Rilke und die Tiere

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.Sabine.
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Rilke und die Tiere

Beitrag von .Sabine. » 2. Mär 2008, 19:46

Hallo,

welche Beziehung hatte Rilke zu Tieren, besonders zu Vögeln ? Gibt es irgendwelche Anhaltspunkte, Aussagen von ihm darüber ?

Sabine :lol:
"Ich lerne sehen.... " (Rainer Maria Rilke)

helle
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Re: Rilke und die Tiere

Beitrag von helle » 3. Mär 2008, 23:29

Rilke und das Tier, das wäre allerdings ein Thema. In dem vornehmen Rilke-Handbuch, das unter Stichworten wie »Kulturen und Literaturen« alle möglichen Steckenpferde der Autoren und alle möglichen Aspekte zu Rilke behandelt, findet man zu dieser konkreten Frage nichts, zu stofflich vermutlich und man kann nicht auf die Aufsätze der Co-Autoren verweisen. Was sich darin etwa zur achten Elegie findet, die unser Bewußtsein an der Bewußtheit des Tiers auslegt, ist herzlich wenig.

Ich vermute, am nächsten stand Rilke der Hund, obwohl er in seinen Gedichten lieber von Panthern, Flamingos und Schwänen spricht. Übrigens ist sein Wappentier mit Recht der Windhund, und mit einzelnen Hunden, ob auf Reisen oder in den letzten Jahren in der Schweiz, hat er immer wieder mal zu tun. Zu stabilen Beziehungen hat's hier aber ebensowenig gelangt wie bei Frau und Freundin; wie Lou Albert-Lasard erzählt, habe Rilke es sich nicht erlauben können, einen Hund zu halten, da er sonst ganz von ihm beherrscht sein würde. Außerdem sagt sie: »Wir entdeckten in uns manche Verwandtschaft des Empfindens, wie diese Liebe für Tiere, den heiligen Schauder, den ihr Geheimnis uns einflößte, die Ehrfurcht, die wir vor ihrer seltsamen Majestät, ihrer Intensität, dem Absoluten ihrer Gebärden empfanden«.

Es ist wohl weniger ein einzelner, sondern der Hund, mit bestimmten Artikel, die Spezies, die Rilke interessiert. Einerseits nah am Menschen, andererseits voll von einer uns verloren gegangenen Gegenwärtigkeit; »Das Tier [...] ist frei von Tod, den es ja nicht kennt, und hat vor sich nur Gott. Es hat keine Person« (K. Kippenberg). Bzw. hat die Person kein Tier: »Vor ein paar Tagen«, so nun Rilke selbst in der Einsamkeit von Muzot, »wurde mir ein Hund angeboten«, man könne sich vorstellen, »welche Versuchung das war, besonders da die einsame Lage des Hauses das Vorhandensein eines Wächters beinah ratsam macht. Aber ich fühlte gleich, daß auch dies schon viel zu viel Beziehung ergäbe, bei meinem Eingehen auf einen solchen Hausgenossen; alles Lebendige, das Anspruch macht, stößt in mir auf ein unendliches Ihm-recht-geben, aus dessen Konsequenzen ich mich dann schmerzlich wieder zurückziehen muß, wenn ich gewahre, daß sie mich völlig aufbrauchen.« Auch das scheint nicht ohne Analogien zu Frau und Kind.

Auf einer seiner Reisen wird, wenn ich das nicht geträumt haben sollte, Rilke von einem Hund gebissen, vielleicht war's die mißglückte Ägyptenreise, denn er gibt dem Hund Recht und interpretiert den Biß als eine Art verdienter Strafe für das ohne Überzeugung angetretene Unternehmen. Es ist, von solchen anekdotischen Erlebnissen abgesehen, schon ein erstaunliches Ernstnehmen und Anerkennen des Tieres und seiner Fremdheit, so wie Kinder oder Weise Tiere ernst nehmen, oder so wie Rilke Kinder ernst nimmt, auch hier eher als Spezies, als Kindheit. Tiere, Kinder, Engel gehören irgendwie in seine Ontologie, »nicht zuletzt die Tiere [...] diese Mitwisser des Ganzen« und Bewohner von Gegenwelten, sie leiteten, schreibt er im August 1924 an Nora Purscher-Wydenbruck »am ehesten schon wieder – hinüber und sind dem medialen Zustand nahe.«

Wie, angesichts der Uhrzeit, beinahe auch
helle

gliwi
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Re: Rilke und die Tiere

Beitrag von gliwi » 4. Mär 2008, 12:20

Hallo,
mir fällt auch sonst kein Dichter und keine Dichterin ein, die so viele Gedichte über Tiere gemacht hätten wie Rilke - überflüssig hinzuzufügen: und so schöne -, das zeigt auf jeden Fall ein besonderes Verhältnis und eine starke Zuwendung zu unseren Mitgeschöpfen. Er fühlt sich in sie ein und erfasst ihre Essenz, wie beim mit Recht berühmten Panther. Oder er erfasst ihr Erscheinungsbild auf ganz besondere Art wie in Le cygne.
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

stilz
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Re: Rilke und die Tiere

Beitrag von stilz » 4. Mär 2008, 13:41

In den Duineser Elegien finden sich viele Hinweise bezüglich "Rilke und das Tier".

Als erstes war auch mir die achte Elegie eingefallen.
Nicht nur wegen des Beginns, der die Überlegenheit des Tieres gegenüber dem Menschen in gewisser Hinsicht zum Thema hat:
  • Mit allen Augen sieht die Kreatur
    das Offene. ...
    Was draußen ist, wir wissens aus des Tiers
    Antlitz allein; ...
Und wie schön, helle, zu erfahren, daß es also in einem Brief einen "Entwurf" dieser Stelle gibt:
  • ...das freie Tier
    hat seinen Untergang stets hinter sich
    und vor sich Gott, und wenn es geht, so gehts
    in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.
Mich faszinieren auch die Gedanken über:
  • Und wie bestürzt ist eins, das fliegen muß
    und stammt aus einem Schooß.
Hier haben wir schon einmal darüber gesprochen.

Das bringt mich zu den Vögeln, nach denen Du, Sabine, ja im besonderen fragst.
  • O Bäume Lebens, o wann winterlich?
    Wir sind nicht einig. Sind nicht wie die Zug-
    vögel verständigt. Überholt und spät,
    so drängen wir uns plötzlich Winden auf
    und fallen ein auf teilnahmslosen Teich.
so beginnt die vierte Elegie.

Ich glaube, daß das für Rilke ein bedeutender Unterschied war zwischen den Tieren und uns Menschen: den Tieren ist es gegeben, unbewußt, von der Natur selbst, "verständigt" zu sein. Wir Menschen müssen uns unser Verständnis sehr viel mühsamer erarbeiten, in unserem Bewußtsein.
  • Blühn und verdorrn ist uns zugleich bewußt.
Gerade den Vögeln scheint Rilke ein besonderes "Verständigtsein" im "Offenen" zuzuschreiben.
So heißt es in der ersten Elegie:
  • ...Wirf aus den Armen die Leere
    zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel
    die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.
Eine ähnliche Sehnsucht, als Mensch eine Spur hinterlassen zu können, die von geflügelten Wesen bemerkt und aufgenommen wird, findet sich in der zweiten Elegie:
  • Schmeckt denn der Weltraum,
    in den wir uns lösen, nach uns? Fangen die Engel
    wirklich nur Ihriges auf, ihnen Entströmtes,
    oder ist manchmal, wie aus Versehen, ein wenig
    unseres Wesens dabei?
Und der Beginn dieser Elegie spricht einen solchen Vergleich auch noch deutlicher aus:
  • Jeder Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir,
    ansing ich euch, fast tödliche Vögel der Seele,
    wissend um euch.
Dabei fällt mir auch unser Gespräch über Rilke und der Wind ein.
Das Element der Luft scheint sich besonders zu eignen als "Trägersubstanz" für das, was Rilke als "Weltinnenraum" bezeichnet.
Die Luft hat keine festen Konturen, sie dehnt sich ziemlich ungehindert aus in die ganze Welt, geflügelte Wesen erheben sich mit ihrer Hilfe von der Erde, Verstorbene nutzen sie vielleicht, um uns mit einem plötzlichen Windstoß mehr oder weniger liebevoll anzurempeln, und nicht zuletzt: sie verbindet alles Lebendige in besonders inniger Weise, wir alle atmen sie in unsere Lungen ein und verwandeln sie in unserem tiefsten Inneren, bevor wir sie wieder ausatmen und damit etwas von unserem ur-eigenen Innenraum wieder dem "Offenen" zur Verfügung stellen...

Und damit sind wir wohl alle in einem speziellen inneren Winkel jederzeit "mediale" Wesen...

Danke, Sabine, für Deine Frage!

Lieben Gruß

stilz
Zuletzt geändert von stilz am 4. Mär 2008, 13:45, insgesamt 1-mal geändert.
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helle
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Re: Rilke und die Tiere

Beitrag von helle » 5. Mär 2008, 11:09

stilz hat geschrieben:
Und wie schön, [...] zu erfahren, daß es also in einem Brief einen "Entwurf" dieser Stelle gibt:
  • ...das freie Tier
    hat seinen Untergang stets hinter sich
    und vor sich Gott, und wenn es geht, so gehts
    in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.
stilz
Liebe stilz,

das ist allerdings ein Wort aus Katharina Kippenbergs Buch über Rilke und sicher eine Paraphrase jener Stelle aus den Elegien.

Im übrigen könnte man auch Dir mal danken für Deine schönen (auch technisch fitten!) Beiträge, wie diesem letzten: ich glaube auch, daß das den Tieren zugesprochene »Verständigtsein« etwas ganz wesentliches im Denken Rilkes trifft und einen Unterschied zum menschlichen Bewußtsein macht. Man kann an die Zugvögel denken, die ihren inneren Uhren und Reisepläne folgen, ohne daß wir wüßten, auf wessen Geheiß eigentlich. Instinkt, »diese Stimme Gottes« heißt es bei Kant - dieses Vernehmen der Stimmen der Natur muß uns im Lauf unserer Entwicklung abhanden gekommen sein.

Viele Grüße, helle

stilz
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Re: Rilke und die Tiere

Beitrag von stilz » 5. Mär 2008, 23:12

:oops: Oh.
Lieber helle, danke für die Blumen! :lol:
Ich freu mich auch immer, etwas von Dir zu lesen, und erfahre dabei oft so manches, was ich bisher nicht wußte. Zum Beispiel über Kant:
helle hat geschrieben: Instinkt, »diese Stimme Gottes« heißt es bei Kant - dieses Vernehmen der Stimmen der Natur muß uns im Lauf unserer Entwicklung abhanden gekommen sein.
Instinkt als die "Stimme Gottes" - ein sehr schönes und treffendes Bild!

Für mich ist dieses "Abhandenkommen" des un-mittel-baren "Verständigtseins" der Preis dafür, daß wir dabei sind, unser Bewußtsein zu entwickeln. Ich denke dabei zum Beispiel an Kleists "Über das Marionettentheater" (auch so ein helle'scher staunenswerter Hinweis :wink: ).

Oder auch an Moshé Feldenkrais, der neben dem Zustand des Wachens und dem des Schlafens noch einen dritten unterscheidet: den der Bewußtheit. Und der auch die Schwierigkeiten schildert, die in diesem "Abhandenkommen" der "Stimme Gottes" liegen:
  • Daß einer etwas tut, beweist noch lange nicht, daß er auch nur oberflächlich wüßte, was er tut oder wie er es tut. Versucht er, sich seines Tuns bewußt zu werden, d.h. ihm in jeder Einzelheit aufmerksam zu folgen, so wird er bald merken, daß sogar die einfachsten und gewöhnlichsten Handlungen - wie z.B. das Aufstehen von einem Stuhl - ihm ein Rätsel sind und daß er keine Ahnung hat, wie er's zustande bringt: sind es die Bauch- oder die Rückenmuskeln, die er zusammenzieht, spannt er zuerst die Beine oder beugt er zuerst den Oberkörper vor, was tun die Augen dabei und was der Kopf? Er kann sich leicht überzeugen, daß er nicht weiß, was er tut; er kann sich so weit überzeugen, bis er überhaupt nicht mehr aufstehen kann. ...
    (in "Bewußtheit durch Bewegung", übersetzt von Franz Wurm, der beharrlich jedes "one" aus dem Englischen ganz wörtlich mit "einer" übersetzt, was mein Vergnügen beim Lesen noch beträchtlich steigert :lol: )
Na - gerade Feldenkrais hat ja das Seine dazu getan, daß "einer" es nach all dieser Verwirrung schließlich doch noch lernen kann, bewußt aufzustehen (dabei hab ich jetzt auch noch die Assoziation zu Platons "Höhlengleichnis"...).

Wir müssen halt noch ein bisserl Geduld haben:
Malte hat geschrieben:Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben, wir können nicht fertig werden.
Wir rücken unsere Natur hinaus, wir brauchen noch Zeit.
Lieben Gruß!

stilz
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Re: Rilke und die Tiere

Beitrag von gliwi » 7. Mär 2008, 23:56

helle hat geschrieben:[
Man kann an die Zugvögel denken, die ihren inneren Uhren und Reisepläne folgen, ohne daß wir wüßten, auf wessen Geheiß eigentlich. Instinkt, »diese Stimme Gottes« heißt es bei Kant - dieses Vernehmen der Stimmen der Natur muß uns im Lauf unserer Entwicklung abhanden gekommen sein.
Dazu fällt mir ein Gedicht von Günter Eich ein, das hierher passt:
TAUBEN
Taubenflug über die Äcker hin, -
ein Flügelschlag, der schneller ist als die Schönheit.
Sie holt ihn nicht ein, sondern bleibt mir
als Unbehagen zurück im Herzen.

Als wäre auch Taubengelächter vernehmbar
vor den Schlägen, den grün gestrichenen Zwerghäusern,
und ich beginne nachzudenken,
ob der Flug ihnen wichtig ist,
welchen Rang die Blicke zum Erdboden haben
und wie sie das Aufpicken des Korns einordnen
und das Erkennen des Habichts.

Ich rate mir selbst, mich vor den Tauben zu fürchten.
Du bist nicht ihr Herr, sage ich, wenn du Futter streust,
wenn du Nachrichten an ihre Federn heftest,
wenn du Zierformen züchtest, neue Farben,
neue Schöpfe, Gefieder am Fuß.
Vertrau deiner Macht nicht,
so wirst du auch nicht verwundert sein,
wenn du erfährst, daß du unwichtig bist,

daß neben deinesgleichen heimliche Königreiche bestehen,
Sprachen ohne Laut, die nicht erforscht werden,
Herrschaften ohne Macht und unangreifbar,
daß die Entscheidungen geschehen im Taubenflug.

Gruß
gliwi
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