Rilke und Astrologie

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stilz
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Rilke und Astrologie

Beitrag von stilz » 9. Jan 2008, 12:49

Grüß Gott an alle,

heut hab ich eine Frage:
hier hab ich vor kurzem Rilkes Gedichte "Vor Weihnachten 1914" hereingestellt.
Nun komme ich ins Rätseln, was mit dem von mir Hervorgehobenen am Schluß des dritten Gedichtes gemeint sein könnte:

Schwächliches Herz. Was soll ein Herz aus Schwäche?
Heißt Herz-sein nicht Bewältigung?
Daß aus dem Tier-Kreis mir mit einem Sprung
der Steinbock auf mein Herzgebirge spränge.

Geht nicht durch mich der Sterne Schwung?
Umfaß ich nicht das weltische Gedränge?
Was bin ich hier? Was war ich jung?


Mit Astrologie kenn ich mich so gut wie gar nicht aus. Aber Rilke ist am 4. Dezember geboren - da war er wohl ein Schütze. Weiß jemand, ob er vielleicht den Steinbock im Aszendenten hatte?

Wie stand Rilke zur Astrologie?
Und: wofür steht der "Steinbock"?
Oder auch: was sonst, wenn nicht "Astrologisches", könnten diese Zeilen bedeuten?

Lieben Gruß

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Marie
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Beitrag von Marie » 10. Jan 2008, 16:45

Hallo,

ich stelle gerade einen Auszug aus den Infomails eines mir bekannten Astrologen (Thomas Künne; veröffentlicht auch in der Zeitschrift Eltern) von 2006 rein, liebe Ingrid, da gibt es einiges Interessantes zum Steinbock:

Das Sternzeichen Steinbock: 21. Dezember bis 20. Januar„ Nur wer die (inneren) Gesetze anerkennt, ist wirklich frei “
Mit dem Zeitpunkt der Wintersonnwende tritt die Sonne in das Tierkreiszeichen Steinbock: Der dunkelste Tag, die längste Nacht des Jahres ist nun erreicht und langsam aber sicher beginnt die Geburt des neuen Lichtes. (...)

Das Leben hat sich von Außen nach Innen verlagert. Es ist die Zeit der langen Winterabende am wärmenden Kamin im Kreise der Lieben, es ist auch die Zeit von Weihnachten.

Das zum Steinbock gehörige Urprinzip ist Saturn: die Einfachheit, die Reduktion auf das Wesentliche und Notwendige, die Klarheit der Natur .
Das sind auch die Qualitäten der Steinbockcharaktere, in allen Bereichen ihrer Persönlichkeit: Körperlich, geistig und auch seelisch. (...)

Natürlich hat das Saturn- Steinbock Prinzip auch Schattenseiten. Die nüchterne Sachlichkeit kann im Extrem zu Freudlosigkeit und Geiz führen, zu einer Kälte, die andere zum Frieren bringt. Es zählt nur das, was ernst, schwer und anstrengend ist. Alles, was „nur“ Spaß macht, Freude,Tanz und Leichtigkeit bedeuten könnte, ist folglich anrüchig oder sogar verboten.
Dann besteht die Gefahr, dass das Leben in Erstarrung und verbittertem Rückzug mündet. Jegliche Lebendigkeit ist verschwunden, der Zustand droht, chronisch zu werden. Saturn heisst im griech. Chronos, die chronischen Krankheiten gehören somit zu diesem Urprinzip. Hier herrscht ein schmerzhafter „Kalter Krieg“ im Körper: Kein offener Krieg, aber auch kein Frieden.


Das Rilke also ausgerechnet den Steinbock auf das Herzgebirge springen lassen will, hat entweder etwas mit Unkenntnis in puncto Gefahrenpotenzial dieses Sternzeichens zu tun, oder er hatte es tatsächlich als Aszendenten :wink: Den so nüchternen Steinbock als Regenten des Herzens.....?, ich weiß ja nicht, ob das so'ne gute Idee ist :?:

Lieben Gruß

stilz
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Beitrag von stilz » 10. Jan 2008, 18:03

Liebe Marie,

danke für diesen Auszug!
Das alles ist für mich eine ganz fremde Welt, ich hatte keine Ahnung von solchen möglichen Bedeutungen.

Und vielleicht hast Du recht, und Rilke hatte auch keine Ahnung davon...

allerdings diese Passage:

Mit dem Zeitpunkt der Wintersonnwende tritt die Sonne in das Tierkreiszeichen Steinbock: Der dunkelste Tag, die längste Nacht des Jahres ist nun erreicht und langsam aber sicher beginnt die Geburt des neuen Lichtes. (...)

könnte vielleicht einen Schlüssel enthalten?

In mir formt sich der Gedanke, das Auf und Ab der Tätigkeit des Herzens, des "Herz-Werks", einem ähnlichen Rhythmus unterworfen zu sehen, wie die Jahreszeiten es sind, einem "Rhythmus des Lichtes".

"Frühling/Sommer":
Oh wie dich, Herz, vom ersten Augenblicke
das Übermaß des Daseins übertraf.
Du fühltest auf. Da türmte sich vor dir
zu Fühlendes: ein Ding, zwei Dinge, vier
bereite Dinge. Schönes Lächeln stand
in einem Antlitz. Wie erkannt
sah eine Blume zu dir auf. Da flog
ein Vogel durch dich hin wie durch die Luft.
Und war dein Blick zu voll, so kam ein Duft,
und war es Dufts genug, so bog ein Ton
sich dir ans Ohr . . .


"Herbst/Winter":
... Schon
wähltest du und winktest: dieses nicht.
Und dein Besitz ward sichtbar am Verzicht.
Bang wie ein Sohn ging manches von dir fort
und sah sich lange um, und sieht von dort,
wo du nicht fühlst, noch immer her.


Und dann die Sehnsucht nach einer "Geburt des neuen Lichtes" - wenn der Steinbock "auf mein Herzgebirge spränge", dann wären der dunkelste Tag und die längste Nacht endlich zu Ende...

Und wenn ich nun noch den Titel dieser Trilogie heranziehe "Vor Weihnachten 1914" --- dann frage ich mich auch noch, ob es so etwas wie ein "Weltenherz" geben könnte...


Aber vielleicht ist das alles ein bisserl weit hergeholt. Was meint Ihr?
Daß Rilke der Zusammenhang zwischen Wintersonnenwende und dem Tierkreiszeichen "Steinbock" bekannt war, halte ich nicht für unwahrscheinlich (ist ja nicht jeder so ein "astrologischer Ignorant" wie ich :lol: )


Lieben Gruß, und danke nochmal!

Ingrid
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Mona
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Beitrag von Mona » 10. Jan 2008, 21:40

Hallo,

vor einiger Zeit bereits habe ich diese Seite entdeckt, die irgendwie auch zum Thema gehört:

http://www.kernastro.de/rilke_f.asp

Wurde Rilke vielleicht schon am 3. Dezember geboren ?

Mona :lol:
"Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest,... wir aber bewegen uns im unendlichen Raume."(RMR)

Brigge
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Re: Rilke und Astrologie

Beitrag von Brigge » 28. Dez 2014, 00:14

Was den Steinbock betrifft hat die Community schon ganz richtig auf "Wintersonnenwende" getippt. Doch "Weihnacht" bedeutet natürlich im christlichen Kontext die Geburt des Jesuskindes. Da sich das Gedicht im wesentlichen mit dem Weihnachtserlebnis aus der Sicht des Kindes befasst, so weit sich diese für den Erwachsenen rekonstruieren lässt, wird damit auch der Archetyp des "Puer aeternus" angesprochen, des "ewigen Kindes" in uns allen.
Übrigens wurde die Geburt des römischen Sonnengottes Sol bereits von Caesar auf den 25. Dezember gelegt (wenn die Tage erkennbar wieder länger werden). So kam es zu einer Art Synkretismus des "Lichtgottes" Jesus Christus mit dem Sonnengott, der einige Zeit bestand (die Römer waren integrationsstark in der Aufnahme fremder Götter) - bis Augustinus dem ein Ende bereitete.
Dass dies Gedicht vor genau 100 Jahren kurz nach Beginn des 1. Weltkrieges geschrieben wurde, scheint mit auch erwähnenswert.

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