Abschnitt 32

Rilkes Roman.

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Lukasz

Abschnitt 32

Beitrag von Lukasz » 14. Nov 2004, 19:47

Hi. Ich bin ein Germanistikstudent aus Polen ... ja aber, dass ist nicht das Problem ;). Vor ein paar Tagen hab ich die „angenehme“ Aufgabe bekommen, den 32 Abschnitt aus Rilkes Aufzeichnungen zu interpretieren (Dieser Abschnitt fängt mit diesem Satz: „Wenn ich das jetzt überdenke, kann ich mich wundern, (...)“ und endet mit den Wörtern: „(...), rein wie ein Stück.“). Meine Bitte an Euch wäre, mir Interpretation/Denkanstöße zu liefern eventuell Literaturtipps zu geben. BTW. ich will keine fertige Interpretationen sondern nur Eure Gedanken spontan oder mehr durchdacht, egal ich bin sehr dankbar für jede Hilfe.

(Wenn jemand die Jubiläumsausgabe von Insel haben sollte findet er/sie diesen Abschnitt auf den Seiten 83-90)

Mit freundlichem Gruß

Lukasz

Paula
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Beitrag von Paula » 21. Nov 2004, 15:36

Hi!

Ich finde das ganz interessant , da ich gerade auch den "Malte" lese und würde mich sehr gerne darüber austauschen .

Was mir spontan zu diesem Kapitel einfällt ist die Thematik des Verkleidens, der Maskerade, des Sich-Verstellens . Es wird in unterschiedlichen Situationen geschildert . Am Schluß wird es umgekehrt : Malte fällt tatsächlich aus (in Ohnmacht ? ) und alle denken, es sei Maskerade . Andererseits verkleidet er sich , ohne zu wissen, was ihn erwartet ... Das nur einige Beispiele . Wofür steht dieses Bild der Maskerade im Roman ? Die Auflösung gesellschaftlicher Zusammenhänge in die Moderne ? Was für tatsächliche oder scheinbare Maskeraden gibt es sonst noch , zb in Paris, auf Ulsgaard...?

Sicher hast Du bereits selbst ein paar Ideen zu der Aufzeichnung 32 ?! Mich stört nämlich etwas, dass ich (oder wir) Dir hier etwas "liefern" sollen . Lass uns doch gemeinsam dieses Kapitel ansehen ! Fang doch einfach auch mal an, Deine Ideen und Fragen dazu zu schreiben !

Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder im Forum ?!

Liebe Grüße von Paula :lol:

Lukasz
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Beitrag von Lukasz » 23. Nov 2004, 00:22

Ich fange mit der Abgrenzung seiner (Maltes) Welt und der ulsgaarder Welt, er sieht von oben (aus den Gastzimmern) auf Ulsgaard herab. Oben ist auch der mysteriöse Eckraum, wo der größte Teil der von dir erwähnten Maskerade statt findet. Dann später geht er auch von Oben nach Unten aus seinem Eckraum auf die Menschen zu, wenn er bemerkt, dass er sie brauch – er nimmt aber ein Teil seiner Welt (sein Leiden) mit sich und zeigt es den Menschen - sie können es nicht verstehen, erst wenn er ohnmächtig wird. Also wird auch die Maske zur Grenze. Aber warum trägt gerade Malte die Maske und nicht die anderen..? Ich hätte mir besser die Situation andersrum vorgestellt, dass alle Masken tragen und Malte alleine ohne Maske ist. Dient die Maskerade nur als Abschirmung/Abgrenzung?
Wie ist die Geschichte mit zerbrochenen Poerzelanpapageien zu deuten?

Tom

Beitrag von Tom » 23. Nov 2004, 18:46

Hi,


... der Papagei ist doch nur ein Symbol für den Verfall der Gesellschaft - oder ?
Er muss wohl ziemlich kitschig gewesen sein . Ausserdem sind Papageien doch nur (dumme) Vögel, die immer alles nachplappern ;-) - dafür aber ziemlich bunte Vögel. Zur Maskerade der Gesellschaft will ich hier lieber nichts sagen , aber vielleicht schreibt ja jemand anders was dazu ?

So long,

Tom :lol:

gliwi
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Beitrag von gliwi » 23. Nov 2004, 20:10

Papageien dumm? Einspruch! "Unter türkischen Linden, die blühen, an Rasenrändern..." PAPAGEIENPARK. Da werden ihnen die "duffen Tauben" gegenübergestellt, und die Papageien sind alles andere als dumm.
Gruß
gliwi

Tom

Beitrag von Tom » 23. Nov 2004, 20:36

Ja, gliwi, da hast Du Recht ! Ich kannte dieses Gedicht noch gar nicht , habe es gerade erst entdeckt !

Aber: was könnten denn die Papageien hier im "Malte" bedeuten ? Hast Du eine Idee ?

See you, Tom

Paula
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Beitrag von Paula » 25. Nov 2004, 08:08

Hallo,

einige weitere Fragen (und Überlegungen) zur Maskerade:

vielleicht ist es so, dass die Maskerade für die Suche nach Identität steht ?

Malte sucht (unbewusst ?) nach einer (neuen) Identität , die er aber nicht findet, während die ihn umgebende Umwelt , die Anderen auf Ulsgaard... sich in ihren Rollen weitgehend eingerichtet haben und diese nicht aufgeben wollen (oder können) ? Deshalb brauchen sie - wenn meine These stimmt - auch keine Masken (bzw wollen keine, lehnen diese ab) . Im Grunde verkleiden sie sich aber doch durch die verschiedenen Rollen, die sie übernommen haben innerhalb der Gesellschaft ? Interessant , dass Malte mit den Masken spielt , und ausprobiert - teilweise auch unbewusst -, welche Rolle er mit welcher Maske einnimmt, wie sie ihm steht . Der Spiegel spielt dabei wohl auch eine bestimmte Rolle auf der Suche des Erkennens... ? Wünscht Malte sich -überhaupt - eine neue Identität ? Da steckt vermutlich auch viel drin vom Thema der Jugend und auch der Psychologie der Zeit Rilkes ?

Was meint Ihr ?

Viele Grüße von Paula :lol:

Daniela

porzellanpapageien

Beitrag von Daniela » 27. Nov 2004, 17:46

Hallo,

Ich finde es sehr interessant: das Verhältnis Rilkes zum Wesen der Dinge und sein Versuch, damit auch die eigene Identitaet aufzubauen.

Ich mag seine Fähigkeit, durch kleine Dinge tiefe Fragen zu stellen und innere Verwandlungen abzubilden.

Die Neuen Gedichten sind ja in der Malte-Zeit entstanden und ich finde es so schön, ab und zu eines davon zu lesen.

Viele Grüße von Daniela :lol:

Lukasz
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Beitrag von Lukasz » 28. Nov 2004, 23:22

Hallo allerseits,
was mir als nicht ganz klar erscheint sind die ersten Sätze des Abschnitts 32. Ich habe da aber eine „Theorie“ nämlich dass Malte wenn er auf seine Kindheit/Vergangenheit zurückblickt verwundert ist, dass er aus „aus der Welt dieser Fieber doch immer wieder zurückkam“ und siech in der gemeinsamen Welt der Familie jedes mal zurechtfinden konnte. Also er überholt so zu sagen die Geschichte mit dem Eckzimmer, die Maskeraden und seine Abgrenzung von seiner Umgebung um den Leser zu versichern dass er immer wieder von der seinen Welt in die „normale“ Welt zurückkehrt. Was meint Ihr?

[Paula] Deshalb brauchen sie - wenn meine These stimmt - auch keine Masken (bzw. wollen keine, lehnen diese ab) . Im Grunde verkleiden sie sich aber doch durch die verschiedenen Rollen, die sie übernommen haben innerhalb der Gesellschaft ?[Paula]

Ehrlich gesagt verstehe ich dass nicht ganz, wie man keine Maske braucht und doch sich verkleidet muss... so wäre es zu deuten dass alle auf Ulsgaard schon ihre Rolle (innerhalb der Gesellschaft) gefunden haben (ihre Maske schon an haben) und nicht mehr suchen müssen. Malte ist der Einzige der eine braucht. Aber kommen wir wieder zum Anfang, wo es steht dass Malte „aus der Welt dieser Fieber doch immer wieder zurückkam“ (aus dieser suche nach seiner Rolle) welche er als fieberhafte Welt bezeichnet... immer wieder dass heißt er hat sie noch nicht gefunden und weiter sucht... ich weis es Malte ist einzigartig, aber muss es dazu führen das er niemals seine Maske findet, oder überinterpretiere ich hier ein bisschen. ;)
Warum muss er für immer ein Pendler zwischen den beiden Welten sein? Oder verstehe ich das verkehrt?

Mit freundlichem Gruß
Lukasz

Paula
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Beitrag von Paula » 29. Nov 2004, 21:08

Hallo,
L:Ich habe da aber eine „Theorie“ nämlich dass Malte wenn er auf seine Kindheit/Vergangenheit zurückblickt verwundert ist, dass er aus „aus der Welt dieser Fieber doch immer wieder zurückkam“ und siech in der gemeinsamen Welt der Familie jedes mal zurechtfinden konnte. Also er überholt so zu sagen die Geschichte mit dem Eckzimmer, die Maskeraden und seine Abgrenzung von seiner Umgebung um den Leser zu versichern dass er immer wieder von der seinen Welt in die „normale“ Welt zurückkehrt. Was meint Ihr?
Ich verstehe es so, dass Malte sich in dieser Welt der Familie auskennt. Das Problem ist nur, dass diese Welt gerade dabei ist, unterzugehen, sich aufzulösen. Malte ist deshalb gezwungen , nach einer neuen Rolle zu suchen, da er die alte , die er früher in der Familie hätte annehmen können/ müssen, nicht mehr übernehmen kann . Es gibt sie nicht mehr .
L: so wäre es zu deuten dass alle auf Ulsgaard schon ihre Rolle (innerhalb der Gesellschaft) gefunden haben (ihre Maske schon an haben) und nicht mehr suchen müssen. Malte ist der Einzige der eine braucht
... genau so ist es !

Wenn man diesen Abschnitt im Zusammenhang des Romans sieht - und das möchte ich gerne -, geht es um einen Umbruch der Gesellschaft, der Familie Maltes. Ich bin auch gar nicht sicher, ob Malte es mag, sich zu maskieren oder ob er sich dazu gezwungen fühlt, dazu gezwungen wird - durch die Umstände seiner Zeit, in seiner Familie. Was sollte er auch sonst machen ? Das Buch handelt vom Ende einer Familie, der Tradition und dem Übergang in die Moderne . Einiges versucht man zu retten. So liest Malte in der Bibliothek Nationale in Paris nicht Verlaine sondern Jammes: "er hat einen Dichter" - 16. Aufzeichnung.

Versucht wird Traditionen in die Moderne Zeit hinüberzuretten. Ein weiteres Beispiel: stirbt der Großvater - in der 8. Aufzeichnung - noch auf Ulsgaard einen alten Tod, so stirbt in der 45. Aufzeichnung der Vater in einer Etagenwohnung in der Stadt - aber mit alten Traditionen: auch hier gibt es noch Diener, er besteht auf den Herzstich ... Er will - trotz der Anonymität in der Stadt, Etagenwohnung ... - seinen eigenen (persönlichen), sicher bestätigten Tod ...

Rollen, die jahrhundertelang tradiert wurden, ja selbstverständlich waren und eingenommen wurden, lösen sich mit der Zeit auf bzw werden versucht, hinüberzuretten, was dann - für die Beobachtenden und Lesenden - bis hin zum Absurden führt. Eigentlich müssten neue Rollen gefunden werden... Deshalb auch Maltes Maskerade in der 32. Aufzeichnung . (Natürlich - aber das ist ein anderes Thema - können auch verschiedene Rollen gleichzeitig eingenommen werden: so ist der alte Kammerherr auch zugleich der Großvater...)

Soweit erstmal. Es wäre schön, wir könnten im Austausch bleiben darüber. Es gibt noch so viel zu sagen zu diesem Thema ...

Viele Grüße von Paula :lol:

Lukasz
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Beitrag von Lukasz » 4. Dez 2004, 21:32

[Paula] Wenn man diesen Abschnitt im Zusammenhang des Romans sieht - und das möchte ich gerne -, geht es um einen Umbruch der Gesellschaft, der Familie Maltes. Ich bin auch gar nicht sicher, ob Malte es mag, sich zu maskieren oder ob er sich dazu gezwungen fühlt, dazu gezwungen wird - durch die Umstände seiner Zeit, in seiner Familie. Was sollte er auch sonst machen ? Das Buch handelt vom Ende einer Familie, der Tradition und dem Übergang in die Moderne . Einiges versucht man zu retten. So liest Malte in der Bibliothek Nationale in Paris nicht Verlaine sondern Jammes: "er hat einen Dichter" - 16. Aufzeichnung. [Paula]

Aber auch in dieser Aufzeichnung (16) ist Malte Teil einer Maskerade – er versucht sich von den Armen Menschen abzugrenzen obwohl er selber jetzt arm ist – aber ihm gelingt es nicht er wird von den Armen erkannt (trotz seiner Adeligkeit). Der einzige Ort wo er sich sicher füllt ist die Bibliothek – frei von Lärm von armen Menschen hier ist jeder für sich da 100%-ig anonym – und Malte füllt sich dort sehr wohl. Das Buch kann man auch als Maske sehen jeder hat seine eigene - die Bücher unterscheiden die Leser – jeder ist in seiner Welt in seiner Heterotopie.

Noch mal zurück zu Abschnitt 32 wie könnte man den „großen, schrecklichen Unbekannten“ deuten? Ist es Maltes Spiegelbild oder spielen nur seine Gedanken ihm einen bösen Streich? Ich hab diesen Absatz über den Unbekanten schon x-mal gelesen aber bis jetzt keine Erklärung dafür gefunden. :/

[Paula] Soweit erstmal. Es wäre schön, wir könnten im Austausch bleiben darüber. Es gibt noch so viel zu sagen zu diesem Thema ... [Paula]

Ich finde den Austausch auch sehr gut – aber sei nicht böse, wenn ich manchmal länger nicht antworte manchmal fehlt die Zeit um sich zu konzentrieren...

Mit freundlichem Gruß
Lukasz
:wink:

Paula
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Beitrag von Paula » 14. Dez 2004, 21:42

Hallo,

so genau kenne ich mich in der Psychologie nicht aus, aber vielleicht steht der
"große, schreckliche Unbekannte“ für ein Über-Ich Maltes ? Malte erkennt es noch nicht, kann es nicht benennen ... und erschrickt davor . Es wäre der psychoanalytisch gedeutete Schritt in die Moderne, die Veränderung der Geschichte .

Es könnte auch die Maske des Todes sein. Dann wäre es die Angst vor dem Tod.

Was meint Ihr ?

Liebe Grüße von Paula :lol:

stilz
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Beitrag von stilz » 26. Feb 2005, 22:44

Hallo,

ich denke, dieser "Große Unbekannte" ist zunächst mal einfach das Spiegelbild des maskierten und vermummten Malte... aber da er jetzt in einem "erschreckten" und hypersensiblen Zustand ist, wirkt es nicht mehr spannend und irgendwie lustig, wie vorher, sondern es rührt an alle Ängste, die Malte jemals gehabt hat, die eingeschlossen, die er sich bisher noch nicht eingestanden hat...

Habt Ihr das noch nie erlebt, wie ganz alltägliche Gegenstände plötzlich in bedrohliche Ungeheuer "umschlagen", vorwiegend kenne ich das aus der Kindheit, wenn man im Bett liegt, das Licht abgedreht wird, und man allein ist mit den Schatten, die plötzlich so unheimlich und gefährlich anders erscheinen als die vertrauten Dinge, mit denen man tagsüber gespielt hat...

Diese "Schatten" können, ebenso wie Maltes Spiegelbild, natürlich nur dann so beängstigend wirken, wenn diese Ängste schon vorher irgendwie in uns sind.
So verstehe ich es.

Was meint Ihr?

Liebe Grüße

stilz

Fritz
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Beitrag von Fritz » 27. Feb 2005, 20:22

Hallo Ingrid,
Diese "Schatten" können, ebenso wie Maltes Spiegelbild, natürlich nur dann so beängstigend wirken, wenn diese Ängste schon vorher irgendwie in uns sind. So verstehe ich es.
Frage: was könnten diese Ängste sein, die ja ganz fundamental sein müssen ? Wovor könnten wir uns fürchten: vor der Dunkelheit, aber was ist das genau ? Ich kenne das auch ! Es könnte die Angst vor dem Tod ebenso sein wie die Angst vor dem Unbekannten des Lebens. Andererseits habe ich es als Kind auch geliebt, "Höhlen zu bauen" und mich darin zu "verstecken". Warum ist das so, dass wir alle das erleben in irgendeiner Weise ? Steckt doch ziemlich viel Psychologie drin, oder ? Geheimnis... ?

Viele Grüße von Fritz

Barbara
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Beitrag von Barbara » 28. Feb 2005, 12:33

Hallo,

... Platons Höhlengleichnis :wink: ?

Barbara :lol:

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