Gefängnisdirektor

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helle
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Gefängnisdirektor

Beitrag von helle » 29. Jan 2007, 12:21

»Ein Begriff wie "Intertextualität" weckt Mißtrauen, weil er modisch ist. Doch vermag er den Blick zu öffnen von einem Text, bei dem die Kunst der Interpretation an ihr Ende gelangt ist, zu anderen Texten vor ihm, neben ihm, nach ihm, die sich in dem einen spiegeln. [...]

Der tiefere Sinn von Hölderlins rätselhaftem Vers "Ein Rätsel ist Reinentsprungenes" hat sich einer Deutung erst erschlossen, als der Deutende ihn in einem inspirierten Augenblick auf Rilkes kaum weniger rätselhaften Vers "Heil mir, daß ich Ergriffene sehe!" bezog, nachdem der Schlüsseltext für beide Verse auf der Rückseite von W. E. Süskinds Buch "Dagegen hab' ich was" (1973) gefunden war, ein Zitat nämlich aus der Lobrede zum Dienstjubiläum eines Gefängnisdirektors: "Alle Häftlinge, die unter seiner Leitung aus Strafanstalten ausbrachen, wurden wieder gefaßt." Nun klären sich die tieferen Zusammenhänge: Für diesen begnadeten Gefängnisdirektor hielt Hölderlin seinen Vers bereit, den erschreckten Ausruf am Morgen, als der Ausbruch der Häftlinge entdeckt war; und Rilkes korrespondierender Vers sorgte für den Jubelruf, mit dem der stolze Beamte die wieder eingefangenen Ausreißer am Abend in ihren Zellen begrüßte.«

(Heinz Schlaffer)

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