"Die fünffingrige Hand" von Silke Pasewalck

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lilaloufan
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"Die fünffingrige Hand" von Silke Pasewalck

Beitrag von lilaloufan » 8. Okt 2006, 10:06

Auf http://www.rilke.de/phpboard/viewtopic.php?p=1598#1598 hat Renée auf ein Buch aufmerksam gemacht, das Axel Schmitt in http://www.literaturkritik.de/public/re ... abe=200411 ausführlich und treffend vorgestellt hat:
  • Silke Pasewalck: "Die fünffingrige Hand". Die Bedeutung der sinnlichen Wahrnehmung beim späten Rilke.
    Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2002.
    331 Seiten, 78,00 EUR.
    ISBN 3-1101.7265-8

Ich versprach in http://www.rilke.de/phpboard/viewtopic.php?p=7069#7069, es hier zu besprechen:


Ein bemerkenswert tiefgründiges und dabei wissenschaftlich anspruchsvoll (sowie menschlich verehrungsvoll) Stellung beziehendes Buch lag mir in diesen Wochen vor, keines zum Durchblättern, sondern eines, an dem man sich festliest, weil es einen im Akademischen heute kaum noch anzutreffenden Gelehrtseins-Horizont erweist, bei dem noch jede Fußnote interessant ist und an dem man ermüdungsfrei in lebendiger Sprache Anteil erhält.
Und weil ich’s nur preisen kann ohne Abstriche, auch hinsichtlich der Sorgfalt auf Verlagsseite, werde ich eine ausführlichere Rezension anderenorts unterzubringen versuchen. Dort werde ich allerdings auch, ohne die Leistung der Autorin zu schmälern, darauf deuten, in welcher Richtung man sie anregen möchte, dem Buch einen weiteren Band folgen zu lassen.
Denn Silke Pasewalck enthält sich in diesem Buch absichtsvoll jeder Rückversicherung bei psychophysiologischen Wahrnehmungstheorien, „da dieses die Eigenart und nicht zuletzt die Provokation des Rilkeschen Ansatzes verstellt hätte“; allerdings nimmt sie mit dieser methodischen Beschränkung inkauf, dass ihr jene holistisch-epistemischen Blickrichtungen, die ihr von einer anthropologischen Ästhetik aufgewiesen werden könnten, verstellt bleiben.
Aber gerade dieser halbe Mangel macht das Buch doppelt spannend: Denn zum Einen wird man immer mehr in einen absolut konsequenten Gedankengang mitgenommen und gewinnt von Seite zu Seite mehr das Vertrauen, dass die Autorin nichts übersehen hat, was zur Klärung der von ihr aufgeworfenen Frage beiträgt – zum Anderen aber kann man gerade das Nichtbefragte immer als Ergänzung mitdenken, und man sieht ihr bei ihrer Forscherarbeit geradezu um das Ergebnis bangend zu, ähnlich wie dem Kommissar, der die entscheidende Spur nicht fahndungssystematisch bemerken will und dennoch der gerechten Lösung auf geniale Weise nahe kommt.
Um im Bild zu bleiben: Wie der kriminalistischen Aufklärung stets noch eine juristische Abwägung folgen muss, so darf Silke Pasewalck, da sie nun alle Linien gezogen hat, sich auf neue Fragen einstellen, neue Dimensionen in der poetologischen Reflexion entdecken.
Sie erlegt sich das schon in der Einleitung auf, wenn sie schreibt, es werde „dem Wahrnehmungskonzept des späten Rilke lediglich gerecht, wer die Beteiligung sämtlicher Sinne berücksichtigt.“
Fünf Sinne, das Sehen, Tastsinn, Geruch, Geschmack und ausführlich das Hören untersucht Silke Pasewalck, und sie bemerkt, dass Rilkes Poetik der Sinne sich nicht an diese klassische Fünf-Sinne-Systematik knechtet „noch synästhetisch fundiert ist. Vielmehr halten alle fünf Sinne im Zuge eines ihnen auferlegten 'Gebietsgewinns' auf eine Grenze des sinnlich Erfahrbaren zu, und zwar vermittels eines doppelten Vorgangs: der Erweiterung der einzelnen 'Sinngebiete' und der Übersetzung zwischen den Sinnen.“ Das betrachtet sie ganz vom Rilkeschen Werk her als für die künstlerische Praxis Rilkes wesentlich und erweist es an Beispielen überzeugend.
Nur kann sie nicht bemerken, dass Rilke beispielsweise das Wärmeempfinden nicht etwa als eine Ausdehnung des Tastgebietes auffasste, sondern als ein eigenes Sinnesvermögen, eben eines, bei dem nicht das innere Erleben durch einen Bewusstseinsakt auf das äußere Stimulans bezogen, sondern unmittelbar die Wärme/Kälte in der Seele erlebt wird.
So fehlt nicht nur die Frage nach den übrigen organbezogenen Sinnen: Eigenbefindlichkeit, Eigenbewegung (ein durch Oliver Sacks sehr populär gewordener Aspekt) und Gleichgewicht, sondern vor allem der Quantensprung zwischen dem bloßen Hören (hier geht sie von dem von der Forschung geradezu verlegen vertuschten Aufsatz „Urgeräusch“ aus) und dem Sprache verstehenden Sinn für den menschlichen Sprechlaut bleibt ihr verborgen, wiewohl Rilke selbst, ihr Forschungsgegenstand, dieses Beiderlei sehr wohl bemerkt und künstlerisch reflektiert hat.
Dass das Sinnliche durch künstlerische Anstrengung in ein Geistiges hinüberwächst, von diesem nicht kategorial unterscheidbar, wird Rilke ja immer wieder bewusst an dem Erlebnis der Ich-Du-Begegnung, vor allem der wirklich Liebenden. Und immer wieder betont er, wie das bloß sinnliche Tasten einer Reifung bedarf, um sich in das geistige Wahrnehmen in der Liebe metamorphosieren zu können.
Silke Pasewalck führt viele Beispiele auf, in denen Rilke diese Mission menschlicher Biographie, eine Art Ich-Sinn auszudifferenzieren, bemerkt, beschreibt, beschwört. Wenn sie ihre Studie fortsetzen sollte, wird sie sich gewiss in diese Richtung bewegen.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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