Rilkes Werke

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Deluxe_S
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Rilkes Werke

Beitrag von Deluxe_S » 1. Sep 2008, 18:54

Hallo,
ich habe da mal ein par Fragen.
Und Zwar, zu welcher literarischen Epoche könnte man Rilke zuordnen. Ich dachte da an den Expresionismus und an die Jahrhundertwende, bin mir da aber nicht so sicher. Und ich würde gern noch wissen, welchen Stil, Sprache und Motivik Rilke verwendete.
Ich würde mich seh über hilfreiche Antworten freuen.

DoMi
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Re: Rilkes Werke

Beitrag von DoMi » 1. Sep 2008, 19:32

Hallo deluxe_s,

da Rilke 1875 geboren und 1926 gestorben ist, könntest du mit Jahrhundertwende gar nicht so unrecht haben :wink: Allerdings ist es nie leicht Dichter in genau diese oder jene Epoche einzuzwängen; bei Rilke umso mehr. Irgendwie findet sich sehr viel von Vielem bei ihm. Ich selbst sehe viel vom Symbolismus (ich erinnere hier an die "Vokabeln der Not" im Malte), aber auch Expressionismus oder Impressionismus wird mit ihm in Verbindung gebracht. Ich habe sogar schon einmal gelesen, dass er (aus lauter verzweifeltem Epochendenken) in einem Literaturgeschichtebuch als Surrealist bezeichnet wurde, obwohl es den Surrealismus doch gar nicht wirklich in der deutschen Literatur gegeben hat - eher in der französischen, oder? Aber wie helle so schön sagte: "Würde man sagen: Der Mann ist ein typischer Symbolist, wäre er wohl weniger Rilke."

Dennoch wurde schon so viel über diesen Punkt diskutiert, dass du nur epoche oder einen der von mir genannten Begriffe in die Suchmaschine hier eingeben musst und dir flattern unzählige Informationen herbei.

Liebe Grüße,

Dominik

gliwi
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Re: Rilkes Werke

Beitrag von gliwi » 1. Sep 2008, 21:56

Also vom Expressionismus hat er meiner Meinung nach gar nichts. Wenn Ihr mit typischen Expressionisten vergleicht... in seinen Gedichten hat er diese Stilart nicht verwendet. (Vielleicht in den Prosa-Texten, möglicherweise in den Dramen, da kenne ich mich zu wenig aus.) Impressionismus, Symbolismus und Fin-de-siècle - davon lassen sich Spuren und Elemente in seinen Gedichten finden, aber letzendlich hat er sich alles anverwandelt und den einen und unverwechselbaren Rilke draus gemacht. Welchen Stil? Seinen. Welche Sprache? Seine. "Motivik" - was ist denn das für ein Wort? Das habe ich noch nie gehört.

Gruß
gliwi
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Deluxe_S
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Re: Rilkes Werke

Beitrag von Deluxe_S » 2. Sep 2008, 17:28

Danke für eure Antworten.
Mein Lehrer will, dass ich rilke in genau eine Epoche einordne, ich finde das auch ziehmlich schwer und kann mich da nicht so richtig festlegen. Außerdem will er weissen, welche Motive er verwendete (daher das Wort "Motivik" das stammt von ihm), welche Spache und welchen Stil er hatte.
Deswegen weiß ich eben nicht so richtig, was ich schreiben soll, weil Rilke nun mal seine eigene Sprache und seinen eigenen unvergleichlichen Stil hatte.

DoMi
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Re: Rilkes Werke

Beitrag von DoMi » 2. Sep 2008, 18:52

Die von mir aufgezählten Epochen, liebe gliwi, sind nur solche, die ich einmal in Verbindung mit Rilke gelesen habe; es sind also nicht meine eigenen Ansichten, sondern die der diversen Autoren.
Was könnte also jenen Autor verleitet haben, ihn zu den Expressionisten zu zählen? Vielleicht die oft gestellte Frage nach dem wirklichen Zustand der Welt, dem Leben des Ichs im Hier und Jetzt, oder die ausdrucksstarken Bilder in strenger Strophenform, so wie die Heyms, oder die Chiffrierung, wie in den Elegien? Wenn, dann am ehesten Frühexpressionismus...

Also was mich an Rilkes Sprache und Stil immer fasziniert, ist die Bilderwelt, die er so wunderschön und ausdrucksstark mit ganz klaren, einfachen Worten beschreibt. Und dennoch ruht in diesen Worten für mich stets etwas Geheimnisvolles, manchmal Unheimliches, manhcmal Wunderliches. Zudem - oder vielleicht beides umgebend - begeistert mich Rilkes Art Metaphern zu finden und dann auch weiter zu verarbeiten. Oftmals bedient er sich einer Metapher oder einem Vergleich, der bzw. die einem zunächst so weit hergeholt erscheint, den/die er dann aber durch ein oder zwei Verbindungen so klar und logisch wirken lässt, als wäre er/sie das schon von vorneherein gewesen. Lies doch hierzu einmal etwas in den Malte hinein, seinen einzigen Roman. (auf dieser Seite vollständig zu finden) Dort findest du viele Symbole, Metaphern und Vergleiche - viel "Motivik".

Liebe Grüße,

Dominik

gliwi
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Re: Rilkes Werke

Beitrag von gliwi » 2. Sep 2008, 22:19

Ach, die liebe Kollegen! Schublädchen auf, Dichter rein, Schublädchen zu, und wer das richtige Schublädchen findet, kriegt eine gute Note. Da könnte ich jetzt gerade eine Kritik unseres ganzen verkehrten Schulwesens dran aufhängen. Das nützt aber hier niemanden was und ist auch noch off topic. Also Motive: Belebte Natur, Städte, Gemälde, Bauwerke... kann man gar nicht alle aufzählen.
@ Dominik: ja, an den frühen hatte ich jetzt gar nicht gedacht. Da hast du schon recht.
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lilaloufan
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Re: Rilkes Werke

Beitrag von lilaloufan » 2. Sep 2008, 23:54

Deluxe_S hat geschrieben:… Deswegen weiß ich eben nicht so richtig, was ich schreiben soll, weil Rilke nun mal seine eigene Sprache und seinen eigenen unvergleichlichen Stil hatte.
Gehe ich mal davon aus, dass ein kompetenter Deutschlehrer das auch schon bemerkt oder zumindest im Proseminar vermittelt gekriegt hat, dann wird er es nicht aus Willkür bestreiten, sondern Euch SchülerInnen auf eben genau diese Entdeckung hinführen wollen, für die Du offenbar gerade schon eintrittst: das absolut Vorbildlose und Unverkennbare, nirgends und niemals Modische des Rilke eigenen Stils - wodurch alle Nachahmer beschämt würden. Ja, Euer Lehrer dürfte dann sogar mit Arbeiten ganz unzufrieden sein, deren VerfasserInnen nicht für möglich halten, dass die "Schublädchen-Frage" (ja gewiss, gliwi!) eine Fangfrage ist, und die Rilke gehorsamst in eine Schema-Zuordnung zu knechten versuchen.

Aber damit ist durchaus nicht der Fall gegeben, dass Du aus literaturgeschichtlich-systematischer oder stilkritischer Fragestellung nichts zu Rilke schreiben kannst - im Gegenteil: Gerade das extrem Individuelle des Rilkeschen Stils und der Rilkeschen Motivwahl ist ja eine fachgerecht erkundende Analyse wert, und die kann für Dich beginnen mit dem gewissenhaften Charakterisieren der Sprach-Gesten, die Du bei Rilke als „unvergleichliche“ entdeckst. Findest Du vielleicht sogar einen Begriff für das, was wiederkehrt, sich aus dem Frühwerk herleitet, im Spätwerk steigert?

Ein paar Beispiele: «eine Handvoll Innres», «Ich lerne sehen.» (Malte 4) und «Was, wenn Verwandlung nicht…». Oder ein ganzes Gedicht: Die Erblindende. Du gehst dem ganz erlebensoffen nach: Woran eigentlich erkennst Du untrüglich, dass es von Rilke ist? Das arbeitest Du heraus und lieferst den Erweis, dass Du für Rilkes Behandlung der Sprache eine neue Kategorie einrichten musst, weil Begriffe wie „expressionistisch“ dem schöpferisch Neuen nicht vollständig gerecht werden könnten.

Diese neue Kategorie bloß zu behaupten reicht aber nicht; Du musst schon ihre Elemente sehr genau in Augenschein nehmen und das Durchgängige in der Werkentwicklung belegen, wenigstens exemplarisch.

Demgegenüber wäre es ja geradezu langweilig, die gestellte Frage durch eine einfallslose Einordnung zu beantworten.

- - -

„Motivik“ ist ein Begriff, den ich aus der Rezension von musikalischen Werken im Feuilleton gut kenne; gerade bei Programmmusik («Die Moldau») ist er ganz gebräuchlich.

Neulich war ich in einem Konzert mit Aleksey Igudesman und Richard Hyung-Ki Joo, die zappten die Kremerata Baltica per „Fernbedienung“ durch die Violinkonzerte der Musikgeschichte; ich vermute, dass es Aufnahmen davon schon in YouTube gibt. In einem anderen Stück brachten sie eine Mobiltelefon-Klingel-Tonfolge im Stil von Komponisten von Claudio Monteverdi bis Arnold Schönberg. In dem erstgenannten Stück identifiziert man als Zuhörer anhand der Motivik, woran man ist - immer schon im ersten Takt. Im zweiten Stück bleibt ja das zitierte Motiv dasselbe, nur der Stil lässt die Autorschaft erkennen. (Stell’ Dir mal die Westminster Chimes vor als Basso Ostinato einer hochbarocken Passacaglia, dann als horngeblasenes Wagner-Motiv, dann als musikalische Debussy-Travestie.)

Warum ich’s erzähle: Ich habe noch nie eine wirklich taktvolle und stilistisch überzeugende Rilke-Parodie gefunden; alle bleiben an der Form haften, um den Bezug zu etwas Populärem aus Rilkes Werk zu schaffen:
  • Herr: es ist Zeit. Im Frühjahr war nichts los.
    Schenk Sonne Portugiesiens Wiesen
    Und Rudis Riesen auch mal einen Freistoß.

    Empfiehl den Fans nicht allzu voll zu sein,
    Gib Ballack brasilianischere Tage.
    Pass auf die Kirsche auf - und bitte jage
    Sie nicht zu oft in Ollis Kasten rein.

    Wer jetzt nicht Karten hat, kriegt keine mehr.
    Wer jetzt kein Bier kalt stellt, muss warmes saufen.
    Wer GEZ nicht zahlt, muss "Kicker" kaufen
    Und durch verwaiste Straßen hin und her
    Unruhig wandern, wenn wir Holland kaufen.
Das haben wir während der WM im „Spiegel“ lesen müssen.

Ganz klar, gelt: nicht von Rilke. Unsere innere Stil- und Motivik-Spürnase weiß es noch vor unserem argumentierenden Verstand.
Auf beider urteilssich're Begründung aber kommt es an!

Also ich finde Deine Aufgabe spannend, wenn Du mit der gestellten Frage nur souverän genug umzugehen wagst. Man kann daran tüchtig literaturwissenschaftliches Handwerkszeug erproben (das hat man Euch doch hoffentlich in elementaren Grundzügen zur Verfügung gestellt?), und der Schritt von der interessegeleiteten philologischen Betrachtung zur karmischen Erforschung kann sogar recht klein sein - kommst Du in diese Bereiche, wird das Bildungssystem allerdings zu Recht von allen Seiten rufen: Thema verfehlt! Bestenfalls genial verfehlt.

Ja, die Schul-Aufgabe ist - je nach Auffassung - sehr anregend; als Rasterfrage (Kenntnistest) dagegen hielte ich sie für so unlösbar wie sinnlos.

Schönen Gruß auch an Deinen Lehrer! (Vielleicht liest er ja hier mit?)

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Re: Rilkes Werke

Beitrag von Deluxe_S » 3. Sep 2008, 16:43

die Aufgabe mag ja schön sein, aber nicht für einen Zeitraum von einer Woche, wo man noch genug andere Aufgaben hat.
Mich hat das jetzt alles ein bischen durcheinander gebracht und ich weis immer noch niocht so richtig was ich bei Sprache & Stil schreiben soll.
Aber ich werde mich jetzt gleich ransetzen und versuchen es rauszufinden.
Trotzdem danke für alle Antworten.

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lilaloufan
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Re: Rilkes Werke

Beitrag von lilaloufan » 3. Sep 2008, 17:39

Tipp: helles Posting #5554.

Du kannst ja auch mit Deinen ersten Fundstücken noch mal hier ins Gespräch kommen. Auf der Grundlage gibt's hier oft Rundgespräche, die weiter führen.

:) l.
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