Beer-Hofmann

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DoMi
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Beer-Hofmann

Beitrag von DoMi » 8. Dez 2009, 19:46

Einen schönen Abend

Könnt ihr mir vielleicht sagen, ob Rilke mit Beer-Hofmann in Kontakt stand? und: ob er sich zu dessen Werk geäußert hat (oder umgekehrt)?

Liebe Grüße,

D.

Henry Lou

Re: Beer-Hofmann

Beitrag von Henry Lou » 8. Dez 2009, 22:13

Guten Abend DoMi,

Erste Hilfe bei der Brief-Recherche:

http://www.rilke.ch/brief-konkordanz.pdf Zusammengestellt von Ferenc Szász

Dort unter:

Beer-Hofmann, Richard / Jonas, Klaus W.: Rainer Maria Rilke und Richard Beer-Hofmann. –
In: Philobiblon. Jg. 17, H. 3 (Sept. 1973), S. 156-177.
Eine gekürzte Fassung: Jonas, Klaus W.: Eine Dichterfreundschaft. Rainer Maria Rilke und
Richard Beer-Hofmann. – In: Die Furche. Wien, Nr. 1, (5. Jänner 1974), S. 12.

Henry Lou

Renée
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Re: Beer-Hofmann

Beitrag von Renée » 9. Dez 2009, 12:54

Liebe(r) DoMi,

in der Rilke-Chronik (auch natürlich in der eben erschienenen Neufassung von 2009) sind alle Begegnungen (reale und briefliche) zwischen Beer-Hofmann und Rilke aufgeführt. Rilke schätzte ihn sehr, "Ihr 'Schlaflied für Myriam', das eines der schönsten Gedichte ist, die ich weiß..." wollte er in Bremen vortragen (19.2.1902 aus Westerwede).

Es findet sich noch mehr...

Besten Gruß, Renée

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Re: Beer-Hofmann

Beitrag von DoMi » 10. Dez 2009, 20:32

Liebe Henry Lou, liebe Renée

Vielen lieben Dank für die schnellen und exacten Antworten. Das hat mir etwas Zeit ersparrt, zumal ich gerade nicht in der Nähe einer ausreichend ausgestatteten Bibliothek bin. Ich hatte mir schon gedacht, dass Rilke zumindest die frühen Werke Beer-Hofmanns geschätzt hat... Wobei man sagen muss, dass das Gedicht - auch meiner bescheidenen Meinung zur Folge - ein sehr, sehr schönes ist.

Danke nochmals, liebe Grüße,

D.

Henry Lou

Re: Beer-Hofmann

Beitrag von Henry Lou » 14. Dez 2009, 20:19

Guten Abend an DoMi und alle Interessierte,

da ich gerade die alten Tagebücher Rilkes wiederentdecke, kann ich es mir nicht verkneifen, hier noch ein paar Funde nachzulegen.
So schreibt Rilke am 26. September 1900:

„Dann waren wir zu dritt bei Modersohn, zu dem noch andere kamen,
und endeten den überreichen Tag damit, daß ich im Atelier der blonden
Malerin Beer-Hofmanns „Der Tod Georgs“ vorlas. Fragment: Der Traum.“

„Der Tod Georgs“ war im selben Jahr (1900) neu erschienen. Ich habe es nicht gelesen, kann dazu nichts sagen. Rolf Löchel rezensiert jedoch eine neuere Publikation (2002) von Elke Surmann über Tod und Liebe bei Richard Beer-Hofmann und Arthur Schnitzler unter anderem mit diesen Worten:

„Zieht sich die namenlose Sterbende in "Der Tod Georgs" auf sich selbst zurück und wendet sich von der Welt ab, so will Felix in "Sterben" die
"absolute Verlorenheit" und die "Auflösung seiner Autonomie" überwinden (...)
"Weibliche Autonomie" bleibt hingegen sowohl bei Beer-Hofmann als auch bei Schnitzler "undenkbar".“

Am 27. September 1900, einen Tag später, schreibt Rilke zwei Fragmente ins Tagebuch (- ob eines davon wohl „Der Traum“ ist?):

„Ich erfand mir eine neue Zärtlichkeit: Eine Rose leise auf das geschlossene Auge zu legen, bis sie mit ihrer Kühle kaum mehr fühlbar ist und nur die Sanftmut ihres Blattes noch über dem Bild ruht, wie Schlaf vor Sonnenaufgang.
Fragment: Als der Tod mit dem Morgen kam, war ihr vieles Leben ganz in ihr Gesicht eingetreten. Von dort riß es der Tod, und er hat ihren mädchenkühlen Leib nicht angerührt. Aber rasch sprang sein kurzer Griff aus ihrem gedrängten Gesicht zurück, wie aus weichem Ton, und ließ alle Züge weit ausgezogen, lang und scharf zurück. Georg konnte dieses spitze Kinn und diese dünne Nase, auf deren Kante der Schatten hart abgegrenzt war, nicht sehen. Er ging hinaus, brach mit bösem Blick zwei harte herbstliche Knospen von roten Rosen, die frostig und beschlagen in der Herbstluft standen, ging mit den beiden sehr schweren Blüten im Garten umher und kam von selbst wieder in das Zimmer zu seiner mädchenhaften Toten. Es quälte ihn, daß der letzte Blick noch immer dunkel in ihren offenen Augen stand. Er drückte ihre breiten weißen Lider zu, indem er sie zitternd unter der Stirn hervorzog, und legte auf jedes Lid eine harte Rose, schwer. Dann erst konnte er das Angesicht der Gestorbenen ruhig betrachten. Und je länger er es ansah, desto mehr empfand er, daß noch eine Welle Leben an den Rand ihrer Züge herangespült war, die sich langsam wieder nach innen zurückzog. Er erinnerte sich sogar, dieses Leben, wie es jetzt auf der Stirne und um ihren überlittenen Mund lag, in sehr schönen Stunden bei ihr begrüßt zu haben, und er wußte, daß dies ihr heiligstes Leben sei, dessen Vertrauter er kaum geworden war, von dem er nur wie aus Gerüchten und Liedern wußte. - Sie war gestorben. Der Tod hatte dieses Leben nicht aus ihr geholt. Er hatte sich täuschen lassen von dem vielen Alltag in ihrem gelösten Gesichte; den hatte er ihr fortgerissen zugleich mit dem sanften Umriß ihres Profils. Aber das andere Leben war noch in ihr, vor einer Weile war es bis an den Rand des entstellten Mundes herangeflutet und jetzt trat es langsam zurück, floß lautlos nach innen und sammelte sich irgendwo über ihrem zersprungenen Herzen. Und Georg hatte eine unendliche Sehnsucht, dieses Leben, welches dem Tod entgangen war, zu besitzen. Er war ja der einzige, der es empfangen durfte, der Erbe ihrer Blumen und Bücher und ihrer sanften Gewänder, die noch nach der Sonne des letzten Sommers dufteten und nach ihrem leichtbewegten Leibe, - er allein konnte auch der Empfänger dieses Lebens sein, das bald nicht mehr erreichbar war für sein trauriges Auge. Er wußte nicht, wie er diese Wärme, die so unerbittlich aus den Wangen sich zurückzog, festhalten, wie er sie fassen, womit er sie nehmen sollte. Er suchte die Hand der Toten, die leer und offen, wie die Schale einer entkernten Frucht, auf der Decke lag. Die Kälte dieser Hand war gleichmäßig und still, und sie gab bereits völlig das Gefühl eines Dinges, welches eine Nacht lang im Tau gelegen hat, um dann rasch im starken Frühwind kalt und trocken zu werden. Da rührte sich plötzlich ein Schatten im Gesichte der Toten. Gespannt sah Georg hin; lange blieb alles still, dann zuckte die linke Rose. Und Georg sah: sie war viel größer geworden. Die Spitze, in der die vielen Blätter sich aneinanderfügten, war breiter geworden, und auch der Kelch unten war wie von einem Atemholen gehoben. Und es wuchs auch die Rose über dem rechten Auge. Und während das spitze Gesicht sich an den Tod gewöhnte, ruhten die Rosen immer voller und wärmer über den vergangenen Augen. - Und als es Abend geworden war nach diesem lautlosen Tage, trug Georg zwei große rote Rosen in der zitternden Hand ans Fenster. Wie in zwei Kelchen, die vor Schwere schwankten, trug er ihr Leben, den Überfluß ihres Lebens, den auch er nie empfangen hatte.
Und ein anderes Fragment noch: Sie lebte das Leben der anderen auf dem entlegenen Gute teilnahmslos mit. Ihre Einsamkeiten, in denen sie wuchs und wurde, verbrachte sie in einer von allen vergessenen wilden Rosenlaube, die vielleicht eine große Verwöhnung war für die täglichen Träume ihrer Seele. Dann kamen Gäste. Mit ihnen Georg. Und ihr ganzes Leben wurde abgelenkt von der verlassenen Laube und ging unter ähnlichen Mädchen und auf weiten Wiesen vor sich, die von lichten Kleidern schimmerten. Dann lernte sie neben Georg die langen Alleen gehen, die Alleen des Abends, die so wundersam weit führen, viel weiter als alle Wege am Tag. Und am Ende einer dieser Alleen, wo diese unvermittelt an die Mauer stieß, lernte sie Abschied nehmen. Oder eigentlich, sie lernte es nicht. Er war gegangen und mit ihm der Sommer. Wie soll man da Mut haben zu Herbsttagen? Eine Woche lang ging sie an allen vorbei. Sie hatte noch nicht geweint. Aber eines Morgens kam sie vor die Rosenlaube. In diesem Augenblick fühlte sie die ganze Tiefe und Treue des Lebens, welches sie gehabt hatte vor Georg. Und sie sehnte sich nach diesen langen ähnlichen Mädchentagen, und fühlte, daß sie ihnen nicht entfremdet war. Und sie trat ein. Vom engen Eingang riß ein Spinnennetz und blieb zitternd auf ihren blassen Wangen liegen, die es mit einem Schleiergefühle umspannte. Und mit so verhülltem Gesicht, sah die Wiederkehrende in die dunkle Laube hinein, in der sich nichts verändert hatte ...“

Die Männer heißen Georg und wollen Schönes besitzen, die Frauen bleiben namenlos und machen wundersame Dinge...
Clara wird im Tagebuch namentlich erwähnt, Paula jedoch nur als "die blonde Malerin". Rilke notiert am 26. September 1900 noch:

"Gerade bei der blonden Malerin empfinde ich wieder, wie ihre Augen,
deren dunkler Kern so glatt und hart war, sich entfalten, wie sie,
gleich gefüllten Rosen, im Aufgehen weich und warm werden..."

Am 29. September 1900 beschreibt Rilke ein Gespräch mit der "blonden Malerin" über "Der Tod Georgs" mit diesen Worten:

"Dazu ist Beer-Hofmanns Seele zu sehr vom Leben bewegt.
Sie kennt nicht ruhige Bahnen über erdichteten Schicksalen.
Wie in verschiedene Rüstungen steigt sie bald in die, bald in
jene Gestalt, führt sie zum Kampf oder an die Grenze eines
Festes und verläßt sie, sobald sie einmal schön war: denn
hinter der Schönheit ist nichts mehr als Verfall. Es gibt nichts
über die Schönheit hinaus. Schönheit ist Abschluß, Fernsicht..."

Es grüßt ganz erstaunt und dankbar für die Anregungen

Henry Lou

stilz
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Re: Beer-Hofmann

Beitrag von stilz » 15. Dez 2009, 00:30

Das ist sehr interessant, vielen Dank fürs Mit-teilen!

Das erste der Fragmente findet sich übrigens in der Erzählung Der Totengräber (1903): Der Totengräber beginnt seine Erzählung für die blonde Gita mit den Worten: »Ja, ich weiß auch eine Frau, die gestorben ist. Aber die wollte es.«

Gute Nacht!

stilz
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Harald
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Re: Beer-Hofmann

Beitrag von Harald » 15. Dez 2009, 22:20

Das ist ja ein bemerkenswerter Fund, wenn man an Rilkes Grabspruch denkt:
„Ich erfand mir eine neue Zärtlichkeit: Eine Rose leise auf das geschlossene Auge zu legen, bis sie mit ihrer Kühle kaum mehr fühlbar ist und nur die Sanftmut ihres Blattes noch über dem Bild ruht, wie Schlaf vor Sonnenaufgang.
Fragment: Als der Tod mit dem Morgen kam, war ihr vieles Leben ganz in ihr Gesicht eingetreten. Von dort riß es der Tod, und er hat ihren mädchenkühlen Leib nicht angerührt. Aber rasch sprang sein kurzer Griff aus ihrem gedrängten Gesicht zurück, wie aus weichem Ton, und ließ alle Züge weit ausgezogen, lang und scharf zurück. Georg konnte dieses spitze Kinn und diese dünne Nase, auf deren Kante der Schatten hart abgegrenzt war, nicht sehen. Er ging hinaus, brach mit bösem Blick zwei harte herbstliche Knospen von roten Rosen, die frostig und beschlagen in der Herbstluft standen, ging mit den beiden sehr schweren Blüten im Garten umher und kam von selbst wieder in das Zimmer zu seiner mädchenhaften Toten. Es quälte ihn, daß der letzte Blick noch immer dunkel in ihren offenen Augen stand. Er drückte ihre breiten weißen Lider zu, indem er sie zitternd unter der Stirn hervorzog, und legte auf jedes Lid eine harte Rose, schwer.
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Re: Beer-Hofmann

Beitrag von stilz » 16. Dez 2009, 11:26

Lieber Harald,

ja, wirklich ganz außerordentlich, nicht wahr? Deshalb hab ich auch (allerdings offenbar, ohne Anselm zu überzeugen) im laaaaaaaangen "Rose"-thread schon einige Gedanken dazu entwickelt (gegen Ende meines postings),

Auch an die Stelle von der "neuen Zärtlichkeit" glaube ich mich zu erinnern und hätte sie also auch schon hier im Forum erwähnt vermutet - aber da irre ich mich wohl, die Suchfunktion findet das nicht.

Den Vergleich "wie Schlaf vor Sonnenaufgang" finde ich besonders schön: Schlaf ist also nicht gleich Schlaf; und das sieht Rilke nicht nur in Abhängigkeit von inneren Befindlichkeiten oder äußeren Bequemlichkeiten, sondern auch noch von der "kosmischen Zeitqualität"...

Herzlichen Gruß!

stilz
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Harald
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Re: Beer-Hofmann

Beitrag von Harald » 16. Dez 2009, 15:31

Und der Frühling steigt hernieder
Neigt sein Blütenszepter und
Küßt sie auf die Rosenlider
Und den sehnsuchtsblassen Mund.

Diese Zeilen stammen aus einem Gedicht eines unbekannten Verfassers, das 1904 in Velhagens Monatsheften veröffentlicht wurde, und zeigen uns, dass es auch in der Metaphorik wenig Neuschnee gibt.
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