Rilkes wichtigste Lebensereignisse

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Richardo
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Rilkes wichtigste Lebensereignisse

Beitrag von Richardo » 7. Mär 2009, 21:30

Hallo!

Wir sollen uns mit Rilkes Leben befassen und vier sehr wichtige Ereignisse in seinem Leben (das kann alles sein, abgesehn von seinem Tod bzw. den Umständen) näher beleuchten. Ich weiß allerdings nicht so recht, welche ich nehmen soll.
Sehr wichtig war sicherlich der Februar 1923 als er seine Sonette an Orpheus und die Duineser Elegien schrieb bzw. beendete.

Aber was war noch sehr wichtig? Welche Ereignisse würdet ihr nehmen (vom Tod und seiner Krankheit abgesehen)?

Gruß,
Richardo

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lilaloufan
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Re: Rilkes wichtigste Lebensereignisse

Beitrag von lilaloufan » 8. Mär 2009, 14:21

Hallo Richardo,

einerseits würde man die Dir aufgegebene Frage, sobald man auch nur ein wenig Einblick in menschliche Biografik hat, unbedingt anders stellen. Der Botaniker fragt den Schüler auch nicht nach „vier sehr wichtigen Momenten im Vegetationsgeschehen der Löwenzahnentwicklung“, sondern er fragt nach den Prozessstadien der Gestalt- und Funktionsverwandlung zwischen Saathüllenauflösung vor der Keimung und Saatenflug nach der Saatreife, und so fragend wird man übergängliche, aber eben charakteristische Phasen in einem „Durchgängigen der Erscheinung“ finden. Andererseits ist diese falsch gestellte Frage eben doch interessant, und ich bin dankbar, dass Du sie uns so persönlich weitergibst: «Was würdet ihr nehmen?». Es geht Dir also nicht darum, „vier sehr wichtige Momente“ zu identifizieren, sondern sie aus unserer subjektiven Position heraus begründet zu setzen. Wenn sich daran viele hier beteiligen, kann das entstehende Bild wirklich spannend und aufschlussreich werden.

Die Fertigstellung der Elegien, ja, das hätte ich auch genannt. Wobei andererseits der Anfang auf Duino, 1912, dazugehört.

Also noch drei „Momente“.

1890, das Trauma der Militär-Oberrealschulzeit? Ja, wichtig, aber noch „wichtiger“:

1897, die Begegnung mit Lou Andreas-Salomé. Vielleicht ist dies der „wichtigste“ Moment sogar, in meiner Rilke-Auffassung. Aber nein: Ende Februar 1901, der «letzte Zuruf»: Ist vielleicht dieser Abschiedsbrief, dieses Einander-Sich-Entreißen oder Voneinander-Lassen, für beider Entwicklung gar noch wichtiger als das Einander-Begegnet-Sein?

Dann 1902, die Begegnung mit Rodin, überhaupt Paris? Wieder ein „Moment“, der so richtig kostbar erst wird, als bei Kriegsausbruch Rilkes Pariser Wohnung - alles Inventar samt unveröffentlichten Manuskripten! - gepfändet und versteigert wird. Für mich verblassen Rilkes Paris-Erlebnisse angesichts dieses aus der Ferne erlebten Unglücks.

1919, die Tage, in denen Rilkes Aufsatz „Ur-Geräusch“ entsteht. Manchmal will es mir scheinen, als habe in diesen Tagen Rilkes künftige Aufgabe schon in seinem Dichter-Leben vorgeleuchtet.

Und dann ein ganz wichtiger „Moment“: Als zum Neujahr 1922 Gertrud Ouckama Knoops Brief eintrifft, der von Krankheit und Tod der Tochter Wera erzählt, die 1919 schon verstorben war. Ich habe den Eindruck, Rilke bedurfte der seelischen Erschütterung gerade in diesem Augenblick - die Nachricht musste so lange warten.

Ja, Richardo, auf die gebotenen „drei“ habe ich mich nicht beschränken können. Ich bin gespannt, was Ihr anderen hier wählen werdet.

Gruß, l.
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gliwi
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Re: Rilkes wichtigste Lebensereignisse

Beitrag von gliwi » 8. Mär 2009, 20:34

Als Weibsperson denke ich natürlich bei wichtigen Momenten an die Hochzeit mit Clara und die Geburt der Tochter Ruth, und dann noch an den Tod der Paula Modersohn-Becker, der bei Rilke so nachgewirkt hat.
Gruß
gliwi
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lilaloufan
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Re: Rilkes wichtigste Lebensereignisse

Beitrag von lilaloufan » 8. Mär 2009, 22:28

Oh! Richardo, die Einleitung meines allzurasch dahingeposteten Beitrags würde ich jetzt so nicht mehr schreiben; drei Mal hast Du „Ereignisse“ geschrieben, und ich meinte bis eben, „Augenblicke“ gelesen zu haben und habe in Aufbruchs-Eile „Momente“ daraus gemacht (und sogar Dich, @gliwi, auf diese Fährte gelockt). Ja, so, mit dem Begriff „Ereignis“, finde ich die Aufgabe durchaus dem Schulgebrauch angemessen und leiste Deinem Lehrer hoffentlich noch rechtzeitig (es ist ja Sonntag) Abbitte.

Ans Requiem hatte ich auch gedacht; von Paula Modersohn-Beckers Tod im Herbst 1907 hin zu dem Eintreffen des Briefes über den Tod der 19-jährigen Tänzerin spannt sich ja ein biographischer Bogen. Rilke schrieb (Renée hat es hier im Forum schon mal zitiert) in seiner Antwort:
  • «Ich hatte das alles gar nicht geahnt, kaum von den Anfängen jener Krankheit wusste ich Genaueres -, und nun wars mit Einem die Einführung in ein mich so vielfältig Berührendes, Ergreifendes, Überwältigendes. Läse man dies, und es beträfe irgendein junges Mädchen, das man nicht gekannt hat, so wärs schon nahe genug. Und nun gehts Wera an, deren dunkler, seltsam zusammengefasster Liebreiz mir so unsäglich unvergesslich und so unerhört heraufrufbar ist, dass ich, im Augenblick, da ich dies schreibe, Angst hätte, die Augen zu schließen, um ihn nicht mit einem Male mich, in meinem Hier- und Gegenwärtigsein, ganz übertreffen zu fühlen.»
Und der Brief schließt:
  • «...mir ists wie eine ungeheure Verpflichtung zu meinem Innersten und Ernstesten und (wenn ichs auch nur von fern erreiche) Seligsten gewesen, dass ich am ersten Abend eines neuen Jahres diese Blätter habe in Besitz nehmen dürfen.»
Das, was diesen Moment ("berührend, ergreifend, überwältigend" und der eig'nen Entelechie ernst verpflichtend) mit der Entstehung der Sonette an Orpheus verbindet, verstehe ich in seiner Gesamtheit als ein «Ereignis».

Und nun bin ich gespannt, was Du @helle zu gliwis Beitrag schreiben wirst :wink: :).

Christoph

[Ergänzung am 9. März:] Es er-eignet sich, dass Rilke in seiner Seele die Kraft aufnimmt, mit den unsäglichen Schmerzen derselben Krankheit einmal in ähnlich reifer Haltung umzugeh’n, in «Zusage ans Leben». Ereignis ist nicht bloß der Blitzschlag des Schicksals im äußeren Ablauf des Geschehens, ist nicht bloßes Datum einer Chronik. Ereignis heißt in diesem Sinne nämlich nicht EVENTUS, sondern kommt bedeutungsgeschichtlich von CONTINGERE {ahd. arougnessi}, das frei auch so etwas bedeutet wie: „sich etwas angehen lassen“, „eine Offenbarung (die (!) Er-Äugnis) aufnehmen“. Rilke benennt eine solche hier als das «Hineingehören … ins Ganze, in ein viel mehr als Hiesiges».

Wenn ich so die wirklichen Er-Eignisse und inneren Erreichnisse im eigenen Leben aufsuche, komme ich zu einer Einsicht: Die meisten verdanke ich dem, dass andere Menschen, gleich ob gerecht oder ungerecht, wohlgesonnen oder gegnerisch, gedankenlos oder planvoll, meine leichten Erfolge aufgehalten, die Höhenflüge meines Talents um den Schwung gebracht haben: Nicht die Kür - das Anfängersein und Üben war Ereignis.
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