Abschnitt 32

Rilkes Roman.

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stilz
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Beitrag von stilz » 28. Feb 2005, 20:47

Hallo,

Liebe Barbara: danke für die Platonische Assoziation!!!

Und Fritz:
Ja, was könnten das für Ängste sein, sind sie uns vielleicht irgendwie "eingeboren" oder allesamt traumatisch erworben? Das alles weiß ich natürlich überhaupt nicht.

Ich denke aber im Moment an Uexkülls Auffassung, daß wir alle unser Leben in einer Art "Wahrnehmungsröhre" verbringen, und zwar jeder in seiner eigenen... und noch dazu ist diese "Röhre" ein Konstrukt unserer Wahrnehmungsfähigkeit, dh wohl der Gesamtheit unserer physischen (alle Sinnesorgane) und psychischen Voraussetzungen.

Dazu paßt in der Tat sehr gut das Höhlengleichnis, das ja auch davon erzählt, wie sehr verschieden Wahrnehmung und Wirklichkeit sind, und wie gar nicht so ein in seiner "Röhre" bzw in Platons Höhle Gefangener das feststellen kann.

Und zum Thema der Ängste, die wir uns natürlich auch selbst machen, eben in unserer "Röhre":
Da gibt es eine sehr interessante Parallele zum "Höhlengleichnis": Denn ebenso wie der eine, dem es bei Plato gelingt, sich zu befreien, aufzustehen, sich umzudrehen und dadurch die bisherige "Täuschung" zu erkennen --- ja, ganz genauso ging es mir auch mit der Angst vor den Schatten im dunklen Kinderzimmer:
Wenn ich es schaffte, aufzustehen und auf das "Bedrohliche" zuzugehen, verwandelte es sich wieder in den vertrauten und ganz ungefährlichen Gegenstand, der es den ganzen Tag gewesen war.

Natürlich schafft man das nicht immer - und im "Malte" gibt es auch die sehr schöne Stelle, wo die "allmächtige" Mutter die Aufgabe übernimmt, die gefährlichen Schatten wieder in Vertrautes zurückzuverwandeln...

Ich finde den Gedanken faszinierend, daß auf diese Weise gerade unsere Ängste, so absurd sie immer sein mögen, es uns ermöglichen, unseren "Mut" zu üben, damit wir später in der Lage sind, den Dingen, die uns Angst machen, "ins Auge zu sehen", auf daß sie das bedrohlich-Schattenhafte verlieren mögen...


Ich bin nicht ganz sicher: habe ich mich jetzt zu weit vom "Malte" entfernt?
Andererseits scheint mir das alles irgendwie in ihm "drin" zu sein...

Liebe Grüße!

Ingrid

Gast

Beitrag von Gast » 3. Feb 2006, 19:37

Hi,

Malte erkennt, wozu eine Maske notwendig ist ?!

Stefan :roll:

DoMi
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Beitrag von DoMi » 10. Nov 2007, 15:55

Hallo ihr,

ich habe gerade einmal wieder im "Malte" gelesen und bin auf eben diese Aufzeichnung 32 gestoßen. Mit viel Interesse habe ich eure Beiträge hier gelesen, doch einen Punkt verstehe ich dennoch nicht ganz. Welche Bedeutung hat der Spiegel? Ich meine, die Szene mit der Maskerade wäre doch die selbe gewesen und hätte die selben Ausagen erreicht ohne den Spiegel: die Aussage der neuen Identitätsfindung in einer gerade werdenden, Gesellschaft. (dessen Prozess Ängste hervorruft, die überwunden werden müssen.)
Oder erkennt der (noch junge) Malte durch diesen Blick aus dem Spiegel heraus ebendieses Sichverkleidenmüssen?? (welches zu dem Zeitpunkt noch unmöglich ist? :arrow: Ohnmacht? da das Kostüm, welches er anlegte unpassend war?? Es passte noch nicht in die Gesellschaft...und deshalb erkennen sie seinen Zustand nicht, sehen sein Weinen nicht und können ihn nicht hören???)
Mir ist auf jeden Fall aufgefallen, dass ich diesen Schluss des Abschnitts 32 noch nicht wirklich verstehe...es wäre schön wenn ihr mir dabei helfen könntet.

Liebe Grüße

Dominik

stilz
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Beitrag von stilz » 14. Nov 2007, 16:29

Hallo Dominik,

also, ich kann mir eigentlich überhaupt nicht vorstellen, wie diese Szene ohne den Spiegel verständlich werden könnte.
Malte verwendet diesen Spiegel zunächst zur Belustigung... aber auch schon bei den ersten scherzhaften Verkleidungsversuchen erkennt er, wie er sich fast unwillkürlich die Bewegungen und das Gehabe zu eigen macht, die das jeweilige Kostüm zu erfordern scheint... das paßt sehr gut zu den anfangs erzählten Dingen aus dem Alltag, in bestimmten Situationen hatte man sich so und so zu benehmen, das war eben so.
In diesen ersten Verkleidungen gibt es allerdings noch keine Maske, und Malte kann sich daher immer sofort auch als er selbst erkennen und weiß, daß er die jeweilige Rolle nur spielt.
Das ist anfangs auch mit der Maske noch so, da er sich jederzeit des Spiels und seiner Verkleidung bewußt ist.
Dann allerdings geschieht etwas, das nicht mehr die dargestellte Gestalt, sondern Malte in seinem Alltag betrifft - er wirft den Tisch um und fühlt sofort die für ihn, Malte, damit verbundene Verpflichtung, "aufzuräumen". Während er das ein bisserl hektisch versucht, ist er ganz er selbst und vergißt die unheimliche Gestalt, die er darstellt, er möchte nur die hinderlichen Kleider und die Maske wieder loswerden und geht zu diesem Zweck zum Spiegel.
Ja, und dann "rächt sich" dieser Spiegel, indem er ihm statt des erwarteten Malte diesen großen Unbekannten zeigt... und aller Halt geht für Malte verloren, da er "sich selbst" verloren zu haben meint und nicht mehr finden kann ..

Für mich bedeutet es auch etwas, daß am Beginn dieser Aufzeichnung die erstarrten Verhaltensregeln aus dem familiären Alltag geschildert werden. Denn kann es nicht auch durch jahrelanges automatisches und unhinterfragtes Befolgen solcher unausgesprochenen Erwartungen geschehen, daß man irgendwann gar nicht mehr weiß, wo unter all den Konventionen eigentlich man selbst, das eigene Ich, geblieben ist? Und wenn das geschehen ist, ist man dann nicht sozusagen "ohnmächtig", auch nur das geringste am eigenen Alltag zu verändern? Hier liegt meiner Meinung nach eine der Wurzeln des heute so häufig gewordenen "Burn-out-Syndroms"...

Im Sinne von Rilkes "Gebrauchsanweisung",den ganzen "Malte" sozusagen "gegen den Strom zu lesen", kann man's natürlich auch als Anleitung sehen, wie ein solcher "Ich-Verlust" zu verhindern wäre...

Lieben Gruß

stilz
Zuletzt geändert von stilz am 22. Jan 2014, 17:00, insgesamt 1-mal geändert.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

DoMi
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Beitrag von DoMi » 14. Nov 2007, 19:04

Liebe stilz,

natürlich wäre auch für mich die Szene ohne den Spiegel undenkbar. Ich habe mich mal wieder unklar ausgedrückt.... :roll:
Ich habe mich gefragt, warum Malte , so zu sagen, in den Spiegel "taucht". Warum wird Malte der Spiegel?
Soll das einfach nur demonstrieren, dass diese neue Gestalt, dieses Neue zu übermächtig für ihn geworden ist??
Wenn ich deiner Interpretation der Szene folge, dann würde dieses In-den-Spiegel-Wechseln seine Machtlosigkeit ausdrücken. Malte ist nicht mehr Herr der "Dinge" und kann nur noch zusehen - hilflos, machtlos zusehen.
Meine Frage betraf also hauptsächlich diesen Rollentausch.

Liebe Grüße

Dominik

Henry Lou

Re: Abschnitt 32

Beitrag von Henry Lou » 20. Dez 2009, 02:11

Liebe Malte-Tüftler,

schaue gerade hier vorbei, der Faden ist sehr interessant; und ich assoziiere spontan Heinrich von Kleist – „Über das Marionettentheater“.
Z.B. Maltes als „geführt“, aber grazil empfundene Bewegungen in der Maskerade. Rilke kannte den Aufsatz, und vielleicht kann man sogar von ähnlichen Hintergründen beider Texte in ihrer jeweiligen Entstehungszeit sprechen (Umbruchszeit und Biographisches verwoben). Besonders hervorzuheben:

„Von diesem Tage, gleichsam von diesem Augenblick an, ging eine unbegreifliche Veränderung mit dem jungen Menschen vor. Er fing an, tagelang vor dem Spiegel zu stehen; und immer ein Reiz nach dem anderen verließ ihn. Eine unsichtbare und unbegreifliche Gewalt schien sich, wie ein eisernes Netz, um das freie Spiel seiner Gebärden zu legen, und als ein Jahr verflossen war, war keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm zu entdecken, die die Augen der Menschen sonst, die ihn umringten, ergötzt hatte.“

Dann noch gegen Ende Kleists Assoziation mit dem gebündelten Licht im Hohlspiegel (in dem man sich ja innerhalb des Brennpunkts vergrößert sieht. Außerdem erscheint Maltes letzte Verkleidung erhaben, einer biblischen Figur oder ägyptischen Gottheit nicht unähnlich):

„(...) so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat, d.h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.“

Daß Malte am Ende bewusstlos wird, scheint mir auch kein Zufall zu sein.

@ DoMi: Was das Spiegelsein anbelangt, könnte man vage Narziß ins Auge fassen. Gefangensein, sich aus einem Alptraum befreien, Unschuld – Schuld, Einsamkeit, vielleicht Angst vor Gott. Mehr Mosaiksteinchen finde ich im Augenblick nicht.

Henry Lou

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