Malte

Rilkes Roman.

Moderatoren: Thilo, stilz

Antworten
Seris

Malte

Beitrag von Seris » 4. Sep 2004, 23:37

Kann jemand mir die markierte Zeilen folgenden Gedichts aus Malte erklären?
Vielen Dank im Voraus
Seris

»Du, der ichs nicht sage, daß ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht

ohne zu stillen
in uns ertrügen?[/
[/u]url] [/b] (kurze Pause und zögernd):
Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.«

gliwi
Beiträge: 941
Registriert: 11. Nov 2002, 23:33
Wohnort: Ba-Wü

Beitrag von gliwi » 5. Sep 2004, 00:58

Ich verstehe das so: In den drei folgenden Zeilen wird gesagt, dass Liebende zu lügen beginnen, wenn sie sich gegenseitig Bekenntnisse machen. Dem
"Du" wird vorgeschlagen, darauf zu verzichten. Sie - das Du und das Ich - sollen darauf verzichten, das Bedürfnis nach gegenseitigen Bekennnissen zu stillen, sondern nur die "Pracht" einer gelungene Liebesbeziehung "ertragen", ohne sie, salopp gesprochen, zu Tode zu quatschen. Rilkes Sprache ist hier stark verknappt und verdichtet.
Gruß
gliwi

Marie
Beiträge: 308
Registriert: 9. Mär 2003, 21:27
Wohnort: rhld.-pfalz

Beitrag von Marie » 20. Sep 2004, 14:46

Hallo,
in diesem Lied aus dem Malte geht es nicht nur darum, eine Liebe nicht tot zu reden, sondern sie gar nicht erst (irdisch sprich intim) auszuleben (mit etwas Ironie: sie besser gleich sterben zu lassen). Das ist ganz und gar der resignierte und vor der Welt lieber freiwilig in den Seelenschmerz flüchtende Malte und somit zugleich Rilkes eigener weltabgewandter Seelenanteil. Das "Lügen" beginnt zum Einen in den aufkeimenden gegenseitigen Erwartungen der Liebenden, die sie von der urtümlichen Kraft der Liebe entfremden und zum Anderen in der Unmöglichkeit durch den Geschlechtsakt tatsächlich die Ver-Einigung (mehr im mystischen Sinne) zu erleben. Um dieses Ideal nicht durch gestümperte Realität zu "beschmutzen" propagiert das Lied lieber gleich den (nicht weniger schmerzhafte) Verzicht. Das hat allerdings nicht das Geringste mit religiöser
Sexualmoral zu tun! Rilke hat sich ziemlich exzessiv mit diesem Thema beschäftigt, auch in der Praxis: die "Pracht" nur platonisch zu ertragen, gelang ihm nicht so wirklich...
In den Duineser Elegien geht er dieses Dilemma noch einmal differenzierter an.

Gruß :D

Mary

Beitrag von Mary » 12. Dez 2004, 15:50

Hallo,

gerade habe ich Euren Beitrag hier gelesen, da ich mich momentan auch mit dem "Malte" beschäftige.

Das Lied geht noch weiter, das Ihr hier zitiert, und ich möchte gerne die Fortsetzung ergänzen:

"... Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest."

Das könnte auch eine Erklärung für den Anfang des Liedes sein - oder ?!

Liebe Grüße von Mary :lol:

stilz
Beiträge: 1182
Registriert: 26. Okt 2004, 10:25
Wohnort: Klosterneuburg

Beitrag von stilz » 14. Dez 2004, 14:04

Hallo,

oja, danke, Mary, für diese Ergänzung!

Ich gebe Dir recht, Marie, für mich bedeutet "ohne zu stillen" hier auch soviel wie "nicht ausleben", und zwar sowohl im "Bekennen" als auch in der geschlechtlichen Vereinigung.

Und dieses "Lügen"... es hängt für mich sehr mit der "festhalten-wollenden" Liebe zusammen, die Besitz ergreifen will vom/von der Geliebten... und Rilke hat wohl (und sicherlich immer wieder schmerzlich) erkannt, daß das in Wirklichkeit einfach nicht klappt, daß man Menschen nicht besitzen kann und es auch nicht das Wahre ist, von jemanden "besessen zu sein" - und vor dieser Gefahr kann man sich natürlich schützen, indem man "nicht stillt" ---

Aber ich spüre auch sowas wie Sehnsucht: wäre das nicht wunderbar, wenn wir es doch schaffen könnten, zu lieben (und diese Liebe auch zu leben), ohne festzuhalten und ohne zu lügen (bzw lügen zu müssen glauben)?


Liebe Grüße

stilz

Mary

Beitrag von Mary » 14. Dez 2004, 21:26

Hallo stilz, hallo Marie,

steckt nicht Alles schon in diesen letzten Zeilen des Liedes ?

Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest


Wirkliche Liebe findet man nur, wenn man bereit ist, dem Partner auch seinen eigenen Freiraum zu lassen und diesen anzuerkennen . Sich so aufeinander einzulassen , das man sich jeweils eigenständig auch weiterentwickeln kann - in Freiheit . Dazu gehört natürlich auch sehr viel gegenseitiges Vertrauen - gerade wenn man einen Weg gemeinsam gehen will ! Andererseits: wenn man sich zu sehr umarmt, zu abhängig wird voneinander, wird es unehrlich und man bekennt vielleicht etwas, was man so gar nicht meint , nur um dem Anderen zu gefallen, es ihm recht zu machen ?! Man muss die Partnerschaft immer wieder neu entdecken (lernen) .

Was meint Ihr ?

Liebe Grüße von Mary :lol:

Mary

Beitrag von Mary » 14. Dez 2004, 21:27

Hallo stilz, hallo Marie,

steckt nicht Alles schon in diesen letzten Zeilen des Liedes ?

Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest


Wirkliche Liebe findet man nur, wenn man bereit ist, dem Partner auch seinen eigenen Freiraum zu lassen und diesen anzuerkennen . Sich so aufeinander einzulassen , das man sich jeweils eigenständig auch weiterentwickeln kann - in Freiheit . Dazu gehört natürlich auch sehr viel gegenseitiges Vertrauen - gerade wenn man einen Weg gemeinsam gehen will ! Andererseits: wenn man sich zu sehr umarmt, zu abhängig wird voneinander, wird es unehrlich und man bekennt vielleicht etwas, was man so gar nicht meint , nur um dem Anderen zu gefallen, es ihm recht zu machen ?! Man muss die Partnerschaft immer wieder neu entdecken (lernen) .

Was meint Ihr ?

Liebe Grüße von Mary :lol:

Antworten