

Der Ehename kommt von Erich Kłossowski, der aus Ostpreußen stammte.

Sie selbst nahm als Malerin in Paris die Künstlernamen »Baladine« und »Baladine Klossowska«*) an.
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Ihre Freunde in Frankreich (und zuweilen auch Rilke) nannten sie (aus mir unbekannter Geschichte) »Mouky«.

Rilke allein schrieb seine (soweit bekannt letzte) Geliebte seit 1920 mit dem Kosenamen »Merline« an, den sie sich 1919 selbst gegeben hat. Ob und wie sie sich dabei auf die Artus-Sage bezog, ist mir leider nicht bekannt.
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Aus Briefen Rilkes an Frau Gudi Noelke (die auf Bitten Rilkes den älteren der beiden Söhne von Mme. Klossowska aufgenommen hatte) geht hervor, wie tätig-praktisch und gewissenhaft-fürsorglich Rilke in der Muzot-Zeit „die Pflichten auf sich nahm, die aus einer engen Bindung entstanden waren, und mit welcher liebevollen Teilnahme er die Schicksale der beiden heranwachsenden Knaben während dieser Jahre verfolgte. Was ihm in seinen reifen wie ehedem in seinen jungen Jahren immer schwergefallen ist, ja auf die Dauer unmöglich war, das war das Zusammenleben mit einer Frau in gemeinsamer Haushaltung. Über das von neuem während vieler Wochen erprobte, durch allerhand Unstimmigkeiten und Sorgen getrübte Zusammenleben mit »Merline«, die seit drei Jahren seine Gefährtin war, schrieb Rilke an Frau Wunderly [-Volkart am 29. Oktober 1922]: ‹Im Alleinsein kann ich mit Allem fertig werden, und wenn ichs wieder werde sein können, so sollen Sie mich … so befriedigt und besonnen finden, wie nur je. Ich kann eben nur noch Alleinsein … alles andere darf nur als Ausnahme vorkommen, für einzelne Stunden, Tage, – nie mehr in solcher Konstanz und Hindauer; darüber verdirbt so vieles, – über den unrechten, nur eben aus äußerer Nähe entstehenden Gemeinsamkeiten, wird die rechthabende, gemeinsame Stunde seltener, befangener, ängstlicher …›" (Jean Rudolf von Salis-Seewis: „Rilkes Schweizer Jahre“, Suhrkamp Taschenbuch 289 (1975), pp. 161 f.)

Rätselhafter Weise hat »Merline« ihre eigenen Briefe an Rilke aus der Zeit zwischen ihrem überstürzten Aufbruch aus Muzot nach Berlin (Rilke dazu an Gudi Noelke: „dass von heute an die Bahntariffe in Deutschland mehr als verdoppelt sein würden.“) und Mai 1923 nach Rilkes Tod vernichtet.

Aber, Georg, das ist ja schon alles nicht mehr Antwort auf Deine eigentliche Frage…

l.

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sedna
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Re: eine Frage ueber Baladine

Beitrag von sedna » 23. Okt 2011, 12:56

Hallo Georg,

schwierig, schwierig ... was lilaloufan gepostet hat, ist schon sehr viel;
ergänzend noch ein paar Kleinigkeiten meiner Recherchen, leider nur Anregungen zum Weiterforschen, handfeste Beweise habe ich nicht finden können.

Baladíne
Aus einer Schrift über Rilke und die Kunst: eine Herleitung von Baladyna = "polnische Fee".

Merline
Es gibt zwei Vermutungen von mir, die Bedeutung des Namens betreffend, wobei ich eine Beziehung zu Merlin aus der Artus-Sage eher nicht annehme:

1. französisch Merle = "Amsel", Koseform "Amselchen"
2. englische Variante von Marlene = "Maria" + "Magdalena"

Mouky
Zur Herkunft kann auch ich leider gar nichts sagen, vermute eher, es kommt aus dem Tschechischen.

An einigen Stellen in der Literatur (z.B. Ulrich Baer: Das Rilke-Alphabet) wird ein weiterer Kosename in Anlehnung an Merline erwähnt: Merly.

Beste Sonntagsgrüße

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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lilaloufan
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Re: eine Frage ueber Baladine

Beitrag von lilaloufan » 23. Okt 2011, 13:27

Mouky tschechisch?

hm. „Mouka“ hab' ich in Prag an Naturkostläden gelesen, da bedeutete es „Getreidekost“ – manchmal wohl auch im Plural: „Mouky“; „moučný“ wäre: „mehlig“.

Für einen Kosenamen eher gewöhnungsbedürftig :).

Ob „Mouky“ vielleicht im Französischen so etwas wie: „Katzenmutter“ (oder gar: „Königin der Katzen“?) heißen mag, unserem deutschen „Mieze“ entsprechend? – Das läge nahe, denn hat nicht Baladine immerhin eine literarisch berühmt gewordene Katze („Mitsou“) mit nach Muzot gebracht?

Grüße aus dem süddeutschen Altweibersommer,
l.
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Re: eine Frage ueber Baladine

Beitrag von jerrywbgeorg » 23. Okt 2011, 13:57

Vielen Dank fuer eure freundliche Hilfe. :D

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Re: eine Frage ueber Baladine

Beitrag von sedna » 23. Okt 2011, 14:19

Gern geschehen, Georg.

Noch ein Nachtrag zu Deinen Anmerkungen, lilaloufan:

Ja, da bin ich wirklich überfragt; aber stimmt, französisch ausgesprochen wäre Mouky auch schön assonant zu Muschi. Aber das "k" im Wort klingt mir doch an dieser Stelle wiederum etwas komisch für französische Namen.
Es sieht mir ganz nach Wortspielen aus, die sich eben so im Zusammensein ergeben, und je nun, haben nicht auch Künstler ein Recht auf ein wenig Privatsphäre ... (Was meiner Neugier allerdings keinen Abbruch tut ... :D)

Ich kam aufs Tschechische (Assoziationen sind manchmal schwer zu erklären), weil Rilke mit Baladíne das erste Mal seit Lou Andreas-Salomé bzw. zwei Jahrzehnten wieder mit seinem Geburtsnamen René kommunizierte,
- sich mir so irgendwie ein Bezug zur Prager Vergangenheit herstellte ...
Abschließend noch einige Zeilen / Widmung zum Thema, die Rilke auf ein von Merline gemaltes Portrait schrieb (Muzot, 13. Oktober 1921):

An Merline

Der Gram ist schweres Erdreich. Darin
wurzelt dunkel ein seeliger Sinn,
daß er sich blühend entringe;
wie war in dir, mein stiller Schooß,
alles trotzdem namenlos:
draußen erst heißen die Dinge.

Heißen nach Zweifel und heißen nach Zeit,
aber da legen wir Seligkeit
plötzlich zwischen die Namen.
Und dann tritt auch die reine Hirschkuh
Und der starke Stern dazu
In den befriedigten Rahmen.

(die gleichzeitige "Innenansicht")
René



Mit sonnigem Gruß

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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Re: eine Frage ueber Baladine

Beitrag von Renée » 23. Okt 2011, 16:43

An Georg:

meines Wissens ist mit "Merline" die Amsel gemeint- ein dunkler Vogel - und das passt auch zu Baladine.
Mouky wurde sie im Pariser Freundeskreis lange vor dem Krieg schon genannt.

Als ich Sie kennenlernte, war sie schon eine alte Dame, aber immer noch so lebhaft wie wohl immer. Für Rilke mag wichtig gewesen sein, dass sie ihn nicht als den großen Dichter anhimmelte - sie hat seine Gedichte erst nach der Neubegegnung in Genf gelesen.

Und Muzot hatte er ihr zu verdanken, die den alten Turm bewohnbar gemacht hat! Bloß dass er dann allein sein wollte und sie ins Nachkriegsberlin reisen mußte mit den Söhnen, das war schlimm! Und vermutlich waren ihre Briefe aus der Zeit auch nicht ohne Schärfe!

Alles Gute! Renée

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Re: eine Frage ueber Baladine

Beitrag von lilaloufan » 17. Apr 2013, 16:05

sedna hat geschrieben:… noch einige Zeilen / Widmung zum Thema, die Rilke auf ein von Merline gemaltes Portrait schrieb (Muzot, 13. Oktober 1921):

An Merline

Der Gram ist schweres Erdreich. Darin
wurzelt dunkel ein seeliger Sinn,
daß er sich blühend entringe;
wie war in dir, mein stiller Schooß,
alles trotzdem namenlos:
draußen erst heißen die Dinge.

Heißen nach Zweifel und heißen nach Zeit,
aber da legen wir Seligkeit
plötzlich zwischen die Namen.
Und dann tritt auch die reine Hirschkuh
und der starke Stern dazu
in den befriedigten Rahmen.

(die gleichzeitige „Innenansicht“)
René
Ihr Lieben,

dieses Portrait sollte doch hier einmal zu sehen sein:

Bild

Grüße,
lilaloufan
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