RilkeCD

Tipps und Kritiken zu Werken rund um Rilke

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Marie
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Beitrag von Marie » 17. Mai 2003, 07:14

Hallo,

ich kenne diese CD zwar nicht (habe in der Buchhandlung schon ein einige Male davor gestanden, habe aber eine Scheu mir sie überhaupt anzuhören) und kann mir deswegen kein Urteil darüber erlauben. Ich finde, Gedichte sollten ihre eigene Musik IM Leser zum Klingen bringen, alles andere erscheint mir aufgesetzt und manipulierend.
Es gab schon zu Lebzeiten Rilkes Vertonungsversuche (meines Wissens u.a. von P. Hindemith). M Taxis schrieb in ihren "Erinnerungen an RMR" dazu folgendes:

"Nun, ich glaube, daß in seiner Seele mehr Musik war als in irgendeinem Instrument. Man hat aus der "Weise von Liebe und Tod" ein Melodram machen wollen, ich konnte es nicht anhören, denn die Musik des Komponisten störte die des Dichters. Ich weiß kaum eine Melodie, die dem hohen Rang seiner Verse entsprochen hätte. Übrigens liebte er diese Vertonungen nicht, oft genug hat er es mir gesagt."

Viele Grüße M.

gliwi
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Beitrag von gliwi » 17. Mai 2003, 23:04

Das ist aber hart, liebe Marie! Damit streichst du den halben Schubert , Schumann u.a. aus der Musik einfach raus. Schon Goethe mochte manche Vertonungen nicht - Musik war aber auch das einzige Gebiet, von dem er nichts verstanden hat. Und der "Erlkönig" von Schubert istsuper.Ich denke, mit Rilke ist es ähnlich, und unter den vielen Vertonungengibt es sicher auch ein paar gute. Ich gebe aber zu, dass ich beim zufälligen Hören einer Vertonung von "Der Tod ist groß" durch einen Russen - vielleicht Schostakowitsch- auch enttäuscht war, weil ich fand, es passt nicht zum Text.Könnte ich komponieren, hätte ich selber einen Versuch gemacht, denn ich finde, gerade dieses Gedicht bietet sich zum Vertonen an.Gruß Christiane

Marie
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Beitrag von Marie » 18. Mai 2003, 09:01

Hallo,

das sollte auch kein Pauschalurteil sein. Vielleicht entfalten manche literarischen Werke auch erst durch die Vertonungen ihr volles Potential. Aber das hängt sicher auch davon ab, ob Dichter und Komponist eine gemeinsame Wellenlänge haben und möglichst auch noch auf einem gemeinsamen hohen künstlerischen Level produktiv sind, sonst läuft entweder Dichtung oder Musik immer "hinterher" oder es passt einfach nicht zusammen. Rilke hat zwar erst spät den Zugang zur Musik gefunden (er hatte regelrechte Berührungsängste. Irgendwo steht sinngemäß, dass er die Musik fürchtete, weil sie ihn nicht dort absetzte, von woaus er beim Zuhören begonnen hatte.), aber ich glaube er hatte (Goethe bestimmt auch!) ein feines Gefühl für poetisch - musikalische Disharmonien.
Jetzt muss ich mir wenigstens mal den "Erlkönig" anhören, damit ich bei dir nicht ganz in Ungnade falle! :oops:

Liebe Grüße M.

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Volker
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Erlkönig

Beitrag von Volker » 18. Mai 2003, 09:20

Den Erlkönig, ja.
Und nicht zu vergessen die "Winterreise". Ohne Schuberts Vertonung wären diese Reime von Wilhelm Müller längst in Vergessenheit geraten.
Schönen Sonntag noch.
Ich hab' auch Verstand.©
gez. Volker

Dana

Beitrag von Dana » 20. Mai 2003, 14:18

So, meine Lieben, jetzt meld ich mich mal zu Wort:

als erstes ein großes DANKESCHÖN an André,
der mir in Amiland die CD in die Hand drückte und enthusiastisch
"Hör Dir das mal an!" sagte... es hat gefruchtet! :lol:

Mir gefällt alles - die Zweite ist ein Muss!
Na, der kleine Versprecher mit dem "Lichterblinden" verzeihen wir mal... :roll:

:?: Wann kommt endlich das Neue Projekt raus??? (Zeitung hat's schon angekündigt). Freu mich auf mehr...

Liebe Grüße
Eure Dana

PS: Frau Kuschel, sollten Sie dies hier jemals lesen:
Einen besonderen Gruß an Sie - vergessen Sie nie "unser" Karussell!!! :lol:

PPS: Ralf, ich weiß, Du weißt es - ...ich lieb Dich! :oops:

Martina

Ich halte die beiden Rilke-Projekte für absolut gelungen

Beitrag von Martina » 20. Mai 2003, 20:10

Liebe Rilke-Freunde,
ich habe mit großem Interesse die Kritiken zu den beiden Rilke-Projekten gelesen. Es hat mich wirklich sehr erstaunt, wie negativ und kleingeistig sich gerade junge Menschen über die Verwirklichung einer für mich faszinierenden Idee äußern. Wer sind wir denn, daß wir uns anmaßen dürfen, über (große) Künstler und ihre Stimmen, über ihre Interpretation oder gar ihre Identifikation mit den Gedichten zu urteilen? Müssen wir denn immer nur das Negative, das Schlechte in allem suchen? Können wir denn nicht einfach mal die Idee und ihre Verwirklichung annehmen und stillhalten? Ich bin kein ausgesprochener Freund von Rudolph Moshammer, aber wer gibt mir das Recht, ihn zu kritisieren, weil er sich traut, was viele sich nicht trauen, weil er den Mut zu etwas Neuem hat? Im übrigen finde ich es eine gelungene Mischung, dieses wunderbare Liebes-Lied mit der tiefen Stimme Moshammers und dem nicht zu überhörenden bayrischen Dialekt zu kombinieren. Weder Rilke noch Moshammer werden davon bleibenden Schaden erleiden. Muß denn immer alles bis zur Perfektion getrieben werden? Ich würde all den Miesepetern, den Kleingeistigen und Dauergrantlern empfehlen: Macht es erst einmal besser!

Marie
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Beitrag von Marie » 21. Mai 2003, 14:49

Hallo,

es ist ziemlich unglaubwürdig, wenn jemand, der mit solchen Vokabeln einen Rundumschlag ausführt und unterschiedslos Kritik übt, einen Künstler, der sich der öffentlichen Meinung stellt, zu verteidigen vorgibt. Wer gibt DIR denn das Recht dazu andere zu kritisieren? Jeder kann entsprechend seinem künstlerischen Anspruch und Empfinden seine Meinung zu den Vertonungen äußern - auch über Mooshammer!
Im Übrigen bin ich eher etwas vorsichtig, wenn Psycho- Missionare in Sachen "Neues Denken" so großspurig von "annehmen und stillhalten" faseln - meist können die das selbst am allerwenigsten.

Gruß M.

Nora

Rilke C`D

Beitrag von Nora » 5. Jun 2003, 07:51

Hallo,

nachdem ich vor kurzem die CD "bis an alle sterne" gehört habe und total begeistert davon war, bin ich jetzt auf der Suche nach Rilke-Infos auf diese Seite gestossen.
Die Kommentare dazu sind ja recht unterschiedlich, was ja auch normal ist.
Die Gedichte werden von den SängerInnen/SchauspielerInnen interpretiert, und da finde ich, gibt es kein Gut oder Schlecht.
Es ist eben eine Interpretation. Und jeder denkt, fühlt, spürt etwas anderes dabei, und wenn das Vorgetragene mit dem eigenen Gefühl stimmig ist, dann ist es schön, und wenn nicht, wird einfach nur deutlich, dass andere Menschen Dinge anders empfinden, als man selbst.
Jedenfalls geniesse ich die CD und bin gerade dabei, etwas mehr über Rilke zu erfahren. So hat die CD noch einen Lerneffekt.

:) Gruss Nora

Sellsche
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Der Panther

Beitrag von Sellsche » 21. Dez 2006, 13:26

"Der Panther" ist eines meiner Lieblingsgedichte von Rilke.. allerdings finde ich dieses gedicht sehr schlecht vertont. Ich finde, dass die Melodie überhaupt nicht zu dem ganzen Wesen des Panthers passt. Und der Mensch der es erzählt tut dies mit viel zu wenig Gefühl und zu schnell.. man muss sich nur einmal die Bewegungen des Panthers vorstellen.. das passt überhaupt nicht.. das finde ich total schade

Gruß an alle =)
Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

N!NA
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Neue Rilke CD mit Ulrich Reinthaller

Beitrag von N!NA » 4. Jan 2007, 12:00

Also ich muss mal ein bisschen Werbung für die neue CD von Ulrich Reinthaller machen DIR ZUR FEIER!

Untermalt werden die wunderschönen lyrischen Stücke von Harfen Musik. Ein wirklicher Ohrenschmaus und wunder- wunderschön zum Entspannen, Abschalten und einfach 'eintauchen in die Welt von Rilke'

In dem Sinne, viel Spaß wer sie hat!!!

http://www.ulrich-reinthaller.com/index.php

helle
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Re: RilkeCD

Beitrag von helle » 3. Okt 2018, 15:03

Ich möchte ein vergleichsweise abgestandenes Thema noch mal aufwerfen, das ›Rilke-Projekt‹ von Schönherz-Fleer. Auf einem Flohmarkt im Sommer habe ich erstmals eine CD des Projekts erstanden, zufällig die erste von 2001, Bis an alle Sterne. Ich kannte natürlich ein paar Titel, eine Interpretation mit Ben Becker hatte mich eher abgeschreckt, andere wie Das Karussell mit Heino Ferch fand ich hingegen ausgesprochen schön; inzwischen besitze ich die ersten drei der vier CDs und stelle fest, daß ich sie immer wieder höre, meistens abends am Schreibtisch, mit Kopfhörern und einem Glas Primitivo daneben, und wenn es noch mal nachgefüllt wird, kann ich sehr sentimental auf einige Titel reagieren. Ganz großartig finde ich z.B. gleich das erste Stück Die Welt, die monden ist, gesprochen von Nina Hagen, die es wunderbar macht, eine echte Künstlerin. Die Vermischung der verschiedenen Kunstgattungen, Dichtung und Musik, die man aus der Tradition des klassischen Lieds kennt (was gegen ›puristische‹ Auffassungen einzuwenden wäre), hier aber mit neuen Akzenten von Pop-, Rock-, Film- usw. musik auftritt, stört mich nicht im mindesten, vielmehr finde ich, daß die Komponisten etwas riskieren, und daß bei vielen Titeln beide Seiten sich ergänzen und im besten Fall verstärken können. Darum habe ich mir mit die alten Diskussionen angesehen, die die meisten Fragen schon diskutieren, die sich mir aus der nun eigenen Hörerfahrung ebenfalls stellen.

Manches ist wirklich schon gesagt, die Meinungen widersprechen sich auch herzlich und die Diskussion wird manchmal durchaus polemisch, wie später noch öfter in diesem Forum, ich will auch nicht meinen Sermon zu allem und jedem geben, was mir durch den Sinn gegangen ist, nur ein paar Sachen aufgreifen. So stimmt es, daß Rilke »Berührungsängste«, wie ›Marie‹ es nennt, bei Vertonungen seiner Verse hatte, übrigens auch beim Gedanken an die Illustration seiner Texte. Heißt ja nicht, daß es ein Sakrileg wäre, es dennoch zu versuchen (was würden die Dramenautoren erst zu den Auswüchsen des Regietheaters sagen?) Z.B. wird kritisch gesehen, daß Schönberg/Fleer Rilkes Verse und Texte öfter nicht im Wortlaut wiedergeben, sondern einzelne Wendungen, Zeilen und Strophen wiederholen, also in den Textstand eingreifen. Solche Eingriffe stören mich im Prinzip gar nicht, zumindest dann nicht, wenn sie im Ganzen eines Stückes/Textes einen Ort haben, funktional sind, aus rhythmischen Gründen (»Ach in meinem wilden Herzen/ wilden Herzen/ wilden wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit«, das hat nichts mit »Gejaule« zu tun) oder aus dem Ganzen eines Arrangements. Manchmal wird die Nähe zu Filmmusik und Kitsch festgestellt und zu starkes Pathos – stimmt schon, aber auch nur manchmal, meine ich, Filmmusik selbst lebt vom Pathos der Ergänzung und ist nicht schon an sich verwerflich oder verächtlich, es gibt gewissermaßen unvergängliche, um bei Rilke zu bleiben, Morricone, Rota oder Williams. Hier, im Rilke-Projekt, kann genau dieses Kitsch- und Pathosmoment die schönsten Entsprechungen zur Dichtung Rilkes finden, als gäbe es diese Dinge nicht auch bei ihm, gerade bei ihm nicht. Ich staune im übrigen selbst, daß ich das behaupte, nur am Rotwein kann’s nicht liegen, jetzt am Nachmittag bin ich noch halbwegs bei mir.

Vielleicht haben ja andere Forumsteilnehmer eine ähnliche Verspätung wie ich oder sehen die Dinge heute anders und sagen noch etwas dazu, das würde mich interessieren.
helle

stilz
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Re: RilkeCD

Beitrag von stilz » 7. Okt 2018, 10:17

Lieber helle,

danke fürs Ausgraben dieses alten threads!
Auch in einem anderen thread - http://rilke.de/forum/viewtopic.php?f=12&t=2487 - haben wir ja darüber gesprochen; ich selbst war damals, ohne die CDs zu kennen, eher kritisch voreingenommen. Und zwar vor allem, weil ich immer wieder hörte „Da kann man so schön abschalten“ - was sich für mich halt grad mit Rilke-Texten überhaupt nicht verträgt.

Das hat sich an und für sich nicht geändert, denn ich kenne diese CDs noch immer nicht.
Aber was Du sagst, macht mir nun doch Lust, sie kennenzulernen!
Ich glaube Dir gern, daß einige der Vertonungen gelungen sind.
Und ich habe auch nicht prinzipiell etwas dagegen, daß der Text leicht geändert wird, zum Beispiel durch Wiederholungen - solange die „Gesamtaussage“ des Gedichtes dadurch nicht verändert wird.
Aber auch das ist eine schwierige Sache.
Ich bin ja schon der Ansicht, daß ein Kunstwerk sich, wenn es einmal in der Welt ist, vom Künstler löst; das geschieht oft erst allmählich:
Solange der Künstler noch lebt, beeinflußt sein Wesen die Rezeption sicher noch stärker, oder solange noch seine Zeitgenossen leben, oder solange überhaupt noch Menschen leben, die ähnlich empfinden, und auf die seine Verse daher noch ähnlich wirken wie auf die Zeitgenossen des Dichters.
Aber nach 70 Jahren erlischt der Schutz des Urheberrechts, nach und nach wandeln sich die Zeiten, und schließlich bleibt uns das Werk, so sehr gelöst vom Künstler, daß viele zwar noch die Verse, aber den Namen des Dichters nicht mehr kennen.
Und ob wir heute Texte aus dem alten Ägypten überhaupt noch so verstehen können, wie sie ursprünglich gemeint waren, das ist doch sehr die Frage.
(Bei so manchen Aufführungen des modernen Regietheaters kriege ich allerdings doch Bauchschmerzen und frage mich: wenn man ein Stück so, wie es offensichtlich gemeint ist, nicht mag, ihm nicht vertraut - warum tut man so, als würde man dieses Stück aufführen, statt sich gleich ein eigenes zu basteln?)

Unsere gliwi† hat ja schon auf Schubert und Schumann hingewiesen, und darauf, daß wir ohne ihre Vertonungen manche Texte heute überhaupt nicht mehr kennen würden (siehe auch Volkers Hinweis weiter oben auf Wilhelm Müller).
Und was soll man zu Felix Mendelssohn-Bartholdy sagen, der ein Gedicht von Heinrich Heine (mit dessen Lebenszeit sich die seine überschneidet, für beinahe ein halbes Jahrhundert) zu einem sehr bekannten Gesangsduett gemacht hat, in folgender Textgestalt:
  • Ich wollt, meine Lieb' ergösse
    sich all in ein einzig Wort!
    Das gäb ich den luft'gen Winden,
    die trügen es lustig fort.

    Sie tragen zu dir, Geliebte,
    das lieberfüllte Wort.
    Du hörst es zu jeder Stunde,
    du hörst es an jedem Ort.

    Und hast du zum nächtlichen Schlummer
    geschlossen die Augen kaum,
    so wird mein Bild dich verfolgen
    bis in den tiefsten Traum!
Sehr schön, sehr bekannt, sehr oft gesungen…

Und dann liest man nach bei Heine und entdeckt:
  • Ich wollt, meine Schmerzen ergössen sich all in ein einzig Wort
    […]
    Sie tragen zu dir, Geliebte, das schmerzerfüllte Wort
Da bekommt dann
  • so wird mein Bild dich verfolgen
    bis in den tiefsten Traum!
einen ganz anderen Sinn – und in dieser Gestalt würde man’s wohl kaum in ein Duett fassen...


Ich lese übrigens gerade Hanno Rauterbergs neues Buch:
»Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus«
– und stelle fest, daß die Freiheit der Kunst, auch jenseits meines eigenen Geschmacks, mir immer wichtiger wird.


Ganz herzliche Grüße!
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

helle
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Re: RilkeCD

Beitrag von helle » 7. Okt 2018, 19:49

Liebe stilz,

gerade bei Dir als Musikerin und Sängerin würde mich interessieren, wie Du das Projekt beurteilst. Eben bin ich z.B. ganz gefangen von der Stimme der Iris Berben (https://www.youtube.com/watch?v=0Y05LE7qULA&start_radio=1&list=RD0Y05LE7qULA&t=9).

Man erhält die CDs in fast jeder Bibliothek und schon eine gibt ein ganz repräsentatives Bild. Vielleicht können wir uns dann weiter unterhalten.

Viele Grüße,
helle

stilz
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Re: RilkeCD

Beitrag von stilz » 10. Okt 2018, 21:47

Lieber helle,

danke für den link zu "Alles ist Eins"!

Ja. Wie Iris Berben das Gedicht spricht, das finde auch ich sehr stimmig, und daß ihre Stimme Dich "gefangennimmt", ist mir sehr begreiflich.

Allerdings die Qualität der Musik liegt meiner Ansicht nach weit unter der der Rilke-Texte.
Sie führt mich nicht dorthin, wohin das Gedicht mich führt, wenn ich es lese ( http://www.rilke.de/gedichte/einmal_am_rande.htm ); diese doch eher seichte, wohl "meditativ"-sein-wollende Musik lenkt mich vielmehr ab vom Text, sie scheint mir in "wolkige" Gefilde führen zu wollen, in einen Zustand, in dem einem aufgrund einer Art schläfriger Wohligkeit "alles eins" ist --- während Rilkes Gedichte mich nicht "einschläfern", sondern mich im Gegenteil in eine gesteigerte Wachheit führen.

Und die wiederholten Einschübe der Zeile "Alles ist Eins", und, daß das Gedicht auf dieser CD offenbar diesen Titel trägt --- das "stört" mich hier doch. Das Gedicht heißt bei Rilke nicht so, und sein Gedicht bleibt eben nicht bei dieser Zeile stehen, sondern es geht weiter... wie gesagt: wenn ich es lese, dann ist meine innere Stimmung am Ende eine ganz andere, als wenn ich dieses Video ansehe (oder auch nur die Tonspur anhöre).

Rilke hat ja nicht nur um den Inhalt, sondern auch um die Form gerungen... und die geht hier halt verloren.

Freilich, auch Schubert oder Schumann, ganz zu schweigen von Mendelssohn, lösen oft die ursprünglichen Formen eines Gedichtes auf, ersetzen sie durch ihre eigenen (während ich bei dieser "Vertonung" die Musik als formlos empfinde) ... aber eben: dann ist das neu entstandene Kunstwerk stärker mit dem Namen des Komponisten verbunden als mit dem des Dichters, dessen Zeilen nur zum Ausgangspunkt genommen wurden...
Insofern ist es beinahe stimmig, wie in einem Kommentar zum Video der Text angegeben ist: nicht in der Rilkeschen Originalgestalt, sondern so, wie er auf der CD erklingt, und unter dem Titel »ALLES IST EINS by IRIS BERBEN« :lol:

Mein derzeitiges Resumé also: ja, das kann man natürlich machen, und es ist auch "schön", vor allem wegen Iris Berben.
Aber es scheint mir Rilkes Texte für das "New Age-Wohlfühl-Esoterik"-Regal passend zu machen - und das ist mir halt doch unbehaglich.

Die anderen Titel habe ich noch immer nicht gehört. Aber wenn ich das nächste Mal in der Bücherei bin (bald, ich muß Noten zurückgeben), dann werde ich mir die CDs ausborgen.

Herzlichen Gruß,
stilz
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Re: RilkeCD

Beitrag von helle » 13. Okt 2018, 15:02

Liebe stilz,

Danke Dir für die Antwort, sie hat mich aus verschiedenen Gründen interessiert, weil ich Dich kennengelernt habe und schätze und weil sie aus berufenem Mund kommt. Viel entgegenzusetzen habe ich ihr nicht, außer dem empirischen Umstand, daß ich das Arrangement keineswegs einschläfernd finde und Deine kundigen Worte mein Hören des Stücks und anderer, vergleichbarer, kaum verändern werden. Man kann die Musik von Schönberg/Fleet sicher weder mit Schubert, Schumann oder Mendelssohn-Bartholdy vergleichen, das ist ein anderes Niveau als das, worüber wir hier sprechen.

Der Fairneß halber muß man sagen, daß die Musik des Projekts nicht als Video konzipiert wurde und die YouTube-Dinge etwas Nachträgliches sind. Und ich würde auch nicht dem Titel »ALLES IST EINS by IRIS BERBEN« zustimmen, weil er weder der Schauspielerin noch dem Komponistenduo gerecht wird. Es ist mir dabei klar, daß Du es ironisch meinst.

In Deiner Antwort berührst Du verschiedene Aspekte. Die musikalische Umsetzung des Rilke-Gedichts, also die »Qualität der Musik«, die Absicht der Urheber (»in wolkige Gefilde führen zu wollen«) sowie die Freiheit des Umgangs mit dem Original. Wenn ich Dich richtig verstehe, stört es Dich nicht grundsätzlich, sich die Freiheit von Textvarianten zu nehmen, etwa, um bestimmte Valeurs zu betonen, sondern eher »hier«, im vorliegenden Fall. Ich fürchte schon jetzt, daß Dein Urteil über andere Stücke des Projekts noch weit harscher ausfallen wird und ich ihm im Einzelfall noch weit weniger entgegenzusetzen haben werde. Manches ist zugegeben diskret kitschig und manches sicher etwas seicht und natürlich ist das Projekt im ganzen mit seinen zahlreichen illustren Künstlern eine Art Boulevardisierung der Dichtung Rilkes, mag sie auch ihrerseits gerade in den Anfängen nicht frei von kitschigen Zügen und seichten Passagen sein.

Was mich wirklich wundert, ist, daß mich das nicht im geringsten abhält, die CDs häufig zu hören, und über die Musik einen ausgesprochen tiefen und intensiven Zugang zu einzelnen Texten und neue Facetten des Verständnisses zu finden, also anders als Du, nicht unbedingt sagen würde, trotz des musikalischen Arrangements, sondern durch es.

Das soll keine Rechtfertigung der Schwächen des Rilke-Projekts sein, die ich, wie gesagt, auch empfinde, wohl aber seiner Stärken, über die ich hier vermutlich eher einen Austausch gesucht habe, ohne dabei um Zustimmung buhlen zu wollen.

Also Dank u. Gruß
von helle

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