Sechzehnstrahliger Stern

Rilkes Roman.

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lilaloufan
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Sechzehnstrahliger Stern

Beitrag von lilaloufan » 19. Jun 2006, 12:13

In der letzten, 71. Aufzeichnung verstehe ich eine Andeutung nicht: Er „sah die versteinerte Zeit das hohe Geschlecht überstehen, das mit allem Erringen von Sieben und Drei die sechzehn Strahlen seines Sterns nicht zu bezwingen vermochte.
In der Antwort auf den Fragebogen von Witold Hulewicz, 10. November 1925, führt Rilke dazu etwas aus. Er schreibt über die Princes des B[e]aux: “… Wie die meisten provenzalischen Geschlechter waren auch die Fürsten des Baux abergläubische Herrn. (…) …in ihrem Wappen saß der Wurm des Widerspruchs: Denen, die an die Macht der Zahl Sieben glauben, erscheint «Sechzehn» als die gefährlichste Gegenzahl, und die des Baux trugen im Wappen den sechzehnstrahligen Stern. (Den Stern allerdings, der die Könige aus dem Morgenland und die Hirten zur Krippe nach Bethlehem führte: denn sie glaubten an ihre Herkunft von dem heiligen König Balthazar…) Das «Glück» dieses Geschlechts war ein Kampf der heiligen Zahl «7» (sie besaßen Städte, Dörfer und Klöster immer in einer Siebenzahl) gegen die «16» Strahlen ihres Wappenbilds. Und die Sieben unterlag. …“

Kann mir jemand das erschließen; ich wäre sehr dankbar dafür.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Rikmanfredson
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Re: Sechzehnstrahliger Stern

Beitrag von Rikmanfredson » 1. Sep 2013, 23:44

Bild
in Les Baux aufgenommen


Der 16strahliger Stern symbolisiert die scheinbare Abstammung der Herren von Les Baux, da sie ihre Anfänge bis auf Balthazar zurückführen, einen der drei Weisen. Welche Kühnheit! Das Geschlecht herrschte im MA über 79 Ortschaften. Mit dem Aufkommen der Minne im 12. Jh. entwickelte sich Les Baux zu einer Hochburg der Troubadoure, die von weit her kamen, um vor der aristokratischen Zuhörerschaft mit selbst komponierten u. gedichteten Minneliedern die ritterl. Liebe zu beschwören. Im 14. Jh. übernahm Raymond de Turenne als Vormund seiner Nichte Alix von Les Baux die Herrschaft über Les Baux und führte ein Schreckensregiment. Er soll Gefangene in die Abgründe unter der Burg getrieben haben, um sich an deren Entsetzen zu weiden. Papst u. König setzten ein Söldnerheer gegen ihn in Bewegung: bei Tarascon eingekreist ertrank er auf der Flucht in der Rhône. Mit dem Tod von Alix 1426 erlosch das Geschlecht.


Ich wage es, meine Gedanken zur aufgeworfenen Problematik zu äußern:

Könnte der Kampf der 16 gegen die 7 vielleicht bedeuten, dass die Anmaßung, die Selbstherrlichkeit dieser Herren, wie sie in der Ableitung des Geschlechts zum Ausdruck gebracht wird und in der Schreckensherrschaft von Raymond de Turenne ihren grausamen Höhepunkt erreicht, nichts mehr mit christlichen Werten, nichts mehr mit dem religiösen Ernst, also nichts mehr mit der Hl. Zahl 7 zu tun hat?

Rik

Rikmanfredson
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Re: Sechzehnstrahliger Stern

Beitrag von Rikmanfredson » 2. Sep 2013, 21:49

Da ich die letzte Woche in der Provence in St. Remy verbrachte und auch einen Ausflug auf die Burg von Les Baux unternahm und mich im Vorfeld der Reise auch mit Rilkes Besuch dieses Ortes befasst habe, möchte ich Euch folgenden Auszug aus seinem Brief an Lou Andreas-Salomé (21.10.1909) nicht vorenthalten:

“Man kommt von Saint-Rémy, wo die Provence-Erde lauter Felder von Blumen trägt, und auf einmal schlägt alles in Stein um. Ein völlig unverkleidetes Tal geht auf, und kaum der harte Weg drin ist, schließt es sich hinter ihm zu; schiebt drei Berge vor, schräg hintereinander aufgestemmte Berge, drei Sprungbretter sozusagen, von denen drei letzte Engel mit entsetztem Anlauf abgesprungen sind. Und gegenüber, fern in den Himmel eingelegt, wie Stein in Stein, heben sich die Ränder der seltsamsten Ansiedlung herauf, und der Weg hin ist so von den immensem Trümmern verlegt und verstützt, daß man meint, selber auffliegen zu müssen, um in die offene Leere da oben eine Seele zu tragen. Das ist Les Baux.“

"Wer noch nicht in Les Baux-de-Provence gewesen ist, weiß nichts von erhabener Schönheit", heißt es im Volksmund. Treffender hätte es auch Rainer M. Rilke nicht sagen können. Im weiteren Verlauf dieses Briefes geht er auf die Geschichte der Geschlechts der Herrn von Baux ein, "das mit einem Sonderling in Neapel im 17. Jh., unruhig und zuckend verlischt, wie ein Kerzenrest, der merkwürdig Abgetropftes ansetzt und qualmt."

In Gedanken an diesen wunderbaren Ort grüßt Euch

Rik

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