Zürich

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Mona
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Zürich

Beitrag von Mona » 24. Aug 2008, 09:36

Hallo,

gestern habe ich bei einem Tagesausflug die Stadt Zürich besucht und festgestellt, was für eine interessante Stadt sie für die Rilke Zeit ist. Hat Rilke jemals Zürich besucht und sich dazu geäussert, hat er das Züricher Kunsthaus - mit dem Wandgemälde Ferdinand Hodlers und dem Höllentor Rodins - besucht und hatte Kontakt zu Schweizer (Jugendstil-) Malern ?

Weiter oben lese ich: Lou
studierte in Zürich Religionsgeschichte
. Hat sie dazu etwas geschrieben ? Gibt es darüber Informationen ? Was für eine interessante Stadt, auch religionsgeschichtlich, ist Zürich !

Mona :D
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lilaloufan
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Re: Zürich

Beitrag von lilaloufan » 24. Aug 2008, 12:14

Hallo Mona,

falls Du diese Antwort noch während Deines Aufenthalts im Zürcherland liest: Besuch' doch mal Schloss Berg am Irchel; von dort aus hatte Rilke es gar nicht weit nach Zürich hinunter. Hier in Posting #7236 findest Du einen Link, der Dir weiterhilft.

Gruß, l.
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helle
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Re: Zürich

Beitrag von helle » 25. Aug 2008, 17:16

Rilke war mehrfach in Zürich, es war der Ort seiner ersten Lesung in der Schweiz, er hat dort auch später gelegentlich Freunde und Bekannte getroffen, Auktionen besucht usf. Er kannte auch Hodler, ich weiß nicht mehr, woher, es ist merkwürdig, daß davon nichts in der Rilke-Chronik steht, die ich immer zuerst aufschlage.

Am 27. November 1919 liest Rilke im ausverkauften kleinen Tonhallensaal von Zürich, nicht wie irgendwelche Autoren heute, von Dichtern spricht ja ohnehin niemand mehr, in T-Shirt und Cordsakko oder Armeejacke, sondern, wie es sich gehört, in Frack und weißen Glacéhandschuhen, tempi passati.

Zürich ist schon deshalb eine besondere Stadt für Rilke, weil er zuerst dort Unterkunft in der Schweiz nimmt, Juni 1919, um dann nicht mehr deutschen Boden zu betreten, wenn ich nicht irre. Er empfindet hier, so B. Subramanian in seinem oder ihrem Aufsatz: »Rainer Maria Rilke und die Stadt« (in: Rainer Maria Rilke und die Schweiz, Zürich [!] 1993) zunächst »ein Gefühl der Freiheit, verbringt mit sichtlicher Freude viele Stunden vor den überfüllten Parfümerien der Bahnhofstraße«; vor allem haben’s ihm die vielen Seifen angetan, gegen die Verlockungen eines solchen Parfümerie-Schaufensters, so Rilke selbst, wäre er »richtig wehrlos«. Und erst über diesen reinlichen Umweg habe er sich zu dem Übrigen, den Namen der Geschäfte, »den französischen Buchhandlungen und Kunstsalons, zu dem Treiben der Straßen und des Betriebs« in ein Verhältnis setzen können. Allerdings währt die Freude an Zürich nicht allzu lange und es ist über die calvinistisch geprägte, »diese politisch trübe Stadt«, so Rilke später, »kaum etwas zu sagen –, mich drängte es von dort sehr aus den Städten fort«. Selbst das erste Hotel am Ort, das »Baur au Lac«, das er – abgesehen von einer kleinen Panne unmittelbar bei seiner Ankunft im Juni 1919, als ihn der Hottinger Lesekreis doch tatsächlich – »etwas phantasielos« – im »National« am Bahnhof unterbringen wollte – von nun an in Zürich aufsuchen wird, also selbst das »Baur au Lac« geht ihm ein bißchen auf den Nerv, »von seinem gut gehaltenen Garten abgesehen«. Sein Stoßseufzer »Zürich überhaupt ...!« ist weniger bei- als mißfällig.

Basel, das im Schnee liegt, gefallt ihm besser, ein bißchen klein, aber schön. Wenn auch kein Vergleich mit Bern, der unversehrten Stadt, die Rilkes Neigung zur »überlegenen Sichtbarkeit des Vergangenen« entspricht: »wie steht Bern einstimmig da [...] in gleichgesinnten Häusern [...], die sich nach der Gasse zu über ihre Steinlauben etwas verschlossen spreizen«, Bern, das ihm auch etwas vom Schweizer Wesen und »den schweizer Menschen als einen Teil dieser Verbürgtheit« offenbart; dann kommt Genf, mit einem »beglückenden Anklang subtiler und unsagbarer Ähnlichkeiten« mit Paris: »der offene See mit den lateinischen Segeln, die Kais und die großen Genfer ›Campagnes‹ an den Ufern entlang mit den herrlichen Bäumen«; schließlich, auch Genf noch übertreffend, Lausanne, jene Stadt, in der Rilke »alles, was mir von Genf versprochen war, an französischem Gefühl [...] am Werke gesehen« hat. Subramanian nennt es ein Charakteristikum Rilkes, »daß er nach jedem neuen Erlebnis das zuvor Empfundene und Erlebte einer Korrektur unterwirft«. Nur nach Paris kommt keine Revision mehr, aber das ist sicher nicht allein die Stadt, sondern auch Rilkes persönliche produktive Geschichte in ihr, am Ende ist nur Paris »befähigt, mit allen Bildern ihrer unerschöpflichen Erscheinung Landschaften des Geistes zu bilden unter den süßesten Himmeln der Erde«. Eine »Zukost«, wie es im oben genannten Aufsatz heißt, eine Art himmlisches Manna zu dem, trotz aller einzelnen Schönheiten, in ihrer Solidität und Biederkeit doch »trocken Brot« der schweizerischen Städte.

Grüßli von helle

Mona
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Re: Zürich

Beitrag von Mona » 25. Aug 2008, 20:52

Hallo,

danke für Eure Antworten ! Inzwischen bin ich schon weitergereist, werde aber bestimmt noch einmal nach Zürich kommen und bin dann schon besser informiert über Rilke in Zürich :) ! Danke !

Das mit F. Hodler interessiert mich sehr... Sollte jemand noch mehr über diesen Kontakt wissen, bitte schreibt dazu ! In der Zwischenzeit werde ich Giovanni Giacometti im Bergell besuchen :wink: !

Liebe Grüße von
Mona :)
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Re: Zürich

Beitrag von Barbara » 27. Aug 2008, 20:45

Hallo,

falls Dich Deine Reise noch weiterführt, so habe ich hier einen interessanten Hinweis - und natürlich auch für alle Anderen im Forum:

Europäischer Tag der Jüdischen Kultur .

Da Rilke selbst viele jüdische Freunde und Bekannte gehabt hat, hat auch ein solcher Hinweis sicher seinen Platz im Rilke-Forum.

Barbara :)

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Re: Zürich

Beitrag von Mona » 28. Aug 2008, 18:36

Hallo ,

danke für den Hinweis. Sicher kann ich eine der Veranstaltungen besuchen, auch wenn ich heute noch nicht weiss, wo ich dann sein werde...

Nächstes Jahr im (Spät-)Sommer möchte ich einmal in die USA und nach Kanada reisen ! Ob es dort wohl auch Rilke-Fans gibt ?

Mona :)
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Re: Zürich

Beitrag von lilaloufan » 7. Dez 2009, 19:34

Deine Reise @Mona liegt nun zwar schon eine Weile zurück, aber ich hab' dazu eine Frage. Im Internet lese ich bei wissen.de: «Rilkes geheimnisvoll lyrische Einsamkeit lehnte Giacometti ab. Sie schien ihm zu sehr von der Wirklichkeit gelöst und ließ den Dichter letztlich verirrt in einer Welt voller Schatten, Visionen, Erinnerungen und Wünsche zurück.» Gibt es entsprechende verbürgte Äußerungen von Giacometti wirklich?

l.

[Es ist nicht so ganz die richtige Rubrik hier, ich weiß… :wink: ]
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Re: Zürich

Beitrag von Mona » 8. Dez 2009, 22:41

Hallo LiLaLouFan,

finde ich insofern ganz spannend Deine Frage, auch wenn ich sie noch nicht beantworten kann, da ich mich heute den Abend über an einem Beitrag über Surrealismus versucht habe. Er ist noch nicht ganz fertig . Wieder eine ganz andere Sicht auf die Dinge : "SURREALISMUS, Substantiv, m., reiner, psychischer Automatismus, durch welchen man, sei es mündlich, sei es schriftlich, sei es auf jede andere Weise, den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Vernunft-Kontrolle und außerhalb aller ästhetischen oder ethischen Fragestellungen." - wie es im Manifest der Surrealisten von A. Breton 1924 heisst.

Demnächst vielleicht mal mehr dazu...

Mona :D
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Re: Zürich

Beitrag von Barbara » 22. Dez 2009, 23:12

Ein herzliches Hallo ins Forum,

(als Fortsetzung des Futurismus Beitrags und sozusagen als Neujahrsgeschenk) hier ein Beitrag von mir zum Surrealismus, der ebenfalls im Freien Radio für Stuttgart gesendet wurde:

Surrealismus

„Die Imagination ist vielleicht im Begriff wieder in ihre Rechte einzutreten. Wenn die Tiefen unseres Geistes seltsame Kräfte bergen befähigt diejenigen der Oberfläche zu mehren oder sie siegreich zu bekämpfen so haben wir allen Grund sie aufzufangen sie zuerst aufzufangen und danach wenn nötig der Kontrolle unserer Vernunft zu unterwerfen. Selbst die Analytiker können dabei nur gewinnen“ - schreibt André Breton 1924 im Manifest des Surrealismus .
1913 lernt André Breton den Schriftsteller Paul Valéry kennen. Beeindruckt vom Symbolismus, wie von Stéphane Mallarmé, schreibt Breton Gedichte. Er studiert Medizin, wird 1915 zum Sanitätsdienst eingezogen. Arbeitet in einer psychiatrischen Anstalt und liest die Arbeiten von Sigmund Freud, den er 1921 in Wien trifft. Das Unbewusste wird erforscht. Es ist die Zeit des „Automatischen Schreibens“ (écriture automatique), der Hypnoseversuche und Traumprotokolle.1918 begegnet er Guillaume Apollinaire und entdeckt die wilde Poesie von Lautréamont. Sein Medizinstudium bricht er ab und wird freiberuflicher Schriftsteller. 1919 gründet André Breton gemeinsam mit Louis Aragon und Philippe Soupault die Zeitschrift Littérature. Diese steht dem Dadaismus nahe. Die Gruppe der Pariser Dadaisten erweitert sich – so kommen beispielsweise Paul Éluard und Max Ernst dazu (neben Robert Desnos, René Crevel und Benjamin Péret).

1919 wird der Surrealismus von Max Ernst und André Breton entwickelt. In „Die verlorenen Schritte“ schreibt Breton: „Im Jahre 1919 hatte sich mein Augenmerk auf die mehr oder weniger unvollständigen Sätze gerichtet, die bei völliger Einsamkeit und herannahendem Schlaf dem Geist wahrnehmbar werden, ohne dass es möglich wäre, eine vorherige Bestimmung in ihnen zu entdecken.“ Max Ernst 1936 in Jenseits der Malerei: „An einem regnerischen Tag des Jahres 1919, in einer Stadt am Rhein, fiel mir auf, mit welcher Besessenheit mein irritiertes Auge an den Seiten eines Bilderkataloges haftete, in dem Gegenstände zur anthropologischen, mikroskopischen, psychologischen, mineralogischen und paläontologischen Veranschaulichung abgebildet waren. Dort standen Bildelemente nebeneinander, die einander so fremd waren, dass gerade die Sinnlosigkeit dieses Nebeneinanders eine plötzliche Verschärfung der visionären Kräfte in mir verursachte, und eine halluzinierende Folge widersprüchlicher […] Bilder wachgerufen wurde […].“

Ab 1922 leitet Breton die Pariser Dada-Publikation Littérature. Um eine Richtung für die verschiedenen Formen der modernen Kunst vorzugeben , gründet er den Congrès de Paris – mit einer parlamentarischen Satzung. „Der Dadaismus“ - so Breton, könne -“keinem anderen Zweck gedient haben [...] als dem, uns in dem vollkommenen Zustand der Verfügbarkeit zu halten, in dem wir gegenwärtig sind und aus dem heraus wir jetzt in aller Klarheit auf das zugehen werden, was uns ruft.“ Meinungsverschiedenheiten unter den Dadaisten führen schließlich zum Ende des Dadaismus.
Musik Schwitters: Ur-Sonate (2 Minuten, CD 2 Tr. 21)

1924 verfasst André Breton das Manifest des Surrealismus. Darin bezeichnet er Surrealismus als einen „reinen psychischen Automatismus“ . Surrealismus ist danach „SURREALISMUS, Substantiv, m., reiner, psychischer Automatismus, durch welchen man, sei es mündlich, sei es schriftlich, sei es auf jede andere Weise, den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Vernunft-Kontrolle und außerhalb aller ästhetischen oder ethischen Fragestellungen.“


Ziel des Surrealismus ist es, das Unwirkliche und Traumhafte sowie die Tiefen des Unbewussten auszuloten und den durch die menschliche Logik begrenzten Erfahrungsbereich durch das Phantastische und Absurde zu erweitern.

Wörtlich meint „Surrealismus“: „über dem Realismus“, unwirklich, und damit traumhaft. Dabei beansprucht auch das Irreale oder der sinnlose Zusammenhang den gleichen selbstverständlichen Realitätscharakter, wie die alltägliche Wirklichkeit, die selbst oft surreal oder absurd scheint. Surrealistische Bild- und Traumwelten haben heute durch Werbung und Massenmedien als kommerzielle Produkte den Weg in den Alltag gefunden. Die surrealistische Bewegung der 20er Jahre erkennt die eigene Wirklichkeit des Menschen im Unbewussten. Sie benutzt Rausch- und Traumerlebnisse als Quelle der künstlerischen Eingebung. Sie will das Bewusstsein und die Wirklichkeit global erweitern und alle geltenden Werte umstürzen. Damit ist sie eine anarchistische, revolutionäre Kunst- und Weltauffassung. Die Bezeichnung „Surrealismus“ wird zuerst von Guillaume Apollinaire verwendet. Sein Theaterstück Les Mamelles de Tirésias (Die Brüste des Tiresias) trägt den Untertitel „ein surrealistisches Drama“. Uraufgeführt wird es im Juni 1917.

Der Surrealismus wendet sich gegen die unglaubwürdigen Werte der Bourgeoisie. Dabei steht eine nichtrationale und die Gefühle betonende Welt des Traums im Vordergrund. Die Verbindung nicht zusammengehöriger Dinge, Enttextualisierung und verdrehte Perspektiven, wie z.B. bei Salvador Dalí, sind Kennzeichen des veristischen, kritisch-paranoischen Surrealismus. Daneben steht der abstrakte, absolute Surrealismus, ohne irgendeinen Realismus, wie z.B. in Bildern von Joan Miró.


Häufig haben die Bilder der Surrealisten traumhafte und abstrakte Wirkung. Bevorzugt schalten die Surrealisten dabei das Bewusstsein durch Traum, Schlaf oder Rauschmittel ab. Unbewusstes soll in einem automatischen, nicht gesteuerten Schaffensprozess zum Ausdruck kommen. Eine übergenaue Maltechnik, Verfremdung oder Kombination unmöglicher Dinge und Zustände zeigen eine übersteigerte Wirklichkeit. Das Automatische Schreiben (Écriture automatique) soll spontan und ohne Einschränkungen des Bewusstseins sein. In gewollter Trance und in Traumprotokollen sollen Ängste und Begierden ohne Zensur des Bewußtseins erkannt und Figuren ohne Erinnerung an bereits vorhandene Bilder freigesetzt werden. Eine weitere Form stellen halbautomatische Bilder dar: ein Künstler beginnt eine beliebige Zeichnung auf Papier, oft figurativ, faltet seine Zeichnung so ein, dass nur die letzten Striche zu erkennen sind und übergibt das Blatt an den Nächsten, der an den Falzen die Zeichnung fortsetzt. So entsteht eine Gemeinschaftsarbeit, die keine Autorenschaft erkennen lässt und die jede ästhetische Überlegung ausschliesst.

In der Zeitschrift La Révolution Surréaliste (zwölf Nummern 1924–1929) veröffentlicht die Gruppe ihre Auffassungen. Das wachsende politische Interesse führt André Breton und die Gruppe in die Nähe der Kommunisten. 1927 werden einige Surrealisten, darunter André Breton Louis Aragon und Paul Éluard, Mitglieder der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF).

Im Jahr 1928 schreibt André Breton seinen experimentellen Roman Nadja. In Le Surréalisme et la Peinture versucht er eine theoretische Begründung surrealistischer Malerei zu finden. Als Vorbilder dienen dabei Max Ernst, Pablo Picasso, Joan Miró und André Masson. 1928/29 entsteht das Bild „Der Sprachgebrauch“ von Renè Magritte, in dem er auf der Ebene des Bildes eine bildliche und sprachliche Behauptung konfrontiert, die einander auszuschliessen scheinen. „Dies ist keine Pfeife“, denn es ist „nur“ die Darstellung einer Pfeife zu sehen. Das Wort zeigt den Realitätsfaktor und steht scheinbar im Widerspruch zum Dargestellten. Margrittes Werke kennzeichnen eine kalkulierte Widersprüchlichkeit. Texte und Ideen von René Magritte haben später großen Einfluss auf die Konzeptkunst, (z.B. Marcel Broodthaers) 1929 schliesst sich Salvador Dalí auf Anregung von Joan Miró den Surrealisten in Paris an.



1930 definiert Breton im Zweiten Manifest des Surrealismus den Surrealismus als eine sozial-revolutionäre Bewegung: „Marx sagt, die Welt verändern. Rimbaud sagt, das Leben verändern.“ – Der Surrealismus sei die Synthese dieser beiden Ideen, er bekennt sich – so Breton - zur „sozialen wie zur psychischen Revolution.“ In seinem zweiten Manifest des Surrealismus nimmt Breton eindeutig Stellung gegen den sich ausbreitenden Faschismus in Europa. 1930 heisst die Zeitung der Gruppe programmatisch: Le Surréalisme au service de la révolution (Der Surrealismus im Dienst der Revolution, 1930–33). Jedoch haben Breton und seine Freunde immer mehr Probleme mit der Parteidogmatik bis es 1935 zum Bruch mit der KPF kommt. André Breton wird zum Kritiker des Stalinismus. Einige Surrealisten (wie Benjamin Péret und Tristan Tzara) beteiligen sich am Spanischen Bürgerkrieg auf republikanischer Seite . 1936 gründet Breton zusammen mit Georges Bataille unter dem Namen „Contre-Attaque“ eine Gruppe linksrevolutionärer Intellektueller.1938 begegnet er Leo Trotzki im Exil in Mexiko bei Diego Rivera, wo ihr Manifest Für eine unabhängige revolutionäre Kunst entsteht. IDer Surrealismus breitet sich über Frankreich mit Gruppen und Manifestationen in Brüssel, Barcelona, London und Prag aus. 1938 organisiert Breton in Paris die erste „Internationale Surrealismusausstellung“. Salvador Dali wird nach längeren Auseinandersetzungen 1939 von den Surrealisten ausgeschlossen. .

1940 flieht André Breton vor den Nationalsozialisten über Marseille und die Antillen nach New York. Dort begegnet er Marcel Duchamp und Max Ernst. Mit ihnen veröffentlicht er in der Zeitung 'VVV', die eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Surrealismus in den Vereinigten Staaten spielt. Nach einer Wiederbelebung während der Jahre der Résistance (1940–44) verliert die surrealistische Bewegung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung. 1946 kehrt André Breton nach Europa zurück. Dort werden seine Hoffnungen eines gesellschaftlichen und politischen Neubeginns enttäuscht. Einige Surrealisten , wie Louis Aragon und Paul Éluard, haben sich der moskaufreundlichen Parteilinie angeschlossen. 1947 organisiert Breton mit Marcel Duchamp eine umfassende Surrealismus-Ausstellung in Paris.



Auch in der Nachfolge der Surrealisten um Breton gibt es zahlreiche Gruppen und Einzelpersonen, die den Namen aufgenommen haben. Christian Dotremont gründet 1947 die Revolutionary Surrealist Group und schliesst sich 1948 mit Asger Jorn und mehreren anderen Künstlern zu der Gruppe COBRA zusammen. Gleichzeitig entsteht der vom Surrealismus beeinflusste Lettrismus um Isidore Isou. In den 50er Jahren schliessen sich Mitglieder dieser Gruppen zur Situationistischen Internationalen zusammen. Neben surrealistischen Techniken als Bestandteil des Konzeptes ist der politische Anspruch im Situationismus meist vorrangig. 1966 gründet sich die – ebenfalls politisch motivierte - Chicago Surrealist Group. Surrealistische Konzepte sollen in politischen Aktionen umgesetzt werden. Auch heute noch werden surrealistische Ideen aufgenommen von Gruppen wie International Massurrealism Movement, OFFAL Project in New York oder der Surrealist London Action Group.


Wer sich für den Surrealismus interessiert, sollte einen Ausflug nach Ludwigshafen unternehmen. Dort gibt es bis Mitte Februar Einiges dazu zu sehen und zu entdecken. Im Internet informieren kann man sich unter: http://www.surrealismus-ludwigshafen.de/

Frohes Fest wünscht Barbara

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Re: Zürich

Beitrag von lilaloufan » 22. Dez 2009, 23:16

Giacometti?


Und: DANKE, Ihr beiden!

l.

Henry Lou

Re: Zürich

Beitrag von Henry Lou » 23. Dez 2009, 03:27

Hallöchen,

liegt hier eine Verwechslung vor?

Mir fällt auf: Mona besuchte Giovanni Giacometti, den impressionistischen Maler, lilaloufan zitiert seinen Sohn Alberto, den Surrealisten.
Darüber hinaus finde ich Barbaras Beiträge sowohl über den Futurismus als auch über den Surrealismus sehr spannend und keineswegs leichte Kost zur besinnlichen Zeit.

Besten Dank dafür.

Henry Lou

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Re: Zürich

Beitrag von lilaloufan » 23. Dez 2009, 04:59

:shame: Ah!
Eine Künstlerfamilie! :-)

Ja dann…


Danke nun auch @ Henry Lou!
l.
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