die Entdeckung der Stadt bei Rilke

Rilkes Roman.

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M.

die Entdeckung der Stadt bei Rilke

Beitrag von M. » 6. Sep 2004, 07:12

Hallo,
in Rilkes Werk gibt es die Entdeckung der Stadt als Motiv , zb im "Malte" , aber auch zb im dritten Teil des "Stundenbuchs"... . Mich interessiert, ob es Anfang des 19. Jahrhunderts auch noch andere Autoren, Werke mit dieser Thematik gibt, ob sich das irgendwie als Motiv dieser Zeit zuordnen läßt ?! Wenn ja - wie wird dort die Stadt gesehen, gibt es eine allgemeine Sichtweise, Tendenz... ?
Viele Grüße von M. :)

gliwi
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Beitrag von gliwi » 7. Sep 2004, 19:35

Hallo,
es ist das 20. Jh., nicht das 19. Ja.
Das berühmteste Beispiel ist Döblins "Alexanderplatz". Gedichte gibt es viele. Spontan fällt mir ein : Georg Heym, "Der Gott der Stadt".
Gruß
gliwi

M.

Beitrag von M. » 7. Sep 2004, 21:01

Hallo gliwi, hallo Forum,

sorry :oops: - das mit dem 19. Jahrhundert war ein Verschreibsel von mir ... Du hast natürlich recht . Ich hatte es noch gar nicht bemerkt . Es sollte natürlich 20. Jahrhundert heissen :oops: . Aber wenn ich so an E. Zola denke , beispielsweise... - vielleicht doch schon im 19. Jahrhundert ?

Was mich interessieren würde , ob es eine Parallelle gibt zwischen den Stilelementen, der Sprache in den Großstadtromanen und der Wahrnehmung der Großstadt und ob dieses auf verschiedene Romane dieser Zeit zutrifft ?!

Viele Grüße von M. :lol:

helle

19. u. 20. Jh.

Beitrag von helle » 8. Sep 2004, 09:24

So falsch finde ich das mit dem 19. Jh. nicht. Man kann in ihm und mit der Thematisierung der Großstadt sogar überhaupt den Beginn der literarischen Moderne sehen. Baudelaire steht dafür und später Rimbaud, während man in Deutschland zu jener Zeit noch etwas hinterher war. Rilke wußte natürlich, wer Baudelaire war und kannte seine Bedeutung, und war von seinen Themen infiziert.

gliwi
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Beitrag von gliwi » 8. Sep 2004, 18:01

Auf Döblins "Alexanderplatz" trifft es jedenfalls zu. Döblin fängt in diesem Roman die Atmosphäre der Großstadt mit einer ganz neuen Sprache ein. Dazu gehören Dialekt, Gaunersprache, Werbesprüche, Piktogramme, Onomatopoesie... Man sagt auch, dass in diesem Roman eigentlich die Stadt die Hauptrolle hat und die Spielhandlung dahinter zurücktritt.
Gruß
gliwi

Paul A.
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Beitrag von Paul A. » 8. Sep 2004, 20:05

Hallo,

ich finde das Thema sehr interessant - und fast etwas für ein Hauptseminar in Germanistik :wink: ?!

Mir persönlich fällt dazu auch noch der Roman "Ulysses" von James Joyce ein, der 1922 erschien und der oft mit Döblins "Berlin Alexanderplatz" verglichen wurde. Darauf angesprochen betonte Döblin 1932: "Immer wieder, besonders jetzt nach Erscheinen der englischen und amerikanischen Übersetzung, weist man auf Joyce hin. Aber ich habe Joyce nicht gekannt, als ich das erste Viertel des Buches schrieb. Später hat mich sein Werk, wie ich auch öfters gesagt und geschrieben habe, entzückt, und es war ein guter Wind in meinen Segeln. Dieselbe Zeit kann unabhängig voneinander Ähnliches, ja Gleiches an verschiedenen Stellen erzeugen. Das ist nicht weiter schwer verständlich."

Vielleicht gibt es weitere Hinweise und/oder eine Leserunde ?!

Viele Grüße von Paul :lol:
"... Knaben, o werft den Mut/ nicht in die Schnelligkeit,/ nicht in den Flugversuch./ Alles ist ausgeruht:/ Dunkel und Helligkeit,/ Blume und Buch." (R.M. Rilke)

helle

Beitrag von helle » 9. Sep 2004, 09:54

Einen Hinweis würde ich gern loswerden, der zwar nicht unmittelbar mit Rilke zu tun hat, aber mit dem Großstadtthema, nämlich auf die Arbeiten von Walter Benjamin zu Baudelaire (z.B. in den "Illuminationen" oder im "Passagen-Werk"). Das ist zwar manchmal schwere Kost, aber manchmal auch beseligende Lektüre.

Daß bei Rilke die Großstadt ein ernstes und häufiges Thema darstellt, im "Malte" und in einigen Gedichten, spricht für seine moderne Seite, ohne daß er formal ein großer Neuerer und Avantgardist und Zerstörer wäre, anders als Döblin im "Alexanderplatz" oder als G. Benn. Für mich nimmt er so eine Art Zwischenstellung ein, auf der Höhe seiner Zeit zwar, aber formal eher konventionell. Das ist nicht negativ gemeint, die Konventionen umzustoßen ist ja zunächst noch kein Verdienst.

Gruß H.

Nils

Beitrag von Nils » 9. Sep 2004, 20:03

Hallo, hallo - Ihr klugen ForumsBesucher :wink: !

Rätsel über Rätsel - aber mich beschäftigt immer noch die Frage, warum in Rilkes "Malte" der Eiffelturm nicht vorkommt ?! Handelt es sich vielleicht um eine Wahrnehmungskrise oder liegt das an der Schreibetechnik ??? Oder gibt es einen noch ganz anderen Grund ???

Vielleicht weiss das ja hier jemand ???!!!

Viele Grüße von Nils :lol:

Tom

Beitrag von Tom » 9. Sep 2004, 20:23

Hallo,

Eine vielleicht etwas gewagte These:

jede Stadt und jeder "Held" (kann man die Hauptpersonen so bezeichnen ?) in den Romanen "Malte", "Berlin Alexanderplatz" und "Ulysees" steht für eine bestimmte , besondere Stimmung, die auch die jeweiligen Städte (Paris, Berlin, Dublin) prägen (oder zur damaligen Zeit prägten) und damit den "Helden" ihren Raum bieten - oder kann man sich Franz Bieberkopf in Paris vorstellen oder Malte in Berlin, Mr Bloom in Paris ?! Es gibt andererseits natürlich auch Charakteristika, die jede (dieser) Großstädte besitzt. Und es hängt auch mit der Biographie der Autoren zusammen, was sie aussagen wollen oder können ... Es gibt viele Aspekte - deshalb: eine vielleicht etwas gewagte These?!

Was meint Ihr ?

Viele Grüße von Tom :)

gliwi
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Beitrag von gliwi » 9. Sep 2004, 21:34

Stimme zu.
Gruß
gliwi

e.u.
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Beitrag von e.u. » 10. Sep 2004, 19:52

Hallo,
zu der spannenden Diskussion nur noch zwei Literaturhinweise:
Ein Buch, in dem Rilke nicht erwähnt, aber trotzdem immer noch sehr lesenswert ist:
- Marianne Thalmann: Ronatiker entdecken die Stadt. - München 1965.
Es ist dort die deutsche Frühromantik, die ihre literarischen Orte in der Topographie der Stadt (z.B. Berlin) sucht und findet.
Dazu noch ein neueres:
- Karlheinz Stierle: Der Mythos von Paris. Zeichen und Bewusstsein der Stadt.
München 1993. Leider hört es schon vor Rilke auf, aber auch ohne ihn sehr lesenswert. Dort wird natürlich der Eiffelturm und seine Bedeutung als Zeichen und Mythos vorgestellt und auch ein guter Literaturtipp gegeben, nämlich Roland Barthes 'La Tour Eiffel' (1964).
Wir sollten vielleicht mal sehen, welcher wichtige Autor zuerst den Eiffelturm entdeckt hat. Ist der bei Marcel Proust schon da?
Wer weiß da mehr?
Ein hübsches Rätselraten wünscht e.u.

Barbara
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Beitrag von Barbara » 10. Sep 2004, 21:27

Hallo,

die Literaturhinweise möchte ich gerne noch etwas ergänzen:

Meckseper, Cord / Schraut, Elisabeth (Hg.): Die Stadt in der Literatur

Vandenhoeck & Ruprecht, 1983, ISBN: 3-525-33491-5

Darin sind für unser Thema hier sicher besonders interessant die Beiträge von
Christoph Perels: Vom Rand der Stadt ins Dickicht der Städte. Wege der deutschen Großstadtliteratur zwischen Liliencron und Brecht
und
Hartwig Isernhagen: Die Bewußtseinskrise der Moderne und die Erfahrung der Stadt als Labyrinth

aus dem Klappentext:

Die Erfahrung der "Unwirtlichkeit unserer Städte" und die Kritik an vielen Erscheinungsformen des städtischen Lebens haben zugleich den Blick für die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Stadt in der Vergangenheit geschärft. Die Beiträge dieses Bandes zeigen, wie Schriftsteller in den letzten zweihundert Jahren vor allem auf die Großstadt reagiert, sie wahrgenommen, literarisch erkundet und dargestellt haben. An Beispielen aus der deutschen, englischen, amerikanischen und französischen Literatur verfolgen sie die auch geistes- und sozialgeschichtlich aufschlußreiche Entwicklung von frühen Zeugnissen für die Entdeckung der modernen Großstadt im 18. Jahrhundert bis zu Meisterwerken der Großstadtliteratur wie "Manhattan Transfer", "Berlin Alexanderplatz" und "Im Dickicht der Städte".

Liebe Grüße von Barbara :lol:

Tom

Beitrag von Tom » 10. Sep 2004, 21:40

Hallo,

interessieren würde mich , ob es Romane über fiktive Großstädte gibt, die sich nicht an einem bestimmten Ort festmachen lassen , sondern die "Schrecken der Großstadt" mit den grundsätzlichen Charakteristika festhalten - vielleicht als Science Fiction, negative Utopien oder so... ? Ob es das auch schon im 19./Anfang 20. Jahrhundert gegeben hat ?

Danke für Hinweise dazu und viele Grüße von Tom :lol:

Nils

Beitrag von Nils » 10. Sep 2004, 21:45

Hallo, Forum !

.... und wo ist der Eiffelturm (in der Literatur der 20er Jahre und davor ) :shock: ??? Wäre schön, wenn wir - endlich - auch auf diese Frage eine Antwort finden könnten ...

Viele Grüße von Nils :roll:

gliwi
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Beitrag von gliwi » 10. Sep 2004, 22:46

Hallo Tom,
es gibt den berühmten Stummfilm aus den 20ern "Metropolis". Ob er von Fritz Lang ist und ob es dazu auch ein Buch gibt, (vermute mal) kann ich jetzt aus Zeitgründen nicht selbst recherchieren.
Gruß
gliwi

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