ein paar kleinen Fragen

Rilkes Roman.

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Dasha
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ein paar kleinen Fragen

Beitrag von Dasha » 17. Jul 2008, 19:01

Hallo allerseits,

ich fühle mich tief beschämt, daß ich noch ein paar kleinen Fragen hätte:-(

1. "Man stirbt, wie es gerade kommt..." (Kap. 7)
http://www.rilke.de/roman/roman_7.htm
Was bedeutet dies "es"? man? Tod(man stirbt)? Ist "wie es gerade kommt" eine Wortgruppe, z.B. "Et kütt, wie et kütt"?

2. "Neben dieser Dame saß der kleine Sohn einer Cousine..." (Kap.15)
http://www.rilke.de/roman/roman_15.htm
Warum nennt man "den kleinen Sohn einer Cousine" "Erik Brahe"? "Brahe" ist der Geburtsname der "Erik"s Mutter. heiß das, daß "Erik Brahe" der Erben sein der Brahe Familien wird?

3. "Du bist heftig, Kammerherr, und unhöflich. Was läßt du die Leute nicht an ihre Beschäftigungen gehn?" (Kap. 15)
http://www.rilke.de/roman/roman_15.htm
Maltes Vater war der Jägermeister, und Maltes Großvater Brigge war der Kammerherr. Warum nennt Maltes Großvater hier Maltes Vater "Kammerherr"?

4. "sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden." (Kap.16)
http://www.rilke.de/roman/roman_16.htm
Wie soll ich "das schlafende Haar" begreifen?

5. "Er spricht ihre Namen aus, diese leisen, schlankgeschriebenen Namen mit den altmodischen Schleifen in den langen Buchstaben und die erwachsenen Namen ihrer älteren Freundinnen, in denen schon ein klein wenig Schicksal mitklingt, ein klein wenig Enttäuschung und Tod." (Kap.16)
http://www.rilke.de/roman/roman_16.htm
Was ist "die erwachsenen Namen"?

6. "Da kamen erst Kanten italienischer Arbeit, zähe Stücke mit ausgezogenen Fäden, in denen sich alles immerzu wiederholte, deutlich wie in einem Bauerngarten." (Kap.41)
http://www.rilke.de/roman/roman_41.htm
Was bedeutet "ausgezogenen Fäden"?

7. "Sie sind wegen des Herzstichs da: bitte." (Kap. 45)
http://www.rilke.de/roman/roman_45.htm
Wo kann ich die Materien zu des Herzstichs finden?
KA3:
berichtet über ein Gespräch mit R. über diese Szene: »Es waren, sagte er mir, Eindrücke, die er vor vielen Jahren in Prag empfangen hatte, als er nach dem Tode seines eigenen Vaters genau der gleichen Szene beiwohnte. Diese Vorsichtsmaßregel gegen einen Scheintod scheint jetzt noch in Mitteleuropa in Gebrauch zu sein; Josef R. hatte gewünscht, daß sie nach seinem Tod angewandt werden sollte und hatte so einem unbestimmbaren Gefühl gehorcht, das zweifellos die einzige tiefere Angst gewesen ist, die dieser starke und etwas derbe Mann je gekannt hat.« — Die Herzstichszene deutet Simenauer (S. 319) im Sinne der Ödipus-Mythe als Umsetzung des »Todeswunsches gegen den Vater«. Ähnlich auch Priskil, S. 33f.

8. "Als ob das verabredet worden wäre, kam zuerst dieses glatte, weiß in weiß gewässerte Vorsatzblatt und dann die Titelseite..." (Kap.54)
http://www.rilke.de/roman/roman_54.htm
Wie soll ich das Wort "gewässerte" verstehen? "waschen"?

9. "Aber man weiß es auch so, daß er kurz, quer, trotzig war und verzweifelt." (Kap.55)
http://www.rilke.de/roman/roman_55.htm
Bedeutet hier das Wort "kurz" die "Statur" oder der "Charakter"?

10. "die Himmel gingen wie über Natur." (Kap.71)
http://www.rilke.de/roman/roman_71.htm
Meint hier "Natur" "alles, was an organischen u. anorganischen Erscheinungen ohne Zutun des Menschen existiert od. sich entwickelt", oder "geistige, seelische, körperliche od. biologische Eigentümlichkeit"? Gehörten "die Himmel" nicht zu die Natur?

Vielen Dank im voraus!
Dasha
so leben wir und nehmen immer Abschied.

stilz
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Re: ein paar kleinen Fragen

Beitrag von stilz » 17. Jul 2008, 21:34

Liebe(r) Dasha,

„kleine Fragen“, schreiben Sie --- nun, so klein sind sie gar nicht, über einige könnte man sicherlich mehrere Seiten schreiben…

Ich habe gerade Zeit und versuche, ein paar zu beantworten - der Übersichtlichkeit halber färbe ich meine Antworten blau:

1. "Man stirbt, wie es gerade kommt..." (Kap. 7)http://www.rilke.de/roman/roman_7.htm
Was bedeutet dies "es"? man? Tod(man stirbt)? Ist "wie es gerade kommt" eine Wortgruppe, z.B. "Et kütt, wie et kütt"?

Ja. „Et kütt, wie et kütt“ klingt genau richtig. Man stirbt nicht einen „gut ausgearbeiteten“, sondern einen „fabriksmäßigen“ Tod. Keinen "eigenen"...
Ich denke an diese Stelle im „Stunden-Buch“ („Das Buch von der Armut und vom Tode“):

  • O Herr, gieb jedem seinen eignen Tod.
    Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
    darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

    Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
    Der große Tod, den jeder in sich hat,
    das ist die Frucht, um die sich alles dreht.


4. "sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden." (Kap.16)
http://www.rilke.de/roman/roman_16.htm
Wie soll ich "das schlafende Haar" begreifen?

Das Haar des lesenden Nachbarn ist wie das Haar eines schlafenden Menschen. Das ist ein nicht alltäglicher Vergleich – er bestärkt noch einmal den Eindruck Maltes, daß ein lesender Mensch seine Sinne nicht auf die Umwelt gerichtet hat wie ein Wachender, sondern eben auf das, was er liest – ähnlich vielleicht wie ein schlafender Mensch, der intensiv einen Traum erlebt.


5. "Er spricht ihre Namen aus, diese leisen, schlankgeschriebenen Namen mit den altmodischen Schleifen in den langen Buchstaben und die erwachsenen Namen ihrer älteren Freundinnen, in denen schon ein klein wenig Schicksal mitklingt, ein klein wenig Enttäuschung und Tod." (Kap.16)
http://www.rilke.de/roman/roman_16.htm
Was ist "die erwachsenen Namen"?

Auch das ist nicht von der Grammatik her zu begreifen, sondern aus dem Zusammenhang:
Dem Dichter, von dem Malte spricht, gelingt es, die Namen der Mädchen so auszusprechen, daß das „Mädchenhafte“ darin erklingt (die etwas verspielten „altmodischen Schleifen in den langen Buchstaben“), während er die Namen der erwachsenen Frauen so ausspricht, daß schon „ein klein wenig Schicksal mitklingt“; durch diese seine Art, zu dichten, "auszusprechen", macht er schon die Namen der Frauen zu etwas „Erwachsenem“.



6. "Da kamen erst Kanten italienischer Arbeit, zähe Stücke mit ausgezogenen Fäden, in denen sich alles immerzu wiederholte, deutlich wie in einem Bauerngarten." (Kap.41)
http://www.rilke.de/roman/roman_41.htm
Was bedeutet "ausgezogenen Fäden"?

Soviel ich weiß (aber ich bin keine Expertin in dieser Art der Handarbeit), gibt es einerseits geklöppelte Spitze, Beispiele finden Sie hier: http://images.google.com/imgres?imgurl= ... n%26sa%3DN
Andererseits gibt es auch gestickte Spitze. Und hier spielen die „ausgezogenen Fäden“ eine Rolle: aus dem Leinenstoff werden zuerst bestimmte Fäden entfernt, dann wird gestickt, so wie es zum Beispiel hier beschrieben ist.


7. "Sie sind wegen des Herzstichs da: bitte." (Kap. 45)
http://www.rilke.de/roman/roman_45.htm
Wo kann ich die Materien zu des Herzstichs finden?

Das war früher eine Methode, um zu verhindern, lebendig begraben zu werden.
Damit ging man auf Nummer sicher – denn mit der anderen Möglichkeit, eine Glocke an den Finger zu binden und außen am Sarg zu befestigen, konnte man zwar überleben, war aber auf jemanden angewiesen, der das Läuten hörte.
Diese Angst, lebendig begraben zu werden, gibt es auch heute noch – ich kannte und kenne Menschen, die sich aus diesem Grund verbrennen ließen/lassen wollen.

http://www.aerztewoche.at/viewArticleDe ... cleId=6679

8. "Als ob das verabredet worden wäre, kam zuerst dieses glatte, weiß in weiß gewässerte Vorsatzblatt und dann die Titelseite..." (Kap.54)
http://www.rilke.de/roman/roman_54.htm
Wie soll ich das Wort "gewässerte" verstehen? "waschen"?

Nein – hier geht es wohl um ein wertvolles, feierlich wirkendes Büttenpapier
mit einem Wasserzeichen.


10. "die Himmel gingen wie über Natur." (Kap.71)
http://www.rilke.de/roman/roman_71.htm
Meint hier "Natur" "alles, was an organischen u. anorganischen Erscheinungen ohne Zutun des Menschen existiert od. sich entwickelt", oder "geistige, seelische, körperliche od. biologische Eigentümlichkeit"?

Die erste Definition ist gemeint. „Natur“ als das, was nicht von der menschlichen „Kultur“ berührt ist.
Der Knabe läuft des morgens in die Felder hinaus und benimmt sich ganz so, als wäre er kein von der Kultur berührter Mensch, sondern als gehörte er selber zur Natur, wie ein Baum oder ein Käfer… niemand ist da, den es „freuen oder kränken“ könnte, was er tut, niemand, der „Wert auf ihn legt“. Und nicht nur die Menschen kümmern sich dann nicht um ihn, sondern auch der Himmel scheint ihn wie ein Stück Natur zu behandeln und geht genauso gleichmütig über ihn hinweg wie über den Käfer…

Gehörten "die Himmel" nicht zu die Natur?
In diesem Fall ist mit „Natur“ wohl das „Irdische“ gemeint, mit Ausnahme des Menschen. Also Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich. Der Mensch steht in diesem Bild zwischen der „Natur“ und dem „Himmel“.

Für die Fragen 2, 3 und 9 müßte ich genauer nachlesen - dazu ist es nun doch etwas zu spät.

Lieben Gruß

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

stilz
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Re: ein paar kleinen Fragen

Beitrag von stilz » 18. Jul 2008, 15:42

Lieber Dasha,

wie ich schon gestern befürchtet habe, werde ich jetzt nicht mehr dazu kommen, das alles genauer nachzulesen (wir fahren morgen auf Urlaub, und der heutige Tag ist angefüllt mit lauter "in letzter Minute"-Erledigungen :wink: ).
Ich kann Ihnen daher nur aus meiner Erinnerung (meine "Malte"-Lektüre liegt einige Jahre zurück) antworten:


2. "Neben dieser Dame saß der kleine Sohn einer Cousine..." (Kap.15)
http://www.rilke.de/roman/roman_15.htm
Warum nennt man "den kleinen Sohn einer Cousine" "Erik Brahe"? "Brahe" ist der Geburtsname der "Erik"s Mutter. heiß das, daß "Erik Brahe" der Erben sein der Brahe Familien wird?

In einer weitverzweigten Familie kann es durchaus sein, daß auch der Mann der Cousine den Namen "Brahe" trägt. Aber aus meiner Erinnerung habe ich die Familiengeschichte der Brahes jetzt nicht im Kopf. Es könnte auch sein, daß Erik ein unehelicher Sohn ist.

3. "Du bist heftig, Kammerherr, und unhöflich. Was läßt du die Leute nicht an ihre Beschäftigungen gehn?" (Kap. 15)
http://www.rilke.de/roman/roman_15.htm
Maltes Vater war der Jägermeister, und Maltes Großvater Brigge war der Kammerherr. Warum nennt Maltes Großvater hier Maltes Vater "Kammerherr"?

So genau hab ich mir das damals gar nicht überlegt - Sie lesen sorgfältiger als ich :D !
ich hatte wohl den etwas vagen Eindruck, "Kammerherr" sei ein Titel, wie etwa "Baron" oder "Graf" - und dieser Adelstitel vererbe sich vom Vater auf den Sohn.
Das würde insofern passen, als der Großvater seinen Sohn mit dieser Anrede vielleicht an die "Familienehre" erinnern will - denn dieser Sohn scheint sich gerade nicht so zu betragen, wie es sich für einen "Kammerherrn" schickt...
Aber in Wirklichkeit hab ich leider überhaupt keine Ahnung, was ein "Kammerherr" ist! Vielleicht weiß es ja jemand anderes hier?



9. "Aber man weiß es auch so, daß er kurz, quer, trotzig war und verzweifelt." (Kap.55)
http://www.rilke.de/roman/roman_55.htm
Bedeutet hier das Wort "kurz" die "Statur" oder der "Charakter"?


Hier kommen wir ein ähnlich "uneindeutiges" Feld wie beim Begriff "weit" im anderen thread:

"Kurz" ist normalerweise viel eher etwas, das sich auf die Statur bezieht.
Bei "quer" ist das schon etwas anders: auch das ist ja an sich ein räumlicher Begriff. Und dennoch sprechen wir von einem "Querkopf" und bezeichnen damit jemanden, der sich nicht gern anpaßt, sondern lieber "querlegt"...
"Trotzig" und "verzweifelt" stehen zunächst für ein Gefühl, oder für eine Reaktion aus einem solchen Gefühl heraus, in einer bestimmten Situation.
Allerdings wie Rilke sie verwendet, weisen sie eindeutig über eine bestimmte Situation, einen bestimmten Augenblick hinaus: es ist davon die Rede, wie er "sein ganzes Leben lang" war, so beschreibt man ihn aus der Erinnerung heraus, wenn man ihn längere Zeit gekannt hat...

Das spricht dafür, daß alle vier Attribute sich eher auf den "Charakter" beziehen als auf die "Statur".
wobei man dazu angeregt ist, sich zu überlegen, was man sich unter einem "kurzen Charakter" vorzustellen hat. Ich denke dabei an das Wort "langmütig", das mit Geduld und Sanftmut zu tun hat... "kurzmütig" (ein Wort, das es nicht gibt) wäre das Gegenteil...

Aber ganz so leicht :wink: macht Rilke es uns noch nicht, denn er schreibt ja:
"Es giebt ein Bild von ihm in Dijon. Aber man weiß es auch so, daß er kurz, quer, trotzig war und verzweifelt. "
Also müssen diese vier Attribute etwas bezeichnen, was man auf einem Bild sehen könnte... also doch eher "Statur"... ?

Wenn man "verzweifelt und trotzig" ist, wird das nicht in Mimik, Gestik und Körperhaltung Ausdruck finden? Und wenn man sein ganzes Leben lang vorzugsweise einige Charakterzüge gelebt hat, wird das nicht schließlich sowohl die Gesichtszüge als auch die Bewegungen und die ganze Körperhaltung, bis in die "Statur" hinein, formen?
Ich denke dabei auch an Physiognomik...



So - und nun wünsche ich Ihnen noch viel Erfolg bei der weiteren Lektüre, trotz der vielen "Hindernisse"!

Herzliche Grüße

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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Re: ein paar kleinen Fragen

Beitrag von Dasha » 19. Jul 2008, 06:46

Lieber Ingrid,

Sie müssen mir verziehen, ich vergesse es, daß ich shon längst über Frage 9 im klaren war. Nach die oben Frage hat ich eine Deutsche gefragt, sie erklärt mir diese Fragen, und ratet mir, „Frage hier am besten auch im Rilke-Forum.“ In einem von Büchern, die sie gekaufen mir hat, da steht geschrieben:

Bild

Il était de taille moyenne, d’une complextion robuste, d’une santé vigoureuse...

Brigitte von Witzleben: Untersuchungen zu Rainer Maria Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge". SAXA Verlag, 1996. S. 137
(http://www.saxa-verlag.de/bhsb1.htm oder http://www.douban.com/subject/2146929/)

Ihr habt keine Mühe gescheut, mir zu helfen. Ich danke Sie. Ich wüsche Ihnen eine glückliche Reise.

Herzlich Grüß

Ihr Dasha
so leben wir und nehmen immer Abschied.

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