kritische einstellung und umsetzung ?

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konvergenz
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kritische einstellung und umsetzung ?

Beitrag von konvergenz » 5. Jun 2009, 10:04

moin moin,

ich wollte mal fragen inwieweit rainer maria rilke sozialkritisch war, also bezogen auf absolutismus, die kirche, und allgemein vlt einschränkende oder ungerechte institutionen und in wieweit er diese einstellung in seine gedichte eingebracht hat.
in die treppe der oragerie könnte man kritik am absolutismus erkennen, ich finde es aber nicht wirklich eindeutig. vlt hat ja hier jemand mehr ahnung als ich denn mein erstes bild von ihn war, dass er sich weniger mit ungerechtigkeiten, als mehr mit der vergänglichkeit, kindheit etc. beschäftigt..

freue mich über antworten

gliwi
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Re: kritische einstellung und umsetzung ?

Beitrag von gliwi » 5. Jun 2009, 17:32

Ich sage jetzt mal ganz oberflächlich: jemand, der findet: "Armut ist ein großer Glanz von innen", der einer Bettlerin eine Rose schenkt und ständig die Aristokratie anhimmelt, ist sicher nicht an vorderster Front der Sozialkritik.
Was ist "Die Treppe der Orangerie"? Ich kenne diesen Titel nicht.
Gruß
gliwi
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konvergenz
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Re: kritische einstellung und umsetzung ?

Beitrag von konvergenz » 5. Jun 2009, 17:59

Wie Könige die schließlich nur noch schreiten
fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit
sich den Verneigenden auf beiden Seiten
zu zeigen in des Mantels Einsamkeit -:



so steigt, allein zwischen den Balustraden,
die sich verneigen schon seit Anbeginn,
die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden
und auf den Himmel zu und nirgends hin;



als ob sie allen Folgenden befahl
zurückzubleiben, - so daß sie nicht wagen
von ferne nachzugehen; nicht einmal
die schwere Schleppe durfte einer tragen.


das ist das ding gedicht treppe der orangerie


meine deutsch lk lehrerin war felsenfest davon überzeugt das rilke zozialkritisch gewesen ist und ich war noch nicht wirklich überzeugt, kannst du mir die titel zu den texten geben wo deutlich wird das er weniger kritisch war als man denken könnte ?
obwohl ich auch grade gelesen habe das man wohl teilweise noch "tiefer" in die stellen hineininterpretieren kann von wegen bescheidenheit etc.

gliwi
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Re: kritische einstellung und umsetzung ?

Beitrag von gliwi » 9. Jun 2009, 18:13

Ist deine Anfrage noch aktuell? Seltsamerweise sind anscheinend alle, die sonst hier ihre guten Kenntnisse gerne mitteilen, in Pfingstferien oder wo auch immer. Ich frage ja selber schon seit Wochen nach einem Gedicht. Anscheinend nichts zu machen derzeit!
Gruß
gliwi
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lilaloufan
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Re: kritische einstellung und umsetzung ?

Beitrag von lilaloufan » 12. Jun 2009, 08:16

konvergenz hat geschrieben:… inwieweit rainer maria rilke sozialkritisch war, also bezogen auf absolutismus, die kirche, und allgemein vlt einschränkende oder ungerechte institutionen und in wieweit er diese einstellung in seine gedichte eingebracht hat.
in die treppe der orangerie könnte man kritik am absolutismus erkennen, ich finde es aber nicht wirklich eindeutig. …
Also. Ich hätte ja nie gedacht, dass ich auf das blaue Buch in meinem Regal jemals jemanden hinweisen wollte, aber wenn Du sooo fragst.

Reinhold Grimm (*1931): „Von der Armut und vom Regen. Rilkes Antwort auf die soziale Frage", Athenäum-Verlag Königstein im Taunus [wo lilaloufan zur Schule gegangen ist], 1981, ISBN 3-7610-8118-9, 101 Seiten, 139 Fußnoten. In meinem Exemplar steht vorne eine handschriftliche Widmung: „For Donald Prater with kindest regards: R.“ Dass es in Donald Praters Regal nicht mehr steht, spricht Bände. Dass es in meinem steht, ist meinem Interesse geschuldet, nicht meiner Zustimmung. Am 31.07.1981 wurde es in Grimms „eigenem Hause“, in der ZEIT (Nr. 32/1981) rezensiert, aber die Rezension hab’ ich nicht hier. Klappentext [in geschweiften Klammern die Formulierungen in der ZEIT]: «Rainer Maria Rilke wird heute wieder beachtet, wieder gelesen. Das ist gut so und zu bejahen. Weniger erfreulich ist die Maßstab- und Kritiklosigkeit der jüngsten Rilke-Rezeption. Von den einen wird der Dichter wie eh und je als Prophet der Innerlichkeit, sogar einer neuen Sensibilität gefeiert, von den anderen — gerade auch in der DDR — zum emanzipatorischen Verkünder einer „humanistischen Gesellschaftsutopie" ernannt. Doch weder dem feinsinnigen Schwelgen in ästhetizistischer Erbaulichkeit noch der groben ideologischen Vereinnahmung erschließt sich die unleugbare historisch-soziologische Bedeutung dieses Autors; vielmehr ist dazu allein die exakte Analyse des Einzeltextes unter Einbezug des Gesamtwertes imstande. Reinhold Grimm führt {in seinem ebenso fesselnden wie grundlegenden Essay} in seiner Studie, die zugleich ein großer polemischer Essay ist, eine solche Untersuchung vor, indem er die geschichtliche und gesellschaftliche Gebundenheit auch und gerade des scheinbar Geschichts- und Gesellschaftsfernsten in Rilkes Dichtung enthüllt und diese {darüber hinaus} zugleich mit Nietzsche, Benn und Brecht sowie mit zeitgenössischen Schriftstellern von Karl Krolow bis Tankred Dorst und Karin Struck in Beziehung setzt. | Grimms Essay gehört in die Hand nicht nur jedes Germanisten und Deutschlehrers, sondern auch jedes ernsthaft an Rilke und der modernen Literatur interessierten Lesers.»

Hier: Posting #7395 habe ich dazu mein knappes Urteil kundgetan. Polemischer Essay ja - „groß“: nein.

Deine Frage jedenfalls wird darin grundheraus und ohne jede Differenziertheit verneint.

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

stilz
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Re: kritische einstellung und umsetzung ?

Beitrag von stilz » 13. Jun 2009, 18:31

Hallo "Konvergenz",

ich hoffe, es ist noch nicht zu spät, auf Deine Fragen zu antworten.

Beim Thema "Rilke und die Sozialkritik" sollten, finde ich, auch die folgenden Gedanken nicht fehlen:

In diesem Gedicht antwortet Rilke, was er als die Aufgabe des Dichters sieht:

  • Oh sage, Dichter, was du tust?
    - Ich rühme.
    Aber das Tödliche und Ungetüme,
    wie hältst du's aus, wie nimmst du's hin?
    - Ich rühme.
    Aber das Namenlose, Anonyme,
    wie rufst du's, Dichter, dennoch an?
    - Ich rühme.
    Woher dein Recht, in jeglichem Kostüme,
    in jeder Maske wahr zu sein?
    - Ich rühme.
    Und daß das Stille und das Ungestüme
    wie Stern und Sturm dich kennen?
    : - weil ich rühme.
Und im "Requiem" für Wolf Graf von Kalckreuth heißt es, noch deutlicher:

  • ... - O alter Fluch der Dichter,
    die sich beklagen, wo sie sagen sollten,
    die immer urteiln über ihr Gefühl
    statt es zu bilden; die noch immer meinen,
    was traurig ist in ihnen oder froh,
    das wüßten sie und dürftens im Gedicht
    bedauern oder rühmen. Wie die Kranken
    gebrauchen sie die Sprache voller Wehleid,
    um zu beschreiben, wo es ihnen wehtut,
    statt hart sich in die Worte zu verwandeln,
    wie sich der Steinmetz einer Kathedrale
    verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut.

    ...Dies war die Rettung. Hättest du nur ein Mal
    gesehn, wie Schicksal in die Verse eingeht
    und nicht zurückkommt, wie es drinnen Bild wird
    und nichts als Bild, nicht anders als ein Ahnherr,
    der dir im Rahmen, wenn du manchmal aufsiehst,
    zu gleichen scheint und wieder nicht zu gleichen -:
    du hättest ausgeharrt. ...
Hier zeigt sich also dasselbe, was Rilke in einem Brief an Hermann Pongs (21.10.1924) noch viel ausführlicher erörtert:

"Und nun (wir sind nicht so weit davon) der schwierige Versuch, Ihren merkwürdigen Erwägungen in bezug auf «reich» und «arm» gerecht zu werden. Die Wendungen ihres Briefes sind mir nicht durchaus verständlich, was wohl daran liegen mag, daß ich Ihren Ausgangspunkt nicht finde und so mich Ihrem Gedanken unterwegs anschließen muß, ohne zu wissen, von wo er aufgebrochen sein möchte. Kommt er aus dem Begriff des «Sozialen» her - wie es den Anschein hat -, so muß da gleich versichert sein, daß man unrecht hätte, irgendeine meiner Bestrebungen in diese Rubrik einzuordnen. Ein menschlich Bleichgesinntes [wohl: Gleichgesinntes], ein Brüderliches ist mir freilich unwillkürlich und muß in meinem Wesen angelegt gewesen sein, sonst würde mich das Freiwerden dieser Eigenschaft unter dem Einfluß des russischen Beispiels nicht so tief und vertraulich ergriffen haben. Was aber eine solche freudige und natürliche Zuwendung vom Sozialen, wie wir es heute verstehen, durchaus unterscheidet, ist die völlige Unlust, ja Abneigung, irgendjemandes Lage zu verändern oder, wie man sich ausdrückt, zu verbessern. Niemandes Lage in der Welt ist so, daß sie seiner Seele nicht eigenthümlich zustatten kommen könnte ... Und ich muß gestehen, mir ist, wo ich an anderem Schicksal theilzunehmen genöthigt war, immer vor Allem dieses wichtig und angelegentlich gewesen: dem Bedrückten die eigenthümlichen und besonderen Bedingungen seiner Noth erkennen zu helfen, was jedesmal nicht so sehr ein Trost, als eine (zunächst unscheinbare) Bereicherung ist. Es scheint mir nichts als Unordnung zu stiften, wenn die allgemeine Bemühung (übrigens eine Täuschung!) sich anmaßen sollte, die Bedrängnisse schematisch zu erleichtern oder aufzuheben, was die Freiheit des Anderen viel stärker beeinträchtigt, als die Noth selber es tut, die mit unbeschreiblichen Anpassungen und beinahe zärtlich, dem, der sich ihr anvertraut, Anweisungen ertheilt, wie ihr - wenn nicht nach außen, so nach innen - zu entgehen wäre. Die Lage eines Menschen bessern wollen, setzt einen Einblick in seine Umstände voraus, wie nichteinmal der Dichter ihn besitzt, einer Figur gegenüber, die aus der eigenen Erfindung stammt. Wie viel weniger noch, der so unendlich ausgeschlossene Helfende, dessen Zerstreutheit mit seiner Gabe vollkommen wird. Die Lage eines Menschen ändern, bessern wollen, heißt, ihm für Schwierigkeiten, in denen er geübt und erfahren ist, andere Schwierigkeiten anbieten, die ihn vielleicht noch rathloser finden. Wenn ich irgendwann die imaginären Stimmen des Zwerges oder des Bettlers in der Form meines Herzens ausgießen konnte, so war das Metall dieses Gusses nicht aus dem Wunsche geboren, der Zwerg oder der Bettler möchten es weniger schwer haben; im Gegentheil, nur durch eine Rühmung ihres unvergleichlichen Schicksals vermochte der zu ihnen plötzlich entschlossene Dichter wahr und gründlich zu sein, und er müßte nichts mehr fürchten und ablehnen, als eine korrigierte Welt, darin die Zwerge gestreckt sind und die Bettler bereichert. Der Gott der Vollzähligkeit sorgt dafür, daß diese Varietäten nicht aufhören, und es wäre die oberflächlichste Einstellung, wollte man die Freude des Dichters an dieser leidenden Vielfalt für eine ästhetische Ausrede halten. So habe ich auch das Gewissen rein von jedem Vorwurf eine Ausflucht zu begehen, wenn ich für mein Gedicht, den Begriffen «reich» und «arm» gegenübergestellt, die berechtigte Unparteilichkeit des künstlerischen Ausdrucks ganz und gar in Anspruch nehme. Es kann nie meine Absicht gewesen sein, den Armen gegen den Reichen auszuspielen, oder mich zu dem einen überzeugter zu bekennen, als zu dem anderen. Wohl aber mag es mir aufgegeben gewesen sein, Armuth und Reichthum eine Weile mit ihren reinsten Maaßen zu messen, - denn wie sollte es, auch hier wieder, nicht dazu kommen, daß man beide rühmt, wenn man sie recht erkennt.
In einer Welt, die das Göttliche in eine Art Anonymität aufzulösen versucht, mußte jene humanitäre Überschätzung platzgreifen, die von der menschlichen Hülfe erwartet, was sie nicht geben kann. Und göttliche Güte ist so unbeschreiblich an göttliche Härte gebunden, daß eine Zeit, die jene, der Vorsehung vorweg, auszutheilen unternimmt, zugleich auch die ältesten Vorrechte der Grausamkeit unter die Menschen reißt. (Wir habens erlebt.)"

Hier hat lilaloufan Teile dieses Zitates schon einmal hereingestellt und zum Ausgangspunkt einer Diskussion mit ganz anderem - und doch eigentlich ähnlichem! - Thema gemacht.

Lieben Gruß!

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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