Hund bei Rilke

Rilkes Roman.

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Gast

Hund bei Rilke

Beitrag von Gast » 16. Mär 2005, 22:53

Weiß irgendjemand, was der Hund in Rilkes Roman (oder auch sonst) für eine Bedeutung trägt? Ich weiß nur, er ist etwas Positives, doch kann ich dieses Motiv noch nicht richtig enträtseln... Er taucht aber auch in jeder Aufzeichnung auf..

Bror

Beitrag von Bror » 18. Dez 2005, 19:58

der Hund ist der treue Begleiter des Menschen und steht irgendwo für Verständnis, Treue und ein Stück weit Idylle.

sedna
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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von sedna » 22. Nov 2010, 18:54

"Daß mir mein Hund das Liebste sei,
sagst du, o Mensch, sei Sünde.
Mein Hund ist mir im Sturme treu,
der Mensch nicht mal im Winde."

Franz von Assisi


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lilaloufan
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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von lilaloufan » 22. Nov 2010, 22:20

:)

In der Fußnote dieses alten Beitrags steht eine Äußerung von Lou Albert-Lazard. Helle hat hier Interessantes zum Thema geschrieben.

Erinnert sich
l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von sedna » 23. Nov 2010, 13:29

Oh danke, lilaloufan, für das Verweisen auf den leeren Hund. Der erfüllt mir eine wichtige Funktion in einem anderen Gedankengang.

Hier noch ein Hundegedicht von Rilke, mitten in der Malte-Zeit entstanden, Juni/Juli 1907 in Paris.

Der Hund

Da oben wird das Bild von einer Welt
aus Blicken immerfort erneut und gilt.
Nur manchmal, heimlich, kommt ein Ding und stellt
sich neben ihn, wenn er durch dieses Bild

sich drängt, ganz unten, anders, wie er ist;
nicht ausgestoßen und nicht eingereiht,
und wie im Zweifel seine Wirklichkeit
weggebend an das Bild, das er vergißt,

um dennoch immer wieder sein Gesicht
hineinzuhalten, fast mit einem Flehen,
beinah begreifend, nah am Einverstehen
und doch verzichtend: denn er wäre nicht.

Aus: Der neuen Gedichte anderer Teil

sedna :D
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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von stilz » 23. Nov 2010, 13:41

Und immer, wenn ich an den "leeren Hund" denke, frage ich mich, ob es wirklich ein leerer oder nicht doch vielleicht ein "voller" Hund ist in dieser Passage aus der Zehnten Elegie:
  • ...
    gleich im Rücken der Planke, gleich dahinter, ists wirklich.
    Kinder spielen, und Liebende halten einander, - abseits,
    ernst, im ärmlichen Gras, und Hunde haben Natur.
?

Herzlichen Gruß,

stilz
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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von sedna » 23. Nov 2010, 14:25

So gesehen, daß die empfindlichen Sinne der Hunde sich in artgerechter Umgebung auf natürliche Weise voll entfalten können und sie ganz Hund sein dürfen, heißt das schon ein erfülltes Hunde-Leben voller sinnlicher Eindrücke zu haben.
Dieser Zustand dort ist aber der wirkliche - im Sinne von: der ersehnte ewige, nicht der irdische Zustand, meine ich, normale Hunde lebten dann leider anders

Aber eine andere Zeile macht mich an dieser Stelle stutzig. In meiner Erstausgabe von 1923 :cool: steht:

Kinder spielen, und Liebende halten einander abseits,
ernst, im ärmlichen Gras, und Hunde haben Natur.

Die Liebenden stehen also nicht nur so im Abseits herum, umarmt und still, wie es die von Dir zitierte Stelle glauben macht (oder irre ich mich? Denn mir scheint das abseits in passiver Form dort zum ernst Bezug nehmen zu wollen.) Während die Originalstelle einen Kraftakt ausdrückt: die Liebenden setzen einiges dran, einander bewußt abseits zu halten ...?!

sedna :shock:
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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von stilz » 23. Nov 2010, 15:13

Oh.
In meinem Gedichtband steht es so, wie ich es zitiert habe. Und so kommt es mir auch noch immer "stimmiger" vor - aber das tut ja wohl nichts zur Sache.

"Einander abseits halten" - das wäre tatsächlich etwas anderes als "einander halten und sich dabei abseits halten".
Leider können wir Rilke nicht mehr fragen, welcher Version er den Vorzug gibt...

Die "editorische Notiz" auf der letzten Seite meines Buches klärt mich darüber auf, daß der Band alle Gedichte "in ihrer letzten Fassung" wiedergibt... man müßte wohl in einer Kommentierten Ausgabe nachschauen. Wenn ich das nächste Mal in der Bibliothek bin, versuche ich es.

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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von sedna » 23. Nov 2010, 20:27

stilz hat geschrieben:Die "editorische Notiz" auf der letzten Seite meines Buches klärt mich darüber auf, daß der Band alle Gedichte "in ihrer letzten Fassung" wiedergibt
:roll:

Oje, da habe ich wohl schlafende Hunde geweckt (um jetzt irgendwie beim Thema zu bleiben)
Aber das interessiert mich. Sehr.
Rilke hat geschrieben:Kinder spielen, und Liebende halten einander abseits,
- in einem Atemzug gesprochen klingen hier Gegensätze an, aber die verschiedenen Bedeutungen greifen ineinander, und nur der der Sinn scheint verschlungen, nicht die Liebenden ...

Dann ist Bewegung im statisch anmutenden halten. Also Aktion: sie geben sich Halt dadurch, daß sie einander Abseits (Freiraum) erschließen. Sie stehen also (mal wieder rilketypisch) jeder für sich.
Und könnte man vielleicht sogar sagen, daß das abseits am Ende (so un-zusammenhängend) dem halten still und leise das eindeutig Transitive entzieht? (Dieses "Greifbare" bzw. "Bindende" kommt in der anderen Version doch etwas zu kitschig daher, nicht wahr ...)
stilz hat geschrieben:Die "editorische Notiz" auf der letzten Seite meines Buches klärt mich darüber auf, daß der Band alle Gedichte "in ihrer letzten Fassung" wiedergibt... man müßte wohl in einer Kommentierten Ausgabe nachschauen. Wenn ich das nächste Mal in der Bibliothek bin, versuche ich es.
Ja, bitte! :D

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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von sedna » 15. Dez 2010, 19:48

Am 3. May 1926 schickt Rilke ein Exemplar seiner Sonette an Orpheus als Geschenk an Marina Zwetajewa. Darin vermerkt er im ersten Teil am Rand des XVI. Sonetts "An einen Hund":

Du, mein Freund, bist einsam, weil ...
Wir machen mit Worten und Fingerzeigen
uns allmählich die Welt zu eigen,
vielleicht ihren schwächsten, gefährlichsten Teil.

Wer zeigt mit Fingern auf einen Geruch? —
Doch von den Kräften, die uns bedrohten,
fühlst du viele ... Du kennst die Toten,
und du erschrickst vor dem Zauberspruch.

Sieh, nun heißt es zusammen ertragen
Stückwerk und Teile, als sei es das Ganze.
Dir helfen, wird schwer sein. Vor allem: pflanze

mich nicht in dein Herz. Ich wüchse zu schnell.
Doch meines Herrn Hand will ich führen und sagen:
Hier. Das ist Esau in seinem Fell.


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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von sedna » 15. Dez 2010, 22:47

Na, da hätte ich mal zuerst googlen sollen ...
Die Anmerkung An einen Hund findet sich in vielen von Rilkes Briefen und Geschenkexemplaren der Sonette. Dieser Lesart Nachdruck zu verleihen, war für ihn wohl sehr bedeutsam.
Ich erwähne das hier nur der Vollständigkeit halber, weil es bisher noch nicht Thema im Forum war, möchte das Thema aber nicht vertiefen, weil die Erfahrung nicht in der Malte-Zeit zu suchen ist, sondern Bezug nimmt auf ein späteres Erlebnis.
Rilke hatte 1921 einen nicht ganz reinrassigen Wolfshund namens Lord an Nanny Wunderly-Volkart vermittelt, und es hatte sich in dieser Phase wohl ein besonderes, ein inniges Verhältnis zwischen diesem Hund und Rilke entwickelt.

Interessant, daß er diese Erfahrung fünf Jahre später, also relativ kurz vor seinem Tod immer noch für so außerordentlich bemerkenswert hält, zum Beispiel Marina gegenüber. Nur so als Anregung, falls jemand den "späten Hund" genauer unter die Lupe nehmen möchte.

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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von helle » 8. Jan 2011, 20:05

Der Wolfshund „Lord“ hatte übrigens einen Vorgänger namens „Prinz“ (es fehlt eigentlich nur noch „Rex“), der Wolfshund Prinz also stößt Anfang März 1920 auf dem Schönenberg, wo er auf Einladung von Dory von der Mühll-Burckhardt verweilt, also Rilke, nicht der Hund, zu RMR und begleitet ihn auf dessen Wegen. Es ist ein grauer Wolfshund, und zwischen beiden ergibt sich das unmittelbarste Einverständnis. Mehr noch ist der 13 Jahre alte Prinz von einer so „lieben Verständigung“, daß er etwa, wenn Rilke ein bißchen zu lange schläft, „besorgt, fragend“ an dessen „Schlafzimmerthür“ erscheint, wofür er, Prinz, ihm, Rilke, dann beim Essen im Saal des Gutes Gesellschaft leisten darf. Gemeinsam können sie durch den tiefen Schnee des bei Pratteln gelegenen Anwesens oder später über die aufgeweichten Frühlingswege stapfen, in den Ort und zurück, und es passiert, daß Prinz, der inzwischen sein Winterhaar in alle Winde abgeschüttelt hat, „von weit voraus zurück“ kommt, so schreibt Rilke, um sich „mit so unmittelbarer Freundschaft, einfach in dem Wunsch, gut zu mir zu sein“, dem Gast von Zeit zu Zeit zu zugesellen.

Also, ohne das Wort philosophisch belasten zu wollen, ein wesenfestes Tier, an das Rilke bei seiner nächsten Begegnung mit einem Wolfshund vermutlich zurückdenkt: „Lord“, der „Loup“ und Wolf, dem R. schon im Sommer desselben Jahres beim Aufenthalt in einer alten Abtei des idyllischen Etoy und dort bei seinem Frisör, pardon, Coiffeur, Max begegnet. Auch Lord ist nachweislich ein Rassetier, nur daß er einen Atavismus in Gestalt zweier „ächter Wolfsklauen an einem Hinterfuß“ besitzt, ein physisches, äußeres „Eingeständnis der in ihm noch wirkenden Wolfsnatur“, die seine „Werthigkeit – vom Züchterstandpunkt“ aus wohl aber kaum zu beeinträchtigen imstande sein dürfte, ebensowenig wie seine schwarze Schnauze. Max, der Coiffeur, bringt Lord via Personenbillet, im Nachtzug übrigens und dritter Klasse, zu Rilkes Freundin und Gönnerin der Schweizer Jahre, Nanny Wunderly-Volkardt, nach Meilen, ans Ufer des Zürchersees, an die sog. „Untere Mühle“.

Es ist mehr als der Wunsch, der Freundin einen Gefallen zu tun, daß R. das lebhafteste Interesse an Nachrichten über Lords Verhalten zeigt, vielmehr sein geradezu empathisches Verhältnis zu dem Tier. Er ist versucht, wenn er bei Nanny anruft, mit Lord selbst zu sprechen, aber das ist natürlich nicht nur technisch schwer zu bewerkstelligen. Kein geringeres Problem ist die jugendliche Unart des lauten und häufigen Gebells – Lords nicht zu bändigende „Allarmlust“. Inständig hofft R., daß sein Bemühen, Frau Wunderly „diesen Freund aller Tage, dieses ungetheilte, eifrige Herz zuzuwenden, im Recht“ bleibt, allein vergeblich. „L'ami Lord“ - am Ende kann er seinem Namen doch nicht ganz alle Ehre machen und bleibt ein bißchen „méchant“, also offenbar auch bissig, so daß Frau Wunderly-Volkardt, die keineswegs im Ruf steht, es gegen Dienstpersonal und Getier an der erforderlichen Autorität mangeln zu lassen, Lord zu Rilkes Leidwesen wieder abgeben muß.

h.

Renée
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Re: Hund bei Rilke

Beitrag von Renée » 11. Jan 2011, 11:35

Es gab noch einen Hund bei Rilke:

"Jetzt sind es schon Jahre her, da auch ich, da oben im Moor [Westerwede] einen solchen großen schwarzen Hund hatte; ich erinnere mich, daß auch er Juno hieß, allerdings die Bauern, von denen er stammte. hatten ihn, einen 'Er', mit diesem Namen ausgerüstet, weil es, ihrem Gefühl und Ohr nach der männlichste Name war, den sie allezusammen aufbrachten. Und ihm, dem Hund, war ganz wohl dabei."

An die Fürstin Taxis, 24.12.1911 aus Duino

Ein gutes Jahr wünscht allen
Renée

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