Wer ist der "Einsamste", "Abseitige"

Rilkes Roman.

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orsino
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Wer ist der "Einsamste", "Abseitige"

Beitrag von orsino » 27. Feb 2007, 15:57

Hallo allerseits!

Ich lasse mir gerade den Malte Laurids Brigge von Patrick Imhoff vorlesen (ja, sowas tut man, wenn man einen langen Weg zur Arbeit hat ;-)), und fast tut es mir schon leid, diesen reichen Text eher so "nebenbei" kennen zu lernen. Bin aber dennoch ganz begeistert und freue mich über die zahllosen wunderbaren Beschreibungen und zuweilen überraschenden Bilder und Vergleiche. Dennoch bleiben (natürlich) ein paar offene Fragen. An einer Stelle heißt es z.B.

"Du Einsamster, Abseitiger, wie haben sie dich eingeholt auf deinem
Ruhm. Wie lang ist es her, da waren sie wider dich von Grund aus, und
jetzt gehen sie mit dir um, wie mit ihresgleichen. Und deine Worte
führen sie mit sich in den Käfigen ihres Dünkels und zeigen sie auf
den Plätzen und reizen sie ein wenig von ihrer Sicherheit aus. Alle
deine schrecklichen Raubtiere."

Weiß jemand, welcher Dichter (Künstler?) hier gemeint ist? Ein Kollege tippte auf Rodin. Kann das sein?

Gespannt auf die Antwort,

Andreas.

Andrea
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Beitrag von Andrea » 27. Feb 2007, 17:04

Auch hallo,

ich weiß es nicht genau, aber nach einigen Auffälligkeiten zu urteilen würde ich deinem Freund intuitiv recht geben: die Abseitigkeit, der Ruhm, die frühere Ablehnung, jetzt die dünkelhafte Anerkennung und schließlich die 'Raubtiere', womit Rodins Skulpturen gemeint sein könnten.

Der erste Satz aus Rilkes Rodin-Monographie stimmt in den meisten Punkten mit dieser Stelle überein:

"RODIN war einsam vor seinem Ruhme. Und der Ruhm, der kam, hat ihn vielleicht noch einsamer gemacht. Denn Ruhm ist schließlich nur der Inbegriff aller Mißverständnisse, die sich um einen neuen Namen sammeln".

Aber wie gesagt: ich weiß es nicht genau. Vielleicht weiß es jemand mit Sicherheit?

Schöne Grüße,

Andrea
Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben,
nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
und dienend sich am Irdischen zu üben,
um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.

Pit
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Beitrag von Pit » 14. Mär 2007, 22:43

Hallo,

bei dem Künstler handelt es sich wohl um den Dramatiker Ibsen. Das sagen zumindest alle Kommentare zu dieser Aufzeichnung. Später im Text ist ja auch vom "Theater" die Rede und vom "zeitlos tragischen Dichter".

Dem jungen angehenden Dichter Franz Xaver Kappus hat Rilke in einem Brief vom23.April 1903 geschrieben: "Lesen Sie möglichst wenig ästhetisch-kritische Dinge, - es sind entweder Parteiansichten, versteinert und sinnlos geworden in ihrem leblosen Verhärtetsein, oder es sind geschickte Wortspiele, bei denen heute diese Ansicht gewinnt und morgen die entgegengesetzte. Kunst-Werke sind vo einer unendlichen Einsamkeit und mit nichts so wenig erreichbar als mit Kritik. Nur Liebe kann sie erfassen und halten und kann gerecht sein gegen sie.-"
Mir hat dieser Brief geholfen, die Ibsen-Stelle in den Aufzeichnungen besser zu verstehen. Rilke stand der (Literatur-)Kritik wohl äußerst skeptisch gegenüber, weil sie in ihrer Rationalität einem Kunst-Werk nie gerecht werden könne. Die "Einsamkeit" ist ja auch ein wichtiges Thema in den Aufzeichnungen; schließlich erkennt Malte bereits als Kind, dass er "voll von Innerem und schweigsam" leben muss.

Beste Grüße, Pit.

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