Mosaik 49 - Der Nachbar "Nikolaj Kusmitsch"

Rilkes Roman.

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Gast

Mosaik 49 - Der Nachbar "Nikolaj Kusmitsch"

Beitrag von Gast » 6. Dez 2004, 20:17

Hallo,

ich habe heute ein Klausur über MLB geschrieben und ein Thema (das ich nicht genommen habe ^^) war der Abschnitt auf Seite 121 - Seite 126 mit dem Nachbarn "Nikolaj Kusmitsch", dem Beamten der seine Zeit mit Geld vergleicht.

Zur Erinenrung: Er sagt, dass Zeit Geld sei und da er bestimtm noch 50 Jahre zu leben hätte, hätte er jede Menge Geld. Er wundert sich, dass er nicht bewacht wird, wo er doch so reich ist und dass es keine Zeitbank gibt, denn auch wenn man es nicht greifen kann, so ist es doch real. Diese Vorstellungen baut er immer weiter aus, bis er nur noch auf den Boden liegen will, weil sich die Erde dreht und er sie förmlich spüren kann. Deshalb sagt er imemr monoton Gedichte auf, da er dann das Gefühl hat, wenigstens etwas stabiles zu finden.

Ich finde dieses Gleichnis ist eigentlich ziemlich cool, nur konnte ich es schlichtweg nicht interpretieren oder den Zusammenhang für die Geschichte wiedergeben :oops: ... hatte aber eh eine andere Aufgabe gemacht :D.

Zum Thema: Welche Interpretationsansätze habt ihr für dieses Gleichnis (Bildnis, etc.)? Welche Bedeutung messt ihr dieser Geschichte für Malte und sein Leben und den Verlauf des Buches bei?

Danke,

Marcel.

gliwi
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Beitrag von gliwi » 7. Dez 2004, 18:42

Dieser Gedanke wird in "Momo" weitergedacht - würde mich interessieren, ob Ende ihn daher hat -, wo die grauen Herren ja tatsächlich den anderen die Zeit wegnehmen und sie für sich horten.
Gruß
gliwi

Barbara
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Beitrag von Barbara » 9. Dez 2004, 09:47

Hallo gliwi,

ich könnte mir vorstellen, dass Michael Ende Rilkes "Malte" gekannt hat . Auch hatte ich mit einer Freundin zusammen, schon in die gleiche Richtung überlegt. Es ist aber keine Antwort darauf, was Rilke im "Malte" mit dieser Geschichte sagen will. Im Roman geht es um die Zeit, um die Entwicklung und auch historische Seite der Zeit . Vielleicht soll diese Geschichte ein bestimmtes Verständnis von Zeit zeigen - aber welches ? Es scheint nicht dem Maltes zu entsprechen .

Viele Grüße von Barbara :lol:

ps.: mir gefällt das Thema hier "Mosaik" zu nennen, denn der ganze Roman scheint eine Art Mosaik zu sein ...

Gast

Beitrag von Gast » 9. Dez 2004, 12:21

Die Idee mit dem Mosaik hatte mal ein anderer LK vor uns, unsere Lehrerin hatte die Idee auch übernommen, weil sich diese Mosaiks quasi zusammensetzen ;).

Zum Thema: Es scheint wohl eine Art Wiederspiegelung Maltes zu sein, die Zeit die er seinem Leben widmet... Malte ist ja auch ein sehr genauer Beobachter, da gefällt es ihm auch, dass so einer wie sein Nachbar solche Ansichten zum Leben entwickelt.

Zu der Sache mit den Gedichten: Er ssagt wohl deshalb Gedichte in KInderreimen auf, weil sie ihm - wie einem Kind - das Gefühl von Geborgenheit und Schutz geben, das ist etwas Beständiges. Abgesehen davon erinnert ihn die Kindheit an die Zeit, als er noch "reich" war, reich an Zeit sozusagen.

MfG,

Marcel.

Paula
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Beitrag von Paula » 9. Dez 2004, 14:35

Hallo,

in dem "Malte" steckt ziemlich viel an Historizität, also historischen Augenblicken und Abläufen , die Malte auf sich bezieht, auf seine Geschichte . Insofern würde ich die Zeit im "Malte" über die Lebenszeit und das Thema "Zeit haben (oder nicht)" hinaus betrachten wollen. Was ich allerdings nicht verstehe: wieso wählt Rilke gerade die Burgunder Herzöge ? Es gibt doch noch andere untergehende Stammbäume ... ?!

Irgendwie ist es schon merkwürdig: da schildert er den Untergang einer Familie und plötzlich taucht so ein banales Beispiel auf, wie das vom Nachbarn ...

Was meint Ihr dazu ?

Viele Grüße von Paula :lol:

stefan81
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Beitrag von stefan81 » 21. Mär 2007, 14:38

Hallo. Warum er die Burgunder Herzöge wählte weiß ich auch nicht, mein historisches Wissen ist doch eher bescheiden.Deshalb hatte ich auch bei allen "historischen Episoden" ziemliche Verständnisprobleme.
Aber zu dem Nachbar habe ich eine Idee, und zwar bin ich nicht der Meinung, das Malte seinen Nachbarn so mag, weil er ein solches Verhältnis zur Zeit hat. Ich denke, er blickt vielmehr aus einer dem Nachbarn überlegenen Position auf ihn zurück, so wie sich z.B. ein Vater an seinen Sohn erinnert, als dieser als Kind noch völlig irrationale, u.U. sehr lustige Sachen sagte ooder machte. Maltes Verhältnis zu Zahlen (und somit auch zur Zeit) drückt sich in seinen Reflexionen darüber aus. Ich habe das Buch gerade nicht vorliegen, aber sinngemäß steht dort: Zahlen sind eine rein praktische Erfindung, im Leben gibt es sie nicht. Es ist noch niemandem in der Gesellschaft eine Sieben begegnet, so etwas gibt es einfach nicht.
Ich denke Malte erinnert sich an den Nachbarn, als einen, der einen Entwicklungsstand (des eigenen Weltverständnisses) verkörpert, den er übersprungen oder hinter sich gelassen hat, was man nicht mit Bestimmtheit sagen kann. Ich würe aber dazu tendieren, zu sagen, er hat ihn übersprungen, da ich mich an keine Textpassage erinnere, in der von seinem Zahlen- bzw. Zeitverständnis in einer solch problematisierenden Weise gesprochen wird, wie es bei Nachbar Kusmitsch der Fall ist. Und was meint ihr?

ChrisR
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Beitrag von ChrisR » 7. Nov 2007, 20:50

"Dieser kleine Beamte da nebenan war eines Sonntags auf die Idee gekommen, er nahm an, daß er recht lange leben würde, sagen wir noch fünfzig Jahre. Er überlegte, daß man diese Jahre in Tage, in Stunden, in Minuten, ja in Sekunden umwechseln könne, und er rechnete, und es kam eine Summe heraus, wie er noch nie eine gesehen hatte. Ihn schwindelte. Zeit war kostbar, hatte er immer sagen hören, und es wunderte ihn, daß man einen Menschen, der eine solche Menge Zeit besaß, nicht geradezu bewachte. Wie leicht konnte er bestohlen werden. Nikolaj Kusmitsch sah durchaus noch nicht übermütig aus, man durfte annehmen, daß er vernünftig sein würde. Er änderte in der Tat nichts an seiner bescheidenen, regelmäßigen Lebensführung, und die Sonntage brachte er nun damit zu, seine Rechnung in Ordnung zu bringen. Aber schon nach ein paar Wochen fiel es ihm auf, daß er unglaublich viel ausgäbe. Ich werde mich einschränken, dachte er. Er stand früher auf, er wusch sich weniger ausführlich, er trank stehend seinen Tee, er lief ins Bureau und kam viel zu früh. Er ersparte überall ein bißchen Zeit. Aber am Sonntag war nichts Erspartes da. Da begriff er, daß er betrogen sei."
Das ist ein sehr selektives Zitat, ich weiß. Aber Rilke bringt da noch einen anderen Aspekt, der m.E. auf dieser Forumsseite noch nicht angesprochen wurde. Ich hatte das, was da in den letzten Sätzen steht, auch selbst schon erlebt. Rilke bringt es für mich auf den Punkt.

stilz
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Beitrag von stilz » 7. Nov 2007, 22:52

Hallo Chris,

Dein "selektives Zitat" kam grad zur rechten Zeit: http://rilke.de/phpBB3/viewtopic.php?p=8766#8766

Lieben Gruß!

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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