Rilke-Fans und wir

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helle
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Rilke-Fans und wir

Beitrag von helle » 27. Okt 2009, 13:14

»Liebe Rilke-Fans«, war hier jüngst zu lesen, ich hab mich früher über diesen Ausdruck mal lustig gemacht, weil Rilke ja kein Elvis Presley ist, aber es ist natürlich sinnlos, man wird mit dieser Bezeichnung leben müssen, es gibt Schlimmeres. Dann schrieb Christoph in einem anderen Kontext zur »Frage unserer Identität als Forums-Community« (den Begriff »Community« hatte ein Teilnehmer gebraucht): »Wer ist dieses Wir, hier?« Und das erinnert mich an den Satz eines Schülers aus meiner Referendariatszeit, als es um Metaphorik ging und die Schüler Metaphern fortspinnen sollten. Einer von ihnen schrieb zu der Wendung: »Wir sitzen alle im selben Boot«: »Ich nicht, ich sitze in meinem eigenen«.

Eine »community« ist das Rilke-Forum sicher in einem weiten und objektiven Sinn. Aber ein »wir« zu isolieren und zu reflektieren, lehne ich für mich persönlich ab, es hat einen Beigeschmack von in-group und Satzung

für einen gewissen, freundlich grüßenden,
helle

stilz
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Re: Rilke-Fans und wir

Beitrag von stilz » 27. Okt 2009, 16:46

Lieber helle,

:D - also, "in-group" mußte ich doch tatsächlich wiki-en. :D

Ich empfinde einerseits wie Du: einer "Satzung", auch einer ungeschriebenen "sozialen Verpflichtung" gegenüber der "Mitgliedergruppe" dieses Forums, die über ein Zugehörigkeitsgefühl zum Menschengeschlecht hinausgeht, sodaß sie "Nichtmitglieder" nicht umfaßt - einer solchen "Verpflichtung" möchte auch ich mich nicht unterwerfen (so geht es mir im übrigen mit fast allem, was man als "in-group" bezeichnen könnte...).

Aber man kann es schon auch umgekehrt versuchen, also zunächst nicht: wozu würde mich ein solches "Wir-Gefühl" verpflichten?

sondern eher: was verbindet uns, die wir hier doch mehr oder weniger regelmäßig lesen und schreiben? In in jedem Augenblick vollständig freiwilliger Weise? (Und das könnte ja sogar auch etwas sein, das uns gleichzeitig auch mit Menschen verbindet, die gar keine Ahnung von diesem Forum oder überhaupt von Rilke haben.)

Und auch: was ist der Unterschied zwischen "uns" und denen, die sich als "Rilke-Fan" ganz richtig angeredet fühlen? - daß ein solcher Unterschied empfunden werden kann, zeigt der Betreff, den Du gewählt hast, ja ganz deutlich!
Ich weiß schon, man kann mit dieser Bezeichnung leben. Auch für mich gibt es "Schlimmeres". :D
Aber solange "wir" noch immer ein gewisses Unbehagen dabei fühlen, solange "uns" noch klar ist, daß Rilke kein Elvis Presley war (warum und inwiefern eigentlich? Das sollte mal jemand in Worte zu fassen versuchen!) --- solange empfinde ich trotz Deiner Bedenken ein "Wir".
Vielleicht so, als würden wir alle miteinander an etwas "bauen"; jeder auf seine Weise, aber doch mit einem - wenn auch vielleicht nur vage geahnten - gemeinsamen "Ziel"...

Dieses "Ziel" scheint mir persönlich übrigens nicht Rilke zu sein. Sondern Rilke ist für mich einer jener Dichter, die eine deutlichere Vision dieses gemeinsam zu errichtenden "Bauwerkes" (und seiner oft schmerzlich empfundenen Unvollständigkeit oder auch Verletzlichkeit/Zerstörungsanfälligkeit) hatten als beispielsweise ich. Und ich erlebe, daß meine eigene "Sehkraft" sich an seiner "Vision" schulen kann...
Klingt vielleicht etwas "abgehoben"... aber genauer kann ich es im Moment nicht sagen.

:D Und falls ich mit dieser meiner "Motivation" ganz allein dastehen sollte, dann wär wenigstens klar, daß hierin das "Wir" halt doch nicht liegen könnte...

:D
Herzlichen Gruß

Ingrid

P.S.: "Wir sitzen alle im selben Boot" - dazu fällt mir ein: ja, das tun wir. Aber zum Glück sitzen wir nicht alle auf derselben Seite... :wink:
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Harald
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Re: Rilke-Fans und wir

Beitrag von Harald » 28. Okt 2009, 23:44

Fan ist seit dem 17. Jahrhundert als Abkürzung von fanatic (Fanatiker) bekannt, u.a. als "unreasoning enthusiast" definiert und schon im 19. Jahrhundert mit Sport und Hobby assoziiert. Damit ist hinreichend geklärt, warum die Verbindung des Begriffs mit Rilke oder einem anderen ernstzunehmenden Künstler brechreizauslösend wirken kann.
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lilaloufan
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Re: Rilke-Fans und wir

Beitrag von lilaloufan » 29. Okt 2009, 01:05

Ich möchte auf ein altes Posting zum Thema hinweisen.

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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