die Entdeckung der Stadt bei Rilke

Rilkes Roman.

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Paula
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Beitrag von Paula » 11. Sep 2004, 16:36

Hallo,

im Filmmuseum in Berlin , wo ich letztes Wochenende war, gibt es eine ganze Abteilung - mit interaktiven Bereichen - zu diesem Film und anderen Filmen von Fritz Lang . Es ist ganz toll gemacht , man geht da auch durch nachgebaute Kulissen / Gebäude des Films...

Im Internet habe ich einen interessanten Link zu dem Film gefunden:

http://www.epilog.de/Film/Mc_Mh/Metropolis_D_1927.htm

und dort auch eine Kritik von Paul Ickes in: DIE FILMWOCHE, Nr. 3, v. 19. Januar 1927, S. 60f.:

http://www.epilog.de/Film/Mc_Mh/Texte/M ... s_1927.htm

Ob R.M. Rilke wohl auch mal im Kino war ? Hat er sich eigentlich mal über Film geäußert ?

Ich finde das sehr spannend - dieses Thema !

Viele Grüße von Paula :lol:

helle

Turmfrage

Beitrag von helle » 12. Sep 2004, 12:32

Wenn es keine Hinweise in Briefen oder anderen Materialien gibt (da sind die Kenner gefragt), wird man die Frage nicht wirklich beantworten können. So spannend finde ich sie aber auch nicht. Für Rilke gab es offensichtlich keine künstlerische Notwendigkeit, im "Malte" den Eiffelturm zu thematisieren. Uns mag das ja schier unverständlich vorkommen, aber das hat wohl mehr mit unserer eigenen Wahrnehmung dieser phallischen Werbe-Ikone zu tun. Vielleicht wäre Rilke das ganze zu plakativ und modisch vorgekommen, dann spräche es für seinen historischen Takt, auf den großen Nippes nicht weiter einzugehen. Im übrigen richtete "Eiffel bereits im Jahr der Erbauung auf der dritten Etage ein wissenschaftliches Laboratorium ein; seit 1903 diente der Turm auch als Stütze für riesige, bis zum Erdboden gespannte Antennen für Versuche der drahtlosen Telegrafie zu militärischen Zwecken, 1906 wurde eine militärische Radiostation installiert" (Internetquelle). Auch das kann Rilke gestört haben, aber das sind in beiden Fällen bloße Mutmaßungen.


Schwindende, du kennst die Türme nicht

Schwindende, du kennst die Türme nicht.
Doch nun sollst du einen Turm gewahren
mit dem wunderbaren
Raum in dir. Verschließ dein Angesicht.
Aufgerichtet hast du ihn
ahnungslos mit Blick und Wink und Wendung.
Plötzlich starrt er von Vollendung,
und ich, Seliger, darf ihn beziehn.
Ach wie bin ich eng darin.
Schmeichle mir, zur Kuppel auszutreten:
um in deine weichen Nächten hin
mit dem Schwung schooßblendender Raketen
mehr Gefühl zu schleudern, als ich bin.

Paul A.
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Beitrag von Paul A. » 12. Sep 2004, 19:21

Hallo,

nachdem sich das Thema - der Großstadt im Roman der 20er Jahre ... - nun doch auszuweiten scheint - es ist ja auch sehr spannend - , möchte ich doch noch ein paar Hinweise beisteuern.

Science Fiction aus einer anderen Perspektive gesehen - als bei "Metropolis":

"Bereits in den Werken der 20er Jahre entwickelt Aldous Huxley Ideen, die in seinem 1932 erstmals veröffentlichtem Roman „Brave New World” (dt. „Schöne, neue Welt”) wieder auftreten und neu verknüpft werden. In „Crome Yellow” (1921) zum Beispiel findet man bereits die Idee zur Trennung von Eros und Fortpflanzung in der Vision eines Zukunftsstaates. Es taucht ebenfalls die Anlage einer streng hierarchisch aufgebauten Gesellschaftsordnung auf, in der die Elite mit Hilfe von Suggestion und Konditionierung ihre Gesellschaftsmitglieder lenkt. In seinen „Proper Studies” (1926/27) zeichnet er bereits die Planungsskizze der Gesellschaft der „Brave New World” als eine mit Hilfe der Eugenik konstruierte, pyramidenförmige Gesellschaft. In „Point Counterpoint” (1928) findet man das Thema der aus Büchern gewonnenen, vergeistigten und idealisierten Liebe, wie sie John Savage und zum Teil auch Bernhard Marx in der brave new world empfinden werden. Außerdem sieht man in diesem Roman deutlich die Weiterentwicklung der Vision aus „Crome Yellow” in Gestalt einer vergnügungssüchtigen, in sexueller Promiskuität lebenden jungen Witwe, in der damit bereits wesentliche Charakterzüge der Frauen in der schönen, neuen Welt vorgezeichnet sind. Die Figur des Mark Rampion begreift „die Geschichte der menschlichen Gesellschaft als Degenerationsprozeßes, der aber im wesentlichen geistige Ursachen haben soll (...) Nach Rampions idealisierter Geschichtsauffassung sind die Probleme der Industriegesellschaft (...) letztlich Folge des ‘Intellektualismus’, also einer geistigen Vorentscheidung.” (zitiert aus: Aldous Huxley: Brave New World im Kontext der Sloderdijk-Debatte Autor: Corinna Hein)
http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/24622.html

zum Berliner Alexanderplatz von Alfred Döblin habe ich noch folgende interessante Hinweise gefunden:

Die Großstadt als Wahrnehmungsherausforderung in Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz (1929) Autor: Johannes Klaas
http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/719.html


Auch Roman einer Epoche - Vor 75 Jahren erschien "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin (in: Preußische Allgemeine Zeitung vom 21. Februar 2004)
http://www.webarchiv-server.de/pin/arch ... 4paz24.htm

und - speziell für Paula und alle Filminteressierten :wink: - :
Kino in der Weimarer Republik - Filme der Neuen Sachlichkeit Autor: Anna Purath mit Filmbesprechungen zu Symphonie einer Großstadt (1927; R.: Walther Ruttmann), Menschen am Sonntag (1929; R.: Robert Siodmak),
Tagebuch einer Verlorenen (1929; R.: G. W. Pabst) , Mutter Krausens Fahrt ins Glück (1929; R.: Piel Jutzi)
http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/6858.html

Viele Grüße von Paul :lol:

ps: wen es interessiert: unter dem Thema "Der neue Orpheus" - jetzt in der Rubrik "Gedichte" ( http://rilke.de/phpboard/viewtopic.php?t=516 ) - wurde schon einmal ausführlich über den fehlenden Eiffelturm im "Malte" diskutiert und gerätselt :wink:
"... Knaben, o werft den Mut/ nicht in die Schnelligkeit,/ nicht in den Flugversuch./ Alles ist ausgeruht:/ Dunkel und Helligkeit,/ Blume und Buch." (R.M. Rilke)

Barbara
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Architektur Biennale in Venedig

Beitrag von Barbara » 27. Sep 2004, 18:50

Hallo,

ein aktueller Hinweis zum Thema: in Venedig findet zur Zeit die 9. Architektur-Biennale statt (vom 12. September bis 7. November 2004). Im deutschen Pavillon werden dort städtische Problembereiche wie Industriebrachen und sozialer Wohnungsbau ... und alternative Baumodelle gezeigt.

Online: http://www.labiennale.org/en/architectu ... index.html

oder: http://www.deutschlandscape.de

Viele Grüße von Barbara :lol:

M.

Stundenbuch und Pariserfahrung im "Malte"

Beitrag von M. » 30. Jan 2005, 14:41

Hallo,

gibt es Ähnlichkeiten, Parallellen in der Stadterfahrung R. M. Rilkes im "Malte" und im dritten Teil des "Stundenbuchs" - ähnliche Bilder, Motive ... ? Wie ist das entstehungs-, werkgeschichtlich vergleichbar ? Und wie sieht es mit der Vergleichbarkeit der Sprach(bild)e(r) aus ?

M. 8)

Paula
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Beitrag von Paula » 11. Apr 2005, 11:29

"Nach dem Gehaste der Stadt wieder diesen hohen wartenden Wald zu sehen! Wie vornehm ist doch das Stehen, die Ruhe. Verwirrt von den heftigen Gesten der Menschen, fühlt man, daß es nur zwei verwandte und große Bewegungen gibt. Der Flügelschlag eines hohen Vogels und das Schwanken der Wipfel. Diese beiden Gebärden sollen deine Seele lehren, sich zu bewegen." (Rainer Maria Rilke am 7. April 1900, gegen Abend)

Auch ein Blick - zurück - auf die Stadt ...

Paula :lol:

Paul A.
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Beitrag von Paul A. » 12. Dez 2006, 21:04

Hallo,

der von Rilke verehrte Detlev von Liliencron dichtete, was man kaum für möglich , aber denkbar , halten sollte:

Der Broadway in New York (Auszug)


Die Straße, die den Westen mit dem Osten
Und wieder weiter mit dem Westen bindet,
Betrat Ich einst: Der Erde Reichtum fließt
Durch diese Riesenader von New York.
Der Völker bunte Mischung sah ich hasten,
Doch drängte sich der Yankee klug und rastlos
Vor allen hier: in seinen scharfen Augen,
In seinem Rennen, seinem Sinnen lag
Nur eins, die unersättlich große Gier
Nach Gold, auf alle Fälle Geld zu „machen“:
Und mich befiel ein Grauen, ratlos fast
Sah ich mich um nach einem Halt. – Da plötzlich
In all dem Schreien, Stoßen, Fluchen, Treiben,
Zog klar vorüber mir ein liebes Bild:
Ganz wie versteckt in Feld und Wald und Heide,
Fern von den Dörfern und den großen Straßen,
Liegt unser Haus vereinsamt und verloren,
in eines alten Gartens stiller Welt.
Die Sonne schien auf kiesbedeckte Wege,
Und in den Bäumen war ein Maienleben.
Du gingst zur Seite mir, und Hand in Hand,
So standen endlich wir am lichten Rande
Der kleinen Holzung: Vor uns schwieg die Landschaft.
Ein Läuten kam aus unsichtbarer Ferne.
Wie schön es war. – Es zogen tiefe Schatten
Um uns, und fröhlich küßte deine Augen
Ein frischer Buchenzweig.

Wie langweilig dagegen Rilke selbst :?

Paul :lol:
"... Knaben, o werft den Mut/ nicht in die Schnelligkeit,/ nicht in den Flugversuch./ Alles ist ausgeruht:/ Dunkel und Helligkeit,/ Blume und Buch." (R.M. Rilke)

Daniel
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Re: die Entdeckung der Stadt bei Rilke

Beitrag von Daniel » 19. Jul 2008, 15:38

Eine von Rilkes Zeitgenossen schreibt:

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht ...
Ich habe Liebe in die Welt gebracht -
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht lässt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Else Lasker-Schüler
(1869-1945)

Ihr Weg führte sie nicht nach New York sondern nach Jerusalem !

meint.... Daniel :)

Barbara
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Re: die Entdeckung der Stadt bei Rilke

Beitrag von Barbara » 1. Mai 2009, 07:49

Hallo,

Die Vertreibung begann 1933 !

Ich möchte die Besucher und Teilnehmenden am Rilke Forum auf eine Petition hinweisen und um Unterzeichnung im Internet und Weiterverbreitung bitten:


Hier der Text der Petition:

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass das „Zentrum gegen Vertreibung“ ergänzt wird um das Thema der Vertreibung der Künstler und anderer Intellektueller ab 1933. Diese Lösung entspreche den wahren historischen Vorgängen und würde der Zusammenarbeit mit einst vom Deutschen Reich okkupierten Ländern gerecht.
Begründung
Die großen Vertreibungen begannen bereits ab 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Künstler u. a. Intellektuelle, Wissenschaftler, Politiker, Gewerkschafter und sogar Sportler wurden als erste vertrieben. Stellvertretend für Hunderttausende der Besten aus der deutschsprachigen und damit abendländischen Kultur seien hier nur genannt:
Dichter wie Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Else Lasker-Schüler, Stefan Zweig; Maler wie Max Ernst, Paul Klee, Komponisten wie Arnold Schönberg, Paul Hindemith, Kurt Weill, Theaterleute wie Therese Giehse und Erwin Piscator, Dirigenten wie Otto Klemperer, Bruno Walter oder Paul Abraham, Philosophen wie Hannah Arendt, Wissenschaftler wie Albert Einstein und Lise Meitner, Filmemacher wie Billy Wilder, Juristen wie Fritz Bauer, Historiker wie Fritz Stern, Mediziner wie Sigmund Freud, Gewerkschafter wie Max Brauer und Josef Ladig, aber auch Politiker wie Willy Brandt, Henry Kissinger, Josef Burg, Teddy Kollek, Nahum Goldmann, Georg Weidenfeld, Otto Braun oder Joseph Wirth.
Viele mussten unter Zurücklassen aller Habe fliehen, weil sie mit Verhaftung, Folter und Tod rechnen mussten. Als jüdische Mitbürger oder politisch Verfolgte mussten sie in anderen Staa-ten ein Exil suchen, das mit der Besetzung durch die Wehrmacht oftmals auch nicht mehr sicher war. Die Geschichte des Exils (und der Verfolgung, auch des „Inneren Exils“) ist eine Geschichte von persönlichen Schicksalen, die mehr sagen als abstrakte Zahlen. Es war Kalkül der Nazis, diese oftmals echten Patrioten und Demokraten aus ihrer Heimat für immer zu ver-treiben. Ihre Werke wurden verbrannt und als „entartet“ geächtet. Ihre Biografien sollten aus dem Gedächtnis der Nation getilgt werden. Sie wurden, bis auf wenige Ausnahmen, nicht wieder zurückgerufen von der Bundesrepublik Deutschland. Doch gerade sie sind es, auf die wir stolz sein können.

Dokumentation und Präsentation der Werke und der Schicksale dieser ersten Vertriebenen im Rahmen eines Zentrums der verfolgten Künste sollte nationale Verpflichtung sein.

https://epetitionen.bundestag.de/index. ... ition=3714

Vermutlich hätte Rilke diese Petition auch unterschrieben ;-) !

Barbara :D

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